Masse und Aktion. Vergleichende Betrachtung zweier Massenphänomene. Revolutionäre Volksmasse und Shitstorm


Masterarbeit, 2016

81 Seiten, Note: 1.7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Massekategorien nach Canetti

3 Begriffsgeschichte

4 Sozialgeschichtliche Betrachtung der Masse
4.1 Gemeinschaft und Gesellschaft
4.2 Die Geburt der Masse
4.3 Wie aus Individuen Masse wird
4.3.1 Gabriel Tarde
4.3.2 Gustave le Bon
4.4 Massensoziologische Erkenntnistheorie
4.5 Zwischenfazit

5 Historische Masse: Französische Revolution

6 Moderne Masse: SHITSTORM
6.1 Was wird unter einem Shitstorm verstanden?
6.1.1 Messbarkeit und Darstellung
6.2 Technisch-strukturell e Voraussetzungen – Das Web 2.0
6.2.1 Populäre Plattformen
6.3 Das Medium ist die Botschaft
6.4 Bedeutung des Web 2.0 für den Shitstorm
6.5 Angriffsziele
6.5.1 Maßnahmen

7 Auswertung

8 Fazit und Ausblick

Abbildungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Was ist eine Masse? Warum geht von der Masse eine solche Faszination aus, der sich Einzelne nur schwerfällig entziehen können? Wie bildet sich eine Masse und welchen ‘Gesetzmäßigkeiten‘ folgt diese scheinbar chaotische Menschen-ansammlung? Massen spielen spätestens seit dem 19. Jahrhundert als gesellschaftlicher und damit politisch relevanter Faktor in unserer Geschichte eine bedeutende Rolle. Sie können sowohl die Macht eines Herrschers festigen als auch innerhalb kurzer Zeit bestehende Herrschaftsverhältnisse gewaltsam verändern. Proteste, Revolten und Revolution, dies sind die Formen des politischen Kampfes in denen Massen planlos, brutal und oftmals unkontrollierbar auftreten. Sie sind eine politische Macht, mit der gerechnet werden muss, ohne dass sie selbst vorausberechnet werden kann. Sie sind der Inbegriff roher und gefährlicher Leidenschaften, die scheinbar in jedem Menschen schlummern und im kollektiven Verbund ausgelebt werden. Der Begriff der Masse ist zudem häufig negativ konnotiert. Allzu oft wird er als Synonym für einfache Leute, Ungebildete, die Arbeiterklasse verwendet; allgemeiner auch als gemeines und wankelmütiges Volk oder umgangssprachlich als Pöbel.

In politisch-sozialer Bedeutung erscheint die Masse erstmals mit der Freisetzung bäuerlicher und gewerblicher Unterschichten aus den herrschaftlich- genossenschaftlichen Bindungen ständischer Gemeinschaften. Das wohl prominenteste Beispiel für eine solche Umwälzung ist die Französische Revolution, deren neuartige gesellschaftliche Massen-Mobilisierung in die Zeit der Industriellen Revolution fällt. Technologischer Fortschritt hat immer auch einen signifikanten Anteil daran, welche sozialen Formationen möglich sind. Im Rahmen der digitalen Revolution bzw. Digitalisierung ändert sich das technische Setting erneut. Der Raum in dem die Menschen hier agieren ist der Cyberspace[1]. Auch hier ist die Masse aktiv. Die gegenwärtig wohl prominenteste Formation einer digitalen Masse ist der Shitstorm.

Das Vorhaben dieser Arbeit fokussiert sich auf einen Vergleich der Massenformationen im Zeitalter der Industrialisierung und der äquivalenten Formationen der digitalen Gegenwart. In einem ersten Schritt gilt es zunächst, das Bedeutungsverständnis von Masse differenziert zu betrachten, denn Masse ist nicht gleich Masse. Zunächst wird der etymologische Werdegang des Begriffes Masse erläutert, um aufzuzeigen, ab welchem Zeitpunkt er eine konkrete Verwendung findet, welche Arten von Menschenansammlungen sich darunter klassifizieren lassen und wie er in der Folgezeit in seiner Bedeutung weiter entwickelt wurde.

In einem zweiten Schritt wird die Masse als ein soziologisches Phänomen betrachtet, differenziert und eingegrenzt. Dadurch soll verdeutlicht werden mit welchem zentralen Typus Masse in dieser Arbeit operiert wird. Zu Beginn richtet sich das Augenmerk auf die Geburt der Masse, d.h. in erste Linie die Frage danach, welche zivilisatorischen Entwicklungen und soziostrukturellen Voraussetzungen den Aufstieg der Massen zu einer gesellschaftlichen Macht begünstigen. Aber nicht nur das Warum sondern auch das Wie gilt es zu beantworten. Das bedeutet, dass ebenso auf den einzelnen Menschen eingegangen werden muss: Worin liegt die Motivation für die Transformation vom Individuum zum Massenmenschen? Um diese Frage zu beantworten muss aufgezeigt werden, worin die Ursachen für einen Wandel begründet sind und was mit dem einzelnen Menschen geschieht. Zweitens gilt es den Prozess der Umformung zu verdeutlichen, d.h. welche Mechanismen greifen, damit eine Wandlung vollzogen werden kann. So ist eine Ansammlung von Menschen zwar Voraussetzung aber nicht unweigerlich Bedingung. Drittens wird dann der Mensch als Glied der Masse untersucht, um aufzuzeigen, welchen sozialen und psychischen Veränderungen er ausgesetzt ist. Die Frage nach den Ursachen und Folgen wird durch soziologische und massenpsychologische Erkenntnisse, beginnend um die Wende zum 20. Jahrhundert bis hin in die 1960er Jahre, beantwortet werden. Ein Großteil der zu verdeutlichenden Erkenntnisse beruht auf den Beobachtungen historischer, revolutionärer Massenaktionen des 19. und 20. Jahrhunderts. Daher wird anhand der Französischen Revolution exemplarisch aufgezeigt werden, welche Ursachen hier das Entstehen einer revolutionären Volksmasse begünstigten, die maßgeblich zu einer Umwälzung der bestehenden Ordnungen beitrug. Im Anschluss daran werden die Forschungsergebnisse bezüglich des Masse-Phänomens zusammengefasst und bewertet, um eine historische Perspektive auf das Massenphänomen zu verdeutlichen. Ein erstes Ziel ist es somit, die Formation der historischen Masse in aller Klarheit zu veranschaulichen.

