Leben wir in einer der bestmöglichen Welt? Das Theodizee-Problem nach Leibniz


Magisterarbeit, 2016

54 Seiten, Note: 3,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 Themeneinführung
1.1. Grundlagen
1.2. Die Theodizee-Problematik nach Leibniz

Kapitel 2 Grundprinzipien
2.1. Leibniz` Philosophie
2.2. Theologischen Aspekte
2.2.1. Interpretationen des Übels
2.2.2. Argument der Freiheit
2.2.3. Aus der Sicht von anderen Religionen
2.3. Der Weg zu sich selbst
2.3.1. Prinzip der Selbstverantwortung
2.3.2. Anders Sein
2.3.3. Das positive Denken

Kapitel 3 Die Welt heute
3.1. Die moderne Gesellschaft

Schlusswort

Literatur

Kapitel 1 Themeneinführung

Es gibt Fragen, die wir Menschen uns selbst stellen, die sind heute wie vor hunderten von Jahren, genauso aktuell. Sie interessieren uns eben, weil sie uns alle und unmittelbar doch irgendwie betreffen oder zumindest beeinflussen. Seit dem G. W. Leibniz seine philosophi- schen Schriften dazu verfasst hat und die Erläuterung liefert, warum wir in der bestmöglichen aller machbaren Welten leben, interessiert dieses Thema die Menschen nicht weniger, sondern vielleicht sogar mehr. Unsere Gesellschaft heute bewegt dieselbe Fragestellung immer noch, daher widme ich mich ihr an dieser Stelle: Leben wir in einer der bestmöglichen aller Welten?

In der vorliegenden Arbeit zeige ich einen etwas anderen Zugang zu dieser Thematik. Ich konzentriere mich nicht hauptsächlich auf die bereits existierenden Debatten dazu, sondern gehe „neue“ bzw. alternative Wege. Im Laufe der Recherche ist mir immer wieder aufgefal- len, dass diese alten bzw. neuen Debatten dazu, alle mehr oder minder gleich argumentieren und eine gemeinsame Basis vertreten. Diese Pfade sind bereits zu festen Wegen gewalzt wor- den und liefern daher keine neuen Ideen mehr. Einige Momente, die vielleicht sogar eine bes- sere Erklärung liefern würden, werden bewusst im europäischen Raum nicht mehr ausgebaut und benutzt, weil sie den üblichen bekannten Sprach-, Kultur- oder Religionsraum überschrei- ten. Dabei gibt es dazu genügend Literatur und in der heutzutage immer mehr globalisierten Welt sind kulturelle oder mentale Räume eigentlich kein Hindernis mehr und in meinem Fall keine akzeptierte Ausrede. Meine Arbeit ist ein Versuch, die oben genannte Frage in einem weiteren Rahmen zu sehen und zu zeigen, dass es durchaus theoretische und vor allem prakti- sche Ansätze existieren, wie man mit diesem Dilemma persönlich ins Reine kommen kann.

Bei vielen Abhandlungen werden immer dieselben Punkte angegriffen bei Leibniz, nämlich die des sinnlosen Übels in der Welt. Die Argumentationen vieler Kritiker drehen sich auch darum, dass ein gütiger, allwissender und allmächtiger Gott in einer perfekten Welt nicht solch ein sinnloses Leiden erlauben würde. Die meisten gehen, warum auch immer, gleich davon aus, dass Gott den Menschen gegenüber kein sinnloses Leiden erlauben dürfe. Allerdings setzten die Menschen den Rahmen dafür selbst fest und benutzen den Begriff des Sinnlosen in diesem Zusammenhang, als wüssten sie tatsächlich, welches Leiden in dieser Welt sinnlos oder nützlich sein kann und welches nicht?

