Erkennung und Aufhebung der Entfremdung durch Bildung des Menschen bei Karl Marx


Hausarbeit, 2016

25 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung und Forschungshypothesen ... 3

1. Der Entfremdungsbegriff bei Karl Marx ... 5
1.1 Die Entfremdung vom (eigenen) Produkt der Arbeit ... 7
1.2 Die Entfremdung von der (eigenen) Tätigkeit ... 8
1.3 Die Entfremdung vom (eigenen) Gattungswesen ... 10
1.4 Die intersubjektive Entfremdung ... 12

2. Der Zusammenhang zwischen den marxschen Früh- und Spätschriften anhand ökonomischer Ausbeutungsverhältnisse ... 12
2.1 »Der Arbeitstag« und »Die Produktion des relativen Mehrwerts« ... 13
2.2 Erweiterte Ausbeutung durch maschinelle Weiterentwicklung ... 14

3. Erkennung und Aufhebung der Entfremdung ... 16
3.1 Das Bedienen des eigenen Bewusstseins ... 17
3.2 Die Praxis des »radikalen und revolutionären Bildungsprozesses« ... 18

II. Schlussbetrachtung(en), Auswertung und Ausblick(e) ... 20

Literatur- und Quellenverzeichnis ... 24

I. Einleitung und Forschungshypothesen

»Der Marxismus bleibt die Philosophie unserer Zeit:« (Müller 2012: Vorwort) »er ist unüberschreitbar, weil die Umstände, die zu seinem Entstehen geführt haben, noch nicht überschritten sind« (Jean-Paul Sartre, Critique de la raison dialectique, p. 29; zit. n.: Müller 2012: Vorwort).1

Diese Aussage soll bewusst in zwei Teile zerlegt werden. Nicht nur, weil dieses Zitat - von zwei Personen stammend – der Richtigkeit halber in zwei Teile zu separieren ist, sondern weil diese Zweiteilung einen Bruch darstellt: Der Begriff des »Marxismus« als solches ist ein wahrlich schwieriger. Warum? Weil viele Menschen mit diesem Begriff lediglich negative Elemente in Verbindung bringen und somit aus der historischen Erfahrung heraus von Grund auf desillusioniert an die »Institution« Karl Marx herangehen (werden). Ohne dabei den »Marxismus« als etablierte philosophische Strömung in Abrede stellen zu wollen, plädiere ich für die Verwendung des Begriffes des »Wissenschaftlichen Sozialismus«. Nicht zuletzt deswegen, um den allgemeinen Leser zu sensibilisieren. Mit dieser Begriffssetzung sind dem Kenner2 zwei Autoren näher zu bringen: Karl Marx und Friedrich Engels. Und diese Gedankenübertragung ist dafür – vorerst - vollkommen ausreichend. Also soll vielmehr deutlich werden, dass das oben genannte Zitat in der Form: »Der [wissenschaftliche Sozialismus] bleibt die Philosophie unserer Zeit« seine absolute Daseinsberechtigung erfährt. Jean-Paul Sartre merkt zu Recht an, solange die Entstehungsgründe nicht aufgehoben sind, besteht dafür diese Daseinsberechtigung nach wie vor.

Warum ist der »staubtrockene« Marx also noch so wichtig? Weil er eine annähernd kompromisslose »Philosophie der Praxis« predigt, derer Autoren wie Antonio Gramsci, Georg Lukács, Ernst Bloch, Lucien Sève, Adam Schaff, Wolfdietrich Schmied-Kowarzik u.a. gefolgt sind. Er analysiert die Sachlage(n) nicht nur, er gibt Ansätze zu umsetzbaren Lösungsmöglichkeiten. Und damit hebt er sich von vielen seiner Zunft ab. Und genau da knüpft das »Konzept« der marxschen Theorie der Entfremdung an: Sie zeigt auf, in was für einer suboptimalen Lage die Menschheit sich befindet; in wiefern sie der Logik des Kapitalismus frönt und jeden Tag aufs Neue bestimmten Vorstellungen und Wünschen hinterherläuft, die zur Realisierung nie bestimmt waren, sind und sein werden.

