Québecois. Die französische Sprache in Nordamerika


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

28 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Länderprofil Kanada

3. Sprachhistorische Entwicklung in Kanada
3.1 Die Besiedlung Kanadas
3.2 Die französisch-englische Auseinandersetzung
3.3 Das Ende des Régime français und die Konsequenzen für die frankophone Bevölkerung

4. Sprachliche Besonderheiten der französischen Sprache in Kanada
4.1 Phonetik und Phonologie
4.2 Morphosyntax und Grammatik
4.3 Lexikon
4.3.1 Archaismen
4.3.2 Dialektismen
4.3.3 Adstrateinflüsse
4.3.4 Innovationen
4.3.5 Feminisierung

5 Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mit dem Begriff „Weltsprache“ assoziiert man nicht selten sofort die englische Sprache. Diese Feststellung ist zwar nicht vollkommen falsch,allerdings sollte man nicht außer Acht lassen, dass neben dem Englischen weitere internationale Verkehrssprachen existieren. Das Französische zählt ebenso zu einer der meist gesprochenen Sprachen der Welt und fungiert als Arbeitssprache der UNO und in der Europäischen Union.

Mit insgesamt über 220 Millionen Sprechern weltweit wird le Français, neben Englisch, Spanisch, Portugiesisch und Niederländisch den neuzeitlichen Weltsprachen zugerechnet. Die französische Sprache findet in über 50 Ländern Verbreitung, vor allem in Nord-, West– und Zentralafrika, Europa, Kanada undin den französischen Überseegebieten (Départements et Régions d’outre-mer). Das Französische trittsomit über seine natürlichen Landesgrenzen hinaus und zählt ca. 115 Millionen Muttersprachler.

Wegen der unterschiedlichen Flächenausdehnung der einzelnen frankophonen Länder, zählt Kanada mit ca. 34 Millionen Einwohnern, unter denen sich aber nur ca. 6,4 Millionen frankophone Sprecher befinden, und einer Grundfläche von 9.984.670 km² eher zu den „größeren“ Gebieten in denen das Französische Verbreitung findet.[1]

Bei näherer Betrachtung der geographischen Ausdehnung und der weltweiten Präsenz des Französischen, stellt sich folglich die Frage, ob alle Sprecher exakt das gleiche Standard bzw. Substandard des Französischen sprechen? Durch unterschiedliche sprachhistorische Begebenheiten, kulturelle Einflüsse, Sprachkontakt und die weitläufigen Territorien haben sich in den einzelnen frankophonen Ländern verschiedene Phänomene manifestiert, die als Identitätsmarker der einzelnen Nationen angesehen werden.

Kanada nimmt hierbei unter den „dominant“ französischsprachigen Ländern eine sprachliche Sonderstellung ein, da es in der Verfassung zwei offiziell gleichgestellte Amtssprachen besitzt: Französischund Englisch.

Gegenstand dieser Arbeit stellt die Sprachensituation in Kanada dar, wobei insbesondere der Frage nachgegangen werden soll, welche Rolle Kanadas Geschichte und Kultur bei der Entstehung und Herausbildung der französischen Sprache einnimmt undinwiefern sie die heutige sprachliche Situation beeinflusst hat. Um das Land besser kennenzulernen wird vorab eine ein kurzes Länderprofil zu Kanada gegeben. Anschließend folgt ein geschichtlicher Überblick, der die Entwicklung der französischen Sprache in Kanada näher erläutert. Durch die Vorarbeit eines grundlegenden kanadischen Verständnisses werden im Folgenden die sprachlichenBesonderheiten des kanadischen Französischenhinsichtlich der Phonetik und Phonologieder Morphosyntax und Grammatikund der Lexik herausgearbeitet. Die sprachlichen Eigenheiten werden näher betrachtet und beispielhaft dokumentiert.Falls möglich werden Vergleiche zur Norm des Französischen im Hexagongezogen.

Abschließend werden die Erkenntnisse der vorliegenden Arbeit vor dem Hintergrund der zentralen Fragestellung zusammengefasst und kritisch reflektiert.

2. Länderprofil Kanada

Kanadaist der nördlichste Staat Nordamerikas. Er grenzt nur im Süden an die Vereinigten Staaten von Amerika. Kanada zählt 34 Millionen Einwohner, von denen ca. 20% Französisch als Muttersprache sprechen. Ein 1/5 der Gesamtbevölkerung ist daher bilingual und „beherrscht“ beide Amtssprachen, um mit dem jeweiligen Gegenüber zu kommunizieren.[2]

Anglophone und Frankophone [...] stellen zusammen genommen die überwältigende Mehrheit der kanadischen Bevölkerung dar, wobei der englischsprachige Teil bei weitem überwiegt, so dass sie Frankokanadier statistisch gesehen eine wenn auch recht beachtliche „Minderheit“ darstellen.“[3]

Die Mehrheit der Frankokanadier (ca. 92%) lebt in der größten Region: Québec. Weitere frankophone Sprecher leben in der angrenzenden Region Nouveau-Brunswick und in den Regionen um Ottawa und Ontario.

Die größte und bedeutendste Stadt Kanadasist Toronto. Weitere wichtige Städte sind die Handelszentren: Vancouver, Québec, Montréal und die Hauptstadt Ottawa.

Seit 1992 gelten Französisch und Englisch als offizielle Amtssprachen in der Verfassung. In der Region Québec, die 8 Millionen Einwohner zählt, ist Französisch jedoch alleinige Amtssprache und wird als eigene Varietät bezeichnet: Le Québécois.

3. Sprachhistorische Entwicklung in Kanada

Um die Sprachensituation in Kanada genauer zu analysieren und die sprachlichen Besonderheiten im Québécois nachzuvollziehen, ist es vorab notwendig die historische Situation und deren nachhaltigen Einfluss auf den Sprachenwandel und die Bevölkerungsgruppe zu untersuchen, da diese unmittelbar miteinander einhergehen. Insofern die nachfolgenden Angaben nicht weiter belegt sind, basieren die Informationen auf Bernhard Pöll, Lothar Wolf und Annegret Bollée.

3.1 Die Besiedlung Kanadas

Das Interesse der Europäer an Überseegebieten in Kanada entwickelte sich Ende des 15. Jahrhunderts mit den Entdeckungsfahrten des Italieners Giovanni Caboto. Dieser wird im Auftrag der englischen Krone entsendet und entdeckt die Neufundland-Bänke und Neuschottland.

Die französische Sprache kommt allerdings erst mit den Expeditionen von Jacques Cartier im Jahr 1534 nach Kanada. François Ier beauftragte Cartier Neufundland zu erkunden, in der Hoffnung dortähnliche Reichtümer vorzufinden wiesein Rivale Karl Vin Spanien. Die ersten Exkursionsfahrten bleibenvorerst erfolglos und die Siedler kehren nach Frankreich zurück (1524/1525). Im dritten Versuch unter Jacques Cartier verläuft die Entdeckungsfahrt erfolgreich und es werden die Prinz-Eduard-Inseln und die Küste Neubraunschweigs neu entdeckt.[4] Die ersten Siedler auf kanadischem Boden sind größtenteils Fischer, die vom Artenreichtum profitieren. Ab 1550 treffen dann vermehrt Pelzhändlerhinzu.[5]

Cartiers Entdeckungsfahrt endet amSankt-Lorenz-Strom. Einedauerhafte Besiedelung der Region bleibtzunächst aus.Das Territorium dient als Entwicklungspol für den Pelzhandel. Das Ausbleiben der Besiedlung ist sowohl auf die politische und religiöse Situation,als auch auf die Religionskriege in Frankreichs zurück zuführen.

Erst unter der Herrschaft von Henri IV (1589-1610) wird das Interesse an Überseegebieten erneut geweckt. Samuel Champlain, der aufgrund seines enormen Erfahrungsschatzes zum königlichen Geographen gekürt wurde, gelingt es durch seine vielseitigen Ideen und seinen Eifer viele Befürworter zu gewinnen, die ihm bei seineVorhaben tatkräftig zur Seite stehen. Zudem gilt er als Begründer der Nouvelle France.[6] Champlain gelingt es mit der Unterstützung einiger Pelzhandelsgesellschaften kleinere Siedlungen entlang des Sankt-Lorenz-Stroms zu errichten, unter anderem auch das heutige Québec (1608).[7] Weitere Entdeckungsfahrten auf dem Ottawa zum Lac Nipissing und zur großen Seenplatte folgen unter seinem Kommando.

