Georg Heyms "Der Gott der Stadt" und "Der Krieg". Dämonen im Expressionismus


Hausarbeit, 2016

18 Seiten

Theresa Hoch (Autor)


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Über das Dämonische im Umfeld des Expressionismus
2.1 Gewalt
2.2 Anthropomorphisierung
2.3 Chaos

3. Über das Dämonische in Heyms Gedichten
3.1 Der Gott der Stadt
3.2 Der Krieg

4. Vergleich und Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

6. Anhang

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit setzt sich mit der Thematik auseinander, inwiefern das „Dämonische“ eine Rolle in expressionistischer Literatur gespielt hat, speziell in expressionistischer Lyrik. Die Fragestellung der Arbeit orientiert sich dabei daran, diese Aspekte des Dämonischen anhand zweier ausgewählter Gedichte von Georg Heym genauer zu betrachten. Dabei handelt es sich um die Gedichte „Der Gott der Stadt“ und „Der Krieg“. Welche expressionistischen Mittel lassen sich in Heyms Gedichten finden, die einen Bezug zur Thematik des Dämonischen vermuten lassen?

Dieser Frage soll nachfolgend nachgegangen werden.

Zunächst bietet die Arbeit diesbezüglich eine kurze Einleitung zur Thematik des Expressionismus, um einige Hintergründe aufzuzeigen, die die Untersuchung des Dämonischen verdeutlichen. Genauer eingegangen wird dann, zunächst anhand von einigen Unterpunkten, auf die Aspekte von Gewalt, Anthropomorphisierung und Chaos, die eine wesentliche Rolle in der expressionistischen Lyrik in Bezug zum Dämonischen spielen. Dies soll nachfolgend anhand der Beispiele der ausgewählten Gedichte Heyms verdeutlicht werden. Es wird ganz bewusst darauf verzichtet, jeweils eine allgemeine Gedichtinterpretation oder Analyse vorzunehmen. Ausarbeitungen zu diesen Themen sind schon zur Genüge vorhanden und der begrenzte Raum dieser vorliegenden Arbeit soll dafür verwendet werden, sich speziell auf die Thematik des Dämonischen mit zugehörigen Aspekten und genannten Unterpunkten zu beziehen.

Die Arbeit endet mit einer vergleichenden Schlussbetrachtung.

2. Über das Dämonische im Umfeld des Expressionismus

Bassie beschreibt, dass es im Expressionismus stets darum ging, den Versuch zu unternehmen, unterdrückten Aspekten der Psyche Raum zu verleihen bzw. zum Ausdruck zu kommen. Egal ob in Kunst Theater, Musik oder Literatur, immer lief es innerhalb der expressionistischen Darstellungsweise darauf hinaus, „das Unstatthafte, Gewaltsame, Chaotische, Ekstatische oder sogar Dämonische hervorzuheben. Eros und Thanatos, Sex- oder Todestrieb waren häufige, unterschwellige Themen.“[1]

Laut Paulinsky wäre der Expressionismus, so wie er in Deutschland stattgefunden hat, ohne die Entwicklung von Großstädten und die damit einhergehenden neuen Erfahrungsräume, welche auch und vor allem von Industrialisierung, Materialismus etc. geprägt waren, nicht möglich gewesen. Paulinsky spricht von der unmittelbaren Großstadterfahrung der Schriftsteller, die dazu geführt hat, dass entsprechende expressionistische Werke entstanden sind.[2]

Läufer beschreibt die Großstadt in diesem Zusammenhang als Phänomen, welches den jeweiligen Künstlern eine unermessliche thematische Vielfalt bot, auf welche sie sich innerhalb ihrer Werke beziehen konnten.[3]

Bei Paulsen wird der Expressionismus beschrieben als Symptom und Ausdruck einer weltweiten Krise in jeglichen Bereichen, in seiner Erscheinung aber vor allem in Deutschland als wesentlich geltend.[4]

Bei Daniels findet sich dazu die Erläuterung, dass vor allem in Deutschland Industrialisierung und technischer Fortschritt zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf einem sehr hohen Stand waren, was auch – neben der positiven Anerkennung – zu vielerlei kritischer Wahrnehmung und Äußerung geführt hat.[5]

