Kunst und Kulturindustrie aus der Sicht von Theodor W. Adorno

Eine Analyse mit Blick auf die amerikanische Hollywood-Industrie


Hausarbeit, 2015

12 Seiten, Note: 1,7

Agnes Gutt (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Theodor W. Adorno

2. Die Kulturindustrie
2.1 Herleitung der Kulturindustrie aus dem Begriff der „Aufklärung“
2.2 Kunst in der Kulturindustrie
2.3 Autonome Kunst als Gegenpol zur Kulturindustrie

3. Der Warencharakter von Kunst und Kultur

4. Das Marx’sche Erbe

5. Hollywood als Beispiel für die Kulturindustrie

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Kunst und andere Kulturgüter, wie Film oder Musik, sind in westlich-kapitalistischen Gesellschaften heutzutage selbstverständlich. Sie gehören zu unserem Alltag und sind für jedermann zugänglich, meist gegen Bezahlung. Doch das war nicht immer so. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wuchs die Kulturindustrie zu dem heran, was sie heute ist. Philosoph und Soziologe Theodor W. Adorno erlebte die Entstehung und Entwicklung des kulturindustriellen Apparats und widmete ihm ein Kapitel im Buch „Dialektik der Aufklärung“, dass er zusammen mit Max Horkheimer schrieb. Der Titel „Kulturindustrie-Aufklärung als Massenbetrug“ lässt erahnen, dass Adorno der Kulturindustrie eher skeptisch gegenüberstand. Für ihn ist Kunst nicht mehr das, was sie einmal war. Wieso und weshalb er eher pessimistisch auf die Entwicklung von Kunst und Kultur blickt, werde ich in meiner Hausarbeit erarbeiten. Hierfür werde ich zunächst auf Theodor W. Adorno persönlich eingehen. Eine knappe Darstellung seiner Biografie soll helfen, seine Ansichten nachvollziehen zu können. Anschließend werde ich die „Kulturindustrie“ nach Adorno genauer erläutern, welche aus dem Begriff der „Aufklärung“ herzuleiten ist. Ich möchte dann darauf eingehen, wie sich Kunst in der Kulturindustrie verhält und was der Unterschied zwischen autonomer Kunst und kulturindustriellen Produkten ist. Im darauffolgenden Kapitel geht es um den „Warencharakter“ von Kunst und Kultur. Für ein besseres Verständnis gehe ich hierfür auf Gedanken von Karl Marx ein.Illustrieren möchte ich die bis hierhin angeführten Punkte am Beispiel des „Hollywood-Kinos“.

1. Theodor W. Adorno

Theodor Wiesengrund Adorno, 1903 in Frankfurt am Main geboren, wuchs in einer großbürgerlichen Familie auf. Seine Mutter war Sängerin, sein Vater Weinhändler. (vgl. Blume & Zündorf 2015). Er selbst beschreibt sein familiäres Umfeld als politisch, musikalisch und künstlerisch interessiert (vgl. Mann & Adorno 2003: 27), die idealen Voraussetzungen für Bildung und geistige Entwicklung. Er studierte Psychologie, Philosophie, Soziologie und Musikwissenschaften in Frankfurt am Main, sowie Musiktheorie und Kompositionslehre in Wien. 1931 wurde er selbst Dozent an der Universität in Frankfurt am Main, jedoch wurde ihm 1933 die Lehrbefugnis entzogen, da er Jude war. Dies bewog ihn unter anderem dazu, in die USA zu emigrieren, genauer nach New York. Dort wurde er festes Mitglied des nach New York übergesiedelten Instituts für Sozialforschung. 1942 zog er nach Kalifornien, Los Angeles, um mit Max Horkheimer das Buch „Dialektik der Aufklärung“ zu verfassen. (vgl. Blume & Zündorf 2015)Die Erfahrungen, die Adorno in den USA sammelte, trugen zum bereits genannten Kapitel „Kulturindustrie - Aufklärung als Massenbetrug“ maßgeblich bei, da Amerika für ihn das Abbild des Kapitalismus war.Er, der musik- und kunstliebende Intellektuelle,musste dabei zusehen, wie Kulturgüter zu standardisierten Massenprodukten wurden. Zudem befürchtete er die immer größer werdende Macht des kulturindustriellen Apparats. Nachdem er bereits vor den Entwicklungen des Nationalsozialismus flüchtete, kann man seine eher pessimistischen Ansichten leichter nachvollziehen.

