La Piovra. Die Cosa Nostra und die öffentliche Meinung (1980-1993)


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ausgewählte soziologische Konzepte der Öffentlichen Meinung
2.1. Die Kritik der Öffentlichen Meinung von Ferdinand Tönnies
2.2. Die Schweigespirale von Elisabeth Noelle-Neumann

3. Bis 1984: Öffentliche Meinung als Konservator der Macht der Mafia
3.1. Die Cosa Nostra als stabiler Machtapparat
3.2. Die erstarrte öffentliche Meinung

4. 1984 -1992: Das „Auftauen“ der Öffentliche Meinung
4.1. Der Rechtsstaat gewinnt an Stärke
4.2. Die Öffentliche Meinung im Fluss

5. Ab 1992: Öffentliche Meinung als Katalysator für Wandel
5.1. Wesentliche Entwicklungen im Kampf gegen die Cosa Nostra
5.2. Die Öffentliche Meinung formiert sich neu

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

Es war jetzt an der Zeit, „ Basta “ zu sagen zum terroristischen Blutvergie ß en der Corleonesi.

(Leoluca Orlando, 2012)

1. Einleitung

„Hier ist die Hoffnung aller ehrlichen Sizilianer gestorben“ - so lautete ein Spruch, den man am einen Tag nach dem tödlichen Anschlag auf General Dalla Chiesa am Tatort in Palermo fand. Dalla Chiesa war wenige Monate zuvor als neuer Präfekt Siziliens eingesetzt worden, um la piovra, den Kraken Cosa Nostra („unsere Sache“) während des zweiten Mafia-Krieges (la Mattanza, 1981-1983) zu bekämpfen.1 In den 1980er und frühen 90er Jahren waren Attentate in Sizilien an der Tagesordnung, allein in Pa- lermo wurden Mitte der 1980er Jahre pro Jahr rund 250 durch die Mafia ausgeführte Morde gezählt, im Jahr 2000 war es kein einziger mehr.2 Was hatte sich geändert, welche Rolle spielt die Ö ffentliche Meinung (Ö.M.) dabei? Diese Hausarbeit analysiert, welche wesentlichen politischen und sozialen Faktoren die Ö.M. im Zeitraum um 1980 bis 1993 geprägt haben und untersucht, aufgrund welcher Umstände die Ö.M. für lange Zeit machtstabilisierend bzw. -konservierend auf die Mafia wirkte. Sie erforscht, weshalb sich die Ö.M. im Analysezeitraum sukzessive veränderte und wie die Ö.M. wiederum als Katalysator für Veränderungen, z.B. des Modus Operandi der Mafia, fun- gierte. Leoluca Orlando, der langjährige Bürgermeister von Palermo, veranschaulicht den Erfolg des Anti-Mafia-Kampfes wie folgt: „Ich benutze immer das Bild des sizilia- nischen Karrens mit zwei Rädern. Das eine Rad sind Polizei und Gesetze, das andere ist das Rad der Kultur. Wichtig ist, dass sich beide Räder gleich schnell drehen (…). Ich habe das zweite Rad in Bewegung gesetzt, die Gesellschaft gegen die Mafia mo- bilisiert. Da hat die Mafia verstanden, es wäre zu gefährlich, weiter so viel zu töten.“3 Die Veränderung einer Kultur setzt immer auch eine Änderung der Einstellung und der Ö.M. der Bevölkerung zu bestimmten Themen, hier zum Umgang mit der Cosa Nostra, voraus. Diese Arbeit versucht demnach, „soziologische Transferarbeit“ zu leisten, in- dem sie die Brücke zwischen historischen Ereignissen und der Veränderung der Ö.M. schlägt. Im zweiten Kapitel wird auf Basis der Kernaussagen des 1922 erschienen Grundlagenwerks „Kritik der öffentlichen Meinung“ von Ferdinand Tönnies sowie dem Konzept der „Schweigespirale“ von Noelle-Neumann das theoretische Analysegerüst erarbeitet. In den folgenden drei Kapiteln wird der oben skizzierten Fragestellung die- ser Arbeit nachgegangen. Diese Arbeit schließt mit einem Fazit, in dem auf die erkenntnisleitenden Fragen eingegangen wird.

