Ist Pegida ein zivilgesellschaftlicher Akteur? Eine systemtheoretische Analyse mit André Reichel


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Fragestellung
1.2 Vorgehensweise und Aufbau der Arbeit

2. Systemtheorie Luhmanns
2.1 Funktionale Differenzierung
2.2 Luhmann und soziale Bewegungen

3. André Reichels fünf Grenzziehungen zur Operationalisierung von Zivilgesellschaft
3.1 Das Problem
3.2 Das spezifische Medium
3.3 Der Code
3.4 Programme
3.5 Die Organisation der Zivilgesellschaft

4. Pegida mit dem Analyseinstrument André Reichels
4.1 Das Problem Pegidas
4.2 Das Medium Pegidas
4.3 Der Code Pegidas
4.4 Das Programm Pegidas
4.5 Die Organisationsform Pegidas

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Fragestellung

Seit Oktober 2014 organisieren die „Patriotischen Europäer gegen die Isla- misierung des Abendlandes“, kurz Pegida, unter wechselnden Städtebe- zeichnungen und mit unterschiedlicher Resonanz Demonstrationen in Deutschland, um gegen jene vermeintliche Islamisierung Deutschlands, die Asyl- und Einwanderungspolitik, das Freihandelsabkommen TTIP, für den Schutz der eigenen Kultur und divergierende weitere Forderungen (Pegida 2015) zu protestieren.

Diese Forderungen ergeben in der Summe kein kohärentes Gesamtbild, was auf die Heterogenität des - nach eigener Darstellung: überparteilichen - Bündnisses schließen lässt (vgl. Geiges et al. 2015).

Erste sozialwissenschaftliche Studien (vgl. Geiges et al.2015; Volländer et al. 2016; Rucht et al. 2015; Walter 2015; Donsbach 2015 und mit Abstrichen Patzelt 2016) lassen im Grundsatz jedoch darauf schließen, dass es sich bei Pegida um eine rechtspopulistische, teils offen rechtsradikale Bewegung handelt.

Und eine im Zusammenhang mit Pegida vielfach geäußerte Aufforderung sozialer Akteure ist, dass sich diesen und sonstigen rechten Bewegungen und Protesten eine engagierte und couragierte Zivilgesellschaft entgegen- stellen solle. Größere Gegendemonstrationen zu Pegida-Protesten führen in Folge dieser Aufforderung oftmals zu wohlwollenden Begleitkommentaren von Politikern und Journalisten: die Zivilgesellschaft habe „politische Füh- rung“ (Schubert 2015) übernommen oder „großes Engagement“ (Herrmann 2016) gezeigt, während erfolgreiche Demonstrationen der Pegida-Bewegung (und ihrer Ableger in verschiedenen Städten) wiederum zu einer Kritik an der Zivilgesellschaft führen, die „nicht aktiv genug“ (Thierse 2016) gewesen sei, weshalb sie nunmehr „gestärkt“ (Tillich 2016) werden müsse.

Zivilgesellschaft als „weder auf staatlicher Macht […} noch von wirtschaftli- chen Interessen getragen[e]“ (Anheier 2001) „Sphäre kollektiven Handelns und öffentlicher Diskurse“ (Kreisky 2005: 1) zwischen Staat, Markt und Fami- lie wird hier augenscheinlich aus normativer Perspektive betrachtet und „gleichgesetzt mit dem positiv in die Zukunft gerichteten Projekt eines demo- kratischen Gemeinwesens und einer gerechten Gesellschaft“ (Zimmer 2012) - und von Seiten vieler Akteure und Institutionen wird Pegida implizit oder explizit schlicht nicht diesem „Projekt“ hinzugerechnet.

Dies ist mitnichten selbstverständlich und insbesondere diese Wahrnehmung erzürnt und mobilisiert Anhänger der Pegida-Bewegung im besonderen Maße (vgl. Geiges et al. 2015: 99), da diese sich in ihrer Eigenwahrnehmung, die derer ihrer Kritiker somit diametral gegenübersteht, als tatsächliche Wahrer des Friedens (u.a. mit Russland), der politischen Partizipation, der Gerechtigkeit; ja schlichtweg: der Demokratie (die jedoch stärker plebiszitär ausgerichtet sein sollte) begreifen.

