Der Sokrates-Prozess. Sternstunde der Freiheit und gleichzeitig eine der dunkelsten Stunden der Menschheit


Zwischenprüfungsarbeit, 2016

28 Seiten, Note: 1,6


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Mensch Sokrates

3. Die Ankläger und Anklagepunkte

4. Der Prozess

5. Der Tod des Sokrates

6. Schlussfolgerungen

Bibliographie

Kein Philosophieren heute ohne Sokrates. Karl Jaspers

1. Einleitung

Athen 399 v. Chr.: Sokrates wird zum Tode verurteilt. Die Anklage lautet, er habe die Götter der Stadt nicht geehrt und die Jugend verdorben. Er hält eine flammende Verteidigungsrede (niedergeschrieben von Sokrates' Schüler Platon in seinem Werk „Apologie des Sokrates"), in der er für die Freiheit des Individuums und für die Förderung von Tugend und Wahrheit eintritt. Er provoziert die Richter und politischen Machthaber, indem er nicht nur einen Freispruch, sondern sogar eine staatliche Ehrung fordert. Nach seiner Verurteilung wollen Freunde ihm zur Flucht verhelfen. Doch Sokrates lehnt ab. Gelassen sieht er dem Tod entgegen, und so heißt es in den letzten drei Zeilen der „Apologie": „Doch jetzt ist's Zeit fortzugehen: für mich um zu sterben, für euch, um weiter zu leben. Wer von uns dem besseren Lose entgegengeht, ist uns allen unbekannt - das weiß nur Gott." Sokrates folgt der Stimme seines Gewissens und trinkt im Vertrauen auf die Unsterblichkeit der Seele den Schierlingsbecher.

Eine Sternstunde der Freiheit ist gleichzeitig eine der dunkelsten Stunden der Menschheit: Wie kam es, dass am Ursprungsort der demokratischen Freiheit gerade jener Mann verurteilt wurde, der mit seiner ganzen Wesenheit und seiner scharfsinnigen Intelligenz eben diese Freiheit verteidigt hat? Dieses Essay nun wird diesen und weiteren Fragen nachgehen und versuchen Motive, Hintermänner, Verlauf und Auswirkungen darzustellen, und einen kurzen Überblick zu verschaffen über die Person des Sokrates, und das sich damalig Drehende von Anklage, Verteidigung und Verurteilung, kurz: der Sokrates-Prozess.

2. Der Mensch Sokrates

Sokrates gilt als einer der größten Denker in der Geschichte der Menschheit. Und dennoch ist er uns nur durch die Aussagen seiner Schüler und über die Legende bekannt. Im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen hat er keine einzige Schrift hinterlassen. Seine Lehre wurde ausschließlich mündlich tradiert.

Da Sokrates keine Schriften hinterlassen hat, muss sich ein Versuch, seine Philosophie genauer zu rekonstruieren, auf die Schriften seiner Schüler, vor allem die sokratischen Schriften Xenophons und die sokratischen Dialoge Platons und des Aeschines von Sphettos stützen. Von diesen galten die des Aeschines im Altertum als diejenigen, welche das treueste Bild des historischen Sokrates gaben, doch sie sind nur noch in Fragmenten erhalten. Alle drei Darstellungen Sokrates' weichen in ihrer Auffassung des Sokrates sehr voneinander ab, was jedoch in Anbetracht dessen, dass es sich um drei eigenständig denkende Individuen handelt, nicht weiter überraschend ist, da ein jeder seit je her seine eigene Auffassung und Wahrnehmung besitzt, so auch oben genannte Zeugen Sokrates'. Dies ist in noch stärkerem Maße der Fall bei den anderen Sokratikern, wie Antisthenes, Eukleides von Megara, Aristipp von Kyrene, Phaidon von Elis, deren Auffassung des Sokrates zum großen Teil selbst erst wieder aus Fragmenten ihrer Werke und indirekter Überlieferung rekonsturiert werden muss.