Daran anschließend wird sich dann dem modernen Massen-Phänomen des Shitstorms zugewandt. Zunächst erfolgt auch hier ein Eingehen auf die Begriffsgeschichte, d.h. es wird verdeutlicht werden, welche Bedeutung dem Begriff anhaftet und seit wann er Verwendung findet. Ebenso gilt es aufzuzeigen, welchen soziokulturellen Voraussetzungen diese neuartige Formation unterliegt. Der Shitstorm ist ein Phänomen, welches im sogenannten Web 2.0, dem Cyberspace seine Wirkung entfaltet, daher muss dieser abstrakte Raum deutlich beschrieben werden. Es wird somit versucht, dieses Territorium, das physische und haptische Wahrnehmung gänzlich ausschließt, zu analysieren und die Folgen für menschliches Agieren herauszuarbeiten. Zudem muss berücksichtig werden, dass sich Menschen sowohl in der virtuellen als auch in der realen Welt aufhalten. Ferner wird untersucht, inwiefern die historischen Ursachen einer Massenherausbildung auf gegenwärtige Formationen anwendbar sind. Hierzu gilt es das Verhältnis von Gemeinschaft und Gesellschaft näher zu beleuchten

Die Arbeit stellt inhaltlich einen Versuch dar, die Methoden und Erkenntnisse einer klassischen Massensoziologie und -psychologie auf diese neuartige Formation anzuwenden. So erfolgt im Anschluss eine vergleichende Betrachtung der beiden Formationen. Eine Gegenüberstellung spezifischer Merkmale der historischen Masse und die der digitalen Masse Shitstorm soll helfen, feststellbare Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu verdeutlichen. Im weiteren Verlauf der vorliegenden Arbeit werden die Befunde dann ausgewertet und präsentiert.

2 Massekategorien nach Canetti

Wie bereits angedeutet wird das Phänomen der Masse nicht nur aus den unterschiedlichen Perspektiven der Soziologie und der Psychologie erforscht. Masse erfährt in der Soziologie zudem häufig eine Differenzierung in eine Vielzahl unterschiedlicher Kategorien, um auf diesem Wege verschiedene Massetypen enger fassen zu können; es wird zudem vermehrt in verschiedenen Operationsmodi unterschieden. Elias Canetti, dessen großangelegtes Werk Masse und Macht einer Anthropologie des 20. Jahrhunderts gleicht, nimmt eine Einteilung nach Maßgabe des Affektes vor und unterteilt in fünf Hauptarten: die Hetzmasse, Fluchtmasse, Verbotsmasse. Umkehrmasse und Festmasse.

I. Hetzmasse

„Die Hetzmasse“ die Canetti in seiner Arbeit zuerst beschreibt, „bildet sich im Hinblick auf ein rasch erreichbares Ziel. Es ist ihr bekannt und genau bezeichnet […]“[2].Der Einzelne beteiligt sich an der Hetzmasse, weil es für ihn ein gefahrloses Unternehmen ist, da die Überlegenheit der Hetzmasse enorm ist.[3] Eine Tat, die bei einem einzelnen Menschen Hemmungen auslösen könnte, ist infolge ihres gemeinsamen Vollzugs für Menschen scheinbar unwiderstehlich. Die Hetzmasse geht mit unermüdlicher Entschlossenheit auf ihr Ziel los; und es ist unmöglich, sie davon abzubringen. Das Schicksal des Opfers einer Hetzmasse ist vorherbestimmt: „Es ist […] für seinen Untergang freigegeben worden.“[4] Der Untergang besteht entweder aus einem Verstoß aus der Gemeinschaft oder im „Zusammen-Töten“. Letzteres schildert Canetti am Beispiel von öffentlichen Steinigungen, Verbrennungen, Kreuzigungen und Enthauptungen. Hier kommen „alle Arme […] wie aus demselben Geschöpf.“[5] Die Masse ist Ankläger, Henker und Zuschauer zugleich, sie wählt das Opfer und richtet es hin. Das Urteil wird hier im Namen des Rechts abgegeben, obwohl kein ordentliches Gericht geurteilt hat. Folglich handelt es sich ebenso um eine Form ausgeübter Selbstjustiz. Der Hetzmasse bescheinigt Canetti zudem ein sehr hohes Alter, nach ihm hat sie ihren Ursprung in einer dynamischen Einheit, „[…]die unter Menschen bekannt ist, die Jagdmeute.“[6]

II. Fluchtmasse

Die Fluchtmasse hat ihre Ursache in einer Bedrohung gegenüber einer bestimmten Gruppe. „Man flieht zusammen“, so Canetti, „weil es sich so besser flieht.“[7] Gefahr und implizierte Erregung sind für alle gleich. Die Menschen sind dem Glauben verfallen, das im Falle einer Gefahrensituation die Bedrohung an Intensität für den Einzelnen nachlässt, da „die Gefahr an einer Stelle zupacken wird“ und nicht überall zur gleichen Zeit.[8] Die Fluchtmasse zeichnet sich nach Canetti durch ein „Hochgefühl einer gemeinsamen Bewegung“ aus.[9] Da es nur auf das Ziel, die rettende Sicherheit, ankommt, sind die Distanzen die früher zwischen den Menschen bestanden irrelevant. Canetti different die Massenflucht gegenüber der Panik, da hier jeder gegen jeden ums Überleben kämpft während die Fluchtmasse „ihre Energie aus ihrem Zusammenhalt“ bezieht. Die Bewegung löst sich auf, sobald das Ziel, die Sicherheit, erreicht ist.[10]

III. Verbotsmasse

Eine besondere Masse bildet sich nach Canetti durch das Verbot, d.h. wenn „viele zusammen nicht mehr tun wollen, was sie bis dahin als einzelne getan haben“[11]. Sobald das Verbot ausgesprochen wurde, beginnt die Masse sich zu formieren. Nach Canetti erfolgt ein typisches Auftreten dieser Formation bei einem Streik.[12] Die Verbotsmasse definiert sich hier vor allem dadurch, dass sie sich alle Glieder darüber einig sind, etwas nicht zu tun.