Als typische Merkmale für expressionistische Lyrik sowie bevorzugte Themen können folgende Punkte gelten:

„Meist strenge und traditionelle Formen […], Zeilenstil und Simultanstil […], Bilderreichtum und meist surrealer Stimmungsgehalt, grelle, ausdrucksstarke Farbmetaphorik, beschwörende Eindringlichkeit der Sprache (Sprachmagie), Wortschöpfungen (Neologismen) und gewaltsame Eingriffe in die Sprache, die Ohnmacht und das Ausgeliefertsein des Individuums in einer von Gott verlassenen Welt […], die Bedrohlichkeit der Städte und Maschinen, Visionen des Untergangs („Weltende“), Wertverlust und Verfall der zwischenmenschlichen Beziehungen“.[6]

Diese Ohnmacht und das Ausgeliefertsein impliziert, wie sich auch im weiteren Verlauf der Arbeit bestätigen wird, die Erfahrung von einer scheinbar übernatürlichen, nicht mehr kontrollierbaren Macht, die zerstörerische Kräfte entfacht. Dieser Aspekt wird nun in den expressionistischen Darstellungsweisen oft als etwas Dämonisches dargestellt, das einhergeht mit Erscheinungen von Chaos und Gewalt. Der Mensch überhebt sich über die Natur, indem er dem Fortschritt und nur noch neuen Technologien huldigt. Die expressionistische Lyrik scheint darzustellen, wie der Mensch damit nach und nach die Kontrolle verliert und plötzlich dämonisch anmutende Kräfte frei werden, die den Menschen übersteigen und ihn am Ende – hervorgerufen durch den Menschen selbst und vielleicht durch seine Gier nach Fortschritt – zerstören.

2.1 Gewalt

Wie sich vor allem anhand der ausgewählten Gedichte zeigen wird, spielt der Aspekt der Gewalt eine große Rolle in der expressionistischen Lyrik.

Da der Expressionismus in diesem Zusammenhang offenbar besonders die nicht durchdachte Fortschrittsgier des Menschen darstellen und kritisieren will, werden zur Verdeutlichung der Thematik Beispiele herangezogen, die in meist personifizierter Form den bedrohlichen Verlauf dieser menschlichen Verhaltensweisen aufzeigen.

Üblich ist es hier bspw. – und dies geschieht auch in den nachfolgend untersuchten Gedichten – anhand des Bildes der Großstadt, übernatürliche, riesenhafte, dämonisch und teuflisch anmutende Personifikationen auftreten zu lassen. Diese dominieren das Geschehen des Gedichtes in der Form, dass sie als Handelnde Gewalt und Zerstörung bewirken. Der Gott Baal, die Personifikation des ersten Gedichtes, zerstört am Ende die Stadt. Und der Krieg, die Personifikation des zweiten Gedichtes, tut dies ebenfalls. Jeweils herrschen beide gewaltsam und triumphierend über Stadt und Menschen.

2.2 Anthropomorphisierung

Hier kommt der Aspekt der Anthropomorphisierung ins Spiel. Die dämonischen Personifikationen kommen nicht von irgendwoher aus der Unterwelt, vielleicht von einem verärgerten Gott, der die Menschen bestrafen will. Denn sie sind vielmehr durch den Menschen geschaffen. Sie verkörpern das vom Menschen Geschaffene, was sich in etwas Unaufhaltsames, Unkontrollierbares verwandelt. Es wird sich zeigen, dass der „Gott der Stadt“ nicht etwa ein Gott für die Stadt zu sein scheint, sondern vielmehr aus ihr gewachsen ist, aus ihr besteht. Und somit kam er zustande, durch das Sein der Menschen, durch die Menschen selbst. Es zeigt das Wesen der Menschen selbst und das, was es anrichten kann, wenn es möglicherweise in soetwas wie unkontrollierbare Gier ausartet.

Das Gleiche gilt für den personifizierten „Krieg“. Hier beschreibt Heym sogar noch sehr eindrucksvoll, wie die Menschen selbst mit Begeisterung diesen „Dämon“ erschaffen und ihn stark werden lassen, bis sie plötzlich merken, dass sie ein Wesen hervorgerufen haben, dass sich nun jeglicher menschlicher Kontrolle entzieht und in bloße Zerstörungswut umschlägt. Der Mensch hat jeweils aus sich selbst heraus diese dämonischen Kreaturen groß werden lassen. Es ist nichts Fremdes, was hier zerstört. Es sind menschliche Kräfte.

