Grundlegende theoretische Konzeption von Regeln für Staatsinsolvenzen im Euroraum


Studienarbeit, 2016

32 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abstract

Grundlagen
Vorbemerkung
Begriffserklärung
Entwicklung der Schulden
Fehlendes ordnendes Regelwerk

Pro und Contra für ein Staatsinsolvenzverfahren
Pro-Argumente
Drohende Insolvenzverschleppung
Gefahr von Rechtsunsicherheit
Fehlanreize für die Fiskalpolitik
Contra-Argumente
Rechtsbruch und Umverteilungswirkung
Finanzmarktstabilität
Ansteckungseffekte

Vorhandene Lösungsansätze
Lösungsansatz mit schiedsgerichtlichem Verfahren
Lösungsansatz mit automatischem Auslösungsmechanismus
Lösungsansatz ohne automatischen Auslösungsmechanismus

Empfehlungen des IW Köln

Conclusion

Literaturverzeichnis

Juristische Literatur

Internetquellen

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 - Globales Schuldenwachstum

Abbildung 2 - Entwicklung der Schulden in China

Abbildung 3 - Langfristiger Ordnungsrahmen für den Euro-Raum

Abbildung 4 - Debt-to-GDP-Rate ab 2007

Abbildung 5 - Debt-to-GDP-Rate nach Ländern

Abbildung 6 - Restructuring and litigation

Abbildung 7 - Vorschläge für eine Insolvenzordnung (1/3)

Abbildung 8 - Vorschläge für eine Insolvenzordnung (2/3)

Abbildung 9 - Vorschläge für eine Insolvenzordnung (3/3)

Abbildung 10 - Empfehlungen des IW Köln (1/2)

Abbildung 11 - Empfehlungen des IW Köln (2/2)

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abstract

Diese Seminararbeit entstand im Rahmen der Veranstaltung ‚Insolvenzrecht & Sanierung‘ bei Prof. Dr. Markus Stadler an der FOM Hochschule am Standort München.

Die Arbeit gliedert sich in vier Hauptkapitel mit jeweiligen Unterkapiteln. Beginnend mit einzelnen Grundlagen für die Arbeit, insbesondere Begriffserklärungen und der Erläuterung von einzelnen Rahmenbedingungen geht die Arbeit darauf folgend auf Pro- und Contra-Argumente für ein Staatsinsolvenzverfahren ein. Darauf aufbauend werden einzelne, bereits vorhandene Lösungsansätze für ein Insolvenzverfahren von Staaten vorgestellt. Im letzten Hauptkapitel werden Empfehlungen des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (kurz: IW Köln) vorgestellt, bevor die Arbeit in einer Conclusion endet.

Im Anhang finden sich diverse Grafiken zu den Kapiteln und Inhalten.

Die Arbeit lehnt sich in der formalen Gestaltung an die Leitlinien[1] der FOM Hochschule zur Gestaltung von Seminar- und Abschlussarbeiten an. Für die Zitierung von juristischen Quellen lehnt sich die Arbeit ebenfalls an den Leitfaden[2] zur formalen Gestaltung juristischer Arbeiten an.

Grundlagen

Vorbemerkung

Die vorliegende Seminararbeit baut überwiegend auf der Studie ‚Regeln für Staatsinsolvenzen im Euroraum‘ des IW Köln auf. Da für das Thema kaum relevante Bücher vorhanden sind, stützt sich die Arbeit auf ausgewählte Studien von Instituten und Forschungsorganisationen. Die Quellen sind ausgewählt nach Inhalt, Relevanz und Qualität. Die Literatur für diese Arbeit beschränkt sich auf einzelne, hochwertige Studien.

Die Arbeit bietet einen Überblick über die grundlegende, theoretische Konzeption für ein Insolvenzverfahren für Staaten, basierend auf den Vorschlägen und Ausarbeitungen der jeweiligen Organisationen, insbesondere des IW Köln. Dieser Überblick kann (noch) keine abschließende Lösung für die dargestellte Problemstellung sein.

