Das narrative Interview und das Experteninterview. Ein Vergleich soziologischer Methoden


Hausarbeit, 2016

18 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das narrative Interview
2.1 Überblick
2.2 Theoretischer Hintergrund
2.3 Ablauf

3 Das Experteninterview
3.1 Überblick
3.2 Theoretischer Hintergrund
3.3 Ablauf

4. Vergleich
4.1 Offenheit für die subjektive Sicht des Interviewpartners
4.2 Strukturierungdes Gegenstands
4.3 Anwendungsbereich
4.4 Probleme der Durchführung
4.5 Grenzen der Methode

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das qualitative Interview gehört heutzutage zu den meistgenutzten Verfahren der qualitativen Sozialforschung. Dennoch existiert das qualitative Interview nicht. Der Begriff umreißt lediglich eine Vielzahl von Interviewformen, die in einer Vielzahl „verschiedene[r] methodisch[r] Varianten“ (vgl. Döring & Bortz 2016: 367) existieren und entlang spezifischer Kategorien voneinander unterschieden werden können.

Im Rahmen meiner Hausarbeit möchte ich zwei qualitative Interviewformen, das narrative Interview und das Experteninterview, anhand der von Uwe Flick (vgl. 2007: 272ff.) vorgeschlagenen Kategorien vergleichen. Diese Kategorien sind: die „Offenheit für die subjektive Sicht des Interviewpartners“, die „Strukturierung des Gegenstands“, der „Anwendungsbereichs“, die „Probleme der Durchführung“ so- wie die „Grenzen der Methode“ (ebd.). Flick schlägt zusätzlich eine sechste Kate- gorie vor, den „Beitrag zur allgemeinen Entwicklung der Methode des Interviews“ (ebd.), welche ich jedoch nicht im Rahmen meiner Hausarbeit erörtern werde, da sich diese Kategorie meines Erachtens weniger für den direkten Vergleich beider Interviewformen eignet.

Unter der „Offenheit für die subjektive Sicht des Interviewpartners“ versteht Flick den Grad an Freiheit, der dem Befragten zur Beantwortung der an ihn gerichteten Fragen eingeräumt wird. Die „Strukturierung des Gegenstandes“ beschreibt die Steuerung und Lenkung eines Interviews durch den Einsatz eines Leitfadens. Der „Anwendungsbereich“ umreißt den Einsatzbereich der jeweiligen Interviewform. „Probleme der Durchführung“ weisen auf Fallstricke während einer Interviewsi- tuation hin, wohingegen die „Grenzen der Methode“ die methodischen Limitie- rungen aufzeigen.

Im Rahmen der Hausarbeit beschreibe ich zunächst den theoretischen Hintergrund und den idealtypischen Ablauf beider Interviewformen in den Kapiteln zwei und drei, um dann, darauf aufbauend, den eigentlichen Vergleich des narrativen Inter- views und des Experteninterviews anhand der genannten Kategorien in Kapitel vier durchzuführen. In Kapitel fünf werden die gewonnenen Erkenntnisse im Rah- men eines Fazits präsentiert.

2. Das narrative Interview

2.1 Ü berblick

Beim narrativen Interview handelt es sich „um eine Spezialform des qualitativen Interviews“ (Lamnek 2010: 326), entwickelt Ende der 1970er Jahre von Fritz Schütze (1983).

Gegenstand der Erhebung durch narrative Interviews sind sowohl biographische Vorgänge als auch die sequentielle Reproduktion von Ereignissen, in welche der Befragte „handelnd und erleidend selbst verwickelt war“ (Schütze 1987: 49). Zu deren Darstellung dient eine Stegreiferzählung des Befragten, welche vom Inter- viewer mittels einer Erzählaufforderung initiiert wird. Dem Befragten wird die Möglichkeit eingeräumt auf die Erzählaufforderung, welche thematisch meist in Verbindung mit seiner eigenen Lebensgeschichte steht, „ohne Unterbrechungen, ohne Vorgaben und in großer Ausführlichkeit“ (Küsters 2014: 575) einzugehen. Anwendung findet das narrative Interview hauptsächlich in der biographischen Forschung, erfreut sich aber seit seiner Einführung durch Schütze steigender Be- liebtheit innerhalb der psychosozialen Beratungspraxis (vgl. Lamnek 2010: 370).

