„Verkauft Griechenland seinen Tourismus?“ Diesen provokativen Titel stellte die Online-Ausgabe der Tagesschau am 10. September ihrem Bericht zur geplanten Privatisierung der griechischen Flughäfen durch den deutschen Flughafenbetreiber Fraport voran. Hintergrund ist die in den Bedingungen zum dritten Hilfspaket fixierte Gründung eines Privatisierungsfonds, der nach Planungen der EU-Kommission einen Erlös zur Schuldentilgung i. H. v. 40 Mio. Euro generieren soll. Manólis Kalimákis, Chef der Gewerkschaft der Flughafenangestellten Griechenlands, kritisiert die geplante Privatisierung als Verscherbelung „unseres Tafelsilbers“.
Entzieht sich die Privatisierung also wirklich jeglicher volkswirtschaftlicher Begründung und schadet lediglich dem Staatsvermögen? Oder kann eine Privatisierung auch einen wertschöpfungsoptimierenden Effekt hervorrufen? Dieser und weiterer Fragen soll in der vorliegenden Arbeit nachgegangen werden. Die Überprüfung der Privatisierungshypothese werden ich dabei am Beispiel der Norddeutschen Landesbank Girozentrale, kurz NORD/LB, durchführen.
Zunächst erscheint es jedoch essentiell, sich eingehender mit den Rechtsformen von Banken zu beschäftigen und folglich die Rechts- und Eigentümerstruktur der NORD/LB zu analysieren. Im Anschluss möchte ich zwei verschiedene Modelle der Ausgliederung staatlicher Aufgaben charakterisieren, nicht jedoch, ohne vorher die staatlichen Kernaufgaben definiert zu haben. In diesem Kontext erscheint es mir zudem sinnvoll, die Privatisierung durch einen kurzen historischen Überblick in das richtige Umfeld zu rücken.
Weiterhin werde ich die grundlegende Pro/Contra-Diskussion zur Privatisierung wiedergeben, ehe ich mich mit der Effizienzanalyse ausgewählter Banken in den selbstschaffenden Bereich begebe. Nach einer kleiner Ist-Analyse der Effizienzsteigerungsmaßnahmen durch die NORD/LB sollen neben der Privatisierung mögliche andere Handlungsoptionen zur Erhöhung der Effizienz und somit zur Optimierung der Wertschöpfungskette abgeleitet werden. Abschließend soll in der Zusammenfassung die Antwort auf die Grundfrage nach der Privatisierung der NORD/LB herausgestellt werden und das erlangte Ergebnis kritisch gewürdigt werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Rechtsformen von Banken
2.1. Rechtsformen in der Theorie
2.2. Rechtsform der NORD LB
3. Grundlagen der Staatstheorie
3.1. Staatsaufgaben
3.2 Möglichkeiten der Ausgliederung von staatlichen Aufgaben
4. Staat oder Markt? Zur Grundfrage der Privatisierung
4.1. Erklärungsversuche der Ineffizienz öffentlicher Unternehmen
4.2. Argumentation für die Sinnhaftigkeit öffentlicher Unternehmen
5. Komparative Betrachtung ausgewählter deutscher Banken hinsichtlich der Effizienz
5.1 Vorüberlegungen
5.2 Studie
6. Exkurs: Einsparprogramme in der NORD LB
7. Ableitung von Handlungsoptionen
8. Zusammenfassung der Ergebnisse, kritische Würdigung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, ob die Privatisierung der Norddeutschen Landesbank (NORD/LB) eine wertschöpfungsoptimierende Maßnahme darstellt oder ob die öffentlich-rechtliche Struktur gerechtfertigt bleibt. Dabei wird analysiert, ob Ineffizienzen in öffentlichen Unternehmen tatsächlich existieren und ob diese durch eine Privatisierung behoben werden könnten, wobei die NORD/LB als zentrales Fallbeispiel dient.
- Grundlagen der Staatstheorie und Aufgaben staatlicher Unternehmen.
- Pro- und Contra-Argumente zur Privatisierung öffentlicher Unternehmen.
- Vergleichende Effizienzanalyse (Benchmarking) deutscher Banken mittels Cost-Income-Ratio.
- Analyse der NORD/LB-spezifischen Sparprogramme und Handlungsoptionen.
- Kritische Würdigung der politischen und ökonomischen Dimensionen einer Privatisierung.
Auszug aus dem Buch
4.1. Erklärungsversuche der Ineffizienz öffentlicher Unternehmen
Jedes öffentliche Unternehmen muss sich, um seine Legitimation zu erhalten, mit folgenden zwei Grundfragen auseinandersetzen:
a) Ist der volkswirtschaftliche Aufwand geringer, wenn der Staat die öffentlichen und meritorischen Güter privatisiert und lediglich die positiven externen Effekte sicherstellt?
b) Ist die staatliche Produktion wirklich effizienter als die private? Hierbei muss jedoch stets berücksichtigt werden, dass im Falle einer Privatisierung Verwaltungskosten für die Auftragsausschreibungen hinzukommen.