Für Informationen und Erklärungen in Fußnoten wurden die Homepages und Internetseiten der jeweils behandelten Information (z.B. einer Organisation, etc.) herangezogen. Eine jeweilige Zitierung der Information in Fußnoten findet nicht explizit statt.

Begriffserklärung

Ein Staatsbankrott[3] bedeutet, dass Schulden und Zinsen in voller Höhe oder teilweise nicht mehr termingemäß zurückgeführt werden können. Dies können neben den Schulden des Staates auch Schulden des Privatsektors sein, für die staatliche Garantien bestehen. In vielen Fällen führt es zur Insolvenz, wenn der Staat die auslaufenden, alten Schulden nicht mehr neu finanzieren kann. Nach einem Vertrauensverlust der Gläubiger in die Solvenz des Staates kommt es für neue Kredite häufig zu Risikoaufschlägen. Ab einem gewissen Zeitpunkt führt eine solche Entwicklung zum Bankrott des Staates.[4]

Zudem kann zwischen Auslandsschulden und Inlandsschulden unterschieden werden. Bei der erstgenannten Art halten ausländische Gläubiger die Schulden, bei der letztgenannten Art halten lokale Kreditgeber die Schulden. Ein weiteres Kriterium der Differenzierung ist die juristische Zuständigkeit. Hier wird unterschieden, ob Schulden in die Zuständigkeit von ausländischen Nationen fallen oder ob das Land selbst juristisch auf seine Schulden zugreifen kann.[5]

In einem Staat geht es grundsätzlich um die Restrukturierung von Schulden, da ein Staat in der Regel nicht abgewickelt werden kann. Eine Abwicklung wäre insbesondere aufgrund des Souveränitätsprinzips[6] im Völkerrecht nicht möglich. Ein Staat kann grundsätzlich nicht liquidiert oder wirtschaftlich verwertet werden.[7] In einem Artikel von Hüther wird die Entwicklung der Insolvenzordnung (kurz: InsO) genannt, dass Unternehmen und natürliche Personen gleichwertig für eine Restrukturierungsoption gelten und hierbei auch Analogien zu Regelungen für Staaten hergestellt werden können.[8] Die Regelungen für natürliche Personen ergeben sich aus der Insolvenzordnung, nachzulesen in § 304 InsO[9]. Es kann bei einem Insolvenzverfahren für Staaten nur eingeschränkt um die Verwertung von staatlichem Vermögen zugunsten der Gläubiger gehen, da das Völkerrecht auf die Erhaltung der Existenz von Staaten ausgelegt ist. In der Theorie hat ein Staat stets die Möglichkeit, für die Sicherstellung des Schuldendienstes zu sorgen. Durch die Einnahme von Steuern oder diverse Handlungen einer nationalen Zentralbank kann der Schuldendienst erbracht werden.[10]

Entwicklung der Schulden

Eine Studie des McKinsey Global Institute[11] (kurz: MGI) behandelt die Entwicklung der weltweiten Schulden im Nachgang der Finanzkrise nach 2007. Die Forscher betrachten die Schulden sowie die Möglichkeiten des Schuldenabbaus in der realen Ökonomie, also Haushalte, Nicht-Finanzinstitute und Regierungen. Finanzinstitute und deren Schulden werden gesondert betrachtet. Einige Jahre nach der Finanzkrise stiegen die Schulden weiter an. Vom Jahr 2007 beginnend bis zum zweiten Quartal 2014[12] wuchsen die globalen Schulden um 57 Billionen US-Dollar, was zu einer Steigerung der Debt-to-GDP-Rate[13] von 17 Prozentpunkten bedeutet. Dies ist im Vergleich nicht so hoch wie der Anstieg um 23 Prozentpunkte in den sieben Jahren vor der Krise. Trotzdem ist dies eine Entwicklung, die laut den Forschern beachtet werden sollte. Regierungen in entwickelten Volkswirtschaften haben sich aufgrund von Rettungspaketen in der Krise neu und hoch verschuldet, um den Rückgang der Nachfrage abzufedern. Zudem wächst der Schuldenstand von Unternehmen und Haushalten stetig.[14]

Die folgende Grafik verdeutlicht die Entwicklung des Schuldenwachstums:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 - Globales Schuldenwachstum

Quelle: Dobbs, R. et al. (2015), MGI Report, S. 11.