Hier scheint man dementsprechend auf Folgen gewisser „analytische[r) Unschärfen und [fehleranfälliger] idealisierende[r] Annahmen“ (Klein 2001: 11) zu stoßen, die gegen einen normativen Zivilgesellschaftsbegriff sprechen, denn einerseits steht dessen „unterschwellige Fortschritts- teleologie“ (Jessen & Reichhardt 2004: 7) evident im Widerspruch zu Forderungen der Pegida-Anhänger, die bestimmte gesellschaftspolitische Entwicklungsschritte, die man gemeinhin als progressiv, liberal oder zeitgemäß bezeichnet, schlichtweg negieren; und andererseits betrachten sich beide Seiten, teilweise mit Verweisen auf das selbe Konzept von Zivilgesellschaft, als tatsächliche Hüter und Wahrer der Demokratie - während die jeweilige Gegenseite folglich den Antagonisten verkörpert, welchen es zu bekämpfen gilt.

Wie begegnet man diesem paradox anmutenden Umstand?

1.2 Vorgehensweise und Aufbau der Arbeit

Eine mögliche Antwort auf dieses Dilemma bieten die Überlegungen André Reichels zur Frage, was Zivilgesellschaft überhaupt ist und wie diese sich konzeptualisieren lasse; und zwar in seinem Beitrag „Die Zivilgesellschaft der Gesellschaft? Systemtheoretische Beobachtungen eines unruhigen Funkti- onssystems“ im Herausgeberband „Bürger. Macht. Staat? Neue Formen ge- sellschaftlicher Teilhabe, Teilnahme und Arbeitsteilung“ (2012).

Mittels Luhmannscher Systemtheorie „als theoretische Brille und heuristi- schem Werkzeug“ (Reichel 2012: 54) versucht André Reichel, ein kohärentes Konzept der Zivilgesellschaft zu formulieren, welche als klar ausdifferenzier- ter Teil der Gesellschaft, im Medium der Werte konzeptualisiert, einen Platz einnähme, welcher von sonst keinem anderen Teil der Gesellschaft einge- nommen würde. Zivilgesellschaft bearbeite demgemäß Probleme, die von keinem anderen Funktionssystem zufriedenstellend gelöst werden könnten, da sie sich z. B. aus ökonomischer Sicht nicht rentierten oder da der Macht- zuwachs, bei gleichzeitigem Machtverlustrisiko, aus politischer Sicht zu unsi- cher wäre (Jansen 2012: 9).

Für diese Problembearbeitung benötige Zivilgesellschaft einen Code, der sie überhaupt in die Lage versetze, Kommunikation anschlussfähig zu erzeugen und zu fokussieren. Außerdem Programme, die Antworten auf die Frage lie- fern, welche Probleme Zivilgesellschaft auf welche Weise angehen solle so- wie eine Form der Organisation der Zivilgesellschaft (Reichel 2012: 56f.).

Ein markantes Unterscheidungskriterium zu sonstigen Konzeptionen von Zi- vilgesellschaft ist bei Reichel dementsprechend die Ziehung von Grenzlinien zur Operationalisierung von Zivilgesellschaft nicht entlang von bestimmten Normen und Werten, sondern entlang von unpersönlichen Kriterien - und sollten alle erwähnten Kennzeichen (Problem, Medium, Code, Programm, Organisation) hierbei im Phänomenbereich der Zivilgesellschaft beobachtet werden, könne von einem Funktionssystem gesprochen werden (vgl. Reichel 2012: 57).

Mittels dieser „Untersuchungsschablone“, die nachfolgend dargelegt wird, soll in dieser Arbeit nachgeprüft werden, ob es sich bei Pegida - aus systemtherotischer Sicht André Reichels - um einen zivilgesellschaftlichen Akteur handelt oder nicht. Nach dieser Untersuchung soll im Fazit sowohl das Analyseinstrument Reichels als auch das Untersuchungsergebnis einer kritischen Bewertung unterzogen werden.

Zunächst vonnöten ist jedoch eine Darlegung der Systemtheorie Luhmanns, da Reichels Überlegungen hierauf fußen.

Hierzu einschränkend: Erläuterungen zur schwierigen Systemtheorie (Niklas Luhmanns) sind vielgestaltig, abstrakt, auch schwierig und könnten ent- sprechend Gegenstand einer eigenen ausfüllenden Arbeit sein. In unserem Fall dient die Theorie Luhmanns Reichel als Grundlage, um anschließende eigene Überlegungen zur Zivilgesellschaft einfließen zu lassen. Diesen Umstand ebenso wie den begrenzten Rahmen dieser Arbeit be- rücksichtigend, wird die Darlegung der Luhmannschen Systemtheorie notwendigerweise rudimentärer Natur sein und sich auf Überlegungen zur funktionalen Differenzierung von Gesellschaft und Protestbewegungen als Teil sozialer Syteme beschränken.

