Träumen ohne Zensur? Über die Bedeutung des Klartraums in Zusammenhang mit der Traumdeutung


Essay, 2016

6 Seiten


Leseprobe

Träumen ohne Zensur?

Über die Bedeutung des Klartraums in zusammenhang mit der Traumdeutung

Sigmund Freud haben wir es maßgeblich zu verdanken, dass dem Vorgang des Träumens auch heute noch eine gewisse wissenschaftliche Bedeutung zugeschrieben wird. Eine besondere Form des Traums ist der Klartraum. Durch meine Teilnahme an einem Experiment zu diesem Thema habe ich selbst einen Bezug dazu und mich in Zuge des Seminars zu Freuds Traumdeutung gefragt inwiefern der Klartraum bei seinen Theorien eine Rolle spielt.

Zunächst ist aber zu klären, was unter Luzidträumen oder Klarträumen verstanden wird. Paul Tholey , Forscher auf diesem Gebiet, stellte folgende Definition auf: „Klarträume sind solche Träume, in denen man völlige Klarheit darüber besitzt, daß man träumt und nach eigenem Entschluß handeln kann.“[1] Allerdings geben verschiedene Wissenschaftler unterschiedliche Aspekte an, die auf einen Klartraum zutreffen sollten. Jedoch fordern diese Definitionen im Mindesten, dass der luzide Träumer sich bewusst sein muss, dass er träumt.

Auch Aristoteles sprach in seiner Abhandlung über Träume davon, dass das Bewusstsein jemanden im Schlaf manchmal darauf stoßen würde, dass man träume.[2] Als einen der ersten Berichte über das Klarträumen könnte man einen Brief von Augustinus um 415 heranziehen, der darin vom Traum eines Arztes berichtete. Inzwischen treiben unter anderem Paul Tholey und Stephen LaBerge die Forschung auf diesem Gebiet voran. Über 25% der Teilnehmer einer Studie von Schredl und Erlacher geben an, dass sie zwei bis vier Mal im Jahr einen Klartraum erleben.[3]

Dass diese Fähigkeit keineswegs angeboren, sondern erlernbar ist, führt uns zu der Frage, was ein Klartraum aus psychoanalytischer Sichtweise bedeutet. Leider hat sich Freud mit diesem Thema nicht sehr ausführlich beschäftigt. Der Aufsatz „Meine Berührung mit Joseph Popper – Lynkeus“ aus dem Jahr 1932 gibt Aufschluss darüber wie sich Freuds Theorien mit dem Phänomen des Klartraums vereinen lassen.

Auch wenn die Traumentstellung und –zensur ein wesentlicher Bestandteil von Freuds Erkenntnissen ist, schreibt er selbst im besagten Aufsatz, dass ein Traum ohne diese beiden Merkmale durchaus möglich ist.Er erzählt in „Meine Berührung mit Joseph Popper –Lynkeus“ über seine Lektüre von „Die Phantasien eines Realisten“ vom eben benannten Autor, den Freud selbst sehr bewundert hat.

Poppers Text enthält ein Kapitel mit dem Namen „Träumen wie Wachen“, in dem ein Mann beschrieben wird, der keinen Unterschied zwischen dem Wach- und Traumzustand macht. Auch in seine Träume gehen teils über die Realität hinaus, aber selbst etwas wie Fliegen stand „mit der wachen Welt nicht so im Widerspruch, dass man hätte mit Bestimmtheit sagen können, sie seien unmöglich oder an und für sich absurd.“[4] Der Mann erklärte seinen Freunden, dass seine Gedanken völlig harmonisch seien und es keine Widersprüche in seinem Denken gebe. Sein danach beschriebener Traum geht nahtlos in den Wachzustand über. Mit einem Freund spricht er über den Grund für diese besondere Fähigkeit: „die moralische Klarheit [s]einer Natur“.[5] Durch die Harmonie in seinem Wesen können auch Träumen und Wachen harmonisch ineinandergreifen.

Freud selbst ist erstaunt, dass Popper in seinem Text ganz ähnliche Erkenntnisse erlangt wie er selbst, obwohl er eigentlich der Auffassung war, er wäre der Erste gewesen, der sich in diese Richtung orientiert hat. Freud spricht in seinem Artikel zu Poppers Text davon, dass ein solch vollkommener Mensch zwar realistisch gesehen nicht existieren könnte, aber man sich dennoch an diesen harmonischen Zustand annähern könnte.[6] Die Traumentstellung hängt mit der Verdrängung nach Freud zusammen. Bei einem luziden Traum findet diese Zensur nicht statt. Schließlich könnte man demnach die Theorie aufstellen, dass jemand, der einen Klartraum hat wie die Figur in Poppers Werk, tagsüber nichts verdrängt hat. Was dort beschrieben wurde, halte ich aber für eine absolut perfekte Form des Klartraums und, dass bei solch einem Traum vorher keine Verdrängung stattgefunden hat, ist eine These, die sich schwer überprüfen lässt. Schließlich können wir selbst bei Klarträumen nicht gänzlich damit rechnen, dass keine Traumentstellung stattgefunden hat. Damit bleibt es letzten Endes bei einer Spekulation. Wohl aber ist ein luzider Traum eine Möglichkeit gewissermaßen Kontakt mit dem Unterbewusstsein aufzunehmen. Zur Behandlung von Albträumen kann der Klartraum nach Berichten von LaBerge und Celia Green durchaus genutzt werden. Man stelle sich vor, eine traumatisierte Person, wie beispielsweise Veteran, wird von Alpträumen geplagt, da er im Traum seine Erlebnisse im Krieg verarbeitet. Dadurch dass er die Kontrolle über seine Träume erlangt, könnte er den Traum in eine positivere Richtung lenken. Wie damit dem Patienten längerfristig geholfen werden kann und ob sich die positive Wirkung auch auf den Wachzustand übertragen lässt, bleibt zu erforschen.

