Die Aktion Stolpersteine und die dazugehörige mobile Applikation. Welche Rolle spielen Bild und Ort nach Hans Belting?


Essay, 2015
10 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1 Überblick zum Aufbau der Arbeit
1.2 Bezug zum Seminarthema, Begründung der Relevanz des Themas und Formulierung der Fragestellung
1.3 Definition zentraler Begriffe
1.3.1 Aktion Stolpersteine
1.3.2 Virtuelle Denkmäler

2 Stolpersteine per App
2.1 Die Rolle des Bildes
2.1.1 Funktion des Erinnerns
2.1.2 Funktion des Mahnens
2.1.3 Funktion der Zuweisung eines Status
2.2 Die Rolle des Ortes

3 Fazit
3.1 Zusammenfassung der Ergebnisse
3.2 Schlussfolgerungen und Ausblick

4 Anhang
4.1 Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Überblick zum Aufbau der Arbeit

Die Hausarbeit ist in vier thematische Bereiche gegliedert. Zunächst wird ein Bezug zum Seminarthema hergestellt, um im weiteren Verlauf einerseits die Relevanz des ausgewählten Themas zu verdeutlichen und eine Fragestellung formulieren zu können. Nachdem auf zentrale Begriffe eingegangen wurde, wird im zweiten Teil analysiert, welche Rolle das Bild und welche Rolle der Ort nach Beltings Theorie spielt. Dies erfolgt am Beispiel der Aktion Stolpersteine mit der dazugehörigen mobilen Applikation für Hamburg. Anschließend werden die Ergebnisse zusammengefasst, reflektiert und Schlussfolgerungen gezogen.

1.2 Bezug zum Seminarthema, Begründung der Relevanz des Themas und Formulierung der Fragestellung

Um sich intensiv mit einem Kunstwerk auseinandersetzen zu können, bedient man sich grundlegender Methoden. Erst dann kann garantiert werden, dass der Gegenstand objektiv analysiert und subjektiv interpretiert wird. Im Seminar werden breitgefächerte zentrale Methoden erklärt und erprobt. Dazu gehören neben Beltings Bildanthropologie auch Erwin Panofskys Ikonologie, Max Imdahls Ikonik, oder auch Gottfried Benns Bildtheorie.

Dadurch wird essentielles methodisches Wissen vermittelt, welches die Bildinterpretation erleichtert. Dies wirft grundsätzlich die Frage auf, was ist ein Bild? In dieser Hausarbeit wird ein Kunstwerk vorgestellt und untersucht, inwieweit es ein Bild ist und welche Rolle der Ort dabei spielt. Es handelt sich um die Aktion Stolpersteine mit der dazugehörigen mobilen Applikation. Hierbei verschmelzen Kunstwerk und digitale Medien sowie alte und neue Formen der Erinnerung und des Bildes. Beltings Bild-Anthropologie dient hierfür als Leitfaden zur Analyse.

1.3 Definition zentraler Begriffe

1.3.1 Aktion Stolpersteine

Stolpersteine sind das größte dezentrale Mahnmal der Welt (vgl. Heuer 2015). Der Kölner Künstler Gunter Demnig rief die Aktion 1992 ins Leben. Heute sind bereits mehr als 50.000 Steine in 20 Ländern weltweit verlegt (vgl. NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln 2007).

Die Intention eines Steines ist das individuelle Gedenken an eine Person, welche während des Nationalsozialismuses ermordet wurde, in den Tod flüchten musste oder an den Folgen dieser dunklen Zeit starb. Diese Möglichkeit wird gegeben, durch einen kleinen Stein mit einer goldenen Messingplatte. Auf diesem Stein sind der Name, die Lebzeiten und das Schicksal des Opfers eingraviert. Die Gedenksteine werden immer vor ihrem letzten selbstgewählten Wohnort vor deren Haustür auf dem Gehweg verlegt. Das Projekt wird durch Patenschaften finanziert. So kann eine Patenschaft pro Stein übernommen werden. Dieses Projekt der Erinnerung wird im Wesentlichen durch ehrenamtliche Arbeit unterstützt.