2. Systemtheorie Luhmanns

2.1 Funktionale Differenzierung

Als soziologische Konzeption greift die Systemtheorie auf vielerlei Disziplinen und Theoriestränge wie Biologie, Evolutionstheorie, Maschinentheorie und Kybernetik sowie Organisations-, Kommunikations- und Medientheorie zu- rück und versucht von diesem interdisziplinären Ansatz aus, Gesellschaft und soziale Ordnung anhand eines systemtheoretischen Modells zu erklären (Seiler 2014: 54).

Das Konzept der funktionalen Differenzierung bildet hierbei die Grundlage für die Luhmannsche Systemtheorie, ging er seit Beginn der Ausarbeitung seiner Theorie doch davon aus, dass sich die moderne Gesellschaft empirisch als eine in funktionale Teilsysteme differenzierte Gesellschaft beschreiben ließe (Lange 2007: 181).

Bei Systemen unterscheidet Luhmann zwischen allopoietischen Systemen, die bewusst geschaffen wurden (technische Systeme, z.B. Maschinen) und autopoietischen1 Systemen (selbsterschaffende Systeme). Unter autopoieti- schen Systemen wird erneut zwischen organischen und sinnhaft operieren- den (selbstreferenziellen) Systemen unterschieden (Luhmann 1984). Zu sinnhaft operierenden Systemen gehören psychische (Bewusstseinssyste- me) und soziale Systeme (Kommunikationssysteme). Zu diesen sozialen Systemen gehören wiederum die Gesellschafts-, Organisations- und Interak- tionssysteme sowie (später) soziale Bewegungen, die jeweils spezifische Funktionen ausüben, um die jeweiligen Systemprobleme zu lösen.

Dies führt zu einer Spezialisierung in sich entwickelnden Sub- oder Teilsys- temen („Systemdifferenzierung“) und - daraus resultierend - zu enormen Effizienzsteigerungen der Teilsysteme; gleichzeitig werden diese autonomer, aber auch weniger empfänglich für Signale aus der Umwelt, denn als sys- temzugehörig wird lediglich betrachtet, was dem binären Code (Theorie: wahr/unwahr; Wirtschaft: zahlen/nicht zahlen, etc.) des Funktionssystems entspricht („operative Schließung“). Unter anderem hieraus entstehen neue Folgeprobleme: Die funktionale Ausdifferenzierung von Systemen erschafft neue Probleme, die für diese nicht sichtbar sind (vgl. Kropik 2014: 344).

Diese dargelegte Systemdifferenzierung ist so konzeptualisiert, da Luhmann sich von der traditionellen Differenz vom Ganzen und (seinem) Teil löst, um stattdessen besagte Differenz von System und Umwelt2 zu formulieren. Da- bei ist Systemdifferenzierung nichts anderes als die Wiederholung der Diffe- renz von System und Umwelt innerhalb des Systems (Luhmann 1984: 22). Diese Ausdifferenzierung von Systemen geschieht nicht geplant von außen, sondern „nur durch Selbstreferenz“ (Ebd.: 25), genauer: durch Selbstbezug- nahme der Systeme mittels Identifikation von (eigener) Identität und (frem- der) Differenz (Ebd.: 26).

Diese Unterscheidung von Umwelt und System, das Erkennen von Identität und Differenz und der Prozess der Selbsterschaffung eines neuen/andersartigen Systems, das operativ geschlossen ist, mündet in der Formulierung des Konzepts der Autopoiesis, also Selbstschöpfung.

[...]


1Neologismus des chilenischen Neurobiologen Humberto Maturana, der den Prozess der Selbsterschaffung und Selbsterhaltung von Systemen kennzeichnet.

2Umwelt ist hierbei als äußerst variabler Begriff zu verstehen, der alles umfasst, was das entsprechende System nicht ist.

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Details

Titel
Ist Pegida ein zivilgesellschaftlicher Akteur? Eine systemtheoretische Analyse mit André Reichel
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Politikwissenschaft und Japanologie)
Veranstaltung
Politische Theorie und Ideengeschichte
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
25
Katalognummer
V339416
ISBN (eBook)
9783668289611
ISBN (Buch)
9783668289628
Dateigröße
594 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pegida, Systemtheorie, Zivilgesellschaft, André Reichel, politisches System
Arbeit zitieren
Cem Dursun (Autor), 2015, Ist Pegida ein zivilgesellschaftlicher Akteur? Eine systemtheoretische Analyse mit André Reichel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/339416

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