Aber nicht nur zur „Bekämpfung“ von Alpträumen könnten Luzidträume von Nutzen sein. Unabhängig von der Frage, ob bei einem Klartraum eine Zensur stattfindet, könnte dieser Zustand trotzdem einen wertvollen Beitrag zur Traumdeutung leisten. Warum sollte man beispielsweise im Klartraum nicht gezielt anderen Personen in einer Art sokratischem Dialog Fragen stellen und so sein eigenes Unterbewusstsein erforschen?Sicher wäre es interessant festzustellen, wie die entsprechenden Antworten ausfallen. Die Deutung des Traumes könnte gewissermaßen stattfinden, bevor man überhaupt erwacht.

Auf der anderen Seite bleibt es fraglich welchen Einfluss das zu häufige Klarträumen auf die Verarbeitung des Alltags hat. Dass man der Auffassung ist, dass Klarträume bewusst herbeigeführt werden können, widerspricht meiner Ansicht nach auch dem Zusammenhang zwischen Zensur und Klartraum. Wenn man davon ausgeht, dass man einen Klartraum erlebt, wenn im Alltag nichts verdrängt worden ist, wieso sollte man dann aus eigenem Antrieb diesen Zustand erreichen können? Die Induktion mittels Medikamenten, Drogen oder Elektroimpulse ist dabei natürlich außen vor.

Aber die Techniken, die von den verschiedenen Traumwissenschaftlern beschrieben werden, lassen sich angeblich durchaus erlernen. Ein Beispiel dafür wäre, dass man sich im Alltag häufiger fragen soll, ob man wacht oder träumt. Anhand bestimmter Traumzeichen soll man dies überprüfen. Wenn diese Frage im Alltag genügend eingeübt wird, soll man sich im Traum automatisch dieselbe Frage stellen. Mittels der Traumzeichnen erkannt man dann, dass es sich um einen Traum handelt und dieser kann dadurch zu einem Klartraum werden.[7]

Natürlich gibt es für solche Techniken keine Garantie, aber allein, dass sie funktionieren können, ist meiner Ansicht nach ein Zeichen, dass der Zustand des Klartraums nichts mit fehlender Verdrängung zu tun haben kann. Natürlich wissen wir nicht, was Freud zu diesem Thema gesagt hätte, wenn er die heutigen Erkenntnisse zu Luzidträumen zur Verfügung gehabt hätte. Ich bin der Ansicht, dass zwar ein Zusammenhang zwischen Klarträumen und Traumentstellung besteht, aber es tatsächlich nicht logisch ist, dass fehlende Verdrängung und Klarträume immer Hand in Hand gehen.

Literaturverzeichnis

Freud, Sigmund: Die Traumdeutung. Fischer Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1981.

Freud, Sigmund: Meine Berührung mit Joseph Popper –Lynkeus, In: Gesammelte Werke Band 16, S. 261.

LaBerge, Stephen: Hellwach im Traum – Mehr Selbsterkenntnis und Selbstbestimmung durch bewusstes Träumen, Jungfermann-Verlag, Paderborn 1987, S. 31 ff.

Popper, Joseph: Phantasien eines Realisten, Erb Verlag, Düsseldorf 1984.

Schredl, Michael &Erlacher, Daniel: Lucid dreaming frequency and personality. In: Personalityand Individual Differences. 37, 2004, S. 1463–1473.

Tholey, Paul: Bewußtseinsveränderung im Schlaf: Wach’ ich oder träum’ ich?, In: Psychologie heute,1982, S. 68–78.

Tholey, Paul: Klarträume als Gegenstand empirischer Untersuchungen, In: Gestalt Theory 1980, S. 175–191 (S. 175).

[...]


[1] Tholey, Paul: Klarträume als Gegenstand empirischer Untersuchungen, in: Gestalt Theory, 2, 1980, S. 175–191 (S. 175).

[2] LaBerge, Stephen: Hellwach im Traum – Mehr Selbsterkenntnis und Selbstbestimmung durch bewusstes Träumen, Jungfermann-Verlag, Paderborn 1987, S. 31 ff.

[3] Michael Schredl, Daniel Erlacher: Lucid dreaming frequency and personality. In: Personalityand Individual Differences. 37, 2004, S. 1463–1473.

[4] Popper, Joseph: Phantasien eines Realisten, Erb Verlag, Düsseldorf 1984.

bd.erlag, Paderborn 1987, Seiteustellen, wie die entsprechenden Antworten ausfallen. ist meiner Ansicht nach ein Zeichen, dass

[5] Ebd.

[6] Freud, Sigmund: Meine Berührung mit Joseph Popper – Lynkeus, In: Gesammelte Werke Band 16, S. 261.

[7] ]Tholey, Paul: Bewußtseinsveränderung im Schlaf: Wach’ ich oder träum’ ich?, In: Psychologie heute,1982, S. 68–78.

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Details

Titel
Träumen ohne Zensur? Über die Bedeutung des Klartraums in Zusammenhang mit der Traumdeutung
Autor
Jahr
2016
Seiten
6
Katalognummer
V338553
ISBN (eBook)
9783668280090
ISBN (Buch)
9783668280106
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Traumdeutung, Freud, Luzidträumen, Klarträume, Psychoanalyse
Arbeit zitieren
Karina Oelmaier (Autor:in), 2016, Träumen ohne Zensur? Über die Bedeutung des Klartraums in Zusammenhang mit der Traumdeutung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/338553

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