IV. Umkehrmasse

„Revolutionen sind die eigentlichen Zeiten der Umkehrung.“[13] Die Umkehrung setzt hierarchische Gesellschaftsstrukturen voraus, d.h. „die Abgrenzung bestimmter Klassen gegeneinander, von denen eine mehr Rechte als die andere hat […]“[14]. In ihnen hinterlässt jeder Befehl von oben einen Stachel bei den Untergebenen. „Menschen, denen viel befohlen wird und die von solchen Stacheln ganz erfüllt sind“, so Canetti, „verspüren einen starken Drang, sich ihrer zu entledigen.“[15] Gemeinsam empfundene Unterdrückung ist folglich eine Voraussetzung für viele Menschen, sich unter der gleichen Absicht zu verbinden. Dann kommt es zu einer revolutionären Umkehrmasse. Die Hetzmasse und Umkehrmasse treten sehr häufig, zumindest im Akt der Revolution gemeinsam auf und sind nicht immer scharf voneinander zu trennen.[16] Erstere verfolgt eher ein kurzfristiges und konkretes Ziel. Letztere zeichnet sich hingegen durch einen längerfristigen Prozess aus, der ganze Gesellschaftsstrukturen erfassen und verändern kann.

V. Festmasse

Die Festmasse bzw. festliche Masse schreibt Canetti wie folgt: „Nichts und niemand droht, nichts treibt in die Flucht, Leben und Genuss während des Festes sind gesichert. Viele Verbote und Trennungen sind aufgehoben, ganz ungewohnte Annäherungen werden erlaubt und begünstigt […]. Es gibt kein Ziel, das für alle dasselbe ist und das alle zusammen zu erlangen hätten. Das Fest ist das Ziel“[17]. Die Gleichheit beruht hier im Wesentlichen auf Willkür und dem gemeinsamen Genuss. Hinzu kommt, dass im Gegensatz zu den anderen Massetypen die Menschen sich hier nicht miteinander, sondern durcheinander bewegen.[18]

Canettis Kategorisierung zeigt auf, dass ein Masseverständnis nur schwerlich mit einer Einheitsdefinition zu greifen ist. Zwar lassen sich ähnliche Eigenschaften sowohl bei der einen wie bei der anderen Formation wiedererkennen. Jedoch sind die Anlässe, die Ursachen und die Ziele gänzlich unterschiedlich. Die Hetz- und die Fluchtmasse sind die beiden ältesten Formen, denn sie kommen sowohl beim Menschen als auch bei Tieren vor. Canetti schließt hier nicht aus, dass menschliche Ausbildungen „sich immer wieder von tierischen Vorbildern“[19] genährt haben. Die Verbots-, die Umkehrungs- und Festmasse sind hingegen spezifisch menschlich und verfügen über kein Äquivalent in der Tierwelt.

Im weiteren Verlauf der Arbeit sollen vor allem die beiden Gattungen der Hetz- und der Umkehrmasse als Anknüpfungspunkte dienen: Diese beiden Kategorien eignen sich dazu, sowohl die historische, revolutionäre Masse als auch das moderne Phänomen des Shitstorms als zwei artverwandte Phänomene in Bezug zueinander zu setzen und vergleichend zu untersuchen. Social Media sind das Medium für Hetzmassen. Wenn ein Konzern oder eine öffentliche Person bei Nutzern in Ungnade gefallen ist, dann wird das Opfer auf den hier zur Verfügung stehenden Kanälen attackiert. Social Media sind ebenso Medium für Umkehrmassen. Das Fundament hierarchischer Strukturen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft wird langsam untergraben. Eine Hierarchie bedarf immer einer gewissen Ordnungsrelation, d.h. ein System von Elementen, die einander über- bzw. untergeordnet sind. Sie macht den Menschen kalkulierbar. Hierarchie folgt gewissermaßen einer jahrhundertelangen Tradition einer Verhinderung von Vernetzung, denn Netzwerke sind in ihrer Struktur nicht kalkulierbar. Die Umkehrmasse ist hier nicht einfach zu erfassen. Sie umfasst zunächst alle Nutzer von Social Media, die sich unabhängig hierarchischer Strukturen beruflich und privat vernetzen und austauschen. Es findet folglich ein Eingriff in alteingesessene Machthorizonte statt.

3 Begriffsgeschichte

Masse ist in der Moderne ein geläufiges Wort, das im weiten Verständnis zur Bezeichnung einer räumlich in Interaktion tretenden Vielzahl von Menschen dient. Konkrete Erscheinungsformen zeigen sich bei Ereignissen wie Massendemonstrationen und Massenstreiks, aber auch bei Massenproduktion, Massenkommunikation, Massenflucht oder Massenmord.