1.3.2 Virtuelle Denkmäler

Digitale Medien prägen nicht nur die heutige Kommunikation, sondern bestimmen zunehmend das Verständnis von Vergangenheit und die zukünftige Form der Erinnerung. Das Geschichtsbuch scheint ausgedient zu haben. Vor dem Hintergrund des nahenden Endes lebensgeschichtlicher Erinnerung und gelebter Zeugen wird die besondere Notwendigkeit von neuen Formen der Erinnerung immer mehr diskutiert. Virtuelle Denkmäler, wie zum Beispiel die „Stolperstein-App“ führt Besucher auf dem direkten Weg zum Gedenken – digital per Smartphone. Erinnerungen werden somit jederzeit von überall zugänglich gemacht, unterstützt durch Texte, Bilder und Videos. Diese Art der „digitalen Konservierung“ (Johnson 2013) sichert zugleich ältere Bauwerke vor einem endgültigen Verfall und dem Verlieren eines Gedenkortes und gestaltet Gedenken vor allem für die „Generation Y“, Teenager um das Jahr 2000, zeitgemäß (vgl. Mangelsdorf 2014).

2 Stolpersteine per App

Seit 2002 werden in Hamburg Stolpersteine verlegt. Bereits jetzt wurden über 4600 Steine von Paten übernommen[1]. Mit den Steinen soll den Opfern der nationalsozialistischen Verbrechen ihr Name zurückgegeben werden. Sie sollen nicht wieder zu einer Nummer von vielen degradiert werden. Man hat nicht die Möglichkeit Stolpersteine zu umgehen. So begegnen sie uns auf dem Weg zur Universität oder nach Hause. Sie sind immer in unserer direkten Umgebung, drängen sich dabei jedoch nicht auf. Sofern man sich intensiver mit Lebensgeschichten einzelner Opfer beschäftigen will, kann man in 15 Büchern zu Stolpersteinen in Hamburg nach individuellen Biographien nachlesen. Ferner lassen sich auf der Internetseite www.stolpersteine-hamburg.de weitere Informationen rund um das Projekt, zum Holocaust und weiterführende Links finden.

Seit vier Jahren können Stolpersteine nun auch über das Smartphone per App gesucht und gefunden werden. Dies bietet die Möglichkeit einer intensiveren Beschäftigung mit dem Projekt und richtet sich besonders an die jüngere Generation. Aktiv sollen die Verbrechen der nationalsozialistischen Zeit auch in den Generationen allgegenwärtig sein, die diese Zeit nicht miterlebt haben. In der App kann der Name, eine Straße, die Postleitzahl oder der nächstgelegene Stein angezeigt werden. Per Klick wird der kürzeste Weg zu einem ausgewählten Stein angezeigt, sowie Fotos des Opfers und seine Biographie. So sind alle auf den Steinen fehlenden Informationen online hinterlegt. Auf Wunsch lassen sich bereits viele Biographien auch abspielen (vgl. Applikation 2016).

2.1 Die Rolle des Bildes

Seit jeher stehen Bild und Tod in einer engen Verbindung (vgl. Belting 2011). Gerade diese Zentralität von Bildern beim Tod sucht man vergeblich bei Stolpersteinen auf der Straße. Erst über die Applikation lassen sich zu vielen Opfern auch Bilder finden. So sind die digitalen Bilder unsichtbar gespeichert, können überall aufgerufen, heruntergeladen und zusammen mit der dazugehörigen individuellen Biographie geteilt werden. Ihre Medialität wird somit ins unendliche erweitert. Es scheint paradox, denn die Anwesenheit in den Bildern eines Opfers ist geprägt durch deren Abwesenheit. Gerade die Unterstützung von Bildern in der App ist wichtig, um den Bildeindruck und die damit verbundene Aufmerksamkeit, die wir Bildern widmen, zu steuern. Die Funktionen, die Bilder in der Stolperstein-App bewirken sollen, lassen sich wie folgt einteilen:

2.1.1 Funktion des Erinnerns

Diese Verkörperung von Toten in Bildern dient wesentlich der Erinnerung. So wird dem Namen und Todesdatum auf dem Stein mit der zusätzlichen App auch ein individuelles Schicksal mit Bildern hinzugefügt, welches sich beim Betrachter in das Bewusstsein und in die Interaktion mit den inneren Bildern einfügt. Denn „unsere Körper besitzen die natürliche Kompetenz, Orte, Dinge, die ihnen in der Zeit entgleiten, in Bilder zu verwandeln und in Bildern festzuhalten, die wir im Gedächtnis speichern und durch Erinnerung aktivieren“ (Belting 2001, Seite 65). Gerade dieser Vorgang ist essentiell zum Gedenken und Reflektieren. Menschen leben mit Bildern, verstehen die Welt in Bildern und kommunizieren darüber. Demnach können Bilder Menschen unbewusst auffordern sich zu erinnern. Dies ist auch einer der Gründe, warum Bilder der Applikation hinzugefügt wurden.

2.1.2 Funktion des Mahnens

Eine andere Funktion von Bildern, die die App verfolgt, ist die Umwandlung von Trauer in Mahnen und in Aktion zu treten. Dieser Vorgang lässt sich bereits auf die griechische Grabkultur zurückführen (vgl. Belting 2011). Der Tote sollte den Lebenden Mahnung und Vorbild sein. Dies lässt sich auch auf die Bilder in der App zurückführen. Die einzelnen Bildschicksale mahnen die Anwender der App und fordern sie indirekt auf, sich aktiv und massiv gegen Nationalsozialismus und andere Formen der Diskriminierung zu wehren.

2.1.3 Funktion der Zuweisung eines Status

Seit Menschengedenken verwendet man Bilder, um den Tod begreifen zu können. Dadurch war man der Todeserfahrung nicht länger ausgeliefert und konnte verstorbenen Angehörigen einen Status zurückgeben und somit in die Gesellschaft zurückzuführen. Dem Bild wurde die Macht übertragen im Namen des Toten zu erscheinen. Der Tote tauscht indirekt seinen Körper mit einem Bild, um unter den Lebenden zu weilen (vgl. Belting 2011).

Jedoch evozieren virtuelle Bilder auch Konflikte. Sie sind Manipulationen ausgesetzt und lassen sich leicht verändern, falsch zuordnen oder in einem anderen Zusammenhang erscheinen. So wird aus einem Täter schnell im anderen Kontext ein Opfer. Ferner müssen die Datenbanken mit den Bildern gepflegt und aktualisiert werden.

Zwischen fünf und sechs Millionen Juden starben während des Nationalsozialismus. Sie stellen die größte Opferzahl dar (vgl. Kwiet 1998 und Pohl 2003). Bei der Produktion der ersten Stolpersteine wurde auch überlegt ein Bild der Opfer in irgendeiner Form auf der Messingplatte darzustellen. Dies wurde sehr schnell verworfen, da gerade der Zentralrat der Juden in Deutschland vehement gegen diesen Vorschlag anging. Dem zugrunde liegt das Bildverbot im Judentum. Juden berufen sich auf eine technomorphe Weltdeutung. Lebewesen wurden demnach von einem göttlichen Wesen aus Materialien wie Ton und Lehm geformt. Dies verbietet folglich das Herstellen von Bildern, „denn alle Bilder gleichen einander darin, dass sie Körper gleichen“ (Belting 2011, Seite 177), sie sind demnach ein Akt der Verkörperung und folglich eine Fälschung des Körpers. Dies verdeutlicht auch das zweite mosaische Gebot.

2.2 Die Rolle des Ortes

Bilder werden durch Medien sichtbar gemacht. Daher ermöglichen es die sogenannten „Trägermedien“ (Belting 2011, Seite 20), dass der Mensch mit seinem Körper Bilder wahrnehmen und über das Medium mit Bildern kommunizieren kann. Diese anthropologische Sicht auf die Bildtheorie lässt folgern, dass der Mensch der Ort von Bildern ist (vgl. Belting 2011). Wenn ein Mensch stirbt, schwindet mit seinem Körper auch sein Platz in der Gesellschaft. Dies führt unweigerlich dazu, dass er seinen Ort verloren hat.

Seit jeher gilt die Vorstellung, dass Tote einen Platz brauchen, um zur Ruhe kommen zu können (vgl. Belting 2011). So werden sie von den Lebenden an einen Ort gebannt. Dieser Ort kann von Kultur zu Kultur unterschiedlich sein und kennt keine Grenzen der Vielfalt. Um ca. 7000 v. Chr., zur Zeit der ersten bodensässigen Kulturen, wurde dem Toten der Schädel abgetrennt, bemalt und zurück in sein altes Haus gestellt, in dem der Rest seiner Leiche unter den Räumen der Angehörigen begraben wurde (vgl. Belting 2011). Dieses Ritual wurde auch bei Frauen und Kindern durchgeführt. Bei der Aktion Stolpersteine wird auch das Opfer an seinem letzten Wohnort zwischen Lebenden „verewigt“, der somit einen sozialen Status zurückerlangt (vgl. Belting 2011). In einer anderen Vorstellung galt der Tote als Behüter vor bösen Mächten. Er spendete der Gesellschaft Schutz, welche dafür sein Grab pflegte (vgl. Belting 2011). Auch in dieser Form der Bestattung findet der Tote einen Ort in die soziale Umwelt zurück, ähnlich wie bei der Aktion Stolpersteine. Im alten Ägypten gab es neben vielen Grabkammern mit Schätzen und Gegenständen auch noch eine nicht zugängliche Grabkammer. In dieser befanden sich Inschriften unter anderem wie Name und Lebzeiten. Diese wichtigen Informationen waren für die Nachwelt gedacht (vgl. Belting 2011). Auch in Stolpersteine werden Name des Toten, Todesjahr und Todesart eingraviert, um auf individuelle Schicksale aufmerksam zu machen und an einzelne Lebensgeschichten auch in Zukunft zu erinnern.

Die digitalen Medien haben unsere Wahrnehmung von Bildern und deren Ort stark verändert. Die Kompetenzen neuer Medien übertreffen die Kompetenzen unserer Körperorgane, was dazu führt, das Medien körperlos geworden sind (vgl. Belting 2011). Der Mensch ist gezwungen sich neue Formen der Wahrnehmung anzueignen. Die Stolperstein-App greift einerseits Formen alten Gedenkens neu auf und erweitert diese. So schaut man zwar, wie bei einer Fotographie oder einem Gemälde, noch auf eine flache, rechteckige Fläche, jedoch kann leichter zwischen verschiedenen Bildern gewechselt werden. Außerdem sind digitale Medien eine Art elektronisches Gedächtnis. Bilder, Lebensgeschichten und Informationen bleiben unendlich im virtuellen Netz hinterlegt. Die Bilder, welche bereits in der Applikation zu finden sind, sind jedoch alte Fotografien, die einfach ein neues Medium besetzt haben. Jedes Bild führt daher zu einem anderen Bild. Es entfaltet sich in einem neuen Medium und spricht eine neue Generation an. Wie die einzelnen Generationen ein Bild empfangen, hängt daher auch damit zusammen, inwiefern sie auf die digitalen Medien fokussiert sind. So richtet sich die Stolperstein-App an digital affine Generationen. Ob diese sie annehmen und mit persönlichen Bedeutungen verknüpfen hängt von ihnen ab.

Ein weiteres Merkmal der Applikation ist, dass sie den kürzesten Weg zum nächstgelegenen Stolperstein anzeigt. Denn Bilder waren ursprünglich, neben einem anthropologischen Ort, an einen festen geographischen Ort gebunden. Dieser geographische Ort lebt von der Geschichte, die dort stattgefunden hat. So wurden Bilder fest an einem für sie bestimmten Ort hinterlegt. Mit der Moderne jedoch begann sich diese Konstellation zu fragmentieren. Bilder wurden in Museen verlegt und waren nur noch Symbole für den Ort und die Erinnerung (vgl. Belting 2011).

Eine weitere Revolution brachten die neuen Medien mit sich. Die Stolperstein-App beginnt beispielsweise Orte durch Bilder zu ersetzen. Bevor es dieses Programm gab, musste man noch mit einem Buch oder Stadtführer Stolpersteine aufsuchen. Nun kann der Anwender von überall aus virtuell die Häuser mit einem Stolperstein „besuchen“. Auf diese Art wechseln Informationen und Erfahrung von einem geographischen Ort zu einem virtuellen Ort. Allen, die nicht die Möglichkeit haben, Steine zu „besuchen“, wird dies nun ermöglicht. So kann man zum Beispiel in Hamburg eine App über Berliner Stolpersteine herunterladen und über diese nachlesen. Dies führt dazu, dass viele Orte nur noch in Bildern existieren und in diesen „besucht“ werden können.

[...]


[1] Information aus einem Interview mir Künstler Guter Demnig und dessen Hamburger Stellvertreter Peter Hess (09.12.2015)

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Die Aktion Stolpersteine und die dazugehörige mobile Applikation. Welche Rolle spielen Bild und Ort nach Hans Belting?
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
10
Katalognummer
V339690
ISBN (eBook)
9783668291638
ISBN (Buch)
9783668291645
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stolpersteine, Hamburg, App, Applikation, Bildanthropologie, Ikonik, Bildtheorie, Hans Belting, Erinnerung
Arbeit zitieren
Cornelius Gesing (Autor), 2015, Die Aktion Stolpersteine und die dazugehörige mobile Applikation. Welche Rolle spielen Bild und Ort nach Hans Belting?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/339690

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