2. Die Kulturindustrie

„Das Wort Kulturindustrie dürfte zum ersten Mal in dem Buch Dialektik der Aufklärung verwendet worden sein, das Horkheimer und ich 1947 in Amsterdam veröffentlichten. In unseren Entwürfen war von Massenkultur die Rede. Wir ersetzten den Ausdruck durch ,Kulturindustrie‘, um von vornherein die Deutung auszuschalten, die den Anwälten der Sache genehm ist: daß es sich um etwas wie spontan aus den Massen selbst aufsteigende Kultur handele, um die gegenwärtige Gestalt von Volkskunst. Von einer solchen unterscheidet Kulturindustrie sich auf äußerste.“ (Adorno 1967: 337)

Wie Adorno hier selbst schreibt, handelt es sich bei der Kulturindustrie um etwas Planbares. Nicht das Volk bringt die Kultur hervor, sondern eine Industrie, die den Menschen vorgibt, was ihnen zu gefallen hat und was nicht. Doch wer oder was steht hinter diesem kulturindustriellen Komplex? Mit Kulturindustrie meint er die industrialisierte Produktion von Kultur, also von „Kulturgütern“.Kultur wird zu standardisierter Massenware. Kulturgüter werden zu Konsumgütern. Es entstand die Konsumgesellschaft. Jedoch kritisiert Adorno, dass die Kulturgüter nicht produziert werden, um die Bedürfnisse der Subjekte zu befriedigen oder um Aufklärungsarbeit zu leisten, sondern um sie zu manipulieren (vgl. Adorno & Horkheimer 1969/1988: 129). Die Bedürfnisse werden also vom System selbst erzeugt und werden bereits bei der Produktion miteinberechnet.Es handelt sich also nur um Pseudobedürfnisse. Das Individuum wird auf seine Konsumentenrolle reduziert.Es wird vom Subjekt zum Objekt. Wie Ulrich Paetzelschreibt: „Der industrielle Komplex, das Ensemble von Profitinteressen, Großkonzernen, Massenmedien, Medienprodukten, Technik und Verwaltung, habe entscheidende Auswirkungen auf den einzelnen Konsumenten und sein Bewußtsein.“ (2001: 1). Das Volk wird manipuliert, um nicht kritisch zu hinterfragen.Kultur soll also vom Denken abhalten. Die Vorstellungskraft und Spontanität der Individuen verkümmert somit (vgl. Adorno & Horkheimer 1969/1988: 134). Bewusstsein wird durch Anpassung ersetzt, Anpassung an das System und seine Ideologie. Ziel der Kulturindustrie sei die Aufrechterhaltung der herrschenden Ordnung und der Erhalt der bestehenden Gesellschaftsformation.Alles ist bereits vorgeformt, das Subjekt muss nicht mehr über den Tellerrand hinaus blicken. Verwundert ist Adorno über die widerstandslose Anpassung und Unterordnung. In der Kulturindustrie ist anscheinende kein Platz für Widerspruch. Es kommt zu einem Verlust der Identität sowie zu einer geistigen Stagnation. Die Ursachen für diese Entwicklungen sind für Adorno in der „Aufklärung“ zu suchen.

2.1 Herleitung der Kulturindustrie aus dem Begriff der „Aufklärung“

Um die Entstehung der Kulturindustrie nachvollziehen zu können, ist es notwendig, zunächst den Begriff der „Aufklärung“ genauer zu betrachten. Emanuel Kant prägte den Aufklärungsbegriff, den er wie folgt definiert: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines andern zu bedienen.“ (Kant 1999: 20) Ein aufgeklärtes Individuum soll also seinen Verstand ohne Furcht benutzen und selbst denken.Es soll sich bilden und durch rationales Denken hinterfragen.Die Aufklärung will also die Freiheit der Menschen erreichen. Adorno aber verstand Aufklärung als zunehmende technische Naturbeherrschung. „Sie wollten die Mythen auflösen und Einbildung durch Wissen stürzen“ (Adorno & Horkheimer 1969/1988: 9). Aufklärung verdrängte somit die religiöse Ordnung. Die Menschen wollten sich nicht länger der Natur unterordnen. Doch anstatt frei zu sein, ordneten sie sich wieder unter.

„Die von der Aufklärung betriebene Auflösung der metaphysischen Ordnung und Orientierung, wie sie von Religionen geboten wird, mündete nicht in einer haltlosen Isolation beziehungsloser Individuen und entsprechendem Chaos, sondern wider Erwarten wieder in Ordnung, nämlich der Medien“ (Leschke 2003: 178)

Alles was die Medien verbreiten, zielt darauf ab, das herrschende System zu bestätigen. Sie geben vor, wie man sich zu verhalten hat. Durch die immer gleichen Inhalte wird dem Publikum eine Meinung aufgedrückt. Sie informieren sich nicht mehr und glauben das, was ihnen gesagt und gezeigt wird. Adorno nennt es „Fesselung des Bewusstseins“(Adorno 1967: 345). Aufklärung sei der „totalen Betrug der Massen“ (Adorno & Horkheimer 1969/1988: 49). Sie sei lediglich ein Mittel zum Zweck, fesselt das Bewusstsein und verhindert somit die Bildung von autonomen, selbständig denkenden Individuen. (vgl. Adorno 1967: 345) Der Verstand ist nur noch auf Fortschritt ausgerichtet. Die Gleichschaltung des Denkens sorgte für das Funktionieren der industriellen Gesellschaft.Aufklärung muss somit als Voraussetzung für Kulturindustrie betrachtet werden.