2.3 Chaos

Und diese Kräfte rufen nun im Weiteren großes Chaos hervor. Bereits die Aspekte der Industrialisierung, das Streben nach Fortschritt und Materiellem, die Gier nach neuen Technologien und der Glauben daran scheinen dieses Chaos zu zeigen oder zumindest heraufzubeschwören. Wichtig scheint hier auch der Aspekt der Vereinsamung des Individuums, der mit dem Fortschritt der Technik und so vor allem mit dem Leben in der Großstadt einhergeht.

Das Chaos beschreibt dieses unüberschaubare Zusammenleben der Menschen, das von Künstlichkeit und nicht mehr von natürlichen Vorgängen geprägt zu sein scheint. Zum anderen beschreibt der Aspekt von Chaos auch die große Verwüstung und Zerstörung, welche durch die beschriebenen dämonischen Kräfte einhergeht und anhand beider hier ausgewählten Gedichte deutlich zu Tage tritt.

Dann wiederum lässt sich jedoch annehmen, dass aus diesem völligen Chaos auch etwas Neues entstehen kann und das Chaos deswegen eintritt, um aufzuzeigen, dass eine Änderung der bestehenden Verhältnisse einsetzen muss. Hinweise darauf finden sich in beiden Gedichten gegen Ende. Baal, als Gott der Fruchtbarkeit, schafft vielleicht nach aller Zerstörung fruchtbaren Boden für Neues. Ähnliches kann man nach der Zerstörung durch den Krieg vermuten, die die Menschen im Prinzip zum Wiederaufbau und Umdenken zu zwingen scheint.

3. Über das Dämonische in Heyms Gedichten

3.1 Der Gott der Stadt

Das Gedicht „Der Gott der Stadt“ schrieb Georg Heym im Jahr 1910.[7] Die zentrale Figur des Gedichts ist der Gott Baal. Baal bedeutet übersetzt „Herr“. Der Baal, auf den sich das Gedicht bezieht, war ein kanaanitischer Obergott, der auf dem heiligen Berg mit Namen Saphon zu finden war. Dem Glauben nach war er derjenige, der die Macht über Fruchtbarkeit und Regen hatte. Symbolisch stehen mit ihm der Donnerhammer und der Stier in Verbindung.

Baal galt als Gegensatz zu einem anderen Gott - Mot, der den Tod und die Nicht-Fruchtbarkeit beherrschte. Baal hingegen war der Ordnungsstifter im Chaos. Der Sage nach war er gestorben und wieder auferstanden. Dieser Aspekt gilt als Darstellung des Wechsels der Jahreszeiten.[8]

Im Bertelsmann-Lexikon finden sich die Hinweise, dass der mythologische Baal im westlichen Asien als ein Gott betrachtet wird, der eher als Wohltäter gilt und in Verbindung steht zum Aspekt des Lebens und der Natur.

Im Hebräischen und im neuen Testament bekommt Baal jedoch dämonische Züge und wird mit dem Teufel gleichgesetzt. In diesem Zusammenhang kennt man die von Baal stammende Bezeichnung des Beelzebub.

Als Fruchtbarkeitsgott herrscht rund um das Wesen Baals in der Mythologie ein offenbar fröhliches und wildes Treiben. Die Erzählungen über ihn scheinen von Tanz und Musik geprägt zu sein und es finden sich Formulierungen wie die eines orgiastischen Taumels.[9]

Der Aspekt der Anthropomorphisierung, also der Annahme, dass Baal als Abbild des Menschen geschaffen wurde, hebt Rothe hervor.

