Königin Luise von Preußen. Ein Mythisierungsprozess


Hausarbeit, 2015

14 Seiten, Note: 3,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Mythisierung in der Deutschen Kultur

3. Das Leben der Luise von Preußen

4. Mythisierung der Luise von Preußen

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Geschlechterforschung entwickelte sich erst in den 1980er Jahren zu einer Teildisziplin der Geschichtswissenschaft. Im Fokus stehen seitdem nicht nur soziale Rollen von Frauen, sondern auch ihr politischer Handlungsspielraum und der Einfluss, den sie hatten. Diese späte Entwicklung hängt damit zusammen, dass Frauen erst seit dem 20. Jahrhundert politische Ämter in nennenswertem Umfang bekleiden durften. Dass es ein Mitwirken der Fürstinnen in Regentschaften gab ist keinesfalls bestritten, aber dies ist wohl der Grund für die relativ späte systematische Auseinandersetzung mit Frauen auf politischen Bühnen in der Frühen Neuzeit. „[…] denn sie erscheinen nur selten als Akteurinnen in den einschlägigen Beständen staatlicher Archive, und es gibt keine Instruktionen und „offiziellen“ diplomatischen Briefwechsel für und mit Frauen adliger oder fürstlicher Abkunft.“[1]

In den Königshäusern der frühen Neuzeit wurde nicht aus Liebe geheiratet, sondern zum politischen Vorteil. Legitime Nachkommen sollten gezeugt werden. Die Stellung als Ehefrau eines Monarchen verpflichtete die Fürstin zur Aufsicht über den Hofstaat im Sinne der Haushaltsführung und die Sicherung des Landes durch das Gebären von Thronfolgern. Als Regentinnen konnten Fürstinnen gleichwohl auf der Basis eheherrlicher Testamente, nach dem Ableben ihres Ehemannes, erhebliche Macht erlangen. Denn sie übernahmen die Regierung für den noch nicht volljährigen Erben[2].

Diese geringe Anzahl an Möglichkeiten, offiziell auf der politischen Bühne „mitzuspielen“, wie auch Katrin Keller beschreibt, betrifft den Großteil der Frauen in der Frühen Neuzeit. Eine der wenigen Ausnahmen war Königin Luise von Preußen. Sie wurde 1776 in Hannover als Prinzessin von Mecklenburg-Strelitz geboren, heiratete 1793 den preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm III. und wurde nach dem Tod seines Vaters 1797 Königin von Preußen. Luise regierte dreizehn Jahre an der Seite ihres Mannes bis sie 1810 an einem Lungentumor verstarb.[3]Ihrem Tod, folgte ein einzigartiger Fall nationaler Gedächtnispolitik. Die Berliner Bevölkerung begleitete nicht nur den Trauermarsch der verstorbenen Königin, sondern es entwickelte sich geradezu eine Heldenverehrung. Rudolf Speth beschreibt diesen sich bildenden Mythos folgendermaßen: „Der Luisen-Mythos […] wurde eingebettet in den größeren Mythos der Nation. Luise wurde darin zur Heldin in der wichtigen Phase der Konstituierung der Nation, während der Befreiungskriege zu Beginn des 19. Jahrhunderts.“[4]Weiterhin spricht er von dem „Luisenkult“ der sich in vielen populären Stiftungen bis heute wiederfindet, wie zum Beispiel beim Luisenorden oder dem Luisenkreuz. Hinzu kommen zeitgenössische Geschichten und Erzählungen, die gerade auch die Frauen in der Nation stärkten. Speth vertritt die Auffassung, dass der Luisenkult eine Grundlage für die Mobilisierung des politischen Zusammenhaltes des Landes ist und damit auch einen Grad an Volksidentität stiftete.[5]

Aber warum konnte gerade Luise von Preußen die Grundlage für die Entstehung eines Mythos sein? Inwieweit das reale Wirken der preußischen Königin überhaupt mit dem Mythos nach ihrem Tod zusammenhängt und warum es eine gewisse Gedächtnispolitik auch noch einhundert Jahre nach ihrem Tod gibt, wird im Folgenden geklärt und ist Mittelpunkt dieser Arbeit. Dazu wird zunächst der Mythen-Begriff definiert und in die disziplinäre Betrachtung einer geschichtswissenschaftlichen Auseinandersetzung eingeordnet. Weiterhin werden Leben und Erziehung Luises betrachtet, um so die Entwicklung ihrer Charakterzüge zu begründen, die sie zu einer leidenschaftlichen Königin werden ließen. Anschließend wird die Zeit der Regentschaft fokussiert, die von Krieg und Flucht gekennzeichnet war. Dabei werden die Zusammenhänge zu den ersten Formen des öffentlichen Gedenkens augenscheinlich. Dieses Vorgehen wird herausstellen warum gerade Luise von Preußen zu einer politischen-mythisierten Figur wurde.

2. Mythisierung in der Deutschen Kultur

Der Begriff „Mythos“ ist den Begriffen „Legende“ und „Kult“ vorzuziehen; beide verweisen auf einen religiösen Kontext, den die Analyse des Quellenmaterials so nicht bestätigen kann. „Kult“ impliziert zudem rituelle Handlungen, die zwar in Ansätzen vorhanden sind, jedoch nicht systematisch nachgewiesen werden können.“[6]

Anhand dieser klaren Definition eines „Mythos“ wird hier und im Folgenden nur noch vom Luisen-Mythos gesprochen.