Was aber ist »Entfremdung«? Immer wieder hört man dieses Wort aus den Mündern verschiedenster Persönlichkeiten. Vielmehr tut sich der Gedanke auf, man benutzt diesen Begriff für alle möglichen gesellschaftlichen Problemlagen, um eine Art »Totschlagargument« anzubringen, welches jegliche weitere Diskussion ersparen wird. Johannes Rohbeck beispielsweise definiert den Begriff der Entfremdung folgendermaßen: »Er bezeichnet einen Zustand, in dem Personen oder Sachen den Menschen »fremd« geworden sind« (2014: 49). Damit sagt er, dass in der »Ent-fremdung« nicht etwa ein oppositionelles Verhältnis zwischen »Ent-« und »-fremdung« steckt, sondern vielmehr der Prozess selbst beschrieben wird. »Entfremdung« ist also nicht nur die Bezeichnung für etwas, sondern im Wort selbst steckt zugleich die Implikation eines fortlaufenden Prozesses. Als Pedant dazu kann der Begriff der »En-täußerung« genommen werden, der im Rousseauschen Kontraktualismus (»alienation totale«; vgl. dazu Rousseau 2011 [1762]) Verwendung findet. Wolfdietrich Schmied-Kowarzik hingegen gibt keine nennenswerte Definition, sondern denkt den Entfremdungsbegriff vielmehr zugleich mit der Aufhebung der Entfremdung (vgl. 1988: 95-98). Dadurch schließt er sich dem marxschen Denken eher an, indem er konstatiert, dass hier von einer Art »Zwei-Schritt-Verfahren« gesprochen werden kann: Zuerst muss sich der Zustand der Entfremdung in das Bewusstsein »vorarbeiten«, damit überhaupt erst an eine Aufhebung gedacht werden kann. Wenn sich aber der Zustand der Entfremdung in das Bewusstsein gearbeitet hat, so ist die weitere Auseinandersetzung mit diesem Begriff auch immer zugleich implizierend mit seiner Aufhebung (vgl. ebd.). Die Aufhebung der Entfremdung kann lediglich nur durch eine »radikale Bewusstseinswerdung« der Problematik in Kombination mit einer »radikalen praxis-philosophischen« Umkehrung der Verhältnisse geschehen (vgl. ebd.). Weiteres dazu im Laufe der vorliegenden Arbeit.

Außerdem soll dringlichst der Frage nachgegangen werden, in wiefern herauszuarbeiten ist, was Marx mit seiner Entfremdungstheorie im Abstrakten und Konkreten meint. Ebenso knüpft daran die in der Wissenschaft stark umkämpfte Grundsatzdebatte an, ob und wie ein historischer Bruch zwischen den marxschen Früh- und Spätschriften zu vollziehen ist (vgl. dazu Althusser; Balibar; Establet; Macherey; Rancière 2015a u.a.). Oder ob hier eher von einer Synthese aus beiden gesprochen werden kann. Denn die Entscheidung für jeweils eine der beiden Möglichkeiten wird verheerende Konsequenzen auf die weitere Handhabung mit der Person Karl Marx haben. Daher sollen zwei Forschungshypothesen in der vorliegenden Arbeit vorgestellt und diskutiert werden:

h2: Eine historische Trennung zwischen den marxschen Früh- und Spätschriften ist nicht sinnvoll. Marx' Werk ist als eine Gesamtheit zu erkennen; bei einer Trennung geht immer das Alte »verloren«, es wird nicht beachtet. Das Neue hingegen ist allgegenwärtig und gibt Potential zu Missverständnissen, die fatal sein können.

h3: Eine Aufhebung der Entfremdung ist nur 1.) durch die »Bewusstwerdung« dieser zu ermöglichen, 2.) durch das »InAngriffnehmen« einer »revolutionären Praxis« in Form des quantitativen Zusammenschlusses aller Leittragenden; und das sind letztendlich alle, unabhängig davon welchem sozio-ökonomischen Status sie angehören und 3.) durch die stetige Produktion und Reproduktion dieser gesellschaftlichen Emanzipation.

Freilich kann auch durch stringentes, theoriegeleitetes Vorgehen hierbei keine endgültige Antwort im philosophischen Diskurs gefunden werden. Zumal es nicht das Ziel der Philosophie sein kann und sein wird, abschließende Antworten auf offene Frage geben zu können. Vielmehr soll eine weitere Sichtweise auf diese Problematik offenbart werden, die an die bisherige Marx-Forschung anknüpfen könnte.