2.2 Kunst in der Kulturindustrie

Kunst spielte eine große Rolle in Leben Adornos. Er äußerte heftige Kritik an der modernen Form von Kunst in der Kulturindustrie. Kunst wurde in Massen produziert und verlor ihren authentischen Charakter. Für Adorno sollte Kunst autonom sein. Sie sollte jede Art von Herrschaft in Frage stellen. Sie sollte auf Probleme der Gesellschaft aufmerksam machen. Sie sollte innovativ sein und sich nicht ökonomischen Prinzipien unterwerfen. Sie erfordert einen aktiven, konzentrierten Rezipienten, der sich intensiv mit ihr auseinandersetzt. (vgl. Paetzel 2001: 54f). Aber nun istsie nur noch Mittel zum Zweck.„Echte“ Kunst wird ersetzt durch kulturindustrielle Massenprodukte. Vor dem Zeitalter der Kulturindustrie gab es nur Wenige, die Zugang zu Kunst und Kultur hatten. Dies war Adeligen und Intellektuellen vorbehalten.

„Ernste Kunst hat jenen sich verweigert, denen Not und Druck des Daseins den Ernst zum Hohn macht und die froh sein müssen, wenn sie die Zeit, die sie nicht am Triebrad stehen, dazu benutzen können, sich treiben zu lassen. Leichte Kunst hat die autonome als Schatten begleitet. Sie ist das gesellschaftlich schlechte Gewissen der ernsten.“ (Adorno & Horkheimer 1969/1988: 143)

Kunst ist in der Kulturindustrie nun für jedermann zugänglich und wird vom System gesteuert. Kunst und Kultur haben nun eine ganz neue Funktion. Sie sollenzum „Amusement“ beitragen. Dieses Bedürfnis nach Unterhaltung ist für Adorno ein Beweis für die schlechten Arbeitsbedingungen. Das Amusement dient dazu, dem monotonen Arbeitsalltag von neuem gewachsen zu sein.(vgl. Adorno & Horkheimer 1969/1988: 145)

2.3 Autonome Kunst als Gegenpol zur Kulturindustrie

Nach Adorno muss autonome Kunst den von der Kulturindustrie in Gang gesetzten und ausgebeuteten Mechanismus brechen (vgl. Rebentisch 2003). Autonome Kunst dient also als Widerstand gegen den kulturindustriellen Apparat. Diese beiden Komplexe stehen in einem wechselseitigen Verhältnis zueinander. Die autonome Kunst dient als Gegenpol für die Kulturindustrie. Wesentliche Unterschiede zwischen Produkten der Kulturindustrie und autonomen Kunstwerken nach Adornofasst Ulrich Paetzel (vgl. 2003: 54f) zusammen:Während die autonome Kunst gesellschaftliche Widersprüche behandelt und Komplexität und Negativität beinhaltet, standardisiert die Kulturindustrie ihre Produkte. Es scheint nur so, als würde sie Neues hervorbringen, jedoch handelt es sich dabei um das Immergleiche. Sie ist resistent gegen Erneuerungen, während autonome Kunst innovativ ist. Durch ständiges Wiederholen steuert der kulturindustrielle Apparat die Reaktionen des Individuums. Sie erzeugt ‚unechte‘ Befriedigung. In autonomen Kunstwerken hingegen findet sich Individualität, Humanität und Streben nach höheren Lebensformen. Sie liefern noch ‚echte‘ Erfahrungen.Kulturindustrielle Produkte erfordern außerdem keine Anstrengungen.

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Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Kunst und Kulturindustrie aus der Sicht von Theodor W. Adorno
Untertitel
Eine Analyse mit Blick auf die amerikanische Hollywood-Industrie
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Philosophie, Wissenschaftstheorie und Religionswissenschaft)
Veranstaltung
Ethik und Ästhetik
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
12
Katalognummer
V338914
ISBN (eBook)
9783668284524
ISBN (Buch)
9783668284531
Dateigröße
511 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kunst, kulturindustrie, sicht, theodor, adorno, eine, analyse, blick, hollywood-industrie
Arbeit zitieren
Agnes Gutt (Autor), 2015, Kunst und Kulturindustrie aus der Sicht von Theodor W. Adorno, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/338914

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