In der Annahme, dass bei der Bewältigung und der Vergegenwärtigung der Vergangenheit zunächst eine andere Ebene der Betrachtung herangezogen werden muss, beschreibt Wulf Wülfing in seiner Untersuchung „Zum Mythos der ˃˃deutschen Frau˂˂“, dass die Bedingung der Möglichkeit immer ein Teil der Geschichte ist und so ein Mythos entsteht.[7]Auch Hannah Arendt erklärt die Mythisierung einer realen Person, indem sie davon ausgeht, dass sich Menschen, die Geschichte betrachten, zunächst eine höhere Dimension schaffen, um zu gewissen Typisierungen einen vagen Gegenwartsbezug herstellen zu können.[8]So könnten diese historischen Personen funktionalisiert und zu jeder Gelegenheit in jeder Zeit wieder herangezogen werden. Auch Birte Förster, die den Luisen-Mythos hinsichtlich der Medialisierung zwischen 1860 und 1960 intensiv untersuchte, unterstützt diese Eingrenzung zur Entstehung eines Mythos. Aber darüber hinaus beschreibt sie, inwieweit populäre Medien einen Einfluss auf die Bedeutungszuschreibung einer historischen Person haben und so zur Mythisierung beitragen.[9]Denn das Bild eines Mythos wandelt sich im jeweiligen historischen Kontext: Jede Zeit fügt eigene Symboliken und Muster hinzu. Dies geschieht nicht nur hinsichtlich der Mythisierung sondern auch bezüglich eines nationalen Idealbildes.

In der deutschen Kultur erhält die Symbolik eines Mythos eine Bedeutung, wenn es um Revolutionen und politische sowie nationale Umbrüche geht. Ein deutsches Idealbild wird dann zu einem Symbol einer ganzen Bewegung. Rudolf Speth betont das affektive Potential, das Mythen im nationalen Selbstverwirklichungsprozess haben.[10]Damit verdeutlicht er nur noch einmal die Dynamik, die einem Mythos innewohnt sowie dessen Bedeutung für den Nationalgedanken. Es kann davon ausgegangen werden, dass ein politischer Mythos eine bestimmte Zielgruppe anspricht. Speth betont, dass diese Art der Mythen von den narrativ-fiktionalen abgegrenzt werden müssen, um aus ihnen ein Reduktionsmodell zu machen.[11]Durch gezielte Reduktion der Belanglosigkeiten im Leben einer historischen Person, wird sie für den Mythencharakter idealisiert. Desweitern führt Speth aus, dass eine Sakralisierung der historischen Person, die zu einem nationalen Symbol werden solle, stattfinden müsse. Denn nur auf diese Weise könne eine gegenwärtige und zukünftige Beeinflussung der Gesellschaft stattfinden.

Im Folgenden wird nun das Leben und Wirken Königin Luises von Preußen in den Mittelpunkt gestellt, um daran die Symbolik des Luisen-Mythos im Zusammenwirken mit der Entwicklung einer nationalen Gedächtnispolitik zu untersuchen.

[...]


[1] Zitat: Keller, Katrin: Mit den Mitteln einer Frau: Handlungsspielräume adliger Frauen in Politik und Diplomatie, In: Hillard von Thiessen/Christian Windler [Hg.]: Akteure der Außenbeziehungen. Netzwerke und Interkulturalität im historischen Wandel. Köln/ Weimar/ Wien 2010, S. 220.

[2] Keller, Katrin: Frauen und Politik in der höfischen Gesellschaft des alten Reiches zwischen 1550 und 1750, In: zeitblicke 8 (2009), Nr. 2.

[3] von Brühl, Christine: Die Preussische Madonna. Auf den Spuren der Königin Luise. Berlin 2010, S. 26.

[4] Zitat: Speth, Rudolf: Königin Luise von Preußen als Nationalheldin, In: zeitblicke 3 (2004), Nr. 1.

[5] Ebd.

[6] Zitat: Wülfing, Wulf; Bruns, Karin; Parr, Rolf: Historische Mythologie der Deutschen 1798-1918. München 1991, S. 60.

[7] Wülfing, Wolf: Zum Mythos von der ˃˃deutschen Frau˂˂: Rahelbettinacharlotte vs. Luise von Preußen, In: Knabel, Klaudia; Rieger, Dietmar; Wodianka, Stephanie [Hg.]: Nationale Mythen – kollektive Symbole. Funktionen, Konstruktionen und Medien der Erinnerung. Göttingen 2005, S. 145.

[8] Ludz, Ursula; Nordmann Ingeborg [Hg.]: Hannah Arendt. Denktagebücher 1950-1973. Bd. 1. Zürich 2002, S. 295.

[9] Förster, Birte: Der Königin Luise-Mythos: Mediengeschichte des „Idealbildes Deutscher Weiblichkeit“, 1860-1960. Göttingen 2011, S. 26.

[10]Speth, Rudolf: Nation und Revolution. Politische Mythen im 19. Jahrhundert. Opladen 2000, S. 28.

[11]Speth, Rudolf: Königin Luise von Preußen als Nationalheldin, In: zeitblicke 3 (2004), Nr. 1.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Königin Luise von Preußen. Ein Mythisierungsprozess
Hochschule
Universität Rostock  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Hauptseminar
Note
3,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
14
Katalognummer
V339411
ISBN (eBook)
9783668289734
ISBN (Buch)
9783668289741
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Luise von Preußen, Mythos, Luisenmythos, Luisenverehrung
Arbeit zitieren
Nadine Langer (Autor), 2015, Königin Luise von Preußen. Ein Mythisierungsprozess, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/339411

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