Massenkultur zwischen Manipulation und Aufklärung


Hausarbeit (Hauptseminar), 1996

17 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 . Einleitung

2 . Resignierte Kritik - Zur Kultur- und Geschichtsphilosophie Adornos
2.1 . Kultur als Manipulation

3 . Walter Benjamin und das Eingedenken in das Unrecht der Vergangenheit
3.1 . Kultur als Aufklärung

4 . Massenkultur zwischen Manipulation und Aufklärung (Schlußwort)

5 . Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Massenmedien stehen seit ihrer Verbreitung immer wieder im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Die zu diskutierende Frage lautet dann zumeist: Inwieweit sind Fernsehen und Rundfunk mit einer demokratischen Meinungsbildung kompatibel?

Der wohl schärfste Gegner jeglicher Massenkultur[1] war der Soziologe und Philosoph Theodor W. Adorno. Vor dem Hintergrund seiner aus dem Faschismus resultierenden Geschichtsphilosophie, verwarf er jedoch nicht nur alle Kultur, sondern zugleich deren Kritik: „Alle Kultur nach Auschwitz, samt der dringlichen Kritik daran, ist Müll.“[2] In seinen soziologischen Schriften finden sich allerdings mehrere Aufsätze, die sich um die Problematik von Massenkultur bemühen. Die bedeutendste und zugleich wirkungsreichste Abhandlung findet sich indessen in der „Dialektik der Aufklärung“, genauer in dem mit dem Titel „Kulturindustrie“[3] überschriebenen Kapitel.

Gegenüber der kulturpessimistischen Analyse Adornos, hatte der Philosoph Walter Benjamin Mitte der 30er Jahre in seinem berühmt gewordenen „Kunstwerkaufsatz“[4] versucht, die aufkommende Verbreitung von Kultur durch Massenmedien wie den Film unter anderem als Vollendung des Dadaismus zu begreifen, und sie damit, allen affirmativen Charakter absprechend, der revolutionären Umgestaltung der Gesellschaft verpflichtet

Gegenüber beiden Positionen soll schließlich der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas als Synthese eingeführt werden. Dieser sieht in den Massenmedien sowohl die Möglichkeit zur Aufklärung, als auch die Möglichkeit der Manipulation. Er gewinnt diesen Standpunkt aus der Überwindung der Subjektphilosophie

Die folgende Abhandlung stellt also weniger die ästhetische Dimension massenmedialer Kultur in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung, als vielmehr das von den angegebenen Denkern primär problematisierte Verhältnis von Kultur, bzw. Massenmedien, und Gesellschaft. Auf die explizite Auseinandersetzung Adorno-Benjamin soll dabei nicht eingegangen werden.

2. Resignierte Kritik - Zur Kultur- und Geschichtsphilosophie Adornos

In der Faschismusdebatte des Instituts für Sozialforschung[5] zeichnete sich der Freund und Mitarbeiter von Adorno, Max Horkheimer, durch die These aus, in Deutschland sei der Markt zugunsten der Befehlsgewalt gewichen. Gegenüber dem Verdikt Neumanns, der Faschismus sei als „totalitärer Monopolkapitalismus“[6] mit Marktpräferenz zu verstehen, galt ihm derselbe, wie auch der Stalinismus in der Sowjetunion, als Staatskapitalismus[7]. Der Liberalismus sei in die Steuerung der Gesellschaft durch die Befehlsgewalt der Administration übergegangen. Daraus ergab sich, meiner Ansicht nach, eine entscheidende Weichenstellung für die Kritische Theorie: Hatte Horkheimer noch in der frühen 30er Jahren an der marxschen „Kritik der politischen Ökonomie“ festgehalten, konvertierte diese jetzt zur „Kritik der instrumentellen Vernunft“.

Zusammen mit Theodor W. Adorno kulminierte dieser Versuch einer Neufassung der kapitalistischen Gesellschaft in der „Dialektik der Aufklärung“. Dort versuchten die beiden Philosophen die faschistische Ära nicht mehr aus den Bewegungsgesetzen des Marktes abzuleiten, sondern reihten die Ausartungen der Hitlerdiktatur in eine pessimistische Geschichtsauffassung ein. Die marxsche Hoffnung auf den emanzipatorischen Effekt der Produktivkraftentwicklung wurde schließlich ins Gegenteil gewendet, der zivilisatorische Prozess als fortschreitende Regression gedeutet. „Seither bildet die auf objektivierendes Denken eingeschränkte Kategorie der Rationalität für Adorno den Schlüssel für eine kritische Theorie der Gesellschaft. Er gewinnt sie mit Horkheimer in einer Generalisierung der Marxschen Kapitalismuskritik, die es zulassen soll, nicht nur die Geschichte der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, sondern den gesamten Zivilisationsverlauf unter der theoretischen Perspektive wachsender Verdinglichung zu betrachten.“[8]