Natürlich darf man nicht einfach die Tatsachen zur Seite schieben und behaupten, dass es kein Übel in unserer Welt gibt. Egal wann man die Nachrichten anschaltet, sieht man Beweise, dass die Menschen weltweit leiden. Sie leiden: weil sie hungern, weil sie durch einen Tsunami ihr Haus verloren haben, weil ihre Angehörigen bei einem Attentat ums Leben gekommen sind, weil Menschen, zivil oder beim Militär, im Krieg sterben etc…

Wie viele solcher Übel sind tatsächlich selbstverschuldet und sind noch das Resultat des eigenen handeln? Was hängt da wirklich überhaupt noch von einer einzelnen Person ab? Und selbst wenn man durch jedes Detail durchgehen würde und zum Entschluss kommt, dass einem ein absolut sinnloses Leiden wiederfahren ist, bleiben immer noch viele nicht angesprochene Aspekte des Lebens offen. Wenn man nur das größere bzw. das höhere Weltbild sehen würde, würde man eventuell einsehen, dass es bei jedem Einzelnen selbst liegt, ob man in einer der bestmöglichen aller Welten lebt oder nicht.

1.1. Grundlagen

Der letzte Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz (*1646 in Leipzig, ‚1716 in Hanno- ver) war ein herausragender Mathematiker, Physiker, Diplomat, Historiker und Jurist. In die- sem Zusammenhang aber stütze ich mich hauptsächlich auf seine philosophischen Werke, nämlich das 1710 verfasste große Traktat „Essais de Théodicée sur la bonté de Dieu, la li- berté de l´homme et l´origine du mal“, in dem er all seine aktuellen Gedanken zum Thema der bestmöglichen aller Welten verschriftlicht und somit den Begriff der Theodizee1 begrün- det hat.

In seiner Philosophie suchte Leibniz nach einer harmonischen Synthese vom mittelalterlich- theologischem und modernen, also zu seiner Zeit naturwissenschaftlich-mechanischem Den- ken, welches er zu verbinden suchte und teilweise vermochte. Im Mittelpunkt seines Konzep- tes steht die Vorstellung, dass im Geiste Gottes eine unendliche Anzahl aller möglichen Wel- ten enthalten ist, von denen aber stets die beste geschaffen werde. Die „beste“ nach Leibniz ist diejenige Welt, die mit einem Minimum an Ursachen, also Gesetzen oder Mitteln, ein Ma- ximum an Wirkung, d.h. an Zustand oder Zweck, erreicht. Mit anderen Worten also, das was simpel ist, ist auch genial und das ist ja was das göttliche Wesen an sich ausmacht. Gott ist bei Leibniz die Quelle von allem was existiert (§38 der Monadologie) und somit die ursprüngliche, selbstdenkende Einheit:

„Es ist auch wahr, daß Gott nicht nur die Quelle der Existenzen, sondern auch die der Essenzen ist, soweit sie real sind, oder von dem, was an Realem in den Möglichkeiten ist. Und zwar deshalb, weil der Verstand Gottes die Region der ewigen Wahrheiten oder Ideen ist, von denen sie abhängen, und weil es ohne ihn nichts Reales in den Möglichkeiten, d.h. nicht nur nichts Existierendes, sondern auch nichts Mögliches gäbe.“§432

Leibniz entwickelt zum Gegensatz von Descartes und Spinoza sein eigenes, komplexes, me- taphysisches System und schreibt es 1714 nieder in seinem nachfolgenden Werk „La Mona- dologie“. Darin ist seine Erklärung enthalten wie unsere, also die „bestmögliche Welt“, funk- tioniert. Leibniz beschreibt in neunzig Punkten ein Monadensystem, aus welchem die Welt geschaffen wird. Gott ist bei Leibniz nicht nur die oberste Instanz, er ist die Ursache der Welt:

„Somit ist Gott allein die ursprüngliche Einheit oder die einfache Ursubstanz, deren Erzeugungen die geschaffenen oder abgeleiteten Monaden sind; und sie entstehen gleichsam durch kontinuierliches Aufleuchten der Gottheit von Augenblick zu Augenblick, begrenzt durch die Aufnahmefähigkeit des Geschöpfes, zu dessen Wesen es gehört, beschränkt zu sein.“§473

In seinem 45-ten Paragraphen beweist Leibniz auch die Existenz Gottes komplett. Gott ist das alleinige kontingente Wesen, welches den ersten und den letzten, zureichenden Grund (§39 der Monadologie) in seinem Dasein vereint, daher ist seine Existenz in ihm selbst enthalten und verwirklicht. Er allein kann notwendigerweise sein.

Leibniz ist in seinem Leben immer bestrebt gewesen in allem was er gemacht hat einen Aus- gleich zu schaffen. Gegensätze waren nicht unvereinbar in seiner Welt. So war er als Protes- tant zum Beispiel bestrebt eine Gemeinschaft der Konfessionen zu kreieren. Seine Beiträge zur Aufklärung und sein großer Einfluss auf die nachfolgenden Denker sind unbestritten.4

Leibniz war als Persönlichkeit selbst sein bestes Beispiel für Weltharmonie und Balance, so versuchte er stets all seine Tätigkeitsfelder zu verwirklichen und miteinander zu vereinbaren, weil alles für ihn einen Sinn gemacht hat. Er war schon immer ein hochmotivierter Mensch, später schrieb er an Kurfürstin Sophie folgendes: „[…] für das öffentliche Wohl zu arbeiten, ohne mich zu sorgen, ob es mir jemand dankt. Ich glaube, daß man damit Gott nachahmt, der sich um das Wohl des Universums sorgt, egal ob die Menschen es anerkennen oder nicht.“5

Selbstlos und immer eifrig bei den Studien, erschuf er Monumente in allen aufkommenden Bereichen der Naturwissenschaften. So zum Beispiel erörtert Leibniz per Briefwechsel mit den Brüdern Bernoulli, Christian Huygens und dem Marquis de L’Hopital die Umsetzungs- möglichkeiten der Infinitesimalrechnung, 1694 konstruiert Leibniz dann seine Rechenmaschi- ne, 1695 erscheint sein erster Essay über die Lehre von einfachen Substanzen, die er im Spä- teren auch in seiner Theodizee fundamentiert und in der Monadologie expliziert vertieft.6

Leibniz, als ein Prominenter seiner Zeit und politisch engagierter Mensch zugleich, hatte viele innen- und außenpolitische und administrative Aufgaben für sich festgesetzt. Zu aller erst war er bestrebt eine handlungsfähige und funktionierende Einheit im deutschen Gebiet zu schaf- fen. Was an sich bereits ein Unterfangen war. Zweitens wollte er eine europäische Einheit verwirklichen, was mit dem heutigen modernen Wissen, um die Bildung der EU nach dem Ende des Leidens vom zweiten Weltkrieg noch, fast schon prophetisch erscheint. Es ist auch eins von vielen Beweisen, wie weit Leibniz in seinem Denken all anderen voraus war und das er zu Recht in der Ära der Aufklärung tätig war. Und drittens wollte Leibniz eine christliche Einheit herstellen, welche weder im Gegensatz zu den Wissenschaften stehen würde, noch einen Grund offen lassen würde, um einen erneuten Krieg anzufangen. Und die politische Lage in Europa zu Leibniz Zeiten war brutal, das wusste er selbst nur zu gut. Um die realisti- sche Verwirklichung dieser Pläne bemüht, war er publizistisch tätig, musste aber ständig da- rum kämpfen, dass seine Sicht nicht von den Geldgebern beeinflusst wurde.7

Leibniz Philosophie entwickelte sich aus seinem Studium der Fachwissenschaften, so wurde aus der Physik der Atombegriff übernommen und zu einem Kraftbegriff umgewandelt, der daraus zu einem Monadenbegriff wurde.8 Die Entstehungsgeschichte hier zeigt wunderbar, wie unglaublich eng diese Materien bei Leibniz zusammengehören. Er „erhob“ in seiner phi- losophischen Kategorie die Naturwissenschaft zur Erklärung der Welt und Gott. Ebenfalls sind alle anderen Wissenschaften bei Leibniz eng an einander gekoppelt, für ihn gibt es Be- ziehungen zwischen der Politik und der Philosophie und der Letzten mit der Theologie.

Diese fließenden Übergänge sah sich Leibniz gezwungen niederzuschreiben, um sie den ande- ren besser präsentieren zu können. So wurde aus dem erstmals erwähnten Begriff der „Mo- nas“ für eine „unité reellee“ an den französischen Mathematiker L`Hopital im Brief vom 10.09.1695 eine „harmonie préétablie“. Daraus entstand seine „prästabilierte Harmonie“,9 die einen gewissen Grad an Determinismus mitbringt, aber auf keinen Fall im Wiederspruch zur Balance steht. Harmonie ist nur dann möglich, wenn die Dinge ihren bestimmten Platz im Universum haben. Es ist als wüssten diese um den richtigen Ablauf selbst, als hätten die ihr eigenes Bewusstsein darum wie es geht. Harmonie braucht Ordnung, daher ist ihr freundlicher Begleiter der Determinismus. Beide gehen dabei Hand in Hand und bewerkstelligen das, was uns als friedliches Dasein erscheint. Determinismus ist hierbei ein nützliches Werkzeug für die Schaffung von Rahmenbedingungen, innerhalb dessen verschiedene Ereignisse eintreten. Natürlich passieren gewisse Sachen nicht wahllos und chaotisch vor sich hin, sie sind allesamt Folgen und passieren nicht ohne einen zureichenden Grund in dieser Welt.

Eine Monade ist eine „substantielle Einheit“, also eine einfache, nicht mehr teilbare Einzelsubstanz (§1). Und aus eben solchen Monaden ist nach Leibniz alles gemacht. Es reicht an dieser Stelle zu wissen, dass:

a) Die Monade jede ihr eigenes Konzept enthält, aber jedoch sonst nichts anderes. (§18)
b) Die Monade keine weiteren Teile aufweist, als die „Akzidenzien“ geistiger Eigen- schaften. (§3,7,8)
c) Diese keine Verbindung zu anderen Monaden aufweist, außer den möglichen Zu- standsbeziehungen. (§7,14,15)
d) Jede Monade ein Mikrokosmos für sich ist und als solche den gesamten Makrokosmos wiederspiegelt. (§30,56,63)
e) Diese Welt nicht zwangsläufig aus physikalischer Notwendigkeit existiert, sondern aus moralischer Sicht Gottes. (§86,90)
f) Diese Welt die „beste aller möglichen Welten“ ist, da sie ein System von Monaden größtmöglicher Konsistenz darstellt. (§53,55,58)

Jetzt komme ich zu den kritischen Punkten der Theodizee und erläutere im Folgenden etwas näher die Problematiken, die aus der Rechtfertigung des Glaubens an Gott entstehen.

1.2. Die Theodizee-Problematik nach Leibniz

Der Begriff der Theodizee hat Leibniz selbst eingeführt und dem Wortsinn nach bedeutet er die Rechtfertigung Gottes oder die Rechtfertigung des Glaubens an Gott. Etymologisch betrachtet bedeutet auf Griechisch theós Gott und díke das Recht. In diesem Zusammenhang allerdings ist wichtig festzulegen, dass man einen allmächtigen, allwissenden und allgütigen Gott angesichts des uns sinnlosen erscheinenden Übels in der Welt, welche Gott zu passieren erlaubt, zu verteidigen versucht.10

Anscheinend hat Leibniz seine Theodizee verfasst, um alle Konfessionen friedlich zu verbinden bzw. um sie zu überzeugen, dass der Glaube an Gott stets Sinn macht und auf jeden Fall nicht im Gegenzug zu den aufkommenden Naturwissenschaften stehe. Da es natürlich ein mögliches Motiv von Leibniz sein konnte und gegeben falls auch seine Intention war, wird hiermit erwähnt, aber nicht mehr ausgeführt hier. Viel relevanter im Rahmen dieser Abhandlung ist die Tatsache, wie er das umgesetzt hat und was man mit seiner Argumentation außerhalb der üblichen Felder anfangen kann?

Schon immer war die Menschheit auf der Suche nach zeitloser Wahrheit um die Welt und sich Selbst. Der theologisch-historische Ursprung um das Sein, um die Ewigkeit, die Vergangen- heit und die Zukunft, in der Eschatologie versucht der Mensch alle Faktoren seines Schicksals zu begreifen und in einen Zusammenhang oder eben Einklang, zu bringen. Die Theodizee ist das erste wohl umfangreichste Werk von Leibniz, welches nicht nur ein kleiner Tropfen im Meer geblieben ist, sondern sofort Anerkennung und Interesse gewann. Dieses Werk ist das Endergebnis vieler unterschiedlicher, modifizierter und in einander geschachtelter Wissen- schaften. Es ist das Resultat eines langen Weges. Nicht umsonst wird Leibniz mit Aristoteles verglichen, weil er als Letzter den großen Versuch unternommen hatte die scholastische Phi- losophie mit dem wissenschaftlichen Rationalismus bestmöglich zu verbinden.11