In politisch-sozialer Bedeutung wird der Begriff Masse als masse du peuple erstmalig im Zuge der Französischen Revolution verwendet. Mit der Abschaffung des absolutistischen Ständesystems und der Errichtung einer Republik kam zur Politisierung der Volksmassen und zugleich zu ihrer militärischen Mobilisierung in der levée en masse.[20] In der Folgezeit fand der Begriff Masse als Terminus technicus auch im Deutschen Verwendung und bewährte sich als gesellschaftskritische Kategorie. Als solche begleitete er die revolutionären und emanzipatorischen Bewegungen der modernen Gesellschaft.[21]

Nach Hegel resultierte Masse lediglich aus einer strukturell bedingten Massenarmut heraus und wurde abgewertet als Pöbel bezeichnet.[22] Bei Marx hingegen gewann der Massebegriff eine aktivistische Wendung. Durch ideologische Integration sollte die Masse zur klassenbewussten Basis revolutionärer Prozesse formiert werden. Masse hier verstanden als die Gesamtheit der Werktätigen und vom Kapital Ausgebeuteten und der am stärksten Unterdrückten. Diese Menge galt es aufzurütteln und in Bewegung zu bringen.[23] Die Massenpsychologie um 1900, versuchte das Verhältnis von Masse und Macht zu psychologisieren und damit von ursprünglich sozialistischen Zielen einer reinen proletarischen Massenbewegung zu abstrahieren. Scipio Sighele und Gabriel Tarde hingegen verbinden die Masse vor allem mit Kriminalität und Verbrechen. Für Gustav Le Bon hingegen gehören Zügellosigkeit und die Aufhebung jedweden Verantwortungsgefühls zum Definiens von Masse.[24]

Der sozialgeschichtliche Hintergrund für die ideologische Neutralisierung des Masse-Begriffs ist das Resultat komplexer Prozesse sozialer Nivellierung einerseits und funktionaler Differenzierung andererseits.[25] So versuchte die Soziologie der Masse in den 1920er Jahren begriffliche Differenzierungen vorzunehmen und unterschied unter anderem in ‘latente‘ und ‘wirksame‘ Masse (Vleugels), in ‘latente‘ und ‘aktuelle‘ Masse (Geiger) oder in ‘abstrakte‘ und ‘konkrete‘ Masse (v. Wiese) die als Kernbestand massensoziologische Erkenntnis gelten.[26]

Einerseits basieren Forschungsergebnisse auf einer soziologischen Interpretation revolutionärer und totalitärer Massenphänomene, anderseits erfolgte eine kulturkritische Auseinandersetzung mit der modernen Gesellschaft. Nach Ortega y Gasset wird die Masse als eine negative Schlüsselfigur der Moderne identifiziert.[27] Der kulturkritische Ansatz war für die soziologische Begriffsbildung anregend, da sich das wissenschaftliche Interesse von dem konkreten Erscheinungsbild sozialer Ballungssituationen auf den gesamtgesellschaftlichen Strukturtyp der Massengesellschaft gelenkt wurde. Seit 1950 setzte sich zunehmend der Strukturbegriff ‘Vermassung‘ durch und erweiterte das Masseverständnis. Er kennzeichnet nicht nur die Zwangsmechanismen sozialer Anpassung und Nivellierung sondern auch eine strukturell zugehörende bewusstseinssoziologische Situation des Orientierungsverlustes und der Ideologieanfälligkeit sowie die pathologische Situationen gesellschaftlicher Entstrukturierung[28]

4 Sozialgeschichtliche Betrachtung der Masse

4.1 Gemeinschaft und Gesellschaft

Im Folgenden gilt es zunächst auf das dichotome Verhältnis von Gemeinschaft und Gesellschaft einzugehen. Dieser Schritt ist der Tatsache geschuldet, dass bei der Autorenschaft, die sich mit dem Phänomen der Masse beschäftigte, die Ausarbeitungen von Ferdinand Tönnies sowie Helmuth Plessner mehr oder weniger offen mitschwingen.

Ferdinand Tönnies definiert in seinem 1887 verfassten Werk Gemeinschaft und Gesellschaft: „Alles vertraute, heimliche, ausschließliche Zusammenleben […] wird als Leben in Gemeinschaft verstanden. Gesellschaft ist die Öffentlichkeit, ist die Welt. In Gemeinschaft mit den Seinen befindet man sich, von der Geburt an, mit allem Wohl und Wehe daran gebunden. Man geht in die Gesellschaft wie in die Fremde […]. Die menschliche Gesellschaft wird als bloßes Nebeneinander voneinander unabhängiger Personen verstanden […]. Gemeinschaft ist das dauernde und echte Zusammenleben, Gesellschaft nur ein vorübergehende und scheinbares. Und dem ist es gemäß das Gemeinschaft als ein lebendiger Organismus, Gesellschaft al ein mechanisiertes Aggregat und Artefakt verstanden soll.“[29]

Unter Gemeinschaft versteht Tönnies traditionelle Lebensformen, die für die Betroffenen ihrer selbst willen bedeutsam sind. Gesellschaftliche Verhältnisse stehen unter der Vorherrschaft des Zweckprinzips, denn Gesellschaft ist im Gegensatz zur Gemeinschaft durch Vertragsschluss begründet. Nach Tönnies findet Gemeinschaft ihre „Keimform“[30] in der Familie, die Tönnies unter Einbeziehungen zeitgenössischer, ethnologischer Erkenntnisse im Zusammenhang mit Clan und Stammesverband betrachtet. Die bedeutendsten Erscheinungsformen von Gemeinschaft sind für ihn das Dorf[31] und die Stadtrepublik[32], letzteres besonders in der Antike und im Spätmittelalter. Die elementarste Einheit einer Gemeinschaft ist das „Haus“, das für ihn auch für die vormoderne Stadt charakteristisch ist.[33] Die Stadt verstanden als „gemeinschaftlicher Organismus“[34] in der Antike sowie im Mittelalter gründet nach Tönnies auf der Einheit von Handwerk, Religion und Kunst und umfasst das vormoderne Ständesystem, bestehend aus Klerus, Adel aber auch Zünften und Gilden.

