Gilles Deleuzes Bewegungs-Bilder in Rainer Werner Fassbinders "Berlin Alexanderplatz"


Hausarbeit, 2015

13 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Hauptteil

3. Fazit

4. Quellen und Literaturverzeichnis

Einführung

Seit Beginn der Filmgeschichte, dem ausgehenden 19. Jahrhundert, erzählen so gut wie alle Filme eine Geschichte. Sehr viele dieser Geschichten haben ihren Ursprung in Literaturvorlagen. Sie bilden oft den Grundstoff für Filmideen oder geben weisende kreative Impulse. Nur wenige dieser Filme sind Literaturverfilmungen. Warum Literaturverfilmungen nur einen geringen Teil der Filmlandschaft ausmachen, liegt vermutlich an deren vorgegebene und enge Rahmen. Doch einige Regisseure stellten sich dieser schwierigen Aufgabe. Einer der wenigen Regisseure im deutschsprachigen Raum, der Literaturverfilmungen realisierte, war Rainer Werner Fassbinder. Nach der Verfilmung von Fontanes Effi Briest verfilmte er Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz. In Rainer Werner Fassbinders Film wirkt Döblins Erzählweise gut umgesetzt.

Entscheidend bei einem Film sind dessen Bilder. Diese Bilder lassen sich nach Deleuzes Kategorien benennen und analysieren. Interessant ist hierbei, wie und durch welche Bilder Fassbinder Döblins Verschriftlichung authentisch wiedergeben wurde. Ich werde Deleuzes Bilder anhand von ausgewählten Szenen aus Rainer Werner Fassbinders Film Berlin Alexanderplatz vorstellen. Diese Szenen werde ich mit denen im Roman vergleichen.

Wie lassen sich diese Bilder lesen? Können bestimmte Bilder Szenen der Buchvorlage wiedergeben oder werden diese sogar in deren Deutung verstärkt? Können Bilder Aussagen der Vorlagenliteratur überhaupt darstellen? Diesen Fragen werde ich in meiner Hausarbeit nachgehen. Grundlagen sind Alfred Döblins Roman Berlin Alexanderplatz und die gleichnamige Verfilmung von Rainer Werner Fassbinder. Der Film wurde mit dem VLC-Player abgespielt.1

Hauptteil

Spielfilme hätten immer ihre eigene Geschichte, da fast alle zu erzählenden Geschichten trotz ihrer Vorlagen aus verschiedenen Gründen umgedeutet werden müssten. Da das Medium Film Literatur produziere, sei es mit dem Buch vergleichbar, schrieb Werner Faulstich und fuhr fort: „Wie alle literarischen Produkte in allen Medien transportieren auch Spielfilme ihre Informationen nicht möglichst eindeutig, sondern umgekehrt gerade mehrdeutig, vielschichtig, mehrdimensional, polyvalent, und das heißt: interpretierbar.“2 Das mag sein, doch wie verhält es sich speziell bei der Gattung der Literaturverfilmungen? Da ist es schon schwieriger zu behaupten, es wäre eine neue Geschichte.

Gerade die Literaturverfilmung ist sehr eng an dessen Vorlage gebunden. Die Abgrenzung ist auch nicht immer ganz einfach. Schon die Definition des Begriffs Literaturverfilmung scheint nicht eindeutig zu sein. Eine Bedingung einer Literaturverfilmung sei: „[...] die Umsetzung eines literarischen schriftsprachlich fixierten Textes in das audiovisuelle Medium des Films [...]“.3 Ähnlich ist die These, eine Literaturverfilmung sei nur ein Medienwechsel, die Werner Faulstich benennt.4 Der Medienwechsel zum Film führt dazu, dass ein schriftlicher Text viel facettenreicher wiedergegeben werden kann. Ein bestimmender Unterschied zum Medium Buch ist schließlich das Bild.

Das Bild bietet eine Vielzahl von Darstellungsmöglichkeiten, nicht nur immer des Offensichtlichen. Bildformen können die Wahrnehmung des Zuschauers anregen und Bilder können sprechen. Jemand, der sich mit den Bildformen und deren Verwendungen beschäftigte, war Gilles Deleuze. Er widmete sich dem von ihm genannten Bewegungs-Bild und teilte es in drei Arten ein. Es gebe das Wahrnehmungsbild, Aktionsbild und Affektbild.5

Jedes dieser Bilder kann eine bestimmte Funktion haben und lässt eine große Anzahl an Verwendungsmöglichkeiten zu. Deleuzes Wahrnehmungsbild beschäftigt sich mit dem unmittelbar Wahrnehmenden. Deleuze schreibt: „[...] Dinge und Wahrnehmungen sind Erfassungen; allerdings sind die Dinge totale und objektive Erfassungen, während die Wahrnehmungen partielle und parteiische subjektive Erfassungen sind.“6 Er unterteilt das Wahrnehmungsbild nochmals in objektive und subjektive Bilder.

Das subjektive Bild dient demnach dem Zuschauer, die Sicht des Darstellers einzunehmen. In einem Zusammenspiel mit einem Schwenk und einer Handlung, die den Darsteller direkt betrifft, auf die er aber aktiv keinen Einfluss hat, kann als subjektives Wahrnehmungsbild bezeichnet werden. Als Beispiel dient eine Szene aus Fassbinders Literaturverfilmung Berlin Alexanderplatz. In der Szene geht ein Wärter an Franz Biberkopf vorbei und übergibt einem anderen Wärter Franz´ Entlassungspapiere.7 Die Hauptfigur nimmt diese Situation wahr, kommentiert diese Situation aber nicht, indem er zum Beispiel spricht oder sich räuspert. Vergleicht man diese Szene mit der Stelle in Döblins Roman Berlin Alexanderplatz, so findet man die Szene in dieser Form nicht. Das heißt nicht, dass man Fassbinders Literaturverfilmung in Frage stellen sollte, denn er setzte die Wahrnehmung Franz Biberkopfs anders um. In Döblins Vorlage heißt es am Anfang, als er entlassen wird: „Der schreckliche Augenblick war gekommen [...]“.8 Er habe Angst vor der Freiheit und die Strafe beginne.

Fassbinder setzte den inneren Monolog unter anderem durch dieses Wahrnehmungsbild um. Er verwendete nicht Biberkopfs Gedankenwiedergabe als Stimme aus dem Off. Er setzt voraus, dass der Zuschauer die Vorlage kennt. Durch den Kameraschwenk und den Blick auf den Wärter, der die Entlassungspapiere liest, kann man das Bild des Subjekts ohne Vorkenntnisse nicht vollständig einordnen. Erst bei dem darauf folgendem Gespräch, und als Biberkopf das Gefängnis nicht verlassen will, wird seine Angst im Film deutlich.9

Auch sein ängstliches Gesicht und der einsetzende Straßenlärm verdeutlicht seine Angst anders als im Buch. Die Geräuschkulisse nimmt eine Lautstärke und Intensität an, die dem Zuschauer nicht entgehen kann. Auffällig ist auch die Verzerrung seines Blickes in dieser Szene. Dass sich Franz Biberkopf seine Hände ins Gesicht hält und sein ängstlicher Blick, suggeriert im Film sein Unbehagen.10 Diese Angst stellt sich sehr gut aus Franz´ Wahrnehmungsperspektive dar.

Das nächste subjektive Wahrnehmungsbild ist in der Umsetzung etwas anders gestaltet. Eva schickt Franz Biberkopf ein Mädchen, das er später Mieze nennen wird. Im Buch heißt es wie folgt: „Von diesem Mädchen, das prompt am nächsten Mittag an seine Tür klopft, ist Franz auf den ersten Blick entzückt.“11 In der Verfilmung steht sie belichtet in der Tür, so sehen die Zuschauer sie und Franz in seiner Wahrnehmung.12

Die Beleuchtung lässt das Mädchen erhellt dastehen. Dieser Effekt verstärkt die Bewunderung, die Franz zu haben scheint. Unterstützt wird das durch einsetzende, ruhige und langsame Musik. Nach kurzer Zeit beginnt sie zu lächeln, ein schüchternes Lächeln.13 Sie trägt dort ein helles, fast weißes Kleid. Die Wahrnehmung Biberkopfs soll die der Zuschauer gleichen. Der Fokus liegt auf das junge, hübsche, durch Beleuchtung reinlich oder sogar göttlich wirkende Mädchen. Die Beschreibung des Mädchens in Döblins Buch ist nahezu identisch. Sie sehe im weißen Kleidchen wie ein Schulmädchen aus und habe sanfte Bewegungen, er finde sie schnieke und prima.14 Vergleicht man an dieser Stelle den Film mit dem Buch, so ist die visuelle Umsetzung fast identisch. Die subjektive Wahrnehmung hat Fassbinder in diesem Beispiel sehr eng an der literarischen Vorlage umgesetzt. Der erste Kontakt zwischen ihr und Franz Biberkopf ist in beiden Medien als begeisternd dargestellt.

Das zweite Wahrnehmungsbild ist das objektive Bild. Es hat, wie der Name schon sagt, das Objekt zum Gegenstand. Deleuze grenzt es vom subjektiven Wahrnehmungsbild ab.

[...]


1 Hinweis: Bei der Filmwiedergabe mit anderen Playern kann es zu Abweichungen der angegebenen Zeiten kommen.

2 Faulstich, Werner, Grundkurs Filmanalyse, Paderborn 22002, S. 19.

3 Bohnekamp, Anne, Literaturverfilmungen als intermediale Herausforderung, in: Bohnekamp, Anne (Hrsg.), Literaturverfilmungen, Stuttgart 2012, S. 14.

4 Faulstich, 2002, S. 61.

5 Deleuze, Gilles, Das Bewegungs-Bild und seine drei Spielarten, in: Albersmeier, Franz- Josef (Hrsg.), Texte zur Theorie des Films, Stuttgart 52003, S. 409-426.

6 Deleuze, 2003, S. 420.

7 Berlin Alexanderplatz. R.: Rainer Werner Fassbinder, D, 1980, Teil I, TC: 00:04:08- 00:04:25.

8 Döblin, Alfred, Berlin Alexanderplatz, Frankfurt am Main 42014, S. 13.

9 Berlin Alexanderplatz. 1980, Teil I, TC: 00:05:45-00:07:10.

10 Berlin Alexanderplatz. 1980, Teil I, TC: 00:05:25-00:05:45.

11 Döblin, 2014, S. 286.

12 Berlin Alexanderplatz. 1980, Teil VIII, TC: 00:26:56-00:27:35.

13 Berlin Alexanderplatz. 1980, Teil VIII, TC: 00:27:24-00:27:34.

14 Döblin, 2014, S. 286.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Gilles Deleuzes Bewegungs-Bilder in Rainer Werner Fassbinders "Berlin Alexanderplatz"
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Deutsche Philologie)
Note
2,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
13
Katalognummer
V338421
ISBN (eBook)
9783668278080
ISBN (Buch)
9783668278097
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gilles, deleuzes, bewegungs-bilder, rainer, werner, fassbinders, berlin, alexanderplatz
Arbeit zitieren
Oliver Schumann (Autor:in), 2015, Gilles Deleuzes Bewegungs-Bilder in Rainer Werner Fassbinders "Berlin Alexanderplatz", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/338421

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