Der Wandervogel. Entdeckung der Jugendgruppe als Erziehungsmittel


Seminararbeit, 2004

19 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

0. Einleitung

1. Gesellschaftliche Situation um 1900

2. Entstehung des Wandervogels

3. Besonderheiten des Vereins

4. Inhalte

5. Weitere Entwicklung der Wanderbewegung

6. Gruppenkonzept

7. Pädagogische Bedeutung

8. Fazit

0. Einleitung

Das Mittelseminar „Geschichte der Sozialpädagogik – Wie Helfen zum Beruf wurde“ führte in die historische Entwicklung der Sozialarbeit ein. Dabei wurden besonders die „klassischen“ Methoden, die in der Sozialpädagogik/Sozialarbeit bedeutend sind, vermittelt. Jedes theoretisches Konzept wurde im Zusammenhang mit seiner damaligen gesellschaftlichen Funktion und der pädagogischen Bedeutung betrachtet. In einer der Sitzungen wurde die Entdeckung der Jugendgruppe als Erziehungsmittel behandelt.

Der Gegenstand der vorliegenden Hausarbeit ist die Entstehung des Wandervogels in Steglitz bei Berlin und die pädagogische Bedeutung dieses Vereins als Beginn der bürgerlichen Jugendbewegung. Die Arbeitsweisen, also das Gruppenkonzept, die Beziehungsstruktur und die Methoden, die noch heute in der Gruppenarbeit mit Jugendlichen Geltung haben, sollen hier näher betrachtet werden.

Die bürgerliche Jugendbewegung entstand Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Initiative ging hauptsächlich von Oberschülern und Studenten, die aus gutem Hause kamen, aus. Die Gründung eines Wandervereins („Wandervogel – Ausschuss für Schülerfahrten“) markiert den Beginn der Jugendbewegung. Darum wird der Begriff Jugendbewegung oft mit dem Ausdruck „Wandervogel“ gleichgesetzt. Dabei werden aber andere Gruppen, die ebenfalls zur Jugendbewegung zählten, ausgeblendet. „Das mag einerseits seine Berechtigung haben, weil der „Wandervogel“ die wohl bekannteste Untergruppe der Jugendbewegung ausmachte und die frühen Wandervögel die Pioniere und Gründerväter der Jugendbewegung waren – andererseits gab es aber durchaus noch viele andere Gruppen, die der Jugendbewegung zugerechnet werden“ (http://www.uni-konstanz.de/FuF/Philo/Geschichte/kursss99/deck/Jugendbewegung_Begriff.htm).

Die Ursachen für die Entstehung dieser Jugendbewegung werden hier anhand der Beschreibung der Gesellschaft um das Jahr 1900 ausführlich behandelt. Aus der damaligen Situation heraus wird dann die Entstehung des Wandervereins und damit der Jugendbewegung beschrieben. Daraufhin wird die Einzigartigkeit dieses Vereins ermittelt, um somit die Beliebtheit bei den Jugendlichen zu erklären. Dabei kommen die Inhalte dieser Bewegung ins Visier. Im Laufe der Zeit kam es zu inhaltlichen und organisatorischen Veränderungen des Vereins. Darum wird die weitere Entwicklung des Wandervogels erst im Anschluss dieses Teils der Hausarbeit behandelt. Danach wird das besondere Gruppenkonzept des Wandervogels näher betrachtet, wonach die allgemeine pädagogische Bedeutung des Vereins ausgearbeitet wird. Am Schluss werden die wichtigsten Ergebnisse dieser Hausarbeit zusammengefasst.

1. Gesellschaftliche Situation um 1900

Es ist unmöglich, die Entstehung und Entwicklung einer neuen Bewegung zu behandeln, ohne ihre politisch-kulturellen Hintergründe zu untersuchen. Es ist unbestreitbar, „[…], dass man ein gesellschaftliches Teilphänomen wie Jugendbewegung und Jugendarbeit nicht isoliert verstehen kann, ohne den Blick auf die gesamtgesellschaftliche Kultur, der es angehört“ (Giesecke 1981, S. 8).