Wie in der Grafik zu sehen ist, weisen die Schulden der Haushalte im Betrachtungszeitraum lediglich eine jährliche Wachstumsrate[15] von 2,8% auf und sind somit im Vergleich zum vorhergehend betrachteten Zeitraum von 2000 bis 2007 wesentlich niedriger (8,5%). Die Schulden der Regierungen haben sich jedoch wesentlich erhöht. Im Betrachtungszeitraum lag das Wachstum hier bei 9,3% pro Jahr, im vorhergehenden Zeitraum hingegen weitaus niedriger, bei 5,8%. Diese Entwicklung wird von den Forschern als bedenklich eingestuft.[16]

Nahezu keine Indikatoren weisen darauf hin, dass es eine veränderte Entwicklung als die aktuell steigenden Schuldenstände geben wird. Insbesondere auch im Hinblick auf die sinkenden Erwartungen bezüglich der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung kann wohl nicht mit einem Rückgang und Abbau von Schulden gerechnet werden. Für besorgniserregend halten die Forscher die Entwicklung in den Industrienationen. Neben den strafferen Standards für Kredite und Geldleihe hat die Entschuldung der Haushalte relativ zum Einkommen in nur fünf entwickelten Nationen stattgefunden. Diese Länder (USA, Irland, UK, Spanien und Deutschland) konnten, allen voran die USA und Irland, die höchste Entschuldung ihrer privaten Haushalte erreichen. Die Mechanismen, die dafür herangezogen wurden, waren höchst unterschiedlich in den einzelnen Ländern. Andererseits haben einige Länder in Nordeuropa sowie in Kanada oder Australien höhere Haushaltsschuldenstände als die USA oder UK auf dem Höhepunkt der Finanzkrise.[17]

Ein weiteres Land, welches Beachtung in der Studie findet, ist China. Die Gesamtverschuldung in China hat sich seit dem Jahr 2007 nahezu vervierfacht, von 7,4 Billionen USD auf 28,2 Billionen USD. Dies entspricht einer Verschuldung in Prozent vom Bruttoinlandsprodukt in Höhe von 282% (im Jahr 2007: 158%). Die drei Bereiche, die für China zum Problem werden können, sind die Konzentration von Schulden im Bereich Real Estate[18], das rapide Wachstum des Schattenbanksystems[19] sowie die außerbilanzielle Kreditaufnahme durch die lokalen Regierungen. Die Forscher des MGI schätzen, dass nahezu die Hälfte der Schulden der chinesischen Haushalte, Unternehmen und lokalen Regierungen direkt oder indirekt mit dem Bereich Real Estate in Verbindung gebracht werden kann, in Summe macht dies einen Gesamtwert von rund 9 Billionen USD. Dies beinhaltet Hypotheken für Hauseigentümer, Ausleihungen an verwandte Industrien wie beispielsweise die Stahl- und Zementindustrie, sowie Kredite, die von lokalen Regierungen für Immobilienentwicklung und Eigentumsverwaltung aufgenommen und eingesetzt werden. Diese Konzentration im Immobilienbereich führt zu signifikanten Risiken, da Häuserpreise in 40 verschiedenen Städten seit dem Jahr 2008 um 60% gestiegen sind. Noch höhere Häuserpreisentwicklungen gab es in Shanghai und Shenzhen.[20]

Die nachfolgende Grafik zeigt die Entwicklung der Debt-to-GDP-Rate in China:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 - Entwicklung der Schulden in China

Quelle: Dobbs, R. et al. (2015), MGI Report, S. 20.

In der Grafik ist deutlich zu erkennen, dass insbesondere im Bereich der Finanzinstitute und Non-financial corporates[21] die Entwicklung der Debt-to-GDP-Rate signifikant war. Bei den Finanzinstituten erhöhte sich die Rate von 24% im Jahr 2007 auf 65% im 2. Quartal des Jahres 2014, bei den Nicht-Finanzunternehmen stieg die Rate im Betrachtungszeitraum von 72% auf 125%.[22]

Wie vorhergehend bereits erwähnt ist in China das starke Wachstum im Schattenbankensektor eine bedenkliche Entwicklung. Kredite, die durch Einheiten aus dem Schattenbanksektor vergeben werden, haben mittlerweile eine Gesamthöhe von 6,5 Billionen USD. Das sind rund 30% des offenen Schuldenstandes in China, ausgenommen den Finanzsektor. Die meisten Kredite werden hierbei für den Immobiliensektor herangezogen. Das Hauptinstrument im Schattenbankensektor sind Anderkonten[23], die den wohlhabenden Investoren hohe Gewinne versprechen. Zudem werden Vermögensverwaltungsprodukte an Privatkunden vertrieben.[24]

Ein weiteres potentielles Risiko für China stellt der wachsende Schuldenstand für außerbilanzielle Finanzvehikel dar, welche von lokalen Regierungen zur Finanzierung von Infrastruktur-Projekten wie den Bau von Flughäfen, Brücken und U-Bahnen verwendet wird. Diese Mittel werden vor allem für den sozialen Wohnungsbau und weitere Vorhaben genutzt. Die lokalen Regierungen bauen auf diese außerbilanziellen Instrumente, weil ihre Möglichkeit, Steuern einzutreiben, beschränkt ist. Auch müssen sie ihre Einnahmen mit der Zentralregierung teilen und bis vor kurzem war es nicht erlaubt, kommunale Anleihen auszugeben. Seit dem chinesischen Konjunkturprogramm im Jahr 2009 hat die Kreditleihe an lokale Regierungen stark zugenommen, in Zahlen ausgedrückt waren es 2,9 Billionen USD. Die Zentralregierung hat die wachsende Gefahr erkannt und im Jahr 2014 eine Prüfung der Finanzen innerhalb der lokalen Regierungen angeordnet. Dabei wurde festgestellt, dass sich 40% der lokalen Regierungen auf Landverkäufe stützen, um Kreditrückzahlungen zu realisieren und dass 20% der neuen Kredite zur Rückzahlung von älteren Darlehen verwendet werden. Die schwindende Nachfrage und Dynamik an den Immobilienmärkten bringt diese Finanzvehikel nahe an ein Ausfallrisiko.[25] Insgesamt hat China somit zahlreiche potentielle Risiken zu beachten, vor allem was die Entwicklung des Schuldenstands dieser Nation betrifft.

Einige Lösungsansätze für das globale Schuldenwachstumsproblem werden von den Forschern des MGI abschließend angeführt. Diese umfassen innovative Hypothekendarlehen, makroprudenzielle Werkzeuge zur Dämpfung von Kreditzyklen sowie die Reduzierung von Steuervorteilen für Kreditschulden.[26] Die Studie führt noch weitere Lösungsansätze auf. Diese Vorschläge werden in dieser Seminararbeit nicht im Detail betrachtet.