Für viele Kritiker aber eben nicht realistisch genug ausgearbeitet bzw. zu optimistisch gese- hen. Die Natur ist der Ausdruck göttlicher Ordnung und die Politik sollte laut Leibniz dem Willen Gottes und seiner höheren Gerechtigkeit dienen, aber nicht dem Selbstzweck, keine Selbstverherrlichung, keine Macht und Zerstörung. Die Philosophie sucht Unterschlupf und letzte Hilfe bei der göttlichen Wahrheit und Vernunft. Leibniz verbindet in diesem Werk all sein Wissen um die Güte, Weisheit, Gerechtigkeit und Macht Gottes, die Freiheit des Men- schen und den Ursprung des Übels. Über den Glauben sagte Leibniz einmal folgendes:

„Doch der göttliche Glaube, wenn er einmal die Seele entzündet hat, mehr als eine bloße Meinung und hängt nicht mehr von den Meinungen und Motiven ab, die ihn erwecken; er geht über den Verstand hinaus, bemächtigt sich des Willens und Herzens, und wir tun mit Wärme und Freude, was uns das göttliche Gesetz befiehlt, ohne an besondere Gründe zu denken oder uns mit logischen Schwierigkeiten, die der Geist sich vor Augen stellen kann, aufzuhalten.“12

Nichtsdestotrotz bringt Leibniz zwei Klassen von Schwierigkeiten ins Gespräch. Die erste dreht sich um die Vereinbarung von menschlicher Freiheit und göttlichen Macht. Logischer- weise kann es nicht immer reibungslos ablaufen und müsste ständig miteinander kollidieren. Allerdings kann der Mensch nicht wissen, wie die Machtausführung Gottes in jedem einzel- nen Fall aussehen würde. Es scheint uns vielleicht so zu sein, als würde Gott sich in dem kon- kret auftretenden Fall einmischen. Da stellt sich aber auch gleich die Frage, warum hat der Mensch die völlige Entscheidungsfreiheit von Gott geschenkt bekommen? Eins eingeführt gibt es keinen, außer eventuell einen höheren, Sinn mehr sich in die menschliche Belange einzumischen. Gott hat dem Menschen alles Notwendige (den Verstand, die Intuition, den Zugang zu der Ideenwelt…) mit auf den Weg gegeben, damit dieser sein Leben selbst reali- sieren kann.

Der zweite Punkt dreht sich um die Existenz des Bösen(malum) in unserer Welt, welche im Christentum sich nicht wirklich mit der Güte und der Gerechtigkeit Gottes vereinbaren lässt. Hier wird der Begriff des Bösen allerdings gespalten in das malum metaphysicum, malum morale und das malum physicum13, also diverse Übel, die auf bestimmte Art und Weise ent- stehen und daher anders betrachtet und rechtfertigt werden. Aber keins der Übel wird von den Menschen so widersprüchlich betrachtet in diesem Zusammenhang, wie die Existenz des „sinnlosen“ Übels.

Nachdem Leibniz den Beweis liefert für einen Gott und Schöpfer in der Welt, erläutert er den höheren Sinn für all das Böse in der Welt und verweist auf den weisesten Architekten des Weltgeschehens, welcher alles immer so anordnet, dass immer die bestmögliche Welt mit dem größtmöglichen Gut für alle entsteht. Auch wenn es für uns Menschen, die nun mal end- liche Wesen sind, nicht einleuchtend ist oder sogar komplett gegenteilig erscheint.

Aber er bekämpft den Atheismus und ist ein sehr religiöser Mensch,14 was auf den zweiten Blick für den modernen und weltoffenen Leser vielleicht sehr enttäuschend sein kann, dass ausgerechnet ein so weitsichtiger Mann jede andere Religion von vornherein aus der bestmög- lichen aller Welten ausschließt. Die Tatsache allerdings, dass es viele andere Religionen auf der Welt existieren, die auch noch um etliche Jahre älter sind als das Christentum, beweist das in der besten Welt, nach Leibniz` Philosophie, auch andere „religiöse Einheiten“ bzw. Mona- den existieren müssen, die das Wissen und die Weisheit um diese anderen Religionen in sich tragen. Diese Monaden hegen ebenfalls den Wunsch bzw. den Appetit (nach Leibniz) sich auszudehnen und zu verwirklichen, was sie ja auch tun. Ein allwissender „christlicher Gott“ weiß eben auch um die Existenz anderer Religionen Bescheid, daher betrachte ich Leib- niz´sche Auslegung als gäbe es einen Gott, der allerdings nicht mehr weiter spezifiziert und eingegrenzt wird. Dadurch kann man sich anderen Religionen widmen, die vielleicht bessere Antworten auf bestimmte Fragen haben.