Unter ästhetischen Gesichtspunkt bedeutet dies die Preisgabe des Besonderen im Allgemeinen, oder wie Max Horkheimer formulierte: „Die Vernunft ist gänzlich in den gesellschaftlichen Prozess eingespannt. Ihr operativer Wert, ihre Rolle bei der Beherrschung der Menschen und der Natur, ist zum einzigen Kriterium gemacht worden. Die Begriffe wurden auf Zusammenfassung von Merkmalen reduziert, die mehrere Exemplare gemeinsam haben. Indem sie eine Ähnlichkeit bezeichnen, entheben die Begriffe der Mühe, die Qualitäten aufzuzählen, und dienen so dazu, das Material der Erkenntnis besser zu organisieren.“[9]

Adornos Hauptstoßrichtung galt dann auch der Kritik der Begrifflichkeit, wie sie unter anderem in den objektiven Wissenschaften, bzw. im Positivismus, zu finden ist. Der Versuch der Subsumtion alles Konkreten unter die Herrschaft des Verallgemeinerten wurde ihm zum Ausdruck der spätkapitalistischen Gesellschaft. Da eine philosophische Kritik jedoch mit denselben Begriffen arbeiten muss, verpflichtete er die Philosophie zur Selbstkritik. „An ihr ist die Anstrengung, über den Begriff durch den Begriff hinauszugelangen.“[10] Ziel dieser Selbstkritik sollte es sein, dass Nichtidentische wieder denken zu können, und so einen Versöhnungsprozess mit der Natur zu erreichen.[11] Das Problem, dass Adorno sich stellte war damit jedoch keineswegs gelöst. Er mußte zeigen können, wie eine Annäherung an die Natur möglich wäre, bzw. wie sich seine „Utopie der Erkenntnis [...], das Begrifflose mit Begriffen aufzutun, ohne es ihnen gleichzumachen“[12] gestalten ließe.

Neben dem Verbrecher[13] galt ihm schließlich vor allem die Kunst als Paradigma solcher Naturerfassung bzw. Wirklichkeitserkenntnis. So heißt es in der „Ästhetischen Theorie“: „Wie verklammert das Naturschöne mit dem Kunstschönen ist, erweist sich an der Erfahrung, die jenem gilt. Sie bezieht sich auf Natur einzig als Erscheinung, nie als Stoff von Arbeit und Reproduktion des Lebens, geschweige denn als das Substrat von Wissenschaft. Wie die Kunsterfahrung, ist die ästhetische von der Natur eine von Bildern. Natur als erscheinendes Schönes wird nicht als Aktionsobjekt wahrgenommen.“[14]

Diese Überlegungen sollten den Hintergrund widerspiegeln, vor dem die kultursoziologischen Betrachtungen Adornos in Bezug auf die Massenmedien stehen. Auf die Versuche Adornos Freiheit in bestimmten Kunstwerken zu bestimmen, kann hier nicht eingegangen werden. Vielmehr soll im folgenden die Kritik an der „Kulturindustrie“ dargestellt werden.

2.1. Kultur als Manipulation

Die soziologische Analyse des Spätkapitalismus Adornos lässt sich zusammenfassen in der These, dass gegenüber der liberalistischen Ära in den 20er Jahren, ein bürokratisches Management die direkte Kontrolle von Wirtschaft und Gesellschaft übernommen hat.[15] Die Kulturindustrie, die Massenmedien, erfüllen nun den Zweck, diese Herrschaft zu stabilisieren: „Verhindert die Einrichtung der Gesellschaft, automatisch oder planvoll, durch Kultur- und Bewusstseinsindustrie und durch Meinungsmonopole, die einfachste Kenntnis und Erfahrung der bedrohlichsten Vorgänge und der wesentlichen kritischen Ideen und Theoreme; lähmt sie, weit darüber hinaus, die bloße Fähigkeit, die Welt konkret anders sich vorzustellen, so wird der fixierte und manipulierte Geisteszustand ebenso zur realen Gewalt, der von Repression, wie einmal deren Gegenteil, der freie Geist, diese beseitigen wollte.“[16] Der Untertitel zur der Passage über die Kulturindustrie in der „Dialektik der Aufklärung“ lautet daher auch konsequenterweise „Aufklärung als Massenbetrug“[17].

