Heimat und Entfremdung in Katharina Hackers “Eine Dorfgeschichte”. Warum wirkt der Roman nicht heimatlich?


Seminararbeit, 2015

11 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Darstellung von Fremde im Roman
2.1 Motive

3. „Das Unheimliche“ – Sigmund Freud
3.1 Verdrängung und Befremdung

4. Bernhard Waldenfels – Die „Ich-Abgrenzung“

5. Fazit

6. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Der Forschungsgegenstand dieser Arbeit liegt in der Untersuchung der Befremdung, des Fremdgefühls und der Artikulation von Heimatlosigkeit in Katharina Hackers Roman „Eine Dorfgeschichte“. Hingegen des irreführenden Titels, ist das Buch ein Manifest einer durch den Krieg heimatlos gewordenen, ehemals tschechischen und der Traditionsgeschichte entwurzelten Familie. Das Gefühl von Fremde zieht sich durch den gesamten Roman und betrifft nicht nur die Familie, sondern zeigt sich auch in der Darstellung der Dorfbewohner, in deren Umgang miteinander bis hin zur Landschaftsbeschreibung, die eher eine feindliche, dem Niedergang geweihte ist.

Um die Heimatlosigkeit und die Befremdung zu versinnbildlichen, habe ich den gesamten Text in Motive eingeteilt und dahingehend analysiert. Diese ergeben sich aufgrund von, auf das Schlagwort hinweisende Begriffe sowie einzelne Textpassagen, die eine, mit dem Motiv verbundene Emotion evozieren.

Beispiele für, auf das Motiv hinweisende Phrasen:

„erinnere ich mich nicht“[1] → Verdrängen/Vergessen

„einen Totenkopf, einen Geiersberg, den Galgenhügel“[2] → Niedergang

„halb versunken in der Erde“[3] → Niedergang

„Angst, ich könnte meine beiden Brüder verlieren“[4] → Verlustangst

„Vertreibung, von all dem Leid, dem Unrecht“[5] → Krieg

„sie nenne ihn gar nicht beim Namen“[6] → Identität

Stellt man der Autorin selbst die Frage, warum sie eine Dorfgeschichte mit gegenteiligem Effekt, und zwar der Verneinung des Heimatgefühls oder der Geborgenheit, schreibe, antwortet Hackel, dass es Ihre Intention sei, gegen die Kausalität anzuschreiben.[7]

2. Darstellung von Fremde im Roman

Der Titel „Eine Dorfgeschichte“ lässt vermuten, dass wir es hier mit einer idyllischen und heimatlichen Geschichte zu tun haben. Doch bereits auf den ersten Seiten wird klar, dass hier das Gegenteil von „Heimatgefühl“ verzeichnet ist. Die Familie fährt nur einmal im Jahr in das Dorf im Odenwald, in dem die Geschichte spielt, von ihrem Leben in der Stadt hingegen erfährt der Leser nichts.[8] Mehrmals wird im Buch betont, dass die Familie, aber noch mehr die Erwachsenen, im Dorf ewig fremd bleiben.

Bereits auf der ersten Seite findet der Rezipient hauptsächlich destruktive Begriffe, die Befremdung implizieren: „im Dorf gab es ein Gasthaus, in dem wir manchmal aßen, dann wurde es zugemacht“[9] (Niedergang); „Das Sträßchen, das aus dem Dorf führte, war nicht asphaltiert und nicht begradigt, […]“[10] (Unordnung, Flucht); „ […] und fürchteten die Blutegel und Schlingpflanzen“[11] (Angst).

Die Wortwahl im gesamten Roman ist durchweg eher negativ gehalten.

2.1 Motive

Bei der Analyse des Buches, habe ich die Szenen der “Dorfgeschichte” unterschiedlichen Motiven zugeordnet. All diese Leitgedanken stehen in Zusammenhang mit dem Thema „Befremdung“:

- Übernatürlichkeit, Unnatürlichkeit

Die Übernatürlichkeit findet man im Buch an den Stellen, wo man das Gefühl hat, es gehe „dort nicht mit rechten Dingen zu“[12]. Oft ist vom Teufel oder vom Teufelsgrab die Rede.

Die Erzählerin gibt Erinnerungen häufig in traumartigen, befremdenden Zuständen wieder, die sich beispielsweise im Wald oder gemeinsam mit ihren beiden Brüdern abspielen.

