Das Genre des Kriminalfilms. Analyse und Merkmale anhand des Films "Seven"


Seminararbeit, 2016
12 Seiten, Note: 1,0
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definition und Funktion

3 Merkmale anhand des Beispiels Seven

4 Genresystematik

5 Abgrenzung zu verwandten Genres

6 Fazit

Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Das Kriminalgenre ist ͣperhaps the most highly formalized and ritualistic of all popular formulas“ (Cawelti, 1979, S. 3). Trotz der simplen Schemata ist das Genre in zahlreichen Medien sehr beliebt (Hickethier, 2005, S. 14). Diese Schemata wurden im Verlaufe der Zeit immer wieder variiert, sodass zahlreiche Subgenres entstanden, die je nach Betrachtungsweise als eigenes Genre angesehen werden können. Wie auch bei anderen Genres ist die Abgrenzung teilweise schwer, da die Übergänge zu verwandten Genres fließend sind. Verschiedene Autoren entwi- ckelten immer wieder unterschiedliche Systematiken, die die Einteilung sehr kompliziert er- scheinen lassen. Daher soll im Folgenden auf eine mögliche Genresystematik eingegangen wer- den, wie sie von Hickethier (2005) vorgenommen wurde. Außerdem werden mithilfe der Ab- grenzung Hoffmanns (2007) verwandte Genres differenziert betrachtet. Dementsprechend sollte das schier unendliche Spektrum des Kriminalgenres etwas eingegrenzt und entsprechend gegliedert werden. Um zunächst ein Grundverständnis des Genres zu entwickeln, soll zuerst auf Definition und Funktionen des Genres eingegangen werden. Seit Caweltis (1979) Aussage etab- lierten sich immer wieder neue Stilmerkmale, von denen die wichtigsten hervorgehoben und anhand des Beispiels Seven (David Fincher, USA 1995) veranschaulicht werden sollen.

2 Definition und Funktion

In der Literatur wird gemeinhin das Verbrechen als zentraler Bestandteil des Kriminalgenres hervorgehoben (z.B. Derry, 1988, S. 64; Faulstich, 2013, S. 37; Hoffmann, 2007, S. 40; Hoppenstand 1987; Leitch, 2002, S. 2). Auch Hickethier geht auf diesen Kerngedanken ein:

ͣDas Kriminalgenre handelt von den Überschreitungen der gesellschaftlich gegebenen Regeln und der Verfolgung und Ahndung des Gesetzesbruches. Indem es das Verbrechen und seine Aufklärung zu Thema macht, trägt es auf unterhaltende Weise zur Sicherung des Status quo der Gesellschaft bei“ (Hickethier, 2005, S. 11).

Hier wird neben dem Leitthema die Funktion für die Bevölkerung deutlich. Dabei stellt die zent- rale Botschaft ͣcrime doesn't pay“ klar, dass es sich nicht lohnt, gegen das Gesetz zu verstoßen, da der Täter am Ende immer überführt wird und die Gerechtigkeit siegt (Hickethier, 2005, S, 12; Hoffmann, 2007, S. 52). Der Zuschauer nimmt nach Hickethier (2005) ein Verhältnis zwischen Straftat und dessen Bekämpfung als grundlegend an. In den Subgenres verschiebt sich das Ver- hältnis, nur in Einzelfällen scheitert die Ermittlung (ebd.). In aller Regel wird das Verbrechen also aufgeklärt und die Ordnung wiederhergestellt, was die Notwendigkeit unseres Rechtssystems unterstreicht (Faulstich, 2013, S. 37; Hickethier, 2005, S. 12). Ein gutes Beispiel dafür ist die Fern- sehserie Stahlnetz (Roland, Deutschland 1958-2002), welche ͣdas Vertrauen der Bevölkerung in die Staatsorgane“ der DDR stärken sollte, indem sie beispielsweise ͣweder Zweifel an der Integ- rität und dem Erfolg der staatlichen Exekutive aufkommen ließ noch an der persönlichen Allein- schuld der Täter und der Verwerflichkeit ihrer Motive“ (Brück et al., 1988, S. 406). Weiterhin geht Hickthier (2005) davon aus, dass die Katharsis These im Fall des Kriminalgenres angewendet werden kann. Die dargestellten Verbrechen sprechen die ͣheimlichen Bedürfnisse nach (…) dem Beschäftigen mit dem Unerlaubten an“ (Hickethier, 2005, S. 11), sie erregen uns und mindern schließlich reale Aggressionen des Zuschauers durch die mentale Beschäftigung mit der Gewalt. Die Vorstellung der Ausübung einer Straftat wird auch hier durch die zentrale Botschaft ͣcrime doesn't pay“ verworfen (ebd.).