Im Rahmen weiterer Betrachtungen lade ich daher ein, sich von der ursprünglichen Leibniz´ Absicht nur die Christen anzusprechen, immer mehr und mehr los zu lösen. Es mag sein, das seine Abhandlung ursprünglich für eine bestimmte Gruppe verfasst wurde und das auch mit einer bestimmten Absicht, aber sein Monadensystem, mit all den Merkmalen und Eigenschaf- ten eines „christlichen“ Gottes, trifft auf andere Religionen auch zu. Nur haben diese andere Religionen zum Teil bessere oder andere Denkweise, in Bezug auf bestimmte Aspekte. Die Hindus oder die Buddhisten gehen zum Beispiel anders mit dem Thema des Bösen um, daher lohnt es sich seinen Kopf in eine andere Richtung zu drehen, um etwas dazuzulernen. Der Buddhismus hat nicht nur eine andere Sichtweise auf dieselben Dinge oder das gleiche Übel, er lernt nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch damit friedlicher umzugehen. Nur dafür sollte man zunächst sich selbst erlauben über den uns bekannten und üblichen Tellerrand hin- auszublicken und aus der Box hinauszutreten oder was man heute nennt: Seine Komfortzone verlassen.

Kapitel 2 Grundprinzipien

Bevor ich mich weiter den wesentlichen Theodizee-Problemen widme, möchte ich in der Ein- leitung des Hauptkapitels noch einige, nicht ganz unwesentliche Ideen von Leibniz hier vor- stellen. Der Ausgangspunkt seiner Philosophie, die er allerdings nicht als System nieder ge- schrieben hat, ist die Überzeugung, dass nichts ohne einen zureichenden Grund geschieht. Leibniz vertrat somit die durchgängige Rationalität alles Seienden. Zusammen mit dem Prin- zip der Identität und vom Wiederspruch, erklärt Leibniz das Axiom: Alles was ist, ist, und es kann unmöglich zugleich sein und nicht sein. Oder das, was man im Sprachgebrauch folgen- dermaßen ausdrücken kann: Eine Aussage kann nicht zugleich wahr und falsch sein. Diese Ausformulierung hilft uns zu verstehen, dass auf Sätze bezogen, es für Leibniz keine grundlo- se Wahrheit geben könne. Jede Wahrheit könne man also, zumindest prinzipiell, durch eine Analyse der Begriffe beweisen. Der Satz vom Grund ist auch ein Grundaxiom für die Exis- tenz der Dinge. Mit einfacheren Wörtern ausgedrückt, nichts geschieht in dieser Welt ohne der ihr vorangehender, bestimmter Ursache. Alles, was also um uns herum oder auch mit uns selbst geschieht, ist vorherbestimmt durch den Seinsgrund. Kein Seinsbereich, auch nicht der des freien Handels, ist davon ausgenommen. Der Seinsgrund ist daher ein Kausalitätsprinzip, er beinhaltet nicht nur die Gründe, sondern auch die Ursachen in sich. Auch das Prinzip des Besten ist ein Fall des Satzes vom Grund.15

Dies hilft uns besser zu verstehen, das absolut alles, was uns im Leben wiederfährt (das Leid und Übel innbegriffen) einen tieferen Sinn macht, auch wenn diese Ursachen uns verborgen (wiederum aus einem bestimmten Grund) bleiben. Und trotzdem ist es immer noch eine schö- ne Welt, in der wir leben. Unsere Einstellung zu ihr im Augenblick, ist die mögliche zukünf- tige Welt, in der wir dann später landen werden. Sobald man aufhört außerhalb von sich selbst nach Schuldigen zu suchen und in sich selbst zurückkehrt, eröffnet sich einem „seine eigene, bestmögliche Welt“ in der man zu aller erst lebt. Was man aus seiner Welt kennt, trägt man nach außen hin. Wenn man tief innen drin unglücklich ist, scheint uns die ganze Welt plötz- lich grau und sinnlos zu sein. Wir projizieren, was wir in der Außenwelt sehen und nicht wirklich verstehen in unsere eigene Innenwelt, aber man kann versuchen bzw. lernen das Bes- te aus seiner Welt nach außen hin zu projizieren.

