Die Genese des kapitalistischen Systems. Ein Theorievergleich zwischen Max Weber und Karl Marx


Hausarbeit, 2016
19 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Gliederung

1.) Einleitung

2.) Die Staatstheorie Webers
2.a) Der moderne Staat und das Gewaltmonopol
2.b) Legitimität im modernen Staat

3.) Weber: Eine historisch- idealtypologische Analyse des kapitalistischen Systems
3.a) Rationalismus und protestantische Ethik als bedeutende Faktoren
3.b) Der Klassenbegriff bei Weber

4.) Marx: Eine historisch-materialistische Analyse des Kapitalistischen Systems
4a) Der Klassenbegriff bei Marx

5.) Vergleich und 6.) Fazit

6.) Literaturverzeichnis

1.) Einleitung

Wie stellte Dirk Kaesler, der Marburger Professsor für Allgemeine Soziologie, auf Max Weber beziehend, einst im Interview mit der dpa fest:

"Aus der prophetischen Sicht des berühmtesten deutschen Soziologen wurde hundert Jahre später ernste Wirklichkeit, die zunehmend mehr Menschen der globalistischen Moderne beherrscht."

(http://www.stern.de/wirtschaft/news/max-weber-ein-prophet-kommt-in-der-wirklichkeit-an-3549930.html)

Nach der Reflexion des Seminars „Einführung in die kritische Staatstheorie“ fiel mir auf, dass mich insbesondere die Auseinandersetzung mit Max Weber respektive seiner Ausführungen zur Staatssoziologie interessierte. Die Quintessenz der im Seminar geführten Diskussion lässt sich auf die Nennung der relevanten Aspekte eines modernen Staates sowie die Entstehung des kapitalistischen Systems und deren begünstigenden Faktoren reduzieren. Auch die sich (positiv, weil stärkenden) Faktoren im Verhältnis zwischen dem Entstehen von Nationalstaaten und der Entwicklung des kapitalistischen Systems wurde reflektiert. Speziell in dieser Seminarsitzung hatte ich jedoch auch viele offene Fragen, wie beispielsweise „Welche konkreteren Faktoren begünstigten das Zustandekommen dieses Systems?“, „Welche Divergenzen können sich bei der Bewertung der Genese und der Entwicklung des kapitalistischen Systems auftun?“.

Die Beantwortung jener Fragen wird auch Aufgabe meiner intendierten wissenschaftlichen Ausarbeitung sein.

Die weitere Auseinandersetzung mit diesen beiden oben genannten Themen-Schwerpunkten sowie der Vergleich Webers mit Marx‘ theoretischer Analyse im Hinblick auf die Entwicklung und Genese des kapitalistischen Systems schienen mir dabei als unumgänglich, da beide Wirtschaftstheoretiker in Bezug auf diesen Untersuchungsgegenstand von ähnlichen Fragestellungen ausgehen und geprägt wurden.

Nachdem also zu Beginn eine kurze Darstellung Webers‘ Staatstheorie erfolgt, in welchem erläutert werden soll, was für Weber einen (modernen) Staat ausmacht und welche mir als notwendig zur Erklärung grundlegender Begrifflichkeiten im Zusammenhang mit dem Staat erscheint, möchte ich die Erklärungsansätze von Weber und Marx zur Genese und Funktionsweise des modernen Kapitalismus, unter Berufung auf die Werke „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ sowie „Das Kapital“ und „Das Manifest der kommunistischen Partei“, darlegen und erläutern. Zum Abschluss wird der Erkenntnisgewinn dieser Analyseverfahren verglichen und zusammengefasst.

2.) Die Staatstheorie Webers

Max Webers Staatssoziologie besitzt auch heute noch so viel Aktualität, dass noch auf seine Definitionen zurückgegriffen werden gleichwohl seine Worte einer Zeit entstammen, die von der heutigen Form der Globalisierung, ausuferndem Kapitalismus und Länderzusammenschlüssen wie beispielsweise der EU nichts wusste. Auch seine Kapitalismusanalysen werden mitunter für das Verständnis des aktuellen Finanzmarktkapitalismus verwendet.