„Der Mensch spricht zu Gott ‚in der 2. Person‘, das heißt als Existierender; von ihm in der 3. Person zu sprechen, hieße sich ein Bild von ihm machen, ihn zum Erkenntnisgegenstand im Sinne der alten Gottbeweise zu erniedrigen und ihm objektive Eigenschaften (…) unterstellen.“[10]

Die Formulierung ‚sich ein bzw. kein Bild von Gott zu machen‘, bietet Anknüpfungspunkte zur Bibel. In den biblischen Geboten findet sich jenes, das gebietet, sich kein Bildnis von Gott zu machen. Allmachtsvorstellungen beziehen sich jedoch auf göttliche Vorstellungen und haben in diesem Zusammenhang etwas Heidnisches. Rothe erläutert weiter, dass sich gegensätzlich dazu im Gedicht die Anrede in zweiter Person findet, das göttliche Du, das zum Menschen spricht. Es lässt sich hier ein Theomorphismus ausfindig machen, denn indem ein göttliches Du zum Menschen spricht, entwickelt der Mensch die Personalität von Gott. Baal tritt in diesem Sinne auf, als ein Gott, der vom Menschen geschaffen worden ist. Diese These wird offenbar nicht zuletzt durch die Tatsache stark gemacht, dass Heym für die Schilderungen über Baal die Er-Perspektive verwendet hat.

Bei Leiß und Stadler findet sich der Hinweis, dass die Formulierung eines Gottes der Stadt, so wie es im Titel des Gedichts heißt, bedeutet, dass dieser Gott gewissermaßen aus der Stadt entstanden ist. So interpretieren Leiß und Stadler den an Materialismus gebundenen Glauben an Fortschritt als eine moderne Art von Religion, besser formuliert: als einen Ersatz derselben. Dieser Ersatz für Religion soll weitergehend gleichsam davor schützen, in Barbarei abzurutschen. Barabarei ist hier in dem Sinne zu verstehen, dass damit die Zeit vor der hoch angepriesenen Zivilisation gemeint ist. Ursprüngliche Religion hingegen ist in diesem Sinne laut Leiß und Stadler als vorzivilisatorische Barbarei zu verstehen.[11]

[...]


[1] Bassie, Ashley: Expressionismus. New York: Parkstone International, Kroemer, 2008.

[2] Paulinsky, Britta: Die Stadt in der Lyrik des Expressionismus: Heyms und Lichtensteins Stadtansichten. B+M Publication, 2014, S. 3.

[3] Läufer, Bernd: Jakob van Hoddis: Der Varieté-Zyklus. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1992, S. 24.

[4] Paulsen, Wolfgang: Deutsche Literatur des Expressionismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1983, S. 12.

[5] Daniels, Karlheinz: Expressionismus und Technik. In: Rothe, W. (Hrsg.): Expressionisms als Literatur. Gesammelte Studien. Bern/München: Francke, 1969, S. 171.

[6] Lyrik des Expressionismus. Unter: Wikis.zum.de/zum/Lyrik_des_Expressionismus. Abgerufen am 25.9.15.

[7] Hartung, Harald: Heym, Georg. In: Killy, Walther: Literaturlexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache. Gütersloh/München: Bertelsmann, 1990, Bd. 5, S. 296-299, S. 298.

[8] Cotterell, Arthur: Die Welt der Mythen und Legenden. München: Droemer Knaur, 1990, S. 69.

[9] Bertelsmann Lexikon Discovery `97. Elektronische Ausgabe: Bertelsmann Electronic Publishing GmbH, München 1996. Stichwort: Baal.

[10] Rothe, Wolfgang: Der Mensch vor Gott: Expressionismus und Theologie. In: ders. (Hrsg.): Expressionismus als Literatur. Gesammelte Studien. Bern: Francke, 1969, S. 49.

[11] Leiß, Ingo/Stadler, Hermann (Hrsg.): Deutsche Literaturgeschichte. München: Dt.

Taschenbuchverlag, 1999, Band 8.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Georg Heyms "Der Gott der Stadt" und "Der Krieg". Dämonen im Expressionismus
Autor
Jahr
2016
Seiten
18
Katalognummer
V338804
ISBN (eBook)
9783668284425
ISBN (Buch)
9783668284432
Dateigröße
716 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
georg, heyms, gott, stadt, krieg, dämonen, expressionismus
Arbeit zitieren
Theresa Hoch (Autor), 2016, Georg Heyms "Der Gott der Stadt" und "Der Krieg". Dämonen im Expressionismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/338804

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