Wie man aus den obigen Grundfragen ableiten kann, ist das Argument für Privatisierung die (angeblich) höhere Effizienz privater Unternehmen. Hierzu sollen im Folgenden Ursachen ergründet werden.
a) Positive Theorie der Wirtschaftspolitik: Sie spielt auf einen möglichen Interessenkonflikt zwischen der betrieblichen Zielsetzung (wie z.B. die Produktionseffizienz) und der gesamtwirtschaftlichen Zielsetzung (z.B. Abbau von Arbeitslosigkeit) der Träger an. In diesem Beispiel verfolgen die Träger eher die Strategie ihres Wahlziels und bauen Arbeitslosigkeit durch Neueinstellung ab, was jedoch zu Lasten des Betriebserfolgs geht.
b) Theorie der Eigentumsrechte: Öffentliche Unternehmen haben oftmals eine geringere Erfolgskontrolle, da der Träger nicht auch noch die ökonomische Verantwortung tragen muss. Daher haben öffentliche Unternehmen oftmals kein Zwang zur Gewinnerzielung, zur Dividendenausschüttung und schnellen Anpassung an die Nachfrage. Der Kapitalmarkt als Kontrollinstanz versagt hier, da sich die Unternehmen gar nicht oder vereinfacht über den Kapitalmarkt refinanzieren.
c) Ökonomische Theorie der Bürokratie: Für die persönliche Leistungsmaximierung gelten die drei Ps Power, Pay und Prestige als essenziell. In öffentlichen Unternehmen ist der Pay-Faktor, also die Bezahlung, jedoch oftmals nicht als Motivation geeignet, da die Manager i.d.R. erfolgsunabhängig vergütet werden. Einkommensklassen werden eher nach Unternehmensgröße und Verantwortung verteilt, weshalb in öffentlichen Unternehmen eine Orientierung an Wachstumszielen somit oft lukrativer ist als an Effizienzzielen.
d) Theorie des Gewerkschaftseinflusses: Da Mitarbeiter öffentlicher Unternehmen i.d.R. gesicherte Arbeitsverhältnisse („Beamtenstatus“) haben, können sie oftmals höhere Reallöhne als normale Arbeitnehmer durchsetzen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Debatte um Privatisierung ein und stellt die Forschungsfrage am Beispiel der NORD/LB vor.
2. Rechtsformen von Banken: Kapitel 2 erläutert die theoretischen Unterschiede zwischen Personen- und Kapitalgesellschaften und analysiert die spezifische Struktur der NORD/LB als Anstalt öffentlichen Rechts.
3. Grundlagen der Staatstheorie: Hier werden staatliche Aufgaben definiert und verschiedene Möglichkeiten der Ausgliederung, wie Teil- und Vollprivatisierung, theoretisch hergeleitet.
4. Staat oder Markt? Zur Grundfrage der Privatisierung: Dieses Kapitel erörtert die theoretischen Ursachen für Ineffizienzen in öffentlichen Unternehmen sowie Gegenargumente für deren Sinnhaftigkeit.
5. Komparative Betrachtung ausgewählter deutscher Banken hinsichtlich der Effizienz: Es erfolgt eine empirische Leistungsdiagnostik durch einen Vergleich der Cost-Income-Ratios der NORD/LB mit Wettbewerbern.
6. Exkurs: Einsparprogramme in der NORD LB: Das Kapitel beleuchtet konkrete Effizienzsteigerungsprogramme (ESP 1.0 bis 3.0) der NORD/LB und die damit verbundenen Kostenziele.
7. Ableitung von Handlungsoptionen: Basierend auf den vorherigen Analysen werden Handlungsempfehlungen zur Effizienzsteigerung abgeleitet, ohne eine pauschale Privatisierung zu fordern.
8. Zusammenfassung der Ergebnisse, kritische Würdigung und Ausblick: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die Privatisierungsfrage abschließend sowohl ökonomisch als auch politisch.
Schlüsselwörter
Privatisierung, Norddeutsche Landesbank, NORD/LB, Effizienz, Anstalt öffentlichen Rechts, Staatstheorie, Cost-Income-Ratio, Public-Private-Partnership, Wettbewerbsfähigkeit, Bankenmarkt, Eigentumsrechte, Betriebserfolg, Finanzwirtschaft, Outsourcing, Strukturreform.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die ökonomische Sinnhaftigkeit der Privatisierung der Norddeutschen Landesbank (NORD/LB) vor dem Hintergrund ihrer öffentlich-rechtlichen Rechtsform.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Staatstheorie, die Rechtsformen von Banken, die Effizienzanalyse von Kreditinstituten sowie die Vor- und Nachteile von Privatisierungsprozessen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, zu prüfen, ob die Privatisierung der NORD/LB ein geeignetes Mittel zur Wertschöpfungsoptimierung ist oder ob die aktuelle öffentliche Trägerschaft ökonomisch vertretbar bleibt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor verwendet eine Literaturanalyse zur theoretischen Fundierung sowie ein Benchmarking (Komparative Betrachtung), bei dem das Cost-Income-Ratio der NORD/LB mit dem der Deutschen Bank und der Commerzbank verglichen wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden neben der Theorie staatlicher Aufgaben auch Ursachen für Ineffizienzen in öffentlichen Unternehmen diskutiert und eine empirische Studie zur Effizienz der NORD/LB durchgeführt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Privatisierung, Effizienz, NORD/LB, Cost-Income-Ratio, öffentliche Aufgaben und Wettbewerbsstruktur.
Wie steht die NORD/LB im Vergleich zu anderen Banken da?
Die Studie zeigt, dass die NORD/LB entgegen der pauschalen Annahme, öffentlich-rechtliche Unternehmen seien ineffizient, in bestimmten Geschäftsbereichen (wie dem Non-Core-Geschäft) sogar effizienter arbeitet als ihre Wettbewerber.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor zur Privatisierung?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass eine Privatisierung weder ökonomisch zwingend erforderlich noch irrational ist, da die NORD/LB ihre Effizienz bereits unter öffentlicher Trägerschaft unter Beweis stellen konnte.
- Arbeit zitieren
- Daniel Winter (Autor:in), 2016, Potenziale der Wertschöpfungsoptimierung durch Privatisierung. Komparative Betrachtung der Effizienz ausgewählter deutscher Banken, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/339663