In der Epoche der Romantik war die Ballade eine der beliebtesten Gattungen. In keiner anderen Epoche wurden so viele Balladen geschrieben, und in keiner anderen Epoche wurde diese Gattung so sehr gepflegt wie es in der Romantik der Fall war. Besonders in den slavischen Literaturen kam der Ballade eine enorme Bedeutung zu.
Das Interesse dieser Arbeit gilt einem besonderen Balladentypus und zwar dem Typus der naturmagischen Ballade. Diese Arbeit soll die Besonderheit der Entwicklung der russischen naturmagischen Ballade in der Epoche der Romantik darstellen.
Die russische Balladenforschung begrenzt sich hauptsächlich auf zwei, auch in dieser Arbeit oft angewendete, wissenschaftliche Untersuchungen. Die erste Arbeit, und zwar “Die Geschichte der russischen Ballade“ von F.W. Neumann aus dem Jahre 1936 stellt einen Versuch dar, die Ballade in Russland seit ihren Anfängen im 18 Jahrhundert bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zu untersuchen. Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf dem literaturgeschichtlichen Aspekt. Die einzelnen Balladentypen werden dabei nicht konsequent und gründlich untersucht und die Entwicklungslogik wird nicht außerordentlich behandelt. Der Autor verzichtet auf die traditionelle Einteilung der Epoche in Früh-, Hoch-, und Spätromantik und differenziert nur zwischen der empfindsam-romantischen und der realistisch-romantischen Ballade. Die Mehrzahl der Texte wird überhaupt nicht analysiert.
Die zweite Arbeit von Michael R. Katz “The Literary Ballad in Early Nineteenth Century Russian Literature“ von 1976 beschäftigt sich konkreter mit der Ballade der Romantik. Die Textanalysen konzentrieren sich meistens auf die Behandlung der Stilistik. Die Besonderheiten der Entwicklung der Ballade im 19. Jahrhundert werden nicht untersucht.
Andere, weniger bedeutende wissenschaftliche Untersuchungen zu der russischen Ballade, beschäftigen sich überwiegend mit dem Balladen-Werk von V.A. Zukovskij.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. THEORIE UND GESCHICHTE DER ROMANTISCHEN BALLADE
2.1.Ballade als typische Gattung der Romantik
2.1.1 Gattungssynkretismus
2.1.2 Romantischer Folklorismus
2.1.3 Phantastik des Unheimlichen
2.2.Die naturmagische Ballade
2.2.1. Die naturmagische Ballade als ein Typus der numinosen Ballade
2.2.2. Die Wald- und Wassermagische Ballade als Typen der naturmagischen Ballade
3. DIE FRÜHROMANTISCHE BALLADE
3.1. Die naturmagische Ballade in der Frühromantik
3.2. Archaisten vs. Karamzinisten
3.3. Katenin "Lešij"
4. DIE HOCHROMANTISCHE BALLADE
4.1. Die naturmagische Ballade in der Hochromantik
4.2. Žukovskij “Rybak“
4.3. Puškin “Rusalka“
4.4. Puškin “Besy“
5. DIE SPÄTROMANTISCHE BALLADE
5.1. Die naturmagische Ballade in der Spätromantik
5.2. Lermontov “Rusalka“
5.3. Lermontov “Morskaja carevna“
6. SCHLUSSBEMERKUNG
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende wissenschaftliche Arbeit untersucht die Entwicklung und die spezifischen Merkmale der naturmagischen Ballade in der russischen Romantik. Im Fokus steht dabei die Analyse der poetischen Struktur, der Sujetlogik und des Einflusses der romantischen Naturphilosophie auf die Ausgestaltung dieses speziellen Balladentypus in verschiedenen Phasen der russischen Literaturgeschichte.
- Die Gattung der Ballade als zentrales Ausdrucksmittel der Romantik.
- Differenzierung der naturmagischen Ballade gegenüber totenmagischen Balladen.
- Diachrone Untersuchung der russischen Ballade: Früh-, Hoch- und Spätromantik.
- Wechselspiel zwischen dem "menschlichen" und dem "außermenschlichen" Reich.
- Einfluss von Naturmythologie, Folklore und philosophischen Strömungen wie der Naturphilosophie.