Fehlendes ordnendes Regelwerk

Die bereits in den vorhergehenden Punkten behandelte steigende Staatsverschuldung führt dazu, dass über ein ordnendes Regelwerk für Staatsinsolvenzen diskutiert wird. Der Internationale Währungsfonds[27] (kurz: IWF, in Englisch: IMF) hat bereits im Laufe der letzten Jahre erfolglos versucht, zu einer statutarischen Lösung zu kommen. Einer der Hauptgründe, der dazu führte, dass bisher keine statutarische Lösung vereinbart werden konnte, waren Bedenken, dass ein derartiger Mechanismus zu Verwerfungen und Unsicherheit am Finanzmarkt führen könnte, für den Fall dass Staatsschulden umstrukturiert werden müssten.[28]

In einem Beitrag der Konrad-Adenauer-Stiftung wird allgemein auf eine mögliche Insolvenzordnung eingegangen. Das bedeutet, dass Geldgeber als auch Staaten zugleich von den Folgen betroffen wären. Auf der einen Seite würden Geldgeber wesentlich vorsichtiger agieren, da ein Investment in entsprechende Staatsanleihen, bei denen ein potentielles Zahlungsausfallrisiko besteht, negative Auswirkungen auf deren Investitionstätigkeit hätte. Am Markt wird die Option einer Insolvenz in den Zins als Risikoaufschlag eingepreist werden. Auf der anderen Seite werden Bemühungen der Staaten für eine entsprechend hohe Kreditwürdigkeit unternommen werden, da man die Kosten für die Refinanzierung gering halten möchte. Auch die Attraktivität für Investoren spielt hierbei eine Rolle. Diese Art von Vorsichtsprinzip auf beiden Seiten kann, nach Meinung von Experten, zu geringeren Risiken führen und somit auch einen Staatsbankrott grundsätzlich verhindern.[29]

Im Rahmen des Jahresgutachtens des Sachverständigenrats[30] (kurz: SVR) wurden diverse Vorschläge für den Euro-Raum ausgearbeitet, die einen langfristigen Ordnungsrahmen vorsehen. Die Wirtschafts- und Finanzkrise ließ einen Blick auf die Schwächen des institutionellen Rahmens der Währungsunion[31] in Europa zu. Diese Schwächen führten zu enormen Beeinträchtigungen und hätten zudem existenzgefährdend sein können. Hier sieht der SVR deshalb dringenden Handlungsbedarf, einen entsprechenden Ordnungsrahmen zu entwickeln, der langfristig und nachhaltig gestaltet ist, um ähnliche negative Entwicklungen und Wirkungen in der Zukunft verhindern zu können. Hierbei steht vor allem auch das Thema des Verzichts auf eine autarke Geldpolitik in der Diskussion, die ein Beitritt in eine Währungsunion mit sich bringt. Eine eigene Zinspolitik oder Wechselkursanpassungen, die außerhalb einer Währungsunion möglich wären, entfallen somit. Aufgrund dieser Nachteile benötigt eine Währungsunion alternative Anpassungsmöglichkeiten, um die verschiedenen Entwicklungen von einzelnen Mitgliedsstaaten handhaben zu können. Derartige Anpassungsoptionen standen bisher nicht ausreichend zur Verfügung.[32] Auf die entsprechenden Optionen und Mechanismen wird in diesem Kapitel nicht detailliert eingegangen.

Pro und Contra für ein Staatsinsolvenzverfahren

In den folgenden beiden Unterkapiteln werden Argumente für und gegen ein Staatsinsolvenzverfahren aufgeführt. Es werden jeweils drei Argumente für ein Staatsinsolvenzverfahren und drei Argumente gegen ein Staatsinsolvenzverfahren behandelt. Im Rahmen der Studie des IW Köln wurde eine Vielzahl an Argumenten vorgestellt, die jedoch nur ausgewählt in dieser Arbeit behandelt werden.

Pro-Argumente

Drohende Insolvenzverschleppung

Ein Argument für ein Staatsinsolvenzverfahren ist die drohende Insolvenzverschleppung. Dieses unter ‚gambling for resurrection‘[33] bekannte Verhalten sorgt für Unsicherheit und kann den gesamten Schaden noch erhöhen. Des Weiteren besteht die Möglichkeit für weitere und höhere Forderungsausfälle für Gläubiger. Eine zeitnahe Auslösung würde durch eine Insolvenzordnung gewährleistet.[34] Im deutschen Insolvenzrecht ist die Insolvenzverschleppung eine Straftat gemäß § 15a Abs. 4 InsO. Die Fahrlässigkeit ist ebenfalls strafbar, so geregelt im § 15a Abs. 5 InsO.[35] Diese Regelungen gelten für juristische Personen.