Und der Jäger, der fette Kerl, führte das Brüderchen wie belämmert durch den Wald, und

Frederik machte sich seinen eigene (sic!) Spaß, spielte das hüpfende, bellende Reh, rieb

das Köpfchen an der grünen Jacke, der Jäger führte ihn zum Waldrand, band ihn fest, da

stand Frederick wie benommen, bis ich kam, das Band löste. Ich habe ihn an der Hand

genommen. Streichele mich, sagte mein Bruder. Gib' mir zu trinken, sonst werde

ich zum Wolf.[13]

- Heimatlosigkeit

Die Heimatlosigkeit manifestiert sich im Werk anhand von mehreren Dingen, wie natürlich Fremdsein und Unwohlsein, was sich im Text auch oft in Form von Schweigen, Einsamkeit oder dem Ausdruck von Kummer niederschlägt.

Während Geheimnisse, dem Erfahrungswert nach, normalerweise innerhalb der Familie gehütet werden sollten, ist das Schweigen (auch über die Herkunft) zwischen den Familienmitgliedern in dem Roman immanent.

Einerseits wird das Gefühl von Heimatlosigkeit im Zusammenhang mit dem Dorf beschrieben, andererseits zeigt sich auch kein Heimatgefühl in Verbindung mit der Stadt, wo die Familie den größten Teil des Jahres verbringt.

- Realitätsflucht

Im Laufe der Geschichte wird häufig von Flüchtlingen oder auch von der Flüchtigkeit des Moments gesprochen. Aufgrund der starken Mystifizieren und dem latenten Hang zum Vergessen, möchte ich an dieser Stelle das Motiv der Realitätsflucht titulieren.

Neben den unzähligen Geheimnissen, die das Milieu der Erzählerin prägen, empfindet diese auch gar nicht den Willen, mehr als notwendig über ihr Lebensumfeld zu erfahren, was sich in Sätzen wie „Was gibt’s da zu fragen?“[14] oder „Manchmal war alles wie erfunden, das Licht erfunden, die Häuser, die Bäume, erfunden, ...“ äußert.

- Niedergang

Der landschaftlich und persönliche Untergang bildet eines der zentralsten Motive im Roman „Eine Dorfgeschichte“. Stets wird das Dahinwelken der Natur, die Unbeständigkeit der Bauten im Dorf oder die menschliche Vergänglichkeit in Form einer Krankheit thematisiert.

- Identität

Innerhalb des Romans herrscht eine große Identitätslosigkeit. Es mag wohl auch kein Zufall sein, dass der Name der Protagonistin nicht ein einziges Mal genannt wird.

Immer wieder wird betont, dass Namen unbekannt seien oder dass man sich nicht mit Namen anspreche.

Ab und an werden einzelne Schicksale von Dorfbewohnern erzählt, die aber auffällig oft mit dem Tod enden oder mit dem Krieg in Verbindung stehen.

- Unheimlichkeit/Unbekanntes

Mehrmalig vermittelt Unbekanntes ein unheimliches Gefühl, das – wie wir infolge Freuds Begriffserläuterungen noch sehen werden – kognitiv mit dem Heimatbegriff in Beziehung steht.

„ ...; erst als wir größer waren, durften wir von den Gartenhandschuhen ein Paar nehmen, in die man hineinfuhr wie in etwas Unbekanntes, es konnte gut ein Ohrwurm oder eine Spinne oder eine Kellerassel darinnen sein, lebendig oder tot.“[15]

- Ekel

Ekel wird immer wieder im Zusammenhang mit der Großmutter erwähnt, die sich vor Tieren, den Burschenschaftern, Fliegen und vielem mehr ekelt.

- Fremde

Ein Gefühl von Befremdung zieht sich durch den gesamten Roman von Katharina Hacker. Während ein gewisser Ausschluss nicht nur von Seiten der Dorfbevölkerung stattfindet, findet man auch in der Familie nicht die „Nestwärme“, die ein kleines Mädchen zu spüren bestimmt wäre. Die gesamte Umgebung scheint irgendwie feindselig: im Dorf nennt man sich nicht beim Namen, im Wald haben die Tiere Tollwut, der Jäger lauert mit seinem Gewehr, es ist von Tod und Geistern die Rede, entweder ist es drückend heiß oder es regnet.

- Vergessen/Verdrängen

Ein fast so häufiges Motiv wie der „Niedergang“ ist das Verdrängen. An vieles will sich die Protagonistin nicht mehr oder nur schemenhaft erinnern können. Vergangene Geschehnisse werden verdrängt, nichts möchte sie – oder auch die anderen Figuren - genauer wissen:

„Erst hatte ich den Weg nicht mehr beschreiben, dann nicht mehr gehen können, das Gedächtnis ist manchmal flüchtiger als das schiere Wissen der Füße.“[16]

Auch das Verstauen und Wegräumen der vielen Gegenstände (zum Beispiel Zahngold und ein eisernes Kreuz) auf dem Dachboden mag hier stellvertretend für die Verdrängung der Familiengeschichte stehen.

- Krieg

Der Krieg, als ewiger Schatten der Vergangenheit und als Richter über die Herkunft und (jetzige) Heimat, spielt eine zentrale Rolle in Hackers „Dorfgeschichte“. Der Krieg scheint der Grund für das Schweigen der Großeltern und den Ekel der Großmutter zu sein, Grund für die Wut der Mutter im Anschluss an die Frage nach dem Erbe. Frühere Kampfhandlungen sind Schuld an dem Trauma einer Generation, an der Vertreibung aus Tschechien, an der Befremdung der Dorfbewohner gegenüber den Flüchtlingen und an den Kriegsspielen der Kinder, die die geheimnisvolle Tragweiter der Vergangenheit nicht verstehen können, da niemand darüber spricht.

„Es gab mehr Leute im Dorf, als wir ahnten. Sie lebten in kleinen Kammern unterm Dach.

Arme Verwandte, die nichts hatten. Sie durften bleiben, weil ihnen nicht einfiel, wohin sie

gehen sollten.“[17]

Umso schärfer kritisiert die Protagonistin die unbestimmte Vergangenheit und die vermeintlichen Taten ihrer Großeltern als Erwachsene:

„ […] , ich sagte nicht, ihr habt dafür gestimmt, dass eure jüdischen Nachbarn umgebracht

werden, ich sagte nicht, ihr habt zugeschaut, wie die Juden in Viehwaggons gepfercht wurden

und in die Vernichtungslager gefahren, von all dem habe ich nichts gesagt, […].“[18]

- Tod

Der Tod und das Sterben sind in Hackers Roman allgegenwärtig. Sie selbst sagt in einem Interview, dass sie „mit der Schreiberei wahrscheinlich doch auch immer gegen den Tod anschreibe“[19]. Katharina Hacker berichtet in „Eine Dorfgeschichte“ über die Angst vor dem Tod, über Momente des Sterbens, über den Tod der Natur, das Töten von Tieren und das Dahinscheiden von Verwandten und Dorfbewohnern in Folge von Krankheit, Unfällen oder Alter.

- Geheimnis

Jede Figur im Buch hat Geheimnisse, keiner scheint dem Anderen gegenüber offen zu sein. Innerhalb wird nicht viel gesprochen, die Kinder scheinen in einer Kommunikations- und Gefühlsarmut aufzuwachsen.

[...]


[1] Hacker: „Eine Dorfgeschichte“, S. 12

[2] Ebda., S. 12 f.

[3] Ebda. S. 13

[4] Ebda., S. 12

[5] Ebda., S. 16

[6] Ebda., S. 117

[7] Artikel „Immer gegen den Tod anschreiben“, in: Deutschlandfunk

[8] Artikel „Immer gegen den Tod anschreiben“, in: Deutschlandfunk

[9] Hacker: „Eine Dorfgeschichte“, S. 1

[10] Ebda.

[11] Ebda.

[12] Ebda., S. 60

[13] Hacker: „Eine Dorfgeschichte“, S. 86

[14] Ebda., S. 108

[15] Hacker: „Eine Dorfgeschichte“, S. 102

[16] Hacker: „Eine Dorfgeschichte“, S. 103

[17] Ebda., S. 101

[18] Ebda., S. 122

[19] Artikel „Immer gegen den Tod anschreiben“, in: Deutschlandfunk

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Heimat und Entfremdung in Katharina Hackers “Eine Dorfgeschichte”. Warum wirkt der Roman nicht heimatlich?
Autor
Jahr
2015
Seiten
11
Katalognummer
V338139
ISBN (eBook)
9783668276123
ISBN (Buch)
9783668276130
Dateigröße
605 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
heimat, entfremdung, katharina, hackers, eine, dorfgeschichte”, warum, roman
Arbeit zitieren
Winnie Faust (Autor), 2015, Heimat und Entfremdung in Katharina Hackers “Eine Dorfgeschichte”. Warum wirkt der Roman nicht heimatlich?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/338139

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