2.1. Leibniz` Philosophie

Wenn Leibniz meint, das wir in der bestmöglichen aller Welten leben, dann meint er damit nicht, dass es kein Übel in der Welt mehr geben darf oder soll. Die Welt ist die bestmögliche allein deshalb, weil Gott nicht weniger als so eine Welt haben wollen würde. Das Prinzip des Besten ist für Gott als eine inhaltliche Ausführung zu begreifen, weil weniger vollkommen Gott nicht handeln würde.16 Aus der Unzahl all potenzieller Welten erschafft Gott stets die Beste. Wenn es uns Menschen allerdings so erscheint, als wäre das Gegenteil der Fall, dann kann es vielleicht auch daran liegen, dass von all den Katastrophen, Krisen und sonstigen Übeln, die wir sehen, es tatsächlich immer noch die bessere Wahl bzw. Welt ist. Wenn unsere Welt wirklich nicht die beste wäre, dann wäre wohl auch kein Leben hier mehr möglich. Wir Menschen machen wohl alles, nur nicht positiv denken und handeln, um eben eine gute Welt selbst zu erschaffen. Und diejenigen, die es tun, sind wahrscheinlich in der Minderheit. Das, was wir tagtäglich sehen ist unsere bestmögliche Welt, entstanden aus den besten Potenzen. Oder man kann es auch so sehen, wir bekommen das, was wir auch selbst verdienen, als Menschheit. Wenn das Bewusstsein der Menschheit insgesamt wächst, dann wird auch die bessere Welt von uns selbst geschaffen. Wie man damit allerdings jetzt umgeht, ist jedem selbst überlassen. Der Eine wird Gott die alleinige Schuld für alles geben, was kein lösungs- orientiertes Denken mehr ist, der Andere aber umlenken…

Man darf nicht vergessen, dass nach Leibniz es zwei Weltbereiche gibt, die der Monaden bzw. der Geister und die der Körper bzw. dem Reich der Natur. Beide Welten sind auf ihre Art und Weise perfekt. Unsere - weil Gott sie durch Prinzipien am einfachsten kreiert, aber am reichsten an Erscheinungen ermöglicht. Und unsere Naturgesetze auf unserem Planeten sind die besten für uns. In unserem Reich gelten Kausalketten, im „Oberen“ herrschen die Finalursachen. Die obersten Prinzipien sind die Güte, die Weisheit und Gerechtigkeit und beide Weltgeschehen existieren und wirken gleichzeitig, ohne aber einander zu stören (perfec- tibilitas).

Gott allein kann so etwas in die Wege leiten und auch praktisch umsetzten. Aber nach Leibniz ist der Unterscheid zwischen Mensch und Gott nur gradueller, nicht aber grundsätzlicher, d.h. wenn der Mensch seine Erkenntnisfähigkeit vervollkommnet, dann gewinnt er mehr an Voll- kommenheit im moralischen Handeln.17 Oder das, was ich - höheres Bewusstsein - nennen würde. An sich zeigt er dadurch einen Ausweg aus dem Dilemma. Nicht nur das es ausnahms- los jeder machen könne, es ist ein Ausweg aus der Leidensspirale. Leider gibt es keine prakti- sche Umsetzungsanleitung dazu, daher ist das ein persönlicher und einzigartiger Weg zur Selbstfindung und durch das auch die höhere Erkenntnis um Gott und die Welt.