Vieles und vielleicht das Sicherste lässt sich aber entnehmen aus ausgezeichnet bezeugten Nachrichten über das Verhalten des Sokrates in bestimmten Situationen seines Lebens. Die wichtigsten dieser Handlungen sind:

1. seine Weigerung, als zufälliger Vorsitzender des Rates in der Volksversammlung nach der Arginusenschlacht abstimmen zu lassen, als das Volk die Verurteilung der Feldherren zum Tode ohne Gerichtsverhandlung forderte;
2. sein Ungehorsam gegenüber der Regierung der Dreißig, als diese ihm befahlen, den Leon von Salamis zu verhaften;
3. (vorweggreifend) seine Weigerung, nach seiner Verurteilung aus dem Gefängnis zu entfliehen, als seine Freunde die Wächter bestochen und alles zur Flucht vorbereitet hatten. Dazu kommt
4. die in der modernen Literatur nirgends erwähnte, aber völlig unverdächtige Geschichte, die Diodor XIV. aus Ephoros mitteilt, Sokrates habe, als Kritias zur Zeit der Dreißig den Theramenes auf tumultuarische Weise hatte zum Tode verurteilen lassen und abführen lassen wollte, mit zwei Freunden den Versuch gemacht, ihn mit Gewalt zu befreien, und erst davon abgelassen, als Therames ihm zurief, er solle den aussichtslosen Versuch aufgeben.

In dieser Kombination von Geschichten enthüllen sich die Grundprinzipien des Sokrates deutlich, der sich gegen den jeweiligen Souverän aufgelehnt hat, handelte es sich nicht nur um sachlich ungerechte Urteile, sondern um offenkundige Verletzungen der über das bei einer Verurteilung einzuhaltende Verfahren bestehenden Gesetze. In allen drei Fällen verteidigte daher Sokrates durch seinen Widerstand die bestehenden Gesetze. In dem Prozess gegen ihn selbst waren dagegen, wenn auch das Urteil selbst ein Fehlurteil war, die Verfahrensregeln durchaus eingehalten worden. Seine Befreiung und erst recht die dazu notwendige Bestechung der Wärter hätte also gegen die Gesetze verstoßen. Daher seine Antwort an Kriton (Platon, Kriton, 53 C): er, Sokrates, habe doch immer gesagt, dass man Rechttum und Gehorsam gegenüber den Gesetzen über alles andere stellen müsse; ob er nun plötzlich nach seinem geplanten Entkommen anders reden solle? Es ist aber auch für Sokrates charakteristisch, dass er einerseits unter gar keinen Umständen bereit war, sich an etwas, das er für ein Unrecht hielt, aktiv zu beteiligen, dass er aber von dem Versuch, von anderen getanes Unrecht mit Gewalt zu verhindern, Abstand nahm, als er in die Vergeblichkeit des Versuches einsehen musste.

Mit Ausnahme des Aeschines von Sphettos, der in seinen Dialogen den Sokrates ähnlich wie im wirklichen Leben auftreten ließ, sich dabei aber einer besonderen literarischen Kontrastmethode bediente, haben alle Schüler des Sokrates dem, was er praktizierte, eine theoretische Grundlage zu geben versucht, die dann sehr verschieden ausfiel: Platon durch die Ideenlehre, in der die Idee des Guten das bezeichnet, worauf Sokrates zielte oder woran er sich orientierte, wenn er seine Unterredner zu der Einsicht in die Identität dessen, was an sich recht, und dessen, was für den Handelnden gut ist, zu bringen suchte.

Abgesehen von der absichtlich überzogenen Karikatur, die Aristophanes in den „Wolken" liefert, findet sich das sokratische Denken vor allem im Werk zweier seiner Schüler Ausdruck, beide Söhne wohlhabender Familien des damaligen Athens, dennoch jeweils andere Wege einschlagend, namentlich Xenophon (geboren 428/427 v. Chr. geboren, als Sohn des Gryllos und aus Erchia stammend) und Platon (geboren 429 v. Chr.).

Platon scheint nach 399 v. Chr. mit anderen Schülern des Sokrates nach Megara ins Exil gegangen zu sein. Am Tage der Hinrichtung, als Sokrates das Gift des Schierlingsbecher getrunken hat, war Platon nicht anwesend. Es hieß, er sei erkrankt, jedoch sprechen andere Quellen dagegen und meinen, er sei aus Angst vor einer weiteren Verurteilung wie die des Sokrates, insbesondere die der eigenen, geflohen, um diese zu umgehen.

Im Unterschied zu Xenophon wird Platons Werk ganz von der Person des Sokrates dominiert, der nur in seinem letzten Werk, den „Gesetzen", fehlt. Dies bedeutet auch, dass sich sein Werk, mit Ausnahme der „Apologie", in Form von Dialogen präsentiert, in denen Sokrates der herausragende Gesprächsteilnehmer und eigentliche Drahtzieher ist. Hingegen wird seine Rolle in den Dialogen der letzten Periode deutlich schwächer