Gefahr von Rechtsunsicherheit

Bei einer ungeregelten Staatsinsolvenz besteht die Gefahr der Rechtsunsicherheit. Hierbei würde ein ungeordneter Bankrott zu Unsicherheiten führen, insbesondere im Hinblick auf die Restrukturierung der Schulden des Staates und die möglicherweise folgenden Klagen der Gläubiger. Eine Insolvenzordnung würde zur Rechtssicherheit beitragen. Dies wäre vor allem im Hinblick auf die gestiegenen Fallzahlen von Gerichtsverfahren bei Schuldenrestrukturierungen wichtig.[36] [37]

Fehlanreize für die Fiskalpolitik

Durch die Einführung einer Insolvenzordnung kann einer zu laxen Fiskalpolitik eine gewisse Grenze gesetzt werden und ein Bail-out[38] wird dadurch obsolet. Risikoprämien am Finanzmarkt wären nicht zu niedrig für den jeweiligen Staat und eine zu günstige, hohe Verschuldung nicht (mehr) möglich. Zudem wird dadurch der Artikel 125 des Vertrags zur Arbeitsweise der EU gestärkt und die Mitgliedsstaaten der EU würden tatsächlich nicht mehr für Schulden eines anderen Mitgliedsstaats haften. Besonders hierfür hätte eine Insolvenzordnung starke, positive Effekte.[39]

Contra-Argumente

Rechtsbruch und Umverteilungswirkung

Da eine Restrukturierung von Schulden grundsätzlich ein Rechtsbruch ist, kann es zu größeren Umverteilungen von Staatsmitteln kommen. Dies geschieht in erheblichem Maße zulasten der Gläubiger.[40]

Finanzmarktstabilität

Die Stabilität des Finanzmarktes kann durch Staatsinsolvenzen gefährdet werden. Aufgrund der wahrscheinlichen Forderungsverluste entstehen entsprechend höhere Risikoprämien für die Anleihen des Staates am Finanzmarkt. Des Weiteren werden bei ersten Anzeichen auf Zahlungskomplikationen zahlreiche Investoren die Anleihen verkaufen und somit implizit eine Krise am Anleihenmarkt auslösen.[41]

[...]


[1] Datei im FOM Online-Campus: ‚Leitfaden zur formalen Gestaltung von Seminar- und Abschlussarbeiten‘.

[2] Datei im FOM Online-Campus: ‚Leitfaden zur formalen Gestaltung juristischer Arbeiten‘.

[3] Die Begriffe ‚Staatsbankrott‘ und ‚Staatsinsolvenz‘ werden in dieser Arbeit synonym verwendet.

[4] Vgl. Abberger, K. (2010), ifo Schnelldienst, S. 37.

[5] Vgl. Abberger, K. (2010), ifo Schnelldienst, S. 37 f.

[6] Das Souveränitätsprinzip steht für die juristische Selbstbestimmung von natürlichen oder juristischen Personen.

[7] Vgl. Busch, B.; Matthes, J. (2015), IW Studie, S. 5 f.

[8] Vgl. Hüther, M. (2010), ifo Schnelldienst, S. 5.

[9] § 304 InsO, Vorschrift neugefasst durch das Gesetz zur Änderung der Insolvenzordnung und anderer Gesetze vom 26.10.2001 (BGBl. I S. 2710), in Kraft getreten am 01.12.2001.

[10] Vgl. Busch, B.; Matthes, J. (2015), IW Studie, S. 5 f.

[11] Das McKinsey Global Institute (MGI) erstellt als Forschungseinrichtung von McKinsey & Company regelmäßig Studien zu ökonomischen Fragen und Trends. Gegründet wurde der Think Tank im Jahr 1990 in Washington D.C., USA.