2.2 Theoretische Grundlagen

Die theoretische Grundlage der Methode bildet die von Fritz Schütze (Kallmeyer & Schütze 1977) entwickelte sogenannte Erzähltheorie. Maßgeblich wurde diese durch Untersuchungen aus dem Bereich der Soziolinguistik beeinflusst (Labov & Waletzky 1973), welche aufgezeigt hatten, dass es möglich ist, durch die Initiie- rung einer Stegreiferzählung, also einer spontanen und unvorbereiteten Erzählung, „Darstellungen zu erhalten, die analog zu den erinnerten Erlebnissen des Erzäh- lers aufgebaut sind“ (Küsters 2014: 576). Diese Erlebnisse schichten sich nach Schütze im Gedächtnis in Form von sogenannten vier „kognitiven Figuren“ auf (vgl. Kallmeyer & Schütze: 1977 ). Diese kognitiven Figuren sind: 1.) Der Erzähl- träger, 2.) die Erzählkette, 3.) die Situation und 4.) die thematische Gesamtgestalt. Der Erzählträger ist eine Person, die an dem vergangenen Geschehnissen han- delnd oder beobachtend beteiligt war. Die Erzählkette meint die chronologische und inhaltliche Abfolgen der verschiedenen Abschnitte des Geschehensablaufs vom Anfang bis zum Ende. Die Situationen sind aus der Ereigniskette herausge- löste Ereignishöhepunkte während die thematische Gesamtgestalt das Thema und die Moral der Erzählung subsumiert. Beim Zurückerinnern an ein vergangenes Er- eignis werden diese „abgelagerten kognitiven Figuren des Prozessgeschehens“ (Küsters 2006: 27) reproduziert. Sie sind notwendig für die Konsistenz und Ver- ständlichkeit einer Stegreiferzählung und üben in ihrer Wirkung sogenannte „Strukturierungszwänge“ auf den Erzähler aus. In Form der drei „Zugzwänge der Sachverhaltsdarstellung“ (Kallmeyer & Schütze 1977: 187) wirken sie sich auf das Erzählschema des Befragten aus. Zu den Zugzwängen gehören der 1.) Detail- lierungszwang, welcher dazu führt, dass sich die Stegreiferzählung an der Erzähl- kette orientieren muss, und zwar in dem Detailgrad, der für die Darstellung und das Verständnis der Erzählung notwendig ist. Der 2.) Gestaltschließungszwang drängt den Befragten dazu, seine angefangene Erzählung, oftmals auch gegen in- neres Widerstreben und Scham, zu Ende zu führen. Der 3.) Relevanzfestlegungs- und Kondensierungszwang führt dazu, dass nur solche Ereignisse erwähnt wer- den, die für die Erzählung von bedeutender Relevanz sind. Die Strukturierungs- zwänge wirken auf den Erzähler durch die direkte Interaktion mit dem Interview- er, welcher den Ausführungen zu folgen versucht, besonders stark (vgl. Kallmeyer & Schütze 1977: 168).

Das narratives Interview setzt also voraus, dass der Befragte selbst, handelnd und leidend (vgl. Schütze 1995), in die Ereignisse seiner Erzählung involviert war und die Erzählung in Form einer Spontanerzählung stattfindet.

Schlussendlich liefert das narrative Interview, so Schütze, „Datentexte, welche die Ereignisverstrickungen und die lebensgeschichtliche Erfahrungsaufschichtung des Biographieträgers so lückenlos reproduzieren, wie das im Rahmen systematischer sozialwissenschaftlicher Forschung überhaupt nur möglich ist“ (Schütze 1983: 285).

2.3 Ablauf

Küsters (2009: 54-66) identifiziert insgesamt elf Schritte des narrativen Inter- views. Während der 1.) Vorbereitung liegt das Hauptaugenmerk des Interviewers auf der Suche nach einem Interviewpartner, was Terminabsprachen beinhaltet, und der Vorbereitung einer als Erzählstimulus geeigneten Erzählaufforderung in das Interview. Vor dem unmittelbaren Beginn des Interviews, kommt es dann darauf an, Vertrauen zwischen dem Interviewer und Befragten aufzubauen, indem etwaige Sorgen und Ängste des Interviewten während eines 2.) Vorgesprächs ausge- räumt werden. Ebenfalls wird dabei der Ablauf des Interviews erläutert und die Erlaubnis zur Tonaufnahme erfragt. Im Anschluss wendet sich der Interviewer mit einer erzählgenerierenden Frage, dem 3.) Erzählstimulus, an den Befragten. Sollte der Interviewte Fragen zur Erählaufforderung haben, bietet sich eine 4.) Aushand- lungsphase und Ratifizierung des Stimulus an. Dabei muss der Interviewer den Befragten von der Sinnhaftigkeit seiner erzählgenerierenden Frage überzeugen und Erzählhemmungen oder -blockaden auf zu brechen. Beginnt der Befragte sei- ne 5.) Haupterzählung, gilt es für den Interviewer diesen nicht in seinen Ausfüh- rungen zu unterbrechen, um seinen Erzählfluss nicht zu stören. Seine Stegreifer- zählung beendet der Befragte selbstständig, in der Regel durch eine 6.) Koda ge- kennzeichnet.

Im Anschluss besteht die Möglichkeit für den Interviewer zunächst durch 7.) immanentes Nachfragen weitere Erzählungen zu stimulieren. Insbesondere Erzählstränge, die während der Haupterzählung nicht zu Ende erzählt wurden, sogenannte „Erzählstümpfe“ (Küsters 2016: 60), können auf diese Weise aufgegriffen und vertieft werden. Sind durch immanente Fragen keine weiteren Erzählungen zu erwarten, stellt der Interviewer 8.) exmanente Fragen an den Interviewten und fordert ihn somit zu direkten Antworten auf.

Beendet wird die Nachfragephase durch die 9.) Aufnahme soziodemographischer Daten, die bewusst erst gegen Ende des Interviews aufgenommen werden, „um nicht im Vorhinein die Erzählung zu fokussieren und zu verhindern, dass der Erzähler sonst nicht mehr ausführlich und indexikal, also mit konkreten Details, erzählt“ (Küsters 2009: 64) .

Während der Nachbereitung, nach Abschalten des Aufnahmegerätes, besteht die Möglichkeit für den Befragten sich mit dem Interviewer in einem 10.) Nachgespräch über sein Befinden auszutauschen und persönliche Bilanz über den Verlauf des Interviews zu ziehen.

Im direkten Anschluss an die Befragung wird ein 11.) Interviewprotokoll durch den Interviewer erstellt, welches unter anderem Beobachtungen bezüglich der Ge- sprächsatmosphäre, emotionaler Verfassung des Befragten und eigener Empfin- dungen beinhaltet.

3. Das Experteninterview

3.1 Ü berblick

Das Experteninterview wurde im deutschsprachigen Raum insbesondere durch Michael Meuser und Ulrike Nagel (1991) beeinflusst (vgl. Döring & Bortz 2016: 375). Im Kern handelt es sich bei einem Experteninterview um ein qualitatives In- terview mit einem Experten, welches darauf abzielt, das Expertenwissen des Be- fragten zu rekonstruieren (vgl. Pfadenhauer 2007). Im Mittelpunkt des Interviews steht folglich nicht der Befragte als Person, sondern in seiner Eigenschaft als Ex- perte. In der Regel wird das Experteninterview mit Hilfe eines Leitfadens geführt, was von Meuser und Nagel (2009: 472) aus methodischen und praktischen Grün- den ausdrücklich empfohlen wird. Darüber hinaus herrscht in der Methodenlitera- tur Uneinigkeit, welche Bedingungen ein Interview erfüllen muss um als Exper- teninterview zu gelten, welche Ziele ein Experteninterview verfolgt, und was un- ter den Begriffen Experte bzw. Expertenwissen zu verstehen ist (vgl. Brüsemeister 2016: 76). Zur Anwendung kommen Experteninterviews „in den verschiedensten Forschungsfeldern [...] oft im Rahmen eines Methodenmix, aber auch als eigen- ständiges Verfahren“ (Meuser & Nagel 1991: 441).

3.2 Theoretische Grundlagen

Der Experte und sein Wissen sind für die Forschung von großer Bedeutung, da da- von ausgegangen wird, dass „das Expertenwissen konstitutiv ist für das „Funktio- nieren“ moderner Gesellschaften“ (Bogner & Menz 2014: 4). Wie in Kapitel 3.1 angedeutet, herrscht jedoch innerhalb der Methodenlehre große Unstimmigkeiten darüber, was unter den Begriffen Experte und Expertenwissen zu verstehen ist und was das Ziel von Experteninterviews ist. Bogner und Menz (2014) liefern diesbe- züglich aufschlussreiche definitorische Zugänge. So unterscheiden sie drei Arten des Expertenbegriffs: 1.) den voluntaristischen Expertenbegriff, 2.) den konstruk- tivistischen Expertenbegriff und 3.) den wissenssoziologischen Expertenbegriff. Ein voluntaristischer Expertenbegriff wird unter anderem von Schütze (1983) be- nutzt. So ist nach seiner Auffassung jeder Mensch „Experte seiner selbst“ (Bogner & Menz 2014: 10), also Experte seiner eigenen Biographie. Ein voluntaristische Expertenbegriff ist in der Folge nur schwer zu Differenzieren und findet in der Methodendiskussion des Experteninterviews kaum Verwendung. Nach dem kon-

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Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Das narrative Interview und das Experteninterview. Ein Vergleich soziologischer Methoden
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,3
Jahr
2016
Seiten
18
Katalognummer
V338953
ISBN (eBook)
9783668285934
ISBN (Buch)
9783668285941
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Quantitative Sozialforschung, Soziologie, Politik, Sozialwissenschaften, narratives Interview, Experteninterview
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Das narrative Interview und das Experteninterview. Ein Vergleich soziologischer Methoden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/338953

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