3 Merkmale anhand des Beispiels Seven

Der Film Seven wird überwiegend als Thriller bezeichnet (z.B. Die Online Filmdatenbank, Internet Movie Database, Moviepilot, Rottentomatoes, Wikipedia 2016) und ist ein gutes Beispiel dafür, dass Genres generell nicht eindeutig voneinander abzugrenzen sind, sondern ineinander über- gehen. So heißt es auch im Heyne Film Lexikon: ͣGrandioser Thriller, der weniger Wert auf Span- nung legt als auf die Kreation einer düsteren, apokalyptischen Großstadtvision“ (Just, 2000, S. 699). Die zentrale Stellung des Verbrechens kann nicht als Argumentationspunkt zur Einstufung als Thriller dienen, da dies ebenfalls Ausgangspunkt des Kriminalgenres ist. Merkmale wie die Chance auf Verhinderung des Verbrechens und abschließende Tod des Täters werden gemäß Hoffmanns (2007) Ausführungen zum Thriller erfüllt. Allerdings dreht sich in dem Film alles um die Ermittlungen und die finale Auflösung des Falls, was nach Seeßlen (2013) den Genrekonven- tionen des Thrillers widerspricht. In Seven lassen sich krimispezifische Merkmale wie ͣVerdäch- tige und falsche Fährten, Tatorte, Indizien und Beweise, das Tatmotiv und libis, (…)“ und meh- rere Opfer (Faulstich, 2013, S. 37) finden. Daneben erfüllt der Film genrespezifische Merkmale wie die Handlungsstruktur, Charaktere, Themen und Setting.

Hoffmann (2007) fasst den Handlungsablauf mit den drei prägnanten Begriffen Verbrechen, Er- mittlung und Überführung passend zusammen. Über diesen wird ein Spannungsbogen aufge- baut, wobei sie von zwei grundsätzlichen Arten von Spannung ausgeht: Einerseits das Interesse am Fortgang des Filmes, also der klassische suspense und andererseits die Wissbegierde bezüg- lich vergangener Ereignisse. Diese krimispezifische Rätselspannung, so schreibt sie weiter, ergibt sich aus der speziellen Erzählstruktur, die sowohl die Geschichte des Verbrechens als auch die der Ermittlung enthält. Auch Welke (2012) und Meteling (2013) sehen diese Rätselspannung als grundlegend für das Kriminalgenre an, welche sich aus der Frage nach dem Täter oder dessen Motiven ergibt. Indem Passagen ausgelassen oder nicht gezeigt werden, kommt es zu einer ͣthe matischen und rhetorischen Mehrdeutigkeit“ (Welke, 2012, S.90.), welche den Zuschauer wie- derum zum Nachdenken anregt. Oftmals beginnt der Film mit einer Leiche, sodass Ereignisse wie das Verbrechen vor Beginn des Filmes liegen, womit die story weiter zurückgeht als der plot (Bordwell und Thompson, 1993, S. 47ff). Diese Differenz erzeugt Spannung, indem wir im Laufe des Films immer mehr über die eigentliche story erfahren. Auch am Anfang von Seven (1995, 00:01:00 -00:01:58) sehen wir eine Leiche, allerdings spielt diese für die Handlung keine wichtige Rolle, sondern dient vielmehr der Vorstellung der beiden Protagonisten. Häufig, so stellt Hoff- mann (2007) fest, folgen wir den Hinweisen aus Sicht des Ermittlers, nur selten hat der Zu- schauer einen höheren Wissensstand, sodass ͣdie Narration des Kriminalfalls die nalysearbeit des Detektivs (analysis)“ wiederspiegelt (Meteling, 2013, S. 121). Dieses Merkmal trifft ebenfalls auf Seven zu. Hartmann (2003) beschreibt die Erzählstruktur als einen chronologischen Prozess, wobei teilweise aber auch Flashbacks eingesetzt werden. Die Naturgesetzte werden nicht über- schritten und auch die Lösung des Falls ist in sich schlüssig (Cawelti, 1976, S. 117).

Anfangs wird Somerset (Morgan Freeman) vorgestellt, der durch seine lange Karriere als Detec- tive viel Erfahrung mit sich bringt. Er ist sehr gebildet und wird neben einer langen Szene in der Bibliothek (00:25:20 - 00:29:00) immer wieder bei der Recherche gezeigt. Damit ist er auf die stereotypische Rolle des rationalen Faktenermittlers zugeschnitten, welche man auch als classi- cal oder great detective bezeichnet, wohingegen sein Partner hard-boiled ist und eher intuitiv vorgeht (Cawelti, 1976, S. 92ff). Beispielsweise wirft Mills (Brad Pitt) fluchend ein Buch ans Lenk- rad (00:29:58 - 00:30:10), regt sich (häufiger) auf, verscheucht einen vermeintlichen Paparazzo und wird dabei sehr ausfallend (00:54:40 - 00:55:00) oder tritt gegen die Vorschriften eine Tür ein (01:15:45). Einen Assistenten oder Helfer, auch als side-kick bezeichnet (Hoffmann, 2007, S. 49), gibt es hier nicht. Als weitere Nebenfiguren hebt Cawelti (1976) neben dem inkompetenten Vorgesetzten (Hartmann, 2003, S. 62) die Gruppe der Verdächtigen hervor, die durch das abge- schlossene Setting überschaubar bleibt. In Film Seven ist der Vorgesetzte anfangs ignorant, in- dem er der Anmerkung Somersets, dass es weitere Morde geben wird, keine Beachtung schenkt (00:15:30 - 00:16:00), allerdings zeigt er später Vertrauen in Somerset. In dem Film wird keine uns bekannte Figur verdächtigt. Nur einmal wird ein Zugriff auf die Wohnung eines Verdächtigen vorgenommen, der sich allerdings als Opfer erweist (00:47:48 - 00:48:35). Die Handlung findet innerhalb eines begrenzten Raumes statt, der sowohl auf dem Land vor allem jedoch, wie es auch bei Seven der Fall ist, in der Großstadt verortet ist (Hoffmann, 2007, S. 49).