Bezüglich seiner Staatsdefinition lässt sich festhalten, dass diese dem modernen Staat gilt, denn „der moderne Staat ist das Ergebnis eines längeren historischen Prozesses“[1] wie es ebenso ein Produkt des Rationalismus des Okzidents und der Entzauberung der Welt durch die Rationalisierung ist.[2] Mit „historisch“ meint Weber, dass nach den spezifisch (okzidentalen) Bedingungen gesucht wird, die den modernen Staat so und nicht anders hervorgebracht haben.[3]

Jener eben erwähnte Rationalismus war nicht nur wichtig für die Staatenbildung, weil diese auf der Grundlage rationaler, fester Regeln bestand, sondern auch für ein Verwaltungssystem und die Entstehung der Bürokratie. Weber fokussiert sich dabei auf den Okzident, da dieser für ihn sowohl Entstehungs- als auch Entwicklungsort der Rationalisierung und des modernen Staates ist. Die Bedeutung der Rationalität, die sich vor allem auf die Bereiche der Bürokratisierung, Rationalisierung und Institutionalisierung auswirkt, schlägt sich auch in Webers Ausformulierungen nieder, so verwendet er beispielsweise Begrifflichkeiten wie rationale Ordnung, Legitimität oder auch rationale Herrschaft.

Webers Staatssoziologie wird demnach oft auch als Herrschaftssoziologie bezeichnet, denn für Weber ist Herrschaft das entscheidende Instrument für das Bestehen eines Staates.[4]

Bei der Definition des Staates stellt Weber nicht etwa den Zweck in den Vordergrund, sondern das Mittel, denn dieses zeichnet sich durch legitime Gewalt aus, in diesem Kontext ist auch seine Hauptaussage, der Staat sei „ein politischer Anstaltsbetrieb […], wenn und insoweit sein Verwaltungsstab das Monopol legitimen physischen Zwangs für die Durchführung der Ordnung in Anspruch nimmt“[5], zu verorten. „Unter Verband versteht Weber eine soziale Beziehung, die durch eine geltende Ordnung reguliert wird und deren Innehaltung (Fortbestehen) garantiert ist durch einen Verwaltungsstab.“[6] Weber verdeutlicht damit, dass der Staat auf einer sozialen Beziehung basiert und durch diese begründet wird. Bezüglich dieser gesellschaftlichen Interaktion ist hier für den Staatsbegriff nur von Bedeutung, dass Weber damit die Chance für ein sozial sinnhaftes beiderseitiges Handeln aufeinander meint.[7]

In seiner Publikation „Politik als Beruf“ führt Weber Merkmale auf, die den Staat als besondere Form des politischen Verbandes skizzieren. Diese 3 Merkmale sind zum einen 1.) das Vorhandensein einer Verwaltungs- und Rechtsordnung, 2.) Territorialität (Ordnung die alles Handeln innerhalb eines bestimmten Gebietes zu regulieren beansprucht) sowie 3.) legitime Gewaltsamkeit, die die staatliche Ordnung zulässt oder vorschreibt.[8]

Für sein Staatskonzept entwickelte Weber einen Idealtypus, welcher auf die Realität anwendbar bleibt und zugleich als Inspiration, Vergleich und Idealbild dienen soll.[9] Dieser Idealtypus ist weder „die historische Wirklichkeit oder gar die eigentliche Wirklichkeit“[10], er dient lediglich dazu, die Wirklichkeit daran zu messen um die Bedeutsamkeit verschiedener Bestandteile auf ihren empirischen Gehalt zu überprüfen[11] oder um es mit Wolfgang Mommsen zu sagen: „Nach Weber gibt es keine objektiven Gesetze in der sozialen Wirklichkeit. Es ist bestenfalls möglich, mit Hilfe von Idealtypen gesetzesähnliche Theorien von gesellschaftlichen Prozessen zu konstruieren, die dann als Maßstab dafür dienen können, den Grad des Abweichens bestimmter Ausschnitte der gesellschaftlichen Wirklichkeit von solchen nomologischen Modellen zu bestimmen.“[12]

Weber entzieht sich durch diese Perspektivenahme somit auch der Möglichkeit, allgemeine Gesetze über das kapitalistische System an sich zu formulieren. Diese Art der wissenschaftlichen Auseinandersetzung verdeutlicht die von Weber als bedeutungsvoll anzusehende Wertefreiheit und den eher deskriptiven Ansatz seines Wissenschaftsverständnisses.

