Der sizilianische Aristokrat Don Antonio Ruffo plante die Bibliothek seines Familienpalastes in Messina mit einer Serie von Porträts berühmter Persönlichkeiten auszustatten, die von den bekanntesten Malern der Zeit – so auch von einem „guten Amsterdamer Meister“ – angefertigt werden sollten. Ruffo wandte sich ca. 1652/53 mit der Bitte um Vermittlung an seinen Freund Giacomo di Battista, der über Handelsbeziehungen nach Amsterdam verfügte. Sein Mittelsmann in Amsterdam war der holländische Kaufmann Cornelis Gijsbertsz. van der Goor (1600-1675). Und wohl dank dieser Verbindung erhielt Rembrandt den Auftrag, ein Philosophengemälde für den Sizilianer zu malen. Die Wahl des Themas überließ Ruffo offenbar dem Künstler. Und Rembrandt wählte Aristoteles. Diese Wahl war nahe liegend, galt doch Aristoteles seit dem 12. Jahrhundert als der führende klassische Philosoph – der "princepes philosophorum". Sein Werk war Pflichtlektüre an den niederländischen Universitäten und Jan A. Emmens bezeichnet ihn in seiner Publikation "Rembrandt en de Regels van de Kunst" als den „offiziellen Philosophen des niederländischen Calvinismus".
Die früheste bekannte Herkunft des Gemäldes Aristoteles vor der Büste des Homer (Abb.1), ist einer Beschreibung der Sammlung Sir Abraham Hume's von 1824 zu entnehmen. Aus dieser geht hervor, dass der Aristoteles 1814 von Neapel nach England gelangte, zusammen mit einem Gegenstück, Homer darstellend, der seine Epen diktiert. Tatsächlich aber werden beide Werke schon 1810 in London in einer Versteigerung vermerkt. Zu dieser Zeit nahm man an, in dem Dargestellten ein Porträt des holländischen Geschichtsschreibers Cornelius van Hooft zu erkennen, unter dessen Benennung es 1815 und auch später noch in London ausgestellt war. Die Benennung lag insofern nahe, da Hooft Homer ins Niederländische übersetzt hatte. Später befand sich das Bild bei Rudolph Kann in Paris, 1927 in New York bei Mrs. Collis P. Huntington und seit 1961 befindet es sich im Metropolitan Museum of Art in New York.
Inhaltsverzeichnis
1.1. Rembrandts Aristoteles vor der Büste des Homer von 1653
1.2. Rembrandts Alexander der Große (ca. 1660/1)
1.3. Rembrandts Homer von 1663
1.3.1. Versuch einer Rekonstruktion des Homer
2.1. Rembrandt im Kreuzfeuer der Kritik
2.2. Rembrandts eigene Kunstauffassung
3. Literatur
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Auftragsgeschichte von drei Gemälden, die der sizilianische Aristokrat Don Antonio Ruffo bei Rembrandt in Auftrag gab, und analysiert den künstlerischen Kontext sowie die zeitgenössische Kritik an Rembrandts spätem Stil.
- Die Entstehungsgeschichte der drei Ruffo-Aufträge (Aristoteles, Alexander, Homer).
- Die wissenschaftliche Rekonstruktion verlorener oder fragmentarischer Werke.
- Die Auseinandersetzung zwischen Rembrandts individuellem Stil und der aufkommenden klassizistischen Kunsttheorie.
- Die Untersuchung der zeitgenössischen Rembrandt-Kritik durch Zeitgenossen und frühe Biographen wie Sandrart und Houbraken.
- Rembrandts eigene künstlerische Auffassung im Vergleich zum zeitgenössischen Kanon.
Auszug aus dem Buch
1.1 Rembrandts Aristoteles vor der Büste des Homer von 1653
Der sizilianische Aristokrat Don Antonio Ruffo plante die Bibliothek seines Familienpalastes in Messina mit einer Serie von Porträts berühmter Persönlichkeiten auszustatten, die von den bekanntesten Malern der Zeit – so auch von einem „guten Amsterdamer Meister“ – angefertigt werden sollten. Ruffo wandte sich ca. 1652/53 mit der Bitte um Vermittlung an seinen Freund Giacomo di Battista, der über Handelsbeziehungen nach Amsterdam verfügte. Sein Mittelsmann in Amsterdam war der holländische Kaufmann Cornelis Gijsbertsz. van der Goor (1600-1675). Und wohl dank dieser Verbindung erhielt Rembrandt den Auftrag, ein Philosophengemälde für den Sizilianer zu malen.