Um die These des „manipulierten Geisteszustandes“ plausibel zu machen, muss Adorno jedoch die große Errungenschaft der Aufklärung, das autonome Subjekt, leugnen. Er muss schließlich den Rezipienten der industriellen Kulturgüter zum reduzierten Objekt medialer Beeinflussung deformieren lassen. „Bekämpft wird der Feind,“, so schreibt er, „der bereits geschlagen ist, das denkende Subjekt.“[18] und „Objekte bleiben sie in jedem Fall.“[19]

[...]


[1] Adorno selber hat den Begriff Massenkultur als Verharmlosung verworfen, da er, seiner Ansicht nach, die Konnotation der Spontaneität der Massen impliziere. Vgl. Theodor W. Adorno: Résumé über Kulturindustrie, in: ders.: Gesammelte Schriften Bd.10.1, Frankfurt 1977, 1 Aufl., S. 337 ff.; Ich werde im Folgenden diesen Einwand unberücksichtigt lassen.

[2] Theodor W. Adorno: Negative Dialektik, Frankfurt 1992, 7. Aufl., S. 359

[3] Vgl. Theodor W. Adorno/ Max Horkheimer: Dialektik der Aufklärung, in: Max Horkheimer: Gesammelte Schriften Bd. 5, Frankfurt 1987, S. 144

[4] Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, Frankfurt 1992

[5] Vgl. dazu Helmut Dubiel/ Alfons Söllner: Die Nationalsozialismusforschung des Instituts für Sozialforschung - ihre wissenschaftsgeschichtliche Stellung und ihre gegenwärtige Bedeutung, in : dies. (Hrsg.): Wirtschaft, Recht und Staat im Nationalsozialismus, Frankfurt 1984, 1. Aufl., S. 7-33

[6] Franz Neumann: Behemoth, Frankfurt 1988, S. 313

[7] Vgl. Max Horkheimer: Autoritärer Staat, in: ders.: Gesammelte Schriften Bd.5, Frankfurt 1987, S. 293-320

[8] Axel Honneth: Kritik der Macht, Frankfurt 1994, 2. Aufl., S. 49

[9] Max Horkheimer: Zur Kritik der instrumentellen Vernunft, Frankfurt 1992, S. 30

[10] Theodor W. Adorno (1992), S. 27

[11] Die Utopie Adornos war, die Subjektivität, die nur noch von außen der Natur als zweckgerichtetes Manipulationsfeld gegenüberstand, wieder mit dieser zu versöhnen, indem die Vielfalt der Natur in ihrer Gänze wahrgenommen wird. Vgl. Adorno (1992), S. 18: „Versöhnung wäre das Eingedenken des nicht länger feindseligen Vielen, wie es subjektiver Vernunft anathema ist.“

[12] Theodor W. Adorno (1992), S. 21

[13] Vgl. Theodor W. Adorno/ Max Horkheimer: Dialektik der Aufklärung, in: a.a.O., S. 257 ff.

[14] Theodor W. Adorno: Ästhetische Theorie, Frankfurt 1995, 13. Aufl., S. 103

[15] Vgl. Adorno: Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft?, in: ders.: Gesellschaftstheorie und Kulturkritik, Frankfurt 1975, 1. Aufl., S. 167: „Diese [die Produktionsverhältnisse, R.B.] sind nicht länger mehr allein solche des Eigentums, sondern der Administration, bis hinaus zur Rolle des Staates als des Gesamtkapitalisten.“; Die Faschismusanalyse Horkheimers und Pollocks wird hier auf die Nachkriegsgesellschaften übertragen, ohne den Veränderungen Rechnung zu tragen.; Vgl. auch Axel Honneth (1994), S. 85 ff.

[16] Theodor W. Adorno: Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft?, in: ders. (1975), S. 168

[17] Vgl. Theodor W. Adorno/ Max Horkheimer: Dialektik der Aufklärung, in: Max Horkheimer: Gesammelte Schriften Bd. 5, Frankfurt 1987, S. 144

[18] Ebd., S. 175

[19] Ebd., S. 173; Vgl. auch Theodor W. Adorno: Résumé über Kulturindustrie, a.a.O., S. 337

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Massenkultur zwischen Manipulation und Aufklärung
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Seminar: Kritische Theorie der Kultur I
Note
sehr gut
Autor
Jahr
1996
Seiten
17
Katalognummer
V3390
ISBN (eBook)
9783638120791
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Adorno, Benjamin, Medientheorie, Kulturtheorie, Geschichtsphilosophie
Arbeit zitieren
Raphael Beer (Autor), 1996, Massenkultur zwischen Manipulation und Aufklärung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3390

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