2. Ausgewählte soziologische Konzepte der Öffentlichen Meinung

2.1. Die Kritik der Öffentlichen Meinung von Ferdinand Tönnies

Der Begriff „Öffentliche Meinung“ ist sehr vielschichtig und wird sowohl in politikwis- senschaftlichen, staatswissenschaftlichen, ökonomischen, psychologischen und nicht zuletzt in soziologischen Kontexten auf unterschiedliche Weise gebraucht.4 Hier wird auf deren soziologische Dimension eingegangen und zwar zunächst auf den soziolo- gisch-analytischen Begriff der Ö.M. von Ferdinand Tönnies. Bereits 1887 hat er in sei- ner Publikation „Gemeinschaft und Gesellschaft“ konstatiert, dass die Ö.M. in gesell- schaftlichen Strukturen der regulierenden Kraft entspräche, die in gemeinschaftlichen Lebenszusammenhängen die der Religion sei. Sowohl Religion wie auch die Ö.M. lenkten ein Gemeinwesen durch ihren jeweiligen sozialen Willen, da beide eine ähnli- che Ordnungsfunktion übernähmen.5 Während Menschen eine Religion als einen Glauben annehmen könnten, seien Meinungen begründbare Urteile, die sich verglei- chen, anpassen und verändern könnten.6 Tönnies differenziert das ö ffentliche Meinen in zwei unterschiedliche Erscheinungsarten: Es gilt, die „öffentliche Meinung als äu- ßere Gesamtheit widersprechender mannigfacher Meinungen (…) und dagegen die Öffentliche Meinung als einheitlich wirksame Kraft und Macht deutlich und scharf zu unterscheiden.“7 Während die öffentlichen Meinungen in einem täglichen Widerstreit stehen, wirkt die Öffentliche Meinung wie ein „übergeordneter Gerichtshof“, dessen Richter geistig versammelt sind und dennoch mit ihren Geltungsansprüchen der Ver- nunft, der Lauterbarkeit und Ethik große Menschenmengen auf unsichtbare Weise len- ken.“8 Tönnies geht auf die Sendekraft der Ö.M. ein: „Im Sprachgebrauch bedeutet Ö.M. nicht nur die ausgesprochene, sondern die für die Öffentlichkeit, das Publikum, die Allgemeinheit ausgesprochene und bestimmte Meinung.“9 Die Ö.M. wirkt im geis- tigen Leben einer Nation und sie kann beträchtlichen Druck auf Abweichler ausüben, besser zu schweigen. Die Ö.M. kann Dissidenten jedoch auch stärken10, wenn das staatliche Handeln oder anderer mächtiger Akteure dem „moralischen Gewissen“ der Allgemeinheit widerspricht. Tönnies zeigt in seinem Werk auf, dass sowohl die Ö.M. als auch die vielfältigen veröffentlichten Meinungen eine tyrannisch-regulative Kraft er- zeugen können.11 Wesentlich für das Verständnis ist seine Ausdifferenzierung von Ag- gregatzuständen der Ö.M. in die luftförmige, die flüssige und die feste Ö.M. Dies be- zieht er jeweils auf den sozialen und ökonomischen, den politischen und rechtlichen und den geistigen und sittlichen Bereich.12 Für den sozialen und ökonomischen Be- reich führt Tönnies als Beispiele der festen Ö.M. die Idee der persönlichen Freiheit,13 für die flüssige Ö.M. das Ideal der „Schätzung der Arbeit“14 und für die luftförmige die Abschaffung der Hörigkeits- oder Erbuntertänigkeitsverhältnisse15 auf. Die Aggregat- zustände unterscheiden sich in ihrem inhaltlichen Druck auf die einzelnen Menschen, d.h. in ihrem physikalischen Momentum.16 Sie sind miteinander verbunden, sie können die feinstoffliche Materie des denkenden Menschenwillens verdichten und zum Urteil kristallisieren, öffentlich verbreiten und Mengen von Einzelmeinungen zu einer Mas- senmeinung binden.17 Die luftförmige ist die „Öffentliche Meinung des Tages in sittli- chen und geistigen Angelegenheiten, sie ist die Erscheinungsform der Öffentlichen Meinung, die am häufigsten und schärfsten die Aufmerksamkeit auf sich zieht.“18 Der „Aufschrei“ ist zwar laut, aber häufig auch flüchtig. So können Volksstimmungen, die z.B. aufgrund eines emotional bewegenden Ereignisses ad hoc entstehen, impulsiv sein, aber erst das veröffentlichte Urteil gibt einer Volksstimmung eine gerichtete Be- wegungskraft. „Wenn ein Massegefühl nicht nur situative Explosion bleibt, sondern übertragbare Argumentation geworden ist, kann es sich zur andauernden Urteilskraft verdichten.“19 „Die flüssige Öffentliche Meinung ist der Bearbeitung zugänglich, wie Eisenerze, wenn sie in Fluss gebracht werden; und auch fest gewordene Vorurteile und Ansichten lassen sich erschüttern und aufweichen, wenn gehörige Kraft daran gewandt wird.“20