Gemeinschaft bezeichnet in der Soziologie, aber auch in der Ethnologie eine überschaubare soziale Gruppe, deren Mitglieder durch ein starkes ‘Wir-Gefühl‘ eng miteinander – oftmals über Generationen – verbunden sind. Gemeinschaft gilt zudem als ursprünglichste Form des Zusammenlebens und als Grundelement der Gesellschaft. Unter ihr versteht Tönnies die moderne kapitalistische Gesellschaft, deren Wesenszüge in seiner Zeit bereits deutlich zu erkennen sind. Er stellt fest, dass Menschen in ihr „wesentlich getrennt“[35] sind. Tönnies Darstellung von Gesellschaft ist vor allem an den Kategorien Ware und Tausch orientiert.[36] Wesentliche Gesichtspunkte in Gesellschaftsanalyse von Tönnies sind Arbeitskraft als Ware und ein daraus resultierender Klassengegensatz. Bereits die Gesellschaft, in der Tönnies lebt, ist längst durch den „Zusammenbruch des Herkömmlichen“, des „Heimatlichen“, „Trauten“ gekennzeichnet. Das „Gemütliche“ ist verloren gegangen.[37] Der Kapitalismus, die Warenproduktion und die Großstädte haben an sozialer Bedeutung gewonnen und genießen einen höheren Stellenwert im menschlichen Dasein. In der modernen Gesellschaft kann es allenfalls noch Restbestände von Gemeinschaft geben, die ebenso Bedroht sind, da sie den Grundtendenzen von Gesellschaft widersprechen. Tönnies ist bereits zu seinen Lebzeiten der Auffassung, dass Gemeinschaft keine prägende Lebensform der Moderne mehr sei. Sein Werk Gemeinschaft und Gesellschaft erreichte in den zwanziger Jahren seinen wissenschaftlichen Höhepunkt und gewann zunehmend an Aufmerksamkeit. Der aufkommende Nationalsozialismus, den Tönnies von Anfang an bekämpfte, instrumentalisierte seine Erkenntnisse für seine Ideologie, um ein Ziel, das Erschaffen einer Volksgemeinschaft zu festigen. Tönnies Arbeiten wurden oftmals als eine Forderung nach einer ‘Nur-Gemeinschaft‘ fehlgedeutet, was vor allem bei Helmuth Plessner eine wissenschaftliche Reaktionen hervorrief. In seinem 1924 erschienen Werk Grenzen der Gemeinschaft unterstreicht er die soziale Bedeutung von Gesellschaft.

Plessner entwickelt unter dem Begriff Gesellschaft Ansätze einer Soziologie der Distanz und des Taktes. Sie befasst sich mit der klassischen Frage nach dem Verhältnis von Vergesellschaftung und Entfremdung. Plessner argumentiert gegen die moralisierende Kritik an der „Künstlichkeit der Gesellschaft“[38], vor allem unter Verweis darauf, dass hier die Menschen erst die Möglichkeit haben, miteinander in Beziehungen zu treten und trotzdem vor einander geschützt zu sein.[39] Gesellschaft formalisiert nach ihm den Kampf um Anerkennung, hält für den Einzelnen eine „Maske“ bereit und stellt ihm unterschiedliche „Rollen“ zur Verfügung. Aufgrund dessen kann der Mensch wie in einer schützenden Rüstung „an die Öffentlichkeit treten […]“[40]. Auf diese Weise erwirbt der Mensch Achtung, die Plessner Nimbus nennt. Diese Situation schließt nach Plessner eine „Irrealisierung der Person“ mit ein, denn sie bietet dem verletzlichen Einzelnen künstlichen Schutz, was dazu beiträgt, „einen Menschen gleichzeitig maximal sichtbar zu machen und zu verhüllen“.[41] Nach Plessner existiert ein Zwang zur sozialen Eingliederung („Zeremoniell“)[42]. Die individuelle Gestaltbarkeit der Rollen („Prestige“)[43] bringt das egoistische Bemühen um persönlichen Erfolg („Diplomatie“)[44] und die Rücksicht auf Differenz und die Identität von Anderen („Takt“)[45] in Einklang. Nach Plessner kann der Mensch sein „Recht auf Distanz“[46] demgemäß einfordern.

Nach dem hier vorliegenden Begriffsverständnis ist Gesellschaft als Öffentlichkeit zu verstehen, in der sich Individuen beständig voneinander entfernen. Gemeinschaft hingegen ist gleichbedeutend mit einer personalen Verbundenheit, die es Individuen erlaubt, wieder zu sich selbst zu kommen, die Sphäre des Selbstseins im Unterschied zu der des Andersseins.

4.2 Die Geburt der Masse

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts beginnt sich die Wissenschaft zunehmend mit dem Phänomen der Masse zu befassen. Zu den bedeutendsten Zeitdiagnosen gehört neben Anderen Der Aufstand der Massen von José Ortega y Gasset. Den Ausgangspunkt seiner Analyse bildet die Diagnose des „Heraufkommens der Massen zur vollen sozialen Macht“[47] Er identifiziert eine Vielzahl von Aspekten des menschlichen Lebens, die in solcher Form vorher nicht existent waren. Der Massenmensch ist nach ihm eine Folgeentwicklung eines bestehenden Platzmangels in den neu entstandenen Metropolen, denn „[…] was früher kein Problem war, ist es jetzt unausgesetzt: einen Platz zu finden.“[48] Er beschreibt diesen Wandel als Tatsache der Überfüllung.[49] Diese Anhäufung von Menschen ist besonders in den Großstädten seiner Zeit zu beobachten. „Die Städte sind überfüllt mit Menschen, die Häuser mit Mietern, die Hotels mit Gästen, die Züge mit Reisenden, die Cafés mit Besuchern; es gibt zu viel Passanten auf der Straße, zu viel Patienten in den Wartezimmern berühmter Ärzte: Theater und Kinos […] wimmeln von Zuschauern, die Badeorte von Sommerfrischlern.“[50] Die Stadt wird in den Prozessen der Mobilisierung und Verstädterung, die mit zu den Begleiterscheinungen der Industrialisierung gehören, zum Schauplatz der Masse. Im Hintergrund steht aber nicht nur eine anwachsende Bevölkerungsentwicklung, die industrielle Revolution und die Gleichheitspostulate einer liberalen Demokratiebewegung, sondern vor allem die Massenkommunikation, die es erlaubt, dass „jeder Einzelne gewohnheitsmäßig die ganze Erde (erlebt)“.[51] So identifiziert Ortega y Gasset in Europa den Anbruch einer „Zeit, die gewaltige Kräfte in sich spürt und nicht weiß, was sie damit machen soll. Sie beherrscht die Welt, aber nicht sich selbst. Sie fühlt sich verloren in ihrem eigenen Überfluss.“[52] Die Massen treten folglich zuerst an dem Ort in Aktion, an dem sie sich physisch erstmals in großer Zahl versammeln können; in den neu entstandenen Metropolen.

