Frauen im Nationalsozialismus. Grenzen und Potenzen der Darstellung im Schulunterricht


Essay, 2008

6 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Essay:

Frauen im Nationalsozialismus – Grenzen und Potenzen der Darstellung im Schulunterricht

Der Schneemann ist ein Klassiker. Nicht nur für Schüler/-innen, sondern er ist auch ein passendes Synonym für das historische Bild der Männer in der Geschichte. Eine Schneefrau ist eine Unbekannte und könnte ebenfalls als ein Synonym des Geschichtsbildes der Frauen verstanden werden. Das Thema Frauen in der Geschichte ist derart randständig, dass sich mannigfaltige Beispiele finden, um eine Verbesserung zu bewirken und gleichzeitig die Potenzen auszuspielen, die sich dabei bieten. Bei der Behandlung des Themas Nationalsozialismus und Holocaust im Schulunterricht ist es wichtig, unterschiedliche Gesellschaftsgruppen zu berücksichtigen. Nicht nur um ein breites Bild darzustellen, sondern auch, um zu zeigen, dass Widerstand mehr als der 20. Juli 1944 war. Die Positionen der Frauen sind im Schulunterricht, als auch in der Öffentlichkeit, arg in den Hintergrund gerückt, obwohl bei diesem Aspekt Potenziale offen liegen, die noch nicht ausreichend differenziert und ausgeleuchtet sind. Es stellt sich die Frage, inwieweit das Thema Frauen im Nationalsozialismus in den Schulunterricht eingebaut werden kann, wo die Grenzen dafür liegen und wie und warum das bisherige Ungleichverhältnis gestaltet ist.

Das Frauenbild in der Zeit des Nationalsozialismus war geprägt von einer eindimensionalen Vormachtstellung der Männer. Die Frau war die Hüterin von Heim und Herd, eine „Gebärmaschine“, die Hitlerdeutschland möglichst viele kriegstaugliche Söhne schenken sollte. Die ideale Frau sollte sich neben ihrer obligatorisch arischen Abstammung durch Attribute wie Pflichterfüllung, Opferbereitschaft oder Selbstlosigkeit auszeichnen. Im Dienste der „Volksgemeinschaft“ wurde ihr ein sehr begrenztes Mitspracherecht eingeräumt. Wo die Prämissen der Frauen zu liegen hatten und wie gering die Partizipation der Frauen auf politischer, gesellschaftlicher oder sozialer Ebene war, verdeutlicht nachfolgendes Zitat Hitlers, auf dem Reichsparteitag der NSDAP am 8. September 1934 in Nürnberg: „ das Wort von der Frauenemanzipation ist ein nur vom jüdischen Intellekt erfundenes Wort. Wir empfinden es nicht als richtig, wenn das Weib in die Welt des Mannes eindringt, sondern wir empfinden es als natürlich, wenn diese beiden Welten geschieden bleiben.

Nun bietet diese „absolutistische Ausprägung“, in Form einer schier uneingeschränkten Herrschaft der Männer über die Frauen, dennoch Chancen für eine sinnvolle Betrachtung und Einsatzmöglichkeit im Schulunterricht. Erstens als Sinnbild für eine Gesellschaftsgruppe, die trotz schwieriger Bedingungen dennoch in der Lage war, Widerstand zu leisten. Dies zeigt, dass nicht die gesellschaftliche Machtposition dafür verantwortlich sein musste, um sich mit seinem Gewissen gegen Unrecht aufzulehnen, was wiederrum nicht nur für die Betrachtungsweise von historischen Bildern entscheidend ist, es bietet vielmehr auch Gelegenheit, für die Schüler/-innen Zivilcourage für ihren Lebensalltag zu entwickeln und das im Umgang mit Rechtsextremismus und allgemein wenn Gewalt gegen Schwächere angewandt wird. Im Unterricht kann dazu zum Beispiel exemplarisch der Rosenstraßen-Protest bearbeitet werden. Am 27. Februar 1943 wurde fortgefahren, die noch verbliebenen Berliner Juden zu verhaften und in Sammellager zu bringen. Einer Menschenansammlung, die größtenteils aus Frauen und weiteren Angehörigen der Inhaftierten bestand, gelang es, dem Regime offen entgegenzutreten und einen Erfolg durch die Freilassung von einigen Häftlingen zu erwirken. Dieses mutige, trotz der Gefahr für das eigene Leib und Leben, entschlossene Handeln, dient hierbei als Vorbild und als auch Diskussionsgrundlage, da es gleichzeitig auch Grenzen aufzeigt, denn nicht alle Inhaftierten wurden entlassen, viele wurden dennoch nach Birkenau verschleppt und ermordet und es kam auch nicht zu einer „Kettenreaktion“ mit weiteren Menschenansammlungen. Auch im Alltag der Schüler-/innen existieren Grenzen und in diesem Fall bietet es das Potenzial, mit den Schülern näher auszuloten, welche Möglichkeiten sich nach dem Rosenstraßen-Protest geboten hätten oder zu erörtern, inwieweit sie selbst sich in die Proteste involviert hätten, ob sie Erfahrungen in ihrer weiblichen Verwandtschaft haben, die sie in das Unterrichtsgeschehen mit einbringen können. Hinsichtlich der Persönlichkeitsrechte ist es möglich, die Trennung zwischen Frauen und Männer als Gefangene eines Konzentrationslagers zu analysieren. Die Menschenunwürdigen Lebensumstände implizierten Hygieneschwierigkeiten und Schwangerschaften, die das Leben der Frauen zusätzlich erschwerten. Wie sind Frauen mit Schwangerschaften umgegangen? Welche Methoden haben sie angewandt, um das ungeborene Leben zu schützen? Im Allgemeinen verfolgt historisches Lernen auch das Ziel, Schüler-/innen auf ihre eigenen Verhaltensmuster und Lebensumstände aufmerksam zu machen. Schule kann damit als Raum verstanden werden, in dem Schülerinnen und Schüler in ihren Unterschieden wahrgenommen werden, aber nicht auf sie festgelegt werden, damit sie ihre persönlichen Potenziale möglichst frei entfalten können.

Zweitens kann dadurch eine generalisierte Betrachtungsweise von Menschen oder gesellschaftlichen Gruppen beeinflusst und verdeutlicht werden. Das „Böse“ hat kein Gesicht, kann durchaus auch positive Seiten haben, ist nicht anhand von Aussehen, Geschlecht oder Funktion zu erkennen und darf daher nicht pauschalisiert betrachtet werden. Auch dies hätte einen Zweck für die historische Betrachtung, als auch das alltagsbezogene Denken und Handeln und den sorglosen Umgang mit fremden Personen. Dieser Umgang mit unbekannten Menschen kann, besonders bei jüngeren Schüler-/innen, mit dem Einstieg zum Thema Gewaltprävention oder auch außerunterrichtlichen Problemen verbunden werden. Eine Verknüpfung von Unterricht – generalisierte Sichtweisen von „Gut“ und „Böse“ in der Zeit des Nationalsozialismus anhand verschiedener Frauen, Problemen innerhalb und außerhalb der Schule – Mobbing, Gewalt und Lebensalltag – Selbstcourage in der Familie, dem Freundeskreis kann vielfältige Lern- und Denkansätze liefern. Dabei tritt für die Rolle der Frauen innerhalb der Hitlerdiktatur, als auch allgemein in der Geschichte, das Problem auf, dass Frauen in den Geschichtsbüchern nur eine geringe Relevanz haben. Teilweise kommen die Kategorien Mann und Frau als solche im Unterricht und in der Schulliteratur nicht einmal vor. Dieser gravierende Mangel, der Mann stellt das Allgemeine der Geschichte dar, die Frau in der Regel das Besondere, kann im Zuge dieser Aufgabe nicht entfernt, aber zu mindestens etwas aufgelöst werden. Hierbei darf nicht vergessen werden, dass die Relevanz der Frauen innerhalb der Geschichte auch aus der gesellschaftlich untergeordneten Rolle unter dem Mann resultiert. Das kommt während der Jahre der nationalsozialistischen Diktatur, wie bereits erwähnt, besonders zum Tragen, was eine Gefahr in der Thematik darstellt, eine unsichtbare Grenze offenbart, aber auch eine Möglichkeit bietet, aus dieser Kalamität auszubrechen. Dafür muss unter anderem die Vorstellung verändert werden, dass Frauen generell als Opfer, Männer als Täter zu sehen sind. Auch Frauen waren als Wärterinnen in den Konzentrationslagern tätig, waren teilweise überzeugte Nationalsozialistinnen oder waren an anderem Unrecht während der nationalsozialistischen Diktatur beteiligt. Zulässig sind ebenso Betrachtungsweisen, die hinterfragen, wie Frauen unermessliches Leid tatenlos mit anschauen konnten, was ihre Motive zum Schweigen waren oder weshalb sie nicht die Kraft fanden mit „einer Stimme“ ein anderes Deutschland zu repräsentieren.

Andererseits bietet die „weibliche“ Sichtweise aus dem dritten Reich, wie zum Beispiel die Tagebücher der Anne Frank, einen emotionalisierten Zugang, fern von Fakten oder grausamen Bildern aus Konzentrationslagern. Viele Schüler/-innen empfinden letzteres als abstoßend und verdrängen teilweise eher, als eine wirkliche innerliche und inhaltliche Aufarbeitung zur Entwicklung eines Verantwortungsbewusstseins zuzulassen. Nicht das Schüler/-innen verantwortlich für die Gräueltaten ihrer Vorfahren wären, aber zu mindestens trägt diese Generation die Verantwortung, nie wieder zuzulassen, dass solch ein Unrecht, egal in welchem Land, erneut geschieht. Ferner bietet sich Gelegenheit selbst Zivilcourage zu entwickeln, um Gewalt und Unrecht Einhalt zu bieten und eine langfristige moralische Legitimität und Verantwortung auszubilden und anzuwenden. Und gerade bei dieser erzieherischen Aufgabe ist es wichtig, andere Perspektiven einzunehmen, andere Zugänge und Alternativen zu finden, um das Ziel zu bewerkstelligen. Das Anne Frank Beispiel wäre dafür eine geeignete Möglichkeit, gerade weil die Erfahrung zeigt, wie sehr Schüler/-innen in Anbetracht ihres Tagebuchs berührt sind und wie leicht es ihnen fällt, sich in die Situation der Anne Franks zu versetzen. Im Zeitalter der modernen Kommunikation bietet sich eine Befragung oder wenigstens ein Bericht von Zeitzeugen an. Von Gertraud Junge, bekannt als Sekretärin Hitlers aus Joachim Fests Werk „Der Untergang“, existieren viele Aufnahmen in Interviewform, die nicht nur zur Darstellung der Person und des Schaffens von Frau Junge beitragen, sondern auch zum bereits erwähnten Punkt der Vorurteile von Schüler/-innen, dass man „böse Menschen“ am Aussehen erkennen kann, hilfreich sind. Die Beschreibung von Gertraud Junge zeigen Hitlers menschliche Seite, eine andere, die man aus den Geschichtsbüchern kennt. Dazu wird sichtbar, wie Frau Junge Hitler als junge Frau und wie als gestandene Dame gesehen hat, wie sie die Begeisterung, sogar eine Art „Hype“ um Hitler beschreibt, die teilweise an die Massenbegeisterungen von großen Konzerten erinnern und dieser Vergleich den Schüler/-innen einen kalten Schauer über den Rücken jagt. Massenhysterie als nachvollziehbare Situation, aufgrund der Normalität im Lebensalltag der Schüler/-innen. Es beschreibt einen weiteren Gedanken zur „lebendigen Geschichte“, der hier aber keine weitere Ausführung findet, aufgrund des Themenbezugs Frauen im Nationalsozialismus.

Zusammengefasst verdeutlicht dies das Potenzial, das die Rolle der Frauen in der Zeit des Nationalsozialismus für den Unterricht in der Schule bietet und das es zusätzliche Lernchancen beinhaltet, die auch den Alltag der Schüler/-innen beeinflussen kann und um die gewünschte Erziehung zu demokratisch geprägten Mitgliedern unserer Gesellschaft zu forcieren. Dabei kann es natürlich nicht alleinstehende Aufgabe dieses Themengebietes sein dies zu erreichen, aber es ist eine überdenkenswerte und ausbaufähige Alternative zum bisherigen Schulunterricht. Das Kredo muss daher lauten, weg von der historisch eindimensionalen Schneemannsicht der Männer, zu einem umfassenden Bild. Ein Bild, das durch die Darstellung der Frauen im Nationalsozialismus bereichert werden kann und trotz der genannten Grenzen vielfältige Potenzen bietet.

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Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Frauen im Nationalsozialismus. Grenzen und Potenzen der Darstellung im Schulunterricht
Hochschule
Universität Potsdam  (Historisches Institut)
Note
1,0
Jahr
2008
Seiten
6
Katalognummer
V338416
ISBN (eBook)
9783668278608
Dateigröße
367 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
frauen, nationalsozialismus, grenzen, potenzen, darstellung, schulunterricht
Arbeit zitieren
Anonym, 2008, Frauen im Nationalsozialismus. Grenzen und Potenzen der Darstellung im Schulunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/338416

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