Auszug aus dem Buch
3.3. Katenin „Lešij“
Die Ballade „Lešij“ von P.A. Katenin entstand im Jahre 1815 und ist somit die erste russische naturmagische Ballade überhaupt. Typologisch gehört sie zu der Gruppe der naturmagischen Balladen, in denen das Numinose in dem Wald lokalisiert, und durch Waldgeister verkörpert wird. Repräsentativ für diese Balladenart sind J. von Eichendorffs Balladen „Die Zauberin im Walde“, „Waldgespräch“ und „Zauberblick“ oder in den slavischen Literaturen „Lilie“ von J.K. Erben und „Toman a lesní panna“ von F.L. Čelakovský. Allerdings tritt in den genannten Waldballaden das Außermenschliche in der Natur in der Gestalt einer schönen, verlockenden Frau auf. Bei Katenin wird dagegen das Außermenschliche durch einen alten Mann, einen Waldgeist, repräsentiert.
Der alte Glaube an Waldgeister brachte Herrn Katenin auf den Gedanken, eine Ballade zu verfassen, deren Wunderbares wir im Volksmärchen vernehmen könnten: eine Eigenschaft, die unumgänglich ist, damit eine Ballade uns nicht als ausgedachte Unsinnigkeit des Autors erscheint (Bachtin, zit. nach Rothe: 137).
In der Waldballade von Goethes „Erlkönig“ wird das Außermenschliche ebenso durch eine männliche Gestalt dargestellt.
Die Ballade wird mit der Erzählerrede begonnen, der den abendlichen Zustand der Natur schildert. Dadurch wird schon vorab eine unheilbringende Stimmung geschaffen (V.1-4):
Krasnoe solnce za lesom selo
Dlinnye teni steljutsja s gor.
Čistoe pole stichlo,stemnelo;
Strašno černeet izdali bor.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Darstellung der Bedeutung der Ballade in der Romantik und Zielsetzung der Untersuchung des Typs der naturmagischen Ballade.
2. THEORIE UND GESCHICHTE DER ROMANTISCHEN BALLADE: Theoretische Grundlegung durch Gattungssynkretismus, Folklorismus und die Phantastik des Unheimlichen sowie Definition des numinosen Balladentyps.
3. DIE FRÜHROMANTISCHE BALLADE: Analyse der Balladendichtung in der russischen Frühromantik unter besonderer Berücksichtigung der "Schuld-Strafe"-Logik und Katenins "Lešij".
4. DIE HOCHROMANTISCHE BALLADE: Untersuchung der Blütezeit der naturmagischen Ballade und der verstärkten Rezeption der deutschen Naturphilosophie bei Žukovskij und Puškin.
5. DIE SPÄTROMANTISCHE BALLADE: Betrachtung der Erneuerung der Gattung durch Lermontov, bei der das Menschliche wieder als vernichtende Kraft auftritt und die Fremdheit der Welten betont wird.
6. SCHLUSSBEMERKUNG: Zusammenfassender Überblick über die diachrone Entwicklung der Gattung von der Früh- bis zur Spätromantik.
Schlüsselwörter
Russische Romantik, naturmagische Ballade, numinose Ballade, Gattungssynkretismus, Volkstümlichkeit, Naturphilosophie, Rusalka, Katenin, Žukovskij, Puškin, Lermontov, Phantastik des Unheimlichen, Schuld-Strafe-Logik, Folklorismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die spezifische Entwicklung und die poetologischen Merkmale der naturmagischen Ballade in der russischen Romantik.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Affinität der Balladengattung zur Romantik, die Rolle von Naturmagie und Folklorismus sowie der Konflikt zwischen menschlicher und außermenschlicher Sphäre.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, den speziellen Typus der naturmagischen Ballade und dessen Entwicklungslogik innerhalb der russischen romantischen Literatur darzustellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die theoretische Grundlagen (z. B. zur numinosen Ballade) mit Textanalysen repräsentativer Werke verbindet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich nach den Epochenabschnitten Früh-, Hoch- und Spätromantik, um die spezifischen Wandlungen in Struktur und Inhalt der Balladen aufzuzeigen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind unter anderem russische Romantik, naturmagische Ballade, Folklorismus, Naturphilosophie und der Konflikt zwischen Mensch und Außermenschlichem.
Was unterscheidet die naturmagische Ballade von der totenmagischen Ballade?
In der totenmagischen Ballade wird das "Außermenschliche" durch Tote repräsentiert, während in der naturmagischen Ballade die Naturkräfte selbst (Wald- oder Wassermagie) als geheimnisvolle, irrationale Mächte agieren.
Welchen Einfluss hatte die Naturphilosophie auf die russische Ballade?
Die Rezeption der deutschen Naturphilosophie (z. B. Schelling) führte dazu, dass die Natur nicht mehr nur als Kulisse, sondern als lebendiger, mystischer Organismus und als Offenbarung des "Ganz Anderen" begriffen wurde, was die naturmagische Ballade zur Blüte brachte.
- Citation du texte
- Margarita Engelbrecht (Auteur), 2004, Naturmagische Ballade in der russischen Romantik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33900