Im Nachgang an die erfolgte Einleitung (I.) soll daher der marxsche Entfremdungsbegriff genauer erläutert werden (1.). Dabei stehen die vier zentralen Dimensionen der Entfremdung im Mittelpunkt: Die Entfremdung vom (eigenen) Produkt der Arbeit (1.1), von der (eigenen) Tätigkeit (1.2), vom (eigenen) Gattungswesen (1.3) und die Entfremdung auf intersubjektiver Ebene (1.4). Darauf folgend soll anhand der politisch-ökonomischen Analyse(n) von Marx aufgezeigt werden, dass auch innerhalb des kapitalistischen Produktionsprozesses die Entfremdung allgegenwärtig ist (2., 2.1 u. 2.2). Wie aber »herauskommen« aus der Entfremdung? Dafür dient der zweite Teil der Arbeit, der durch das Bedienen am eigenen Bewusstsein und dem damit auszulösenden »radikalen und revolutionären Bildungsprozess« im Sinne von Wolfdietrich Schmied-Kowarzik Möglichkeiten zur Aufhebung der Entfremdung anbieten soll (3., 3.1 u. 3.2). Abschließend wird die Arbeit zusammengefasst, die Forschungshypothesen ausgewertet und mit einem oder mehreren Ausblick(en) abgerundet (II.).

1. Der Entfremdungsbegriff bei Karl Marx

Der Rekurs soll nochmal auf Johannes Rohbeck geführt werden, um der Veranschaulichung der verschiedenen Ansätze in der marxschen Forschung gerecht zu werden. Zumindest führt er an, dass der Entfremdungsbegriff der Kritik bedarf (vgl. 2014: 49). Dieser Aussage schließe ich mich an. Der Entfremdungsbegriff darf keinesfalls einfach so hingenommen werden. Vielmehr ist ein kritisches Hinterfragen in jedwedem seiner Wirkungsbereiche von großer Notwendigkeit. Um den Versuch einer Definition aus der Einleitung weiter fortzuführen, fügt Rohbeck dem einleitenden Satz an:

»Etwas entfernt sich aus der Nähe des Eigenen oder Gemeinschaftlichen, so dass die Erfahrung der Trennung und Zerrissenheit entsteht. So kann man sich von einer geliebten Person, von einer ungewohnten Umgebung oder von einer vertrauten Kultur entfremden. Wer dabei von Entfremdung spricht, bewertet seine Situation negativ und wünscht sich, dass der ursprüngliche Zustand wiederhergestellt wird. Entfremdung bedeutet daher den Prozess des Fremdwerdens und zugleich den Wunsch nach einer Rückkehr zu einer unversehrten Einheit« (2014: 49).

Rohbeck macht auf einen wichtigen Punkt aufmerksam, indem er davon ausgeht, wenn jemand das Gefühl der Entfremdung bewusst empfindet, er sich etwas besseres – »nicht-negatives« – zurück wünscht. Dies impliziert aber auch zugleich, dass mit dem Bewusstwerden der Entfremdung an sich erstmal ein großer Schritt getan ist. Denn ein Großteil ist sich dem Zustand der Entfremdung nicht bewusst. Solange er sich dessen nicht bewusst sind, kann der Aufhebungsprozess der Entfremdung nicht erfolgen. Man muss hierbei das Zugeständnis eingehen, dass auch Johannes Rohbeck erkannt hat, dass die Feststellung der Entfremdung zugleich ihre Aufhebung impliziert. Allerdings benennt er im Gegensatz zu Schmied-Kowarzik (vgl. dazu 1988: 95-98) den Aspekt der Aufhebung nicht direkt, sondern umschreibt sie. Allerdings muss folgende Aussage kritisiert werden, dass allein die Feststellung der Entfremdung ausreichend zur Fragestellung führt, wie sie aufgehoben werden kann. Dies ist zu eindimensional gedacht: Entfremdung als solches und auch das Bewusstwerden dieser ist sicherlich sehr wichtig, aber die Geschichte hat gezeigt, dass dies allein nicht genügt, um den Aufhebungsprozess zu vollziehen. Es scheint also nicht ausreichend, sich der Entfremdung als solches bewusst zu sein. Vielmehr gehört ein weiterer bzw. gehören mehrere Bausteine dazu, um den Aufhebungsprozess in Gang zu bringen. Des Weiteren zeigt Rohbeck auf, dass er die Problemstellung äußerst realistisch betrachtet:

»Mit dem Entfremdungsbegriff können also Enttäuschungen diagnostiziert werde [sic!]. Aber zugleich liegt darin auch die Gefahr, dem Mythos einer heilen Welt anheimzufallen. Man macht sich Illusionen und sehnt sich nach einem Ursprung, der weder existiert hat noch erreichbar ist. An dieser Ambivalenz ist auch die Theorie von Marx zu messen. Es ist zu prüfen, ob nicht auch er einen solchen Ursprungsmythos postuliert« (2014: 49).