Da Deutschland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch ein Agrarstaat war, lebte der größte Teil der Bevölkerung auf dem Land. Die überlieferten Lebensformen und Traditionen bestimmten das soziale Verhalten der Menschen. Sie lebten in relativ kleinen Gemeinden, in denen es keine altersgruppenspezifischen Verhaltensweisen gab, wie wir sie heute kennen. Eine jugendliche Altersgruppen-Kultur existierte damals noch nicht, da sie auch keinen sozialen Sinn gehabt hätte.

Nach 1871 begann in Deutschland die Industrialisierung. Die Fortschritte in Technik und Wissenschaft führten zu enormen Veränderungen im Land. Große Industriezentren entstanden und führten somit zu einer großen Binnenwanderung. „Die Zentren der neuartigen Warenproduktion zogen die Familien vom Land und aus den kleinen Städten an. Um die Lagerstätten von Kohle und Eisen wuchsen neue Siedlungen“ (Pross 1964, S. 19) . Die Kleinstädte entwickelten sich zu anonymen Großstädten. Die Folge war, dass von vielen Menschen alte soziale Bindungen zerbrachen. Das soziale Verhalten verlor seinen Zusammenhang mit regionsgebundenen Traditionen. Die Menschen waren nun auf der Suche nach neuen sozialen Kontexten und Werten.

In der Zeit der Industrialisierung gewannen Zweckbewusstsein und Materialistisches Denken an großer Bedeutung. Bereits in der Schule sollten die Kinder lernen, rationalistisch zu handeln, um später den „Kampf ums Dasein“ zu überleben. „Die neuen, unpersönlichen, auf Rechenhaftigkeit und materielles Wachstum gegründeten Prinzipien der Industrialisierung […]“ waren die neuen Richtlinien für die junge Generation (Giesecke 1981, S. 12). Dadurch kam es zur sozialen und normativen Verunsicherung der Menschen.

Zu diesem Zeitpunkt entstand der so genannte Jugendkult, der später für die Jugendbewegung und Jugendpflege eine wichtige Rolle spielt. Die Hoffnung, dass die alten Werte sich erneuern werden, stützte sich auf die Jugend. Denn nur die spontane,

unverdorbene, offene und moralisch unbedingte Jugend konnte den Ausweg aus einer solch schweren Situation finden (a.a.O., S. 13f.).

„Unsicher geworden in der eigenen Gegenwart, scheinbar abgetrennt von der Vergangenheit, erhoffte die ältere Generation sich von den Instinkthandlungen der Heranwachsenden noch unbestimmte Fingerzeige, wohin die Fahrt gehe“ (Pross 1964, S. 17).

„Sie machte Jugend zum absoluten Wert, wenngleich damals wie heute der Jugendkult letztlich eine ästhetische Kompensation der realen, anders gelagerten Verhältnisse zu sein scheint. In diesem Klima wurde ein neuer Diskurs initiiert, der, wenngleich im traditionell abgesteckten Rahmen verharrend, auch reale Spuren hinterließ. Dies vor allem bei der Jugend selbst, aber auch in der Kunst, der Rechtsprechung, der Medizin, der Pädagogik und bei der dadurch ins Leben gerufenen Jugendforschung“ (Andresen 1997, S. 72f.).

Nietzsche kritisierte die vorherige Erziehung und verkündete eine „Mission der Jugend“. Die Stellung der jüngeren Generation wurde damals heftig diskutiert. Die Jugend sollte aufgewertet werden, indem die Heranwachsenden als eigenständige und fähige Persönlichkeiten gesehen werden. „[…] Jugend nun endlich nicht mehr als Noch-nicht-Erwachsenen zu behandeln, sondern als Potential eigentümlicher, noch unverbrachter und unverfälschter Chancen“ zu sehen war das neue Bild der Jugend (Giesecke 1981, S. 14). Bisher sprach man nur von Rechten und Ansprüchen, keinesfalls aber von Pflichten der Jugend. Der Autoritätsverfall und der Anstieg des allgemeinen Wohlstandes wurden dafür verantwortlich gemacht. Man sprach von einer „Verweichlichung“. Laut F. Paulsen lag die Ursache bei den eigentlichen Problemen der Jugend: in der Vielfalt und Unüberschaubarkeit der Normen und Werte und in den fehlenden Vorbildern zur Identifikation. „Der von den Erwachsenen, sowohl im Elternhaus, als auch in der Schule, ausgeübte Druck schürte Ängste bei vielen Jugendlichen, die als Konsequenz einen Hass auf beide Institutionen erzeugten. Unter diesen Voraussetzungen begann sich eine Rebellion, zuerst bei Schülern an Gymnasien, gegen die Doktrin der Erwachsenen zu formieren“ (http://amor.rz.hu-berlin.de/~h0444t69/jugend.htm). Demzufolge löste ein rapider sozialer und normativer Wandel die Entwicklung der Jugendbewegung und der Jugendpflege aus. In dieser Situation suchte die Jugendbewegung nach neuen kulturellen Leitbildern und nach neuen Lebensstilen. Nun suchten die Jugendlichen nach neuen Organisationsformen, in welchen sie ihre Ziele realisieren konnten (Giesecke 1981, S. 16f.).