Als zentraler Charakter ist dem Ermittler der Täter gegenübergestellt (ebd.). In diesem Fall ist er unbekannt, was die stereotypische Frage nach dem Wer war es? (whodunit) aufwirft (Hickethier, 2005, S. 31). Nach Hoffmann (2007) gibt es eine weitere Alternative: bei den inverted stories ist der Täter bekannt, sodass Tatmotive (whydunit) oder Tathergang (howdunit) sowie die Überfüh rung des bereits bekannten Täters thematisiert werden. Synonym verwendet Welke (2012) die Erzählperspektiven Wer? und Warum?, die in verschiedensten Varianten die Erzählung struktu- rieren. Seven ist diesbezüglich außergewöhnlich, da quasi alle drei Motive behandelt werden. Lange Zeit ist der Täter unbekannt, doch nach dem fünften Mord stellt sich John Doe (Kevin Spacey) (01:34:48) entgegen der Konventionen einer Überführung des Täters durch Beweise oder eine Falle (Hoffmann, 2007, S. 47). Der Tathergang wurde bei der Betrachtung der jeweili- gen Tatorte schon recht deutlich und auch die Frage nach den Motiven, beantwortet John Doe explizit (01:46:43 - 01:50:10). Trotzdem kommt die Spannung an dieser Stelle eigentlich erst zu ihrem Höhepunkt, denn wir wissen, dass John Doe nach den sieben Todsünden gemordet hat und es demnach noch zwei unbekannte Opfer gibt.

Auch durch dramatische Musik und die Kameraführung wird Spannung erzeugt, indem der Zuschauer auf Hinweise aufmerksam gemacht wird (Hickethier, 2005, S. 37). Beispielsweise werden die jeweiligen Worte der sieben Todsünden oder die Fotos in der Dunkelkammer fokussiert (00:23:13; 00:52:11; 00:53:00). Daneben kann die Kamera im Zusammenspiel mit der Dramaturgie nach Welke (2012) für Falsche Fährten eingesetzt werden, um den Zuschauer bewusst zu täuschen. Die Befragung Verdächtiger oder Zeugen liefert typischerweise allmähliche Vorahnung (Hoffmann, 2007, S. 47). Allerdings ist der Antagonist den beiden durch gezieltes, gut durchdachtes Handeln immer einen Schritt voraus (Cawelti, 1976, S. 92ff) und vollendet in diesem Fall sein ͣWerk“, wodurch es kein typisches Happy End gibt.

In vielen Szenen regnet es, was die dunkle Atmosphäre unterstreicht. Damit erinnert er an ex- pressionistischen Stilelemente des Film Noirs, bei dem neben dem Spiel mit Licht und Schatten überwiegend eine düstere Atmosphäre erzeugt wird (Lange, 2007, S. 131). Dahingegen ist bei- spielsweise der TV-Krimi sehr naturalistisch, was uns zeigt, dass sich die Stilmerkmale in den einzelnen Subgenres voneinander unterscheiden (Hoffmann, 2007, S. 51) und man einen Film nicht allein anhand seiner Gestaltungsmittel dem Kriminalgenre zuordnen kann.

4 Genresystematik

Die Subgenres entwickelten nicht nur durch die verschiedenen fokussierten Aspekte und Gestal- tungsmittel, sondern logischerweise im Verlaufe der Zeit und durch regionale Unterschiede. Faulstich (2013) unterscheidet neben dem Gangsterfilm drei grundlegende Typen: den einsa- men, besonders schlauen Detektiv, den in einer korrupten Welt lebenden Privatdetektiv und den Polizisten, welcher sich wiederum in zahlreiche Sonderformen aufteilen lässt, was sich vor allem durch nationale Unterschiede der Exekutive erklären lässt.

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Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Das Genre des Kriminalfilms. Analyse und Merkmale anhand des Films "Seven"
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Medienforschung)
Veranstaltung
Filmanalyse
Note
1,0
Jahr
2016
Seiten
12
Katalognummer
V338756
ISBN (eBook)
9783668285040
ISBN (Buch)
9783668285057
Dateigröße
948 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Film, Filmgenre, Krimi, Kriminalfilm, Filmanalyse, Genre, Seven, Sieben, Brad Pitt, Thriller
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Das Genre des Kriminalfilms. Analyse und Merkmale anhand des Films "Seven", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/338756

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