Wir Menschen haben nach Leibniz den vollen Zugang zur Ideenwelt und eventuell kann man so sein Bewusstsein vervollkommnen. Historisch betrachtet ist die Monadenlehre der Gegen- entwurf zu Descartes dualistischem Weltbild. Also das wirkliche Sein bei Leibniz ist im Be- wusstsein enthalten, welches das gesamte Universum durchzieht. Hegel wird später diesen Gedanken weiter ausformulieren. Dieser Bereich des Bewussten auf seinem Weg nach „un- ten“ wird in verschiedene Individuen, also Monaden, gesplittert. Das ist im Grunde die Theo- rie der Beseeltheit der gesamten Wirklichkeit. Daher ist jeder Mensch und jedes Tier in der Monadenwelt mit einer Seele ausgestattet. Allein die Idee von diesen Substanzen ist bereits in uns selbst enthalten: „[…] die Idee der Substanz in uns selbst, die wir ja Substanzen sind, zu fin- den“18 - man müsse also nur sich selbst zuwenden und sie lernen zu fühlen, vervollständige ich.

In seinem kurzen Aufsatz von 1678 „Quid sit idea“, erklärt Leibniz was eine Idee ist und worin sie zu finden ist. Zunächst ist eine Idee etwas, was in unserem Bewusstsein liegt, aller- dings ist sie nicht das Gehirn, auch nicht Eindrücke, Meinungen, Gefühle etc. Obwohl all dies natürlich auch nicht entstehen könne, wenn wir nicht eine wage Idee davon gehabt hätten. Die Idee ist eben nicht ein bestimmter Denkakt, es ist ein Vermögen. Wir haben die Fähigkeit, eine Idee von etwas zu haben, ohne sie vorher zu kennen und auch ohne über sie konkret schon mal nachgedacht zu haben. Man kann sich einfach an bestimmte Dinge „erinnern“, das beinhaltet in sich die Idee der Ahnung von etwas oder eben der Tatsache, dass wir bestimmte Dinge einfach wissen, weil sie irgendwo sind und wir einen Zugang zu ihnen haben. Voraus- gesetzt wir haben das Vermögen, naheliegende Dinge zu erkennen und denkend zu begrei- fen19, also man muss sich bereits ein gewisses Niveau an Bewusstsein erarbeiten. Leibniz sagt dazu Folgendes:

„Somit ist die Idee der Dinge, die in uns sind, ausschließlich der Tatsache zuzuschreiben, das Gott, der Schöpfer sowohl der Dinge als auch des Bewusstseins, unserem Bewusstsein die Fähigkeit verlie- hen hat, aus seiner eigenen Tätigkeit das herzuleiten, was in allem dem, was in den Dingen ist, ent- spricht.“20

[...]


1 Im Folgenden Textverlauf benutzte Schreibweise

2 Leibniz´ Monadologie, S. 35

3 Ebd. S. 37

4 Vgl. zu Leibniz: Kleines philosophisches Wörterbuch, S.152f. 6

5 Finster/Van den Heuvel zu G.W. Leibniz, S. 25

6 Ebd, S. 30

7 Sandvoss, G.W.Leibniz, S. 57

8 Ebd, S. 76

9 Ebd, S. 87, §78 der Monadologie

10 Vgl. zu Theodizee: Kleines philosophisches Wörterbuch, S. 274

11 Sandvoss, G.W.Leibniz, S. 78

12 Sandvoss, G.W.Leibniz, S.130

13 Stosch; Theodizee, S.8

14 Sandvoss, G.W.Leibniz, S.126f.

15 Finster/Van den Heuvel zu G.W. Leibniz, S.58

16 Finster/Van den Heuvel zu G.W. Leibniz, S. 61ff.

17 Vgl. Ebd.

18 Finster/Van den Heuvel zu G.W. Leibniz, S.70f.

19 ufsatz: “Quid sit idea” us G͘W͘ Leibniz philosophische Schriften Bd.4, S.63

20 Ebd. S.65

Ende der Leseprobe aus 54 Seiten

Details

Titel
Leben wir in einer der bestmöglichen Welt? Das Theodizee-Problem nach Leibniz
Hochschule
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)  (Philosophie)
Note
3,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
54
Katalognummer
V339358
ISBN (eBook)
9783668354609
ISBN (Buch)
9783668354616
Dateigröße
1315 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
leben, welt, theodizee-problem, leibniz
Arbeit zitieren
Natalia Ryan (Autor), 2016, Leben wir in einer der bestmöglichen Welt? Das Theodizee-Problem nach Leibniz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/339358

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