[12] Dieser Zeitraum wird im Verlauf des Kapitels zudem als Betrachtungszeitraum bezeichnet.

[13] Die Debt-to-GDP-Rate (auch bekannt als Staatsschuldenquote) ist in der Fachliteratur eine Kennzahl, die das Verhältnis zwischen den Schulden eines Staates und dem nominalen Bruttoinlandsprodukt ausdrückt. (Vgl. Investopedia (2016), URL)

[14] Vgl. Dobbs, R. et al. (2015), MGI Report, S. 11-13 ff.

[15] Im Englischen wird die Kurzform CAGR (Compound Annual Growth Rate) verwendet.

[16] Vgl. Dobbs, R. et al. (2015), MGI Report, S. 11-14 ff.

[17] Vgl. ebenda.

[18] Zu Deutsch: Grundbesitz, Immobilien.

[19] Schattenbanken sind Finanzunternehmen, die sich außerhalb des regulierten Bankensystems betätigen. Sie nehmen eine ähnliche Funktion wie klassische Finanzinstitute wahr (Intermediäre).

[20] Vgl. Dobbs, R. et al. (2015), MGI Report, S. 19 f.

[21] Zu Deutsch: Nicht-Finanzunternehmen.

[22] Vgl. Dobbs, R. et al. (2015), MGI Report, S. 20.

[23] Anderkonten sind eine spezielle Form von Treuhandkonten.

[24] Vgl. Dobbs, R. et al. (2015), MGI Report, S. 19 f.

[25] Vgl. Dobbs, R. et al. (2015), MGI Report, S. 21.

[26] Vgl. ebenda, S. 21-23 ff.

[27] Der Internationale Währungsfonds ist eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen mit Sitz in Washington D.C., USA. Der IWF soll vorwiegend für globale, monetäre Kooperation sorgen und eine gewisse Finanzmarktstabilität garantieren.

[28] Vgl. Busch, B.; Matthes, J. (2015), IW Studie, S. 9 f.

[29] Vgl. Konrad-Adenauer-Stiftung (2016), URL.

[30] Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (kurz: Sachverständigenrat oder SVR) ist ein unabhängiges Gremium der ökonomischen Politikberatung.

[31] Die Europäische Währungsunion (kurz: EWU).

[32] Vgl. Sachverständigenrat (2013), Jahresgutachten, S. 158 f.

[33] Zu Deutsch: Spiel auf Zeit in der Hoffnung auf Besserung.

[34] Vgl. Busch, B.; Matthes, J. (2015), IW Studie, S. 11 f.

[35] Diese Regelungen traten mit dem Gesetz zur Modernisierung des GmbH-Rechts und zur Bekämpfung von Missbräuchen (kurz: MoMiG) in Kraft.

[36] Vgl. Busch, B.; Matthes, J. (2015), IW Studie, S. 16.

[37] Vgl. Schumacher, J. et al. (2013), Research Paper, S. 10 f.

[38] Ein Bail-out (zu Deutsch: Schuldenübernahme) ist eine Übernahme von Schulden durch dritte Parteien.

[39] Vgl. Busch, B.; Matthes, J. (2015), IW Studie, S. 17 f.

[40] Vgl. ebenda, S. 19 f.

[41] Vgl. ebenda, S. 21 f.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Grundlegende theoretische Konzeption von Regeln für Staatsinsolvenzen im Euroraum
Hochschule
FOM Hochschule für Oekonomie & Management gemeinnützige GmbH, München früher Fachhochschule
Veranstaltung
Insolvenzrecht & Sanierung
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
32
Katalognummer
V339642
ISBN (eBook)
9783668292055
ISBN (Buch)
9783668292062
Dateigröße
1962 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Insolvenzrecht, Staatsinsolvenz, Europa
Arbeit zitieren
Stefan Raul (Autor), 2016, Grundlegende theoretische Konzeption von Regeln für Staatsinsolvenzen im Euroraum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/339642

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