Ortega y Gasset versteht Gesellschaft zusammengesetzt aus einem konstitutivem Gegensatzpaar: „Gesellschaft ist immer eine dynamische Einheit zweier Faktoren, der Eliten und der Massen.“[53] Individuen oder Individuen-Gruppen bilden die Eliten während Masse die Gesamtheit der nicht Qualifizierten vereint. Kurzum: Masse ist der Durchschnittsmensch.[54] Dieser Durchschnittsmensch hat nach ihm einen Lebensstandard und ein solches Maß an sozialer und ökonomischer Sicherheit erreicht hat, welches früher nur den höchsten Schichten vorbehalten war. Der Durchschnittsmensch vermag nach Ortega y Gasset die Werkzeuge der Zivilisation zu gebrauchen, zeichnet sich allerdings durch gründliche Unkenntnis ihrer Prinzipien aus.[55] Unter Grundprinzipien werden in diesem Zusammenhang zum einen eine liberale Demokratie und die Technik der experimentellen Naturwissenschaften und des Industrialismus verstanden. Zum anderen ein nicht Hervorbringen neuer Erfindungen, aber deren erstmalige Durchsetzung.

Masse erkennt zudem keinerlei Instanz außerhalb ihrer selbst an, die Gefolgschaft verweigert, so dass nach Ortega y Gasset erstmals ein Menschentypus entstanden ist, der darauf verzichtet, „Gründe anzugeben um Recht zu haben, der sich schlechtweg entschlossen zeigt, seine Meinung durchzusetzen.“[56] Diese meist gewaltförmige Durchsetzung sieht Ortega y Gasset vor allem im heraufziehenden Faschismus und Syndikalismus seiner Zeit.[57] Das epochale Kennzeichen sei nicht „das der gewöhnliche Mensch glaubt er sei außergewöhnlich [...], sondern dass er das Recht auf Gewöhnlichkeit und Gewöhnlichkeit proklamiert und durchsetzt.“[58] Das zeige sich auch in einem vorherrschenden Abgrenzungsmechanismus: „Anderssein ist unanständig. Die Masse vernichtet alles, was anders, was ausgezeichnet, persönlich, eigenbegabt und erlesen ist. Wer nicht 'wie alle' ist, wer nicht 'wie alle' denkt, läuft Gefahr, ausgeschaltet zu werden.“[59] Der Triumph der Masse besteht allerdings nicht im Erringen des Stimmrechts (das lediglich zur Machtdelegation an Eliten führt), sondern vielmehr in der Durchsetzung einer Geisteshaltung, die wesentlich aus Nichtgestaltung besteht. Ortega y Gasset stellt in seinem kulturkritischen Werk der Aufstand der Massen die Vermassung als die negative Schlüsselfigur der Moderne dar. Hier wird die Masse rigoros als Kulturverfall abgewertet.

Des Weiteren gilt es den Fokus auf das 30 Jahre später erschienene Werk Masse und Macht von Elias Canetti zu legen. Im Horizont der Arbeiten Canettis werden zwei grundsätzliche Reaktionen auf die Zumutungen der Zivilisation diagnostiziert. Die Person löst sich in Masse auf oder sie zieht sich aus der Gesellschaft zurück und zerstört sich schließlich selbst. Masse wird hier als eine grundsätzliche Reaktion auf Vergesellschaftungsprozesse der Moderne identifiziert. Canetti geht nicht davon aus, dass diese Prozesse zu einer wachsenden zivilisatorischen Integration geführt haben. Die Normalität menschlicher Sozialverhältnisse beruht nach ihm auf dem prekären Aufbau sozialer Distanzierung. Wenn Menschen sich von gesellschaftlichen Strukturen loslösen, dient dieser Schritt als Kompensierung einer Berührungsangst, die eine Verletzungsfurcht mit einschließt. Sie wird dadurch allerdings nicht genommen, sondern lediglich überdeckt. Canetti begreift hier Zivilisation als einen Prozess, der nicht hält was er verspricht, d.h. die Verbesserungen menschlicher Sozialbeziehungen untereinander. Massive Zwänge ziviler Standards schnüren das bürgerliche Subjekt in seiner Freiheit ein, ohne dessen leicht verletzlichen Körper vor Unversehrtheit verlässlich zu schützen. Wenn moderne Sozialität nun auf Distanzierungen aufgebaut ist, so stellt sich Canetti die Frage, was Individuen demnach eigentlich noch verbindet. Alles Leben was der Mensch kennt, ist auf Distanzen angelegt, „das Haus, in dem er seinen Besitz und sich verschließt, die Stellung die er bekleidet, der Rang nach dem er strebt.“[60] Diese gewollten Abstände führen nach Canetti zu Störungen zwischenmenschlicher Beziehungen. Der Mensch unterscheidet sich durch Herkunft, Art der Beschäftigung, des Besitzes und des gesellschaftlichen Ranges. Die Menschen sind sich dieser Abstände bewusst und zwingen sich somit selbstständig auseinander. Die Masse hingegen, ist die Konstellation, in der „der Mensch von dieser Berührungsfurcht erlöst werden kann. Sie ist die einzige Situation, in der diese Furcht in ihr Gegenteil umschlägt.“[61] Masse als Situation also, in der sich Menschen zunächst in reiner Körperlichkeit verbinden, um dadurch ihre Ängste zu kompensieren. In diesem Augenblick werden alle „Distanzlasten“[62] abgeschüttelt und die „Befehlsstacheln“[63] verschwinden. Diesen Vorgang bezeichnet Canetti als „Entladung“[64]. „Vorher besteht die Masse eigentlich nicht, die Entladung macht sie erst wirklich aus. Sie ist der Augenblick, in dem alle, die zu ihr gehören, ihre Verschiedenheiten loswerden und sich als gleich fühlen. [...] Um dieses glücklichen Augenblickes willen, da keiner mehr, keiner besser als der andere ist, werden die Menschen zur Masse.“[65]