2.a) Der moderne Staat und das Gewaltmonopol

Wie oben bereits angeklungen, beschreibt Weber den Staat „als Monopol legitimen Zwangs“ bzw. physischer Gewalt und sieht darin das entscheidende Mittel des Staates. Mit Gewalt meint Weber dabei physischen Zwang in Form von Einschränkung oder Verletzung. Dies bedeutet allerdings weder, dass Gewalt nur vom Staate ausgeübt werden kann, noch dass der Staat nur Gewalt als Mittel der Durchsetzung nutzt. Jedoch muss der Staat die Chance (…) haben, seine Herrschaft mittels Gewalt legitim und erfolgreich auszuüben und zur Not die bestehende Ordnung aufzuzwingen.[13]

Die Bedeutung dieses Aspektes wird deutlich, indem Weber darauf verweist, dass sich ein Staat soziologisch nur aus diesem Mittel heraus definieren lässt, da die Schwierigkeit besteht, den Staat aus dem Inhalt dessen zu definieren, was er tut, denn es gibt fast keine Aufgabe, die nicht auch ein politischer Verband übernehmen könnte, jedoch auch, die ausschließlich, vollends und jederzeit von einem politischen Verband, also Staat, bewältigt werden müsse.[14]

2.b) Legitimität im modernen Staat

Legitimität ist eine der Grundlagen der Herrschaft und soll hier genauer beleuchtet werden. Webers Besonderheit der Erläuterung der Legitimation liegt darin, dass sein Hauptaugenmerk darin liegt, sich auf die Beherrschten in einem System zu konzentrieren, deshalb spricht Weber auch von einer „inneren Rechtfertigung“[15] als Legitimitätsgrund einer Herrschaft. Herrschaft muss sich also im Zuge seiner Legitimitätsdefinition damit befassen, dass sie sich rechtfertigen muss, um akzeptiert zu werden. In der Konsequenz heißt dies, dass Herrschaft selbst in der Verantwortung steht, über ihre notwendige Legitimität verfügen zu müssen. Legitimität heißt somit auch „Akzeptanz durch die Gefolgschaft und ihren Glauben an den Herrscher.“[16] Legitimität hat laut Weber somit entscheidende Bedeutung für das Fortbestehen einer Herrschaft, es fällt aber gleichzeitig in den Verantwortungsbereich der Herrschenden die jeweils notwendige Legitimität herzustellen.

Diese Sichtweise Webers kann wohl damit begründet werden, dass er bei seinen Vorstellungen zu Legitimität und Legitimitätstypen davon ausgeht, dass die rationale und bürokratische Herrschaftsform, welche legitimiert ist durch Legalität, also „den Glaubens an die Geltung legaler Satzung und der durch rational geschaffene Regeln begründeten sachlichen Kompetenz“[17] die vorherrschende Form ist. Webers Konzept der legalen (rationalen) Herrschaft ist mit der heutigen Bürokratie und dem Beamtentum vergleichbar und ist demnach wohl der (laut Weber) bekannteste und rechtmäßigste Herrschaftstyp.[18]

[...]


[1] Bogumil 2003: S.60.

[2] Vgl. Roth 2003: S.11-15.

[3] Vgl. Zängle: S.50.

[4] Vgl. Rath 1998: S.5.

[5] Weber 1972: S. 29.

[6] Bader u.a. 1980: S. 422.

[7] Vgl. Weber 1972: S. 13.

[8] Vgl. Anter, Breuer. 2007: S. 40.

[9] Vgl. Schöllgen 1998: S.39-40.

[10] Schöllgen 1998: S.40.

[11] Vgl. Schöller. 1998: S. 40.

[12] Wolfgang Mommsen. 1974: S. 147.

[13] Vgl. Weber. 1980: S. 833.

[14] Vgl. Colliot-Thélène. 2007: S. 39.

[15] Weber. 1980: S. 822.

[16] vgl. Fitzi. 2004: S. 130-131.

[17] Weber. 1980: S. 822.

[18] vgl. Fitzi. 2004: S. 135.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Genese des kapitalistischen Systems. Ein Theorievergleich zwischen Max Weber und Karl Marx
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Politik)
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
19
Katalognummer
V339538
ISBN (eBook)
9783668290815
ISBN (Buch)
9783668290822
Dateigröße
756 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
genese, systems, theorievergleich, weber, karl, marx
Arbeit zitieren
Frederic Breidt (Autor), 2016, Die Genese des kapitalistischen Systems. Ein Theorievergleich zwischen Max Weber und Karl Marx, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/339538

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