Er arbeitet heraus, dass man bei der Vergegenwärtigung der marxschen Entfremdungstheorie nicht der Illusion verfallen darf, es hätte je eine »heile« Welt gegeben oder es würde sie jemals geben. Eine ernüchternde Aussage, aber zugleich eine an die Realität angepasste. »Auf dem Teppich« bleiben lautet die Devise. Aber man sollte sich niemals entmutigen lassen. Vielmehr geht es darum, an der Utopie festzuhalten; das Maximale (auch wenn es surreal erscheinen mag) zu wollen, um das Mögliche zu erreichen. Die Frage innerhalb der Forschung lautet vielmehr, welche Intention Marx beim Verfassen der »entfremdeten Arbeit« (siehe dazu Marx 2005: 54-70) verfolgt hat.

1.1 Die Entfremdung vom (eigenen) Produkt der Arbeit

Karl Marx macht zu Beginn der »entfremdeten Arbeit« darauf aufmerksam, dass die Nationalökonomie rein zweckorientiert »vorgegangen« ist. Ihre Gesetze wurden als determiniert hingenommen und sollten (dürfen?) nicht weiter hinterfragt werden (vgl. Marx 2005: 54). Hierbei macht sich für den aufmerksamen Leser erstmalig eine Verbindungslinie zwischen den ökonomischen Verhältnissen und den folgenden Ausführungen zur Entfremdung deutlich.

Der Mensch entfremdet sich vom Produkt der Arbeit. Er produziert etwas, beispielsweise einen Stift. Der Stift gelangt an den Konsumenten. Niemand weiß mehr, von wem dieser Stift produziert wurde. Er hat sich von seinem Produzenten entfremdet. Ebenso ist der Stift nicht das Eigentum des Produzenten – dem Lohnarbeiter –, sondern er gehört dem Kapitaleigentümer; einer dem Lohnarbeiter fremden Person. Außerdem findet eine Glorifizierung statt, eine »Fetischisierung« des gefertigten Produktes - der Ware, welche auf religiöse Art und Weise glorifiziert wird.3 Der Mensch gerät unter die Ware. Das Subjekt tritt unter das Objekt. Das Objekt übt Macht aus; eine feindliche, dem Lohnarbeiter nicht-wohlgesonnene Macht (vgl. Marx 2005: 56). Marx selbst sagt,

»daß der Arbeiter zur Ware und zur elendsten [!] Ware herabsinkt, daß das Elend des Arbeiters im umgekehrten Verhältnis zur Macht und zur Größe seiner Produktion steht, daß das notwendige Resultat der Konkurrenz die Akkumulation des Kapitals in wenigen Händen, also die fürchterlichere [!] Wiederherstellung des Monopols ist, daß endlich der Unterschied von Kapitalist und Grundrentner wie von Ackerbauer und Manufakturarbeiter verschwindet und die ganze Gesellschaft in die beiden Klassen der Eigentümer und eigentumslosen Arbeiter zerfallen muss« (Marx 2005: 54f.).

[...]


1 Diese Arbeit ist vielmehr als ein »Arbeitspapier« zu verstehen. Es soll aufzeigen, wo wir gegenwärtig stehen und wo wir einmal stehen könnten. Ich danke meinem Freund und Dozenten Dominik Novkovic für seine zahlreichen Anregungen zum gesamten Thema »Karl Marx«.

2 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die zusätzliche Formulierung der weiblichen Form in dieser Hausarbeit verzichtet. Hiermit wird darauf hingewiesen, dass die ausschließliche Verwendung der männlichen Form explizit als geschlechtsunabhängig verstanden werden soll.

3 Nicht umsonst beginnt Marx die »Kritik der politischen Ökonomie« mit dem ersten Kapitel »die Ware«, um darauf unmissverständlich aufmerksam zu machen, dass die gesamte Logik des Kapitalismus auf der »Ware« fußt. Die Ware als zentrales Element der gesamten marxschen Kapitalismuskritik.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Erkennung und Aufhebung der Entfremdung durch Bildung des Menschen bei Karl Marx
Hochschule
Universität Kassel  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Seminar: "Bildung bei Karl Marx"
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
25
Katalognummer
V338768
ISBN (eBook)
9783668283800
ISBN (Buch)
9783668283817
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
erkennung, aufhebung, entfremdung, bildung, menschen, karl, marx
Arbeit zitieren
Alexander Syad Akel (Autor), 2016, Erkennung und Aufhebung der Entfremdung durch Bildung des Menschen bei Karl Marx, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/338768

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