Die Metropolen sind auch nach Canetti der Nährboden der Massen, denn hier wird den Menschen eine physische Anhäufung erst ermöglicht. Diese Tatsache ist als Prämisse für das Heraufkommen der Massen zu verstehen. Die industrielle Revolution und der damit verbundene technologische Fortschritt, aber auch die Verbreitung und die Umsetzung grundlegender neuer Werte und Ideen der Aufklärung während des 18. und 19. Jahrhunderts bewirkten ebenfalls eine soziale Veränderung. Als eine weitere zentrale Voraussetzung des Massenphänomens ist zudem die gesonderte Rolle der Medien zu nennen. Flugschriften, Zeitungen und auch der sich später durchsetzende Rundfunk ermöglichten zunehmend das Erreichen von immer mehr Menschen mit Information und somit eine schnellere Verbreitung von Ideen. Das Aufkommen der Massenmedien sorgte zudem für eine Einflechtung von räumlich getrennten Einzelgliedern.

Während dieser Prozesse wurden die ehemals vorherrschenden Ständesysteme zunehmend durch neue soziale Ordnungssysteme ersetzt. In der Folgezeit entstanden soziale Klassen wie Bourgeoisie und Proletariat. Diesen Wandel nennt Canetti Vergesellschaftungsprozess. Hier identifiziert er die fehlende Nähe, die auf gesellschaftlicher Distanz und kollektiver Anonymität beruht. Die Sehnsucht nach Nähe wird nach ihm in der Formation Masse ausgelebt. Theodor Geiger formulierte dies einige Zeit vor Canetti ungleich prägnanter: „[…] die Geburt der Masse ist spontanes Auflodern lange darbender Gemeinschaftssehnsucht in der Opposition gegen das Überwuchern des Gesellschaftsprinzips.“[66] Canetti beschreibt diesen Vorgang als einen psychologischen Prozess, der sich innerhalb einer Masse abspielt und ein natürliches und notwendiges Verlangen des Menschen nach Gleichheit impliziert. Allerdings stellt er ebenso fest, dass die Menschen, die sich nun alle gleich fühlen, nicht wirklich und erst recht nicht fortwährend gleich geworden sind. Da Massen keinem dauerhaften Zustand unterliegen, kehren ihre Mitglieder nach deren Verfall in ihre ursprünglichen Existenzen zurück. Sie ziehen wieder in ihre separaten Häuser, verfügen wieder über eigenen Besitz, nehmen eine Identität an und streben erneut nach gesellschaftlichem Rang. Masse ist für Canetti etwas Natürliches und Notwendiges, das einem Wechselspiel zwischen Individualität und Gleichheit dient. Im Zentrum seiner Analyse stehen menschliche Befindlichkeiten und Bedürfnisse, die in sozial destruktiven Überlegenheitsaktivitäten ihren unvermittelten Ausdruck finden. Für Canetti ist die Masse empirischer Ausdruck des Versagens ziviler und sozialer Regulative, kurzum: Das soziale Resultat einer misslungen kulturellen Entwicklung.

4.3 Wie aus Individuen Masse wird

4.3.1 Gabriel Tarde

In seinem Werk Die Gesetze der Nachahmung (Les Lois de L’imitation) entwirft Gabriel Tarde eine Soziologie, in der gesellschaftliche Veränderungen durch „Nachahmung" erklärt werden, denn: „Gesellschaft ist Nachahmung!"[67] Anstatt den Blick auf Individuen und Gruppen zu richten, konzentriert sich Tarde vielmehr auf Handlungen und Ideen, nach denen Individuen und Gruppen klassifiziert werden. Auf diese Weise liest er die Sonderarten und Gesetzmäßigkeiten ab, die für ihn das Muster des Sozialen bilden.

Tarde leugnet zwar keineswegs die Bedeutung ökonomischer, juristischer, politischer und religiöser Faktoren für die Integration einer Gesellschaft, für ihn stellt jedoch der „Nachahmungscharakter [...] das Unterscheidungsmerkmal jeder sozialen Beziehung und jeder sozialen Tatsache“[68] dar. Er erhebt somit die Nachahmung zum sozialen Bindemittel schlechthin. Sie entwickelt sich als Folge ebenso vielförmiger wie sozial-spontaner Interaktionen (relations mutuelles), die mit unabsehbarem, aber offenem Ausgang ablaufen. Nachahmung ist der soziale Ausdruck einer universellen Wiederholungstendenz, die er in der unbelebten Natur in der Wellenbewegung sowie in der belebten Natur in der Erblichkeit wiederfindet.[69]

Seine Analyse geht davon aus, dass jede zur Gewohnheit gewordene Handlung eine Wiederholung und somit eine Nachahmung ihrer selbst ist (biologische Nachahmung). Aus einer rein soziologischen Betrachtungsweise heraus möchte Tarde die Bezeichnung Nachahmung als interindividuelle Wiederholung verstanden wissen (kollektive Nachahmung). Diese Form entwickelt sich zwar aus der Selbst-Nachahmung, wird aber reaktualisiert durch soziale Beeinflussungsvorgänge. Mit anderen Worten: Suggestion, die von Tarde noch als Somnambulismus bezeichnet wird. Der soziale Mensch ist ein Somnambuler, der den immerwährenden Traum der Spontaneität träumt: „Der soziale wie der hypnotische Zustand sind nur eine Art Traum, ein gelenkter Traum und ein Traum aus Handlungen. Die Illusion des Somnambulen wie des sozialen Menschen ist es, Ideen, die er ausschließlich suggeriert bekommt, für spontan zu halten."[70] Folglich ist für ihn Suggestibilität und nicht Spontaneität eine basale Ursache des Sozialen.