2. Entstehung des Wandervogels

Der Verein „Wandervogel“ war keinesfalls der Anfang der Wanderbewegung, denn wandernde Gruppen gab es bereits zuvor. Anfänge von längeren Ausflügen in Gruppen unter Leitung eines Erwachsenen stammen vom Heinrich Hoffmann-Fölkersamb. Hoffmann, ein Stenographielehrer, leitete längere Ausflüge mit Schülern, die sich für Wandern in der Natur begeistern ließen. 1896 veranstaltete er die erste Wanderung im Grunewald. Hoffmann führte Wanderungen mit eigener Verpflegung und Übernachtungen in „Herden“ durch, welche die Jugend noch nie zuvor erleben durfte. Er organisierte „mehrtägige Wanderungen […], stets mit eigener Verpflegung, mit allmählich vervollkommneten, zusammenlegbaren „Herden“ und Übernachten in Dorfwirtshäusern, Scheunen und selbst in einem zusammensetzbaren Zelt - alles für diese Jugend ganz neue Dinge“ (Müller 1999, S. 148).

Er hatte später die Idee, aus der eher unformellen Wandergruppe eine über die Grenzen Berlins hinausgehende Wanderbewegung der Jugend zu machen. Im Jahre 1899, als Hoffmann in den Staatsdienst nach Konstantinopel berufen wurde, übertrug er den Wanderstab an Karl Fischer, einen seiner wichtigsten Anhänger. Fischer besaß Organisationstalent und war der Richtige um die Gruppe zu führen.

Das Stattfinden solcher Veranstaltungen setzte aus rechtlichen Gründen eine Leitung durch Erwachsene voraus. Die preußischen Vereinsgesetze schränkten die Teilnahme an Veranstaltungen nicht registrierter Organisationen ein. Darum war die Gründung eines Vereins nötig, um die tadellose Reputation vor den Eltern und der Öffentlichkeit zu sichern. „Fischer bemühte sich deshalb, einen unverdächtigen Trägerverein reputierlicher Steglitzer Bürger zusammenzubringen, der die Wanderfahrten der Schüler gegenüber Staat und Schule abschirmen sollte“ (a.a.O., S. 149). Seine Idee war es, einen Elternverein zu gründen, damit die Gruppe nicht als verbotene Schülerverbindung aufgelöst werden konnte. „Der Verein sollte die rechtliche Verantwortung tragen, sich aber so wenig wie möglich in das Geschehen einmischen“ (http://www.jo-com.de/leiningen/ruebe/Geschichte.htm ). Das lokale Wandern sollte somit zu einer nationalen Organisation ausgebaut werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Der Wandervogel. Entdeckung der Jugendgruppe als Erziehungsmittel
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Pädagogisches Institut)
Veranstaltung
Mittelseminar "Geschichte der Sozialpädagogik - Wie Helfen zum Beruf wurde"
Note
2,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
19
Katalognummer
V33954
ISBN (eBook)
9783638342964
ISBN (Buch)
9783640278169
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wandervogel, Entdeckung, Jugendgruppe, Erziehungsmittel, Mittelseminar, Geschichte, Sozialpädagogik, Helfen, Beruf
Arbeit zitieren
Alena Scherer (Autor), 2004, Der Wandervogel. Entdeckung der Jugendgruppe als Erziehungsmittel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33954

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