Die Wahl des Themas überließ Ruffo offenbar dem Künstler. Und Rembrandt wählte Aristoteles. Diese Wahl war nahe liegend, galt doch Aristoteles seit dem 12. Jahrhundert als der führende klassische Philosoph – der "princepes philosophorum". Sein Werk war Pflichtlektüre an den niederländischen Universitäten und Jan A. Emmens bezeichnet ihn in seiner Publikation "Rembrandt en de Regels van de Kunst" als den „offiziellen Philosophen des niederländischen Calvinismus“.
Zusammenfassung der Kapitel
1.1. Rembrandts Aristoteles vor der Büste des Homer von 1653: Dieses Kapitel behandelt die Entstehung des ersten Ruffo-Auftrags, die Wahl des Philosophen als Motiv und die wechselvolle Provenienz des Gemäldes.
1.2. Rembrandts Alexander der Große (ca. 1660/1): Der Abschnitt analysiert die Korrespondenz zwischen Ruffo und Rembrandt bezüglich des "Alexander"-Auftrags, die Kritik des Auftraggebers an der Ausführung und die Versuche zur Identifizierung des heutigen Verbleibs des Werkes.
1.3. Rembrandts Homer von 1663: Hier wird der Entstehungsprozess des Homer-Bildes sowie seine spätere Beschädigung und Fragmentierung thematisiert.
1.3.1. Versuch einer Rekonstruktion des Homer: Dieses Unterkapitel untersucht anhand von historischen Inventaren und Vergleichswerken, wie die ursprüngliche Komposition des fragmentierten Homer-Gemäldes ausgesehen haben könnte.
2.1. Rembrandt im Kreuzfeuer der Kritik: Der Autor beleuchtet den historischen Umschwung hin zum Klassizismus und die daraus resultierende Kritik von Zeitgenossen und frühen Kunstschriftstellern an Rembrandts unkonventionellem Malstil.
2.2. Rembrandts eigene Kunstauffassung: Das Kapitel erläutert Rembrandts Verständnis von Kunst, das auf eigenen Entwürfen, dem "ingenium" und der Auseinandersetzung mit der Natur basiert, anstatt strikten klassischen Regeln zu folgen.
3. Literatur: Das Verzeichnis listet die für die Arbeit herangezogene Forschungsliteratur auf.
Schlüsselwörter
Rembrandt, Don Antonio Ruffo, Aristoteles, Alexander der Große, Homer, Klassizismus, Malstil, Kunsttheorie, Provenienzforschung, Werkstatt, Rezeptionsgeschichte, Barock, Historienmalerei.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Aufträge des sizilianischen Aristokraten Don Antonio Ruffo an Rembrandt und wie diese Werke in den Kontext von Rembrandts Spätstil und der zeitgenössischen Kritik eingeordnet werden können.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder sind die Auftragsgeschichte, die kunsthistorische Einordnung der Philosophen- und Heldenbilder sowie die ideologische Auseinandersetzung zwischen dem koloristischen Realismus Rembrandts und dem aufkommenden Klassizismus.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, den Entstehungskontext der Ruffo-Aufträge darzulegen und aufzuzeigen, wie Rembrandts künstlerische Entscheidungen im Spannungsfeld zwischen traditioneller Arbeitsweise und klassizistischer Kritik zu bewerten sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine kunsthistorische Untersuchung, die auf der Analyse von Primärquellen (Korrespondenz, Inventare), dem Vergleich von Gemälden und Zeichnungen sowie der kritischen Auswertung der fachwissenschaftlichen Literatur basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Betrachtung der drei Einzelaufträge (Aristoteles, Alexander, Homer) und eine grundlegende theoretische Diskussion über Rembrandts Stellung innerhalb der Kunsttheorie des 17. Jahrhunderts.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Rembrandt, Ruffo-Aufträge, Klassizismus, Malstil, Homer, Aristoteles, Alexander der Große und Werkstatttradition.
Warum gab es Differenzen zwischen Rembrandt und seinem Auftraggeber?
Die Differenzen entstanden vor allem durch Rembrandts eigenwillige Ausführung, wie etwa das Anstückeln von Leinwand bei dem "Alexander"-Gemälde, was Ruffo als unzureichend und qualitativ minderwertig empfand.
Wie veränderte sich die Wahrnehmung von Rembrandts Stil im Laufe der Zeit?
Während Rembrandt zunächst als bedeutender Künstler geschätzt wurde, galt sein Stil ab ca. 1670 durch das Aufkommen klassizistischer Kunsttheorien bei Theoretikern wie Sandrart und Houbraken als "ungeregelt" oder "unvollendet".
- Quote paper
- Dr. Maria Anna Flecken (Author), 2002, Rembrandts Aristoteles und die anderen Aufträge für Ruffo, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33852