Tarde ergänzte seine Theorie dadurch, dass er neben einer universellen Tendenz zur Nachahmung eine ebenso universelle Tendenz zur Gegen-Nachahmung annimmt. Diese besteht folglich darin, genau das Gegenteil von dem zu tun und zu sagen, was man andere tun sieht und sagen hört.[71] Beide Arten sind als gleichwertig anzusehen, sofern sie sich auf die momentan gesellschaftlich akzeptierten Ideen und Gewohnheiten beziehen.

Hierzu kommen der Nachahmung (imitation) und Gegen-Nachahmung (contre-imitation) als Handlungen, die Vorbilder imitieren oder ihr genaues Gegenteil sein wollen, zentrale Bedeutung zu. Entscheidend am vorliegenden Konzept der Nachahmung ist seine hohe Inklusivität, denn jeder soziale Sachverhalt kann als Nachahmung interpretiert werden. So können nicht nur Ähnlichkeiten, sondern gerade auch Unterschiede durch die Nachahmung erklärt werden. Das Gefühl sozialer Realität ist nach Tarde gleich der Zirkulationsgeschwindigkeit sozialer Nachahmungsenergien:

[...]


[1] Der Begriff ‘Cyberspace‘ wurde 1984 von William Gibson in seinem Roman ‘Neuromancer‘ geprägt und wird häufig für elektronische Netze wie das World Wide Web verwendet.

[2] Canetti, Elias: Masse und Macht, S. 54.

[3] Vgl. Ebd., S. 45.

[4] Ebd., S. 54.

[5] Ebd., S. 54.

[6] Ebd., S. 55.

[7] Canetti: Masse und Macht, S. 59.

[8] Ebd., S. 59.

[9] Ebd., S 60.

[10] Vgl. Ebd., S. 61.

[11] Ebd., 62.

[12] Vgl. Ebd., S. 63.

[13] Ebd., S. 65.

[14] Ebd., S. 65.

[15] Ebd., S. 65.

[16] Vgl. Canetti: Masse und Macht, S. 65.

[17] Ebd., S. 70.

[18] Vgl. Ebd., S. 70.

[19] Ebd., S. 54.

[20] Vgl..Historisches Wörterbuch der Philosophie: Masse, Massen. HWPh: Historisches Wörterbuch der Philosophie, S. 18.427.

[21] Vgl. Ebd., S. 18.427.

[22] Vgl., Hegel: Die Philosophie des Rechts.

[23] Vgl. MEW Bd.1.

[24] Vgl..Historisches Wörterbuch der Philosophie: Masse, Massen. HWPh: Historisches Wörterbuch der Philosophie, S. 18.431.

[25] Vgl..Historisches Wörterbuch der Philosophie: Masse, Massen. HWPh: Historisches Wörterbuch der Philosophie, S. 18.431.

[26] Vgl. Ebd., S. 18.433f.

[27] Vgl. Ebd., S. 18.433.

[28] Vgl. Ebd., S. 18.434.

[29] Tönnies: Gemeinschaft und Gesellschaft, S. 3.ff.

[30] Ebd., S. 7.

[31] Vgl. Ebd., S. 28f.

[32] Vgl. Ebd., S. 31f.

[33] Vgl. Ebd., S. 25f.

[34] Ebd., S. 31ff.

[35] Tönnies: Gemeinschaft und Gesellschaft, S. 34.

[36] Vgl. Ebd., S. 38ff.

[37] Ebd., S 86ff.

[38] Plessner: Helmuth, Grenzen der Gemeinschaft, S. 85.

[39] Vgl. Ebd., S. 73.

[40] Ebd., S. 75.

[41] Ebd., S. 77.

[42] Ebd., S. 79ff.

[43] Ebd., S. 79ff.

[44] Ebd., S. 92ff.

[45] Ebd., S. 78ff.

[46] Ebd., S. 26.

[47] Ortega y Gasset: Der Aufstand der Massen, S. 1.

[48] Ortega y Gasset: Der Aufstand der Massen, S. 12.

[49] Vgl. Ebd., S. 5.

[50] Ebd., S. 12.

[51] Ebd., S. 29.

[52] Ebd., S. 34.

[53] Ebd., S. 14.

[54] Vgl. Ebd., S. 14.

[55] Vgl. Ebd., S. 53.

[56] Ortega y Gasset: Der Aufstand der Massen, S .58.

[57] Sein Werk wurde 1931 veröffentlicht.

[58] Ortega y Gasset: Der Aufstand der Massen, S. 55.

[59] Ebd., S. 12.

[60] Canetti: Masse und Macht, S. 17.

[61] Ebd., S. 14.

[62] Ebd., S. 17f.

[63] Ebd., S. 357f.

[64] Ebd., S. 16.

[65] Ebd., S. 16f.

[66] Canetti: Masse und Macht, S. 73.

[67] Tarde: Die Gesetzte der Nachahmung, S. 95.

[68] Tarde: Die Gesetzte der Nachahmung, S. 12.

[69] Vgl. Ebd., S. 11ff.

[70] Ebd., S. 98.

[71] Vgl. Ebd., S. 12f.

Ende der Leseprobe aus 81 Seiten

Details

Titel
Masse und Aktion. Vergleichende Betrachtung zweier Massenphänomene. Revolutionäre Volksmasse und Shitstorm
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Kulturwissenschaft)
Note
1.7
Autor
Jahr
2016
Seiten
81
Katalognummer
V338545
ISBN (eBook)
9783668288478
ISBN (Buch)
9783668288485
Dateigröße
2251 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Masse, Shitstorm, Massenpsychologie, Massensoziologie
Arbeit zitieren
Sebastian Zeitz (Autor:in), 2016, Masse und Aktion. Vergleichende Betrachtung zweier Massenphänomene. Revolutionäre Volksmasse und Shitstorm, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/338545

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