2.2. Die Schweigespirale von Elisabeth Noelle-Neumann

Noelle-Neumann, die ihr Konzept der Ö.M. in den 1970er Jahren erarbeitet und in den 1980er Jahren weiterentwickelt hatte, knüpft an Tönnies an: Für sie ist die Ö.M. einer- seits die Meinung im kontroversen Bereich (flüssiger Aggregatszustand der Ö .M.), die man öffentlich äußern kann, ohne sich zu isolieren.21 Andererseits bilden im verfestig- ten Bereich (fester Aggregatszustand der Ö .M.) der Traditionen, Sitten und Normen jene Meinungen und Verhaltensweisen die Ö.M., die man einnehmen muss, wenn man sich nicht isolieren will.22 Ö.M. wird als Prozess und Ergebnis gesellschaftlicher Inter- aktion verstanden.23 Noelle-Neumann verfolgt einen sozialpsychologischen Ansatz, sie versteht die Ö.M. als eine Art „sozialer Haut“:24 Die Ö.M. umhüllt das soziale Sys- tem und hält es zusammen. Außerdem versteht sie diese Haut als soziales Sinnesor- gan des einzelnen Menschen, mit dem der Einzelne Umwelteinflüsse wahrnehmen kann.25 Der Mensch verfüge über ein „quasi-statistisches Wahrnehmungsorgan“ und dadurch die Fähigkeit, in seiner Umwelt die Zu- und Abnahme von Meinungsverteilun- gen zu bestimmten Themen zu registrieren.26 Diese Veränderungswahrnehmungen können sich entweder direkt durch Gespräche und Diskussionen im Familien-, Freun- des- oder Bekanntenkreis oder indirekt über die Massenmedien (TV, Radio, Zeitung, Internet usw.) vollziehen.27 Menschen würden sich auch Mehrheitsentscheidungen an- schließen, wenn diese ohne Zweifel falsch sind. Diese Annahme geht auf Experimente von Milgram und Asch zurück. Die Isolationsfurcht des Einzelnen, sei als eine sozial- psychologische Konstante des Menschen ein wesentlicher Antrieb für menschliches Denken und Handeln, sich der Mehrheitsmeinung anzupassen.28 Eigene Meinungen werden verschwiegen, wenn sie dem wahrgenommenen Meinungsklima nicht entspre- chen; Menschen werden jedoch ihre Überzeugungen öffentlich machen, wenn sie die

[...]


1 Vgl. Dickie 2006, S. 455.

2 Vgl. Baur 2004, S. 1.

3 Baur 2004, S. 1.

4 Vgl. Brosius / Lamp 2000, S. 1.

5 Vgl. Deichsel 2002, S. 1.

6 Vgl. Deichsel 2002, S. 1.

7 Tönnies 1922, S. 131.

8 Vgl. Deichsel 2002, S. 2.

9 Tönnies 1922, S. 131.

10 Vgl. Deichsel 2002, S. 2.

11 Vgl. Deichsel 2002, S. 3.

12 Vgl. Tönnies 1922, S. 257.

13 Vgl. Tönnies 1922, S. 258.

14 Vgl. Tönnies 1922, S. 262.

15 Vgl. Tönnies 1922, S. 264.

16 Vgl. Deichsel 2002, S. 4.

17 Vgl. Deichsel 2002, S. 5.

18 Tönnies 1922, S. 291.

19 Deichsel 2002, S. 4.

20 Tönnies 1922, S. 273.

21 Vgl. Noelle-Neumann 1996, S. 91.

22 Vgl. Noelle-Neumann 1996, S. 92.

23 Vgl. Brosius / Lamp 2000. S. 3.

24 Vgl. Sarcinelli 2013, S. 1.

25 Vgl. Mader 2000, S. 6.

26 Vgl. Sarcinell 2013, S. 2

27 Vgl. Mader 2000, S. 7.

28 Vgl. Scherer 1990, S. 19.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
La Piovra. Die Cosa Nostra und die öffentliche Meinung (1980-1993)
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Veranstaltung
Modul Soziologie
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
20
Katalognummer
V338497
ISBN (eBook)
9783668278189
ISBN (Buch)
9783668278196
Dateigröße
421 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mafia, öffentliche Meinung, Kriminalität, Tönnies, Soziologie
Arbeit zitieren
Andreas Blume (Autor), 2015, La Piovra. Die Cosa Nostra und die öffentliche Meinung (1980-1993), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/338497

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: La Piovra. Die Cosa Nostra und die öffentliche Meinung (1980-1993)



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden