Der Zyklus "Schwarzmaut" von Paul Celan. Ein Selbstgespräch

Das "Du" als Instanz im Monolog des Dichters


Term Paper, 2015
18 Pages, Grade: 1,3
Anonymous

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Inhaltsverzeichnit

Kapitel

1. Einleitung

2. Der Dialog in der Lyrik

3. Das Ich, das Du und das Gedicht als Selbstbegegnung

4. Analyse und Interpretation von „Abglanzbeladen“

5. Die Rolle des Du in ausgewählten Beispielen
5.1 Hörreste, Sehreste
5.2 Wir lagen
5.3 Freigegeben
5.4 Aus Verlornem / Was uns

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Alle Dichtung ist Gespräch.“1 Was Martin Buber in seinem Werk „Daniel - Gespräche von der Verwirklichung“ schreibt, nahm sich auch Paul Celan zu Herzen. Doch ist in Celans Gedichtzyklus „Schwarzmaut“ - anders als bisher angenommen - nicht alle Dichtung vielmehr Selbst-Gespräch? In der Forschung wird häufig davon ausgegangen, dass mit dem „Du“ in den Gedichten Paul Celans seine Frau Gisèle Celan-Lestrange gemeint ist, andere sind der Meinung, Celans Mutter, Freunde des Dichters oder Gott seien dadurch angesprochen. Doch der 1968 entstandene und 1970 im Gedichtband „Lichtzwang“ veröffentlichte Zyklus „Schwarzmaut“ ist zum Großteil in der psychiatrischen Anstalt Saint-Anne in Paris entstanden, in welche sich Celan im Februar 1967 selbst einweisen ließ2. Dies musste geschehen, nachdem er am 24. November der Vorjahres versucht hatte, seine Frau mit einem Messer zu verletzen. Am 31. Januar unternahm Celan dann den Versuch, sich selbst durch einen Messerstich zu töten. Hierbei verletzte er seinen rechten Lungenflügel und wurde in der Klinik Saint-Anne behandelt.

In der Nervenheilanstalt war es ihm nur erlaubt, über Briefe Kontakt zu seiner Frau und seinem Sohn Eric zu halten. Durch diesen Briefwechsel wurde der Entstehungsprozess der Schwarzmaut-Gedichte gut dokumentiert und häufig geben die Briefe auch Hinweise auf verschiedene Auslegungsmöglichkeiten. Außerdem verfasste Celan in den Briefen die Interlinearübersetzungen in das Französische für seine Frau, die des Deutschen nicht mächtig war. Aus diesen Übersetzungen, die meist ein wenig deutlicher formuliert waren als das deutsche Äquivalent, gehen einige Interpretationsansätze hervor; diese geben wohl die vom Dichter selbst angedachte Richtung genauer vor.

In der Dichtung Celans geht es oft um Begegnungen und Gespräche, die stattfinden, oder, was häufiger der Fall ist, nicht die Möglichkeit haben, stattzufinden. Diese Dialoge können zwischen Dichter und Leser stattfinden, aber auch innerhalb des Gedichtes zwischen einem Ich und einem Du. Dieser Dialog kann allerdings auch innerhalb ein und derselben Person stattfinden. Dies kann, muss aber nicht, in Form eines Monologes stattfinden, doch häufig werden, besonders in der Lyrik, Personalpronomen wie „Du“ und „Er“ als Gesprächspartner eingesetzt, die dennoch das Ich selbst meinen. In den Gedichten des Zyklus Schwarzmaut kommen diese Personalpronomen häufig vor; vor allem das „Du“ wird vielfach angesprochen. In der nun folgenden Interpretation des Gedichtes „Abglanzbeladen“ lässt dich zu der Bedeutung der Personalpronomen eine Frage stellen: Kann das „Du“ auch für den Dichter selbst stehen? Kann ein kompletter Zyklus voller Begegnungen und Dialoge ein einziges Selbstgespräch darstellen? Hier steht man als Celan-Interpret vor der Möglichkeit, „Formulierungen zu finden, die sich auf mehr als ein Gedicht anwenden lassen können - vielleicht auf einen ganzen Gedichtzyklus“ oder „der Fragmentierung“, bei der man „sich für eine Analyse der Besonderheiten [...] des je einzelnen Gedicht entscheidet.“3 Um hierbei nicht Gefahr zu laufen, eine dieser beiden Möglichkeiten zu vernachlässigen, wird nun für den Zyklus im Allgemeinen hinterfragt, ob es sich um ein Selbstgespräch handeln könnte, um dann diese These im Einzelnen anhand des „Du“ als Instanz des Selbstgespräches an ausgewählten Gedichten zu begründen.

2. Der Dialog in der Lyrik

Immer und immer wieder ist man als Leser der Celanschen Dichtung konfrontiert mit Begegnung und Gespräch, ob tatsächlich stattfindend oder nicht. Der im Gedicht vorkommende Dialog kann durch Dialog-Instanzen kenntlich gemacht werden, oft kommen aber auch diese nicht vor und das Gespräch muss erst als solches erkannt und entschlüsselt werden. Doch meistens ist der Dialog durch Personalpronomen erkennbar, es wird ein Du angesprochen, es erzählt ein Ich, ein Er wird beschrieben. Hierbei wird eine Position immer vom Dichter selbst eingenommen, denn „der Dichter hat aus einem seiner Gegensatzpaare den einen Pol zum Absoluten erhoben und spricht ihn an, sich selbst dem anderen Pol gleichsetzend.“4. Paul Celan las wohl um 1960 genau dieses Zitat Bubers und beschäftigte sich mit dessen Theorie der Polarität und der Position des Dichters im Gespräch der Dichtung.5 Vom Gespräch und dem Dialog in der Dichtung spricht Celan auch in seiner berühmten Rede zur Verleihung des Büchner-Preises 1960: „Das Gedicht wird [...]; es wird Gespräch - oft ist es verzweifeltes Gespräch.“6 Auch schon bereits zwei Jahre zuvor bei seiner Entgegennahme des Literaturpreises der Stadt Bremen bestätigt er diese Aussage und erklärt, dass „das Gedicht [...] ja eine Erscheinungsform der Sprache und damit seinem Wesen nach dialogisch ist“.7 Diese Dialogizität hat bei genauerem Hinsehen einen doppelten Charakter: Neben dem Dialog Ich-Du im Gedicht ist durch den Sprachcharakter desselben auch der Dialog Gedicht-Leser zu finden. Hierdurch wird der Leser zu einer weiteren Instanz, die sich weder mit dem Ich, noch mit dem Du identifizieren muss. Dennoch wird des weiteren nicht auf das Gespräch zwischen Gedicht und Leser eingegangen, da dieses auf einer anderen Ebene stattfindet als auf der hier behandelten. Hierbei wäre außerdem zunächst zu klären, wie ein Leser sich einem Gedicht Celans nähern darf und kann. In der Forschung wird die These proklamiert, man dürfe sich nur frei von biographischen Lesarten an seine Dichtung wagen, solle sich auf der Wortebene bewegen und von der Wortgeschichte der Realien ausgehen.8 Aber trotz allem muss man gerade in Celans Spätwerk auch biographische Informationen hinzuziehen um sein Werk zu begreifen. Denn nur so kann ein wahrer Dialog stattfinden zwischen Leser und der Person hinter der Sprache. Doch welche Position der Leser einnimmt, ob er das angesprochene Du verkörpert, das Ich selbst, oder gar keine Position im Dialog einnimmt, muss für jedes Gedicht einzeln ergründet werden und bleibt weiterhin offen.

Was jedoch bei all diesen möglichen Positionen des Lesers bestehen bleibt, ist der gedichtimmanente Dialog zwischen Ich und Du, der sich unabhängig von dritten Instanzen entwickelt.

3. Das Ich, das Du und das Gedicht als Selbstbegegnung

„Ich bin ... mir selbst begegnet.“9 - Wenn man in der Literaturwissenschaft vom sogenannten „lyrischen Ich“ spricht, wird dieses dadurch immer klar vom Schriftsteller, also dem Verfasser der Lektüre getrennt. In der Epik werden verschiedene Erzählformen unterschieden, in der auch ein Ich-Erzähler vorkommen kann, der in personaler und auktorialer Ich-Form erzählt. Doch wer ist das Ich in der Lyrik, wer ist das Ich in der Dichtung Paul Celans?

Das Ich in der Lyrik kommt als konkretes Personalpronomen häufig vor, es beschreibt, erzählt und klagt, doch das Ich bei Celan kommuniziert. Es kommuniziert mit verschiedenen Instanzen, oder versucht zumindest, ein Gespräch stattfinden zu lassen. Denn oft fehlt auch das Gegenüber, sodass kein Dialog stattfinden kann:

„Celans Texte setzen sich der Einsamkeit des Schreibenden sowie der Abwesenheit des im Innern des Textes berührten Anderen aus. Sie suchen weniger den ,Fehl des Gemeinsamen' als vielmehr, [...] durch das Befremdetsein (so Celan) von dem Ich wie auch von dem abwesenden Anderen hindurch, die Anderheit, das Fremde - dieses jedoch als „Person“, als „Gestalt“ [...].“10

Wenn man als Leser von einem Ich liest, erwartet man auch ein Du, oder zumindest ein Anderes, auf welches sich das Ich beziehen kann. Durch die Anwesenheit eines Ich entsteht der Anspruch auf ein Gegenüber, denn durch das Ich kann das Gegenüber erst sichtbar werden.11 Erst durch das ansprechende Ich kann sich ein Gegenüber konstituieren, das Ich ist also die Grundlage eines Dialoges. Der Schriftsteller ist Verfasser des Gedichts, Grundlage seines Werkes, also auch Grundlage und Schöpfer des Ich. Dadurch ist es naheliegend, dass das Ich im Gedicht, im Gespräch, mit dem Verfasser dessen gleichgesetzt werden kann. Gerade bei Paul Celan, bei dessen Dichtung auch externe Quellen, seine Lebensumstände und persönliche Geschichte Einfluss nehmen und für die Auslegung relevant sind, kann diese Annahme gemacht und belegt werden.

Das Ich schafft die Grundlage für ein Du und verkörpert dadurch die „Angewiesenheit auf Gehörtwerden; 'Ich'-Sagen fordert den Anderen, nimmt ihn wahr als Subjekt“12, deswegen muss ersichtlich werden, mit wem das Ich das Gespräch sucht. Das vom Ich Angesprochene konstituiert sich als ein Du. Das Du kann nicht ohne ein Ich aufgerufen werden, das Ich ist notwendig für das Du. Wohingegen das Ich lediglich nach einem Du fragt, welches sich dann auch nicht direkt als Anrede zeigen muss, sondern auch unausgedrückt bleiben kann. Wenn ein Du allerdings ohne Ich in einem Text auftaucht, muss sich das Ich aus dem Du heraus konstituieren. Zunächst muss aber die Beschaffenheit dieses Du ausgelegt werden.

Das Du ist abhängig vom Ich, das ist soweit klar. Doch viel mehr kann über das Du nicht herausgefunden werden, denn das Du ist variabel. Es hat viele Möglichkeiten, sich zu konstituieren, es kann sich verändern, sich distanzieren und näher rücken. Dem Du wurden in der Forschung schon viele Attribute zugeordnet, es wurde mit Celans Mutter assoziiert,mit Freunden, mit seiner Frau Gisèle und mit Ingeborg Bachmann; mit dem Niemand und mit dem Ich selbst.13 Der Dialog in den Gedichten Celans muss also nicht mit einer fassbaren Person stattfinden, das Ich kann auch mit niemandem oder mit sich selbst kommunizieren.14 Die Frage nach der Person oder dem Gegenstand hinter dem Du muss für jedes Gedicht neu gestellt werden, aufgrund des biographischen Hintergrundes könnte diese These allerdings im Zyklus Schwarzmaut auf fast alle Gedichte, in denen ein Ich vorkommt und/oder ein Du angesprochen wird, zutreffen, wie später erörtert wird.

Das Du kann auf eine gewisse Art und Weise also genau so ein Ich sein, wie das Ich selbst, möglicherweise an anderes, fremdes Ich, aber ein Ich. So passt es auch, dass Paul Celan in seiner Meridian-Rede erklärt, „Ich bin ... mir selbst begegnet.“ und dass das nur geschehen kann durch Gedichte, die da „Umwege von dir zu dir [sind] [...] ein Sichvorausschicken zu sich selbst, auf der Suche nach sich selbst... Eine Art Heimkehr.“15 Im dialogischen Geschehen sind es also die Dialog-Instanzen Ich und Du, die in verschiedene - auch die je gegenseitige - Rollen schlüpfen können.16 Somit ist es nicht abwegig, dass auch das Du die Rolle des Ich übernehmen kann, wie sich auch im Gedicht „Abglanzbeladen“ zeigt.

4. Analyse und Interpretation von „Abglanzbeladen“

Das Gedicht „Abglanzbeladen“ entstand zusammen mit der dazugehörigen französischen Interlinearübersetzung am 05. Juli 1967 in einem Brief an seine Frau Gisèle Celan- Lestange.17 Zu dieser Zeit befand sich Paul Celan nach einem gescheiterten Selbstmordversuch am 30. Januar des selben Jahres in der Klinik Saint-Anne.

Abglanzbeladen, bei den Den Tod, Himmelskäfern, den du mir schuldig bliebst, ich im Berg. trag ihn aus. „Abglanzbeladen“ besteht aus 17 Wörtern in zwei Zeilengruppen, drei- und vierzeilig, und steht an zehnter Stelle im Zyklus Schwarzmaut. Zur Verständnis des Gedichtes müssen zunächst die von Celan benutzten Realien geklärt werden.

[...]


1 Martin Buber: Daniel. Gespräche von der Verwirklichung. Leipzig 1922, S. 117.

2 John Felstiner: Paul Celan. Eine Biographie. München 1997, S. 299.

3 Gilda Encarnacao: Fremde Nähe. Das Dialogische als poetisches und poetologisches Prinzip bei Paul Celan. Würzburg 2007, S. 15.

4 Ebd. S. 117.

5 Vgl. Axel Gellhans: Marginalien. Paul Celan als Leser; In: Der glühende Leertext. Annäherungen an Paul Celans Dichtung, hg v Otto Pöggeler und Christoph Jamme, München 1993, S.48.

6 Paul Celan: Ausgewählte Gedichte. Zwei Reden. Nachwort von Beda Allemann, Baden-Baden 1968, S. 144.

7 Celan: Ausgewählte Gedichte S. 128.

8 Hierbei muss natürlich auch erwähnt werden, dass auch die Gegenthese stark vertreten ist, die Dichtung Celans sei nur durch die Biographie und die externen Textquellen erfassbar. Somit lässt sich im Allgemeinen sagen, dass sich der Leser auf beide Meinungen der Forschung beziehen muss und weder die eine noch die andere Herangehensweise vernachlässigen sollte, um zu vermeiden, eine „vorschnell[e] Identifizierung vor[zu]nehmen, die die Offenheit des Textes verfehl[t].“ zu verhindern (Vgl. Marcel Krings: Selbstentwürfe. Zur Poetik des Ich bei Valéry, Rilke, Celan und Beckett. Tübingen 2005. S. 136-140, Zitat S. 141).

9 Celan: Ausgewählte Gedichte, S. 147.

10 Fassbind: Poetik des Dialoges, S. 32.

11 Vgl. Ebd. S. 78-79.

12 Ebd. S. 78f.

13 Vgl. Hanna K. Charney: 'Weißt du noch, dass ich sang?': Conversation in Celan's Poetry. In: Connotations: A Journal for critical Debate, 2001, Band 11, Heft 1, S. 29.

14 Vgl. Marko Pajevic: Zur Poetik Paul Celans. Gedicht und Mensch, die Arbeit am Sinn. Heidelberg 2000, S. 109.

15 Paul Celan: Ausgewählte Gedichte. Zwei Reden. Nachwort von Beda Allemann, Baden-Baden 1968, S. 147.

16 Vgl. Fassbind: Poetik des Dialoges, S. 107.

17 Leonard Olschner: Im Abgrund der Zeit. Paul Celans Poetiksplitter. Göttingen 2007, S 12-13.

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Details

Title
Der Zyklus "Schwarzmaut" von Paul Celan. Ein Selbstgespräch
Subtitle
Das "Du" als Instanz im Monolog des Dichters
College
University of Heidelberg  (Germanistik)
Grade
1,3
Year
2015
Pages
18
Catalog Number
V339122
ISBN (eBook)
9783668859951
ISBN (Book)
9783668859968
Language
German
Tags
zyklus, schwarzmaut, paul, celan, selbstgespräch, instanz, monolog, dichters
Quote paper
Anonymous, 2015, Der Zyklus "Schwarzmaut" von Paul Celan. Ein Selbstgespräch, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/339122

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