Im Jahr 1617 lässt sich dann der erste „wahre“ Kolonist in Kanada nieder. Es handelt sich um einen aus Paris stammenden Apotheker namens Louis Hébert.

Da die Abkommen mit der Pelzhandelsgesellschaft nicht zufriedenstellend erfüllt werden, gründet man 1627 unter Richelieu die Compagnie de la Nouvelle-France oder Compagnie des Cent-Associés [8],die den Ausbau eines französischen Imperiums begünstigen soll.

Die ersten 65 Siedler erreichen Kanada und lassen sich in den neuerrichteten Siedlungennieder. Allgemein betrachtet, fehlt es an Engagement von Seiten des Mutterlandes, so dass die Siedler einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind und den Witterungsverhältnissen gegebenenfalls nicht Stand halten können. Zu den harten Lebensbedingungen kommen Angriffe von indigenen Völkerstämmen und Konflikte mit den Engländern.

Die katholische Kirche gilt als einzige Stütze und fördert 1615 das Einreisen von „geistig Erneuerten“, die eine strenge Askese ausleben,ihr Dasein unter ärmlichen Verhältnissen führen und sich auf eine strenge Kontemplation konzentrieren.

1625 folgen die Jesuiten, die ihren Einfluss vor allem im Erziehungswesen ausüben und im religiösen Bereich die Verschiedenheit Québecs im Vergleich zu Frankreich postulieren. Durch die Jesuitenmissionen halten sie engen Kontakt zu den Indianerstämmen und leisten finanzielle Unterstützung an das Mutterland, so dass sie indirekt eine Führungsfunktion einnehmen. Trotz der finanziellen Stabilität, bleiben sie weiterhin den harten Lebensbedingungen und feindlichen Auseinandersetzungen mit den Engländern und Indianerstämmen, wie den Irokesen, ausgesetzt.[9]

Der Einfluss der Engländer spitzte sich fortlaufend zu. 1613 zerstören sie Port-Royal, unternehmen Siedlungsversuche in Neuschottland und Neufundland und es gelingt ihnen eine Zulieferung für Richelieu zu stoppen und den gesamten Transport einzunehmen. Sie dringen soweit vor, dass sie 1629 die Stadt Québec einnehmen und sie für 3 Jahre besetzen. Dabeiwird nur eine Minderheit von 30 Siedlern geduldet. Aufgrund des Friedensvertrages von St.-Germain-en-Laye kann Charles I gezwungen werden das Territorium abzutreten. Im Gebiet der Akadie findetfortlaufend ein ständiger Herrschaftswechsel zwischen den Rivalen Frankreich und England statt. Erst 1710 wird vertraglich festgehalten, dass England das Vorrecht erhält und die Akadie von da an unter englischer Herrschaft steht.

Gegenläufig entwickelt sich die Situation am Sankt-Lorenz-Strom. Richelieu wird vor die Entscheidung gestellt sich mit den Irokesen oder mit der Algonkin-Gruppe zu vereinen, um seine Vorhaben zu realisieren. Zu Beginn verlaufen seine Pläne ohne größere Schwierigkeiten bis die verfeindete Gruppe der Huronen hinzutritt. Es istihnen möglich Missionen zu errichten, Handel zu betrieben und sogar Trois-Rivières und Ville-Marie, das heutige Montréal zu erbauen.

Die Lage wird erst kritisch als sich der Stamm der Irokesen dazu entscheidet sich mit den Holländern zu verbünden und einen Kriegszug gegen die Huronen durchzuführen. Viele Missionspunkte müssen aufgegeben werden und der Stamm der Huronen wird fast vollständig ausgelöscht. Weitere kriegerische Auseinandersetzungen finden im Süden statt. Der Stamm der Mohicans verbündet sich mit den Engländern, um Montréal und Trois-Rivières anzugreifen.

Mit dem Regierungswechsel von Louis XVI erwacht das Interesse Frankreichs erneut an den Überseegebieten. Im Jahr 1665werden mehr als 1200 Männer nach Québec entsendet, um die Irokesen zu kontrollieren und die Kolonien zu schützen.[10] Von den französischen Soldaten kehrt ein Großteil ins Hexagon zurück, der übrige Teil lässt sich dauerhaft in den Kolonien nieder, wodurch diese einen bedeutenden Aufschwung erleben und ihr Territorium bis zu den Großen Seen ausweiten können.Zum endgültigenFriedensabschluss mit dem Indianerstamm kommt es erst 1701. Jean Talon, ein Intendant aus Frankreich, nimmt dabei eine entscheidende Rolle ein. Erbewirkt maßgebliche Neuerungen und einen wirtschaftlichen Aufschwung für Kanada, er gewährleistet die Friedenssicherung im Land und setzt sich für den Bevölkerungszuwachs ein. Er lässtmit Hilfe des Königs 800 Frauenaus Frankreich nach Kanada bringen, die sog. filles du roi,, um den hohen Männerüberschuss zu kompensieren. Die filles du roi sind Waisenmädchen, die man vor der Straße schützen wollte. Sie kommen in Klöster und werden von Klosterschwestern vorbildlich erzogen. Im Vergleich zu der restlichen Bevölkerung sind sie im Zweifelsfall besser gebildet und sprechen vom Kloster ausgehend ein relativ gutes Französisch. Sie können lesen und schreiben,sind sehr gut erzogen und können einen Haushalt führen. Da die Mütter die Sprache an die Nachkommen weitergeben, existieren Reiseberichtserstattungen, die das kanadische Französisch als „besseres Französisch“ als das von Paris bezeichnen. Dennoch muss berücksichtigt werden, zu welchem Zeitpunkt diese Berichte niedergeschrieben wurden. Ob dies vor dem grand revirement oder danach stattfand und mit welcher Bevölkerungsschicht gesprochen wurde. Entgegengesetzt der Vermutungen, dass es sich um „Mädchen von der Straße“ handelt, die in Paris keiner mehr haben wollte, versuchen die Québécois zu beweisen, dass es sich um junge Damen handelt, die man vor der Straße schützen und sie schnellstmöglich verheiraten wollte. Dank einer organisierten Bürokratie werden alle Frauen, ihre Einreise, die Namen der Schiffe, Ehegatten und Hochzeit dokumentiert, so dass die Frankokanadier die Unterstellungen energisch zurückweisen können.

In den Folgejahren finden weitere Erkundungsfahrten im gesamten Land statt. 1682 wird das Mündungsdelta von Sieur de la Salle erkundet und zu Ehren des Königs Louisiane genannt. Siedlungsgründungen folgen und 1718 entsteht Nouvelle-Orléans.

Die Engländer hingegen bauen ihre Machtposition weiter im Norden des Landes aus, wo sie ihre Position durch den Pelzhandel bereits gefestigt hatten. 1694 gelingt es le Moyne d’Iberville die französische Herrschaft erneut zu gewinnen, indem er die Akadie und Neufundland besetzt. Pierrele Moyne d’Iberville zählt als Hauptbegründer von Louisiane.

[...]


[1] Vgl. Martin-Tard (1976), S.21

[2] Vgl. Statistik Kanada 2012.

[3] Vollmer (1992), S.40

[4] Vgl. Wolf (1987), S.1

[5] Hoerkens (1998), S.5

[6] Wolf (1987), S.1

[7] Pöll (1998), S.61

[8] Bollée (1990),S.740

[9] Vgl. Wolf (1987), S.2

[10] Vgl. Bollée (1990), S.741

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Québecois. Die französische Sprache in Nordamerika
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Romanistik)
Note
2,0
Jahr
2012
Seiten
28
Katalognummer
V339295
ISBN (eBook)
9783668291508
ISBN (Buch)
9783668291515
Dateigröße
593 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Québecois, französische Sprache, Weltsprache, Linguistik, Varietät
Arbeit zitieren
Anonym, 2012, Québecois. Die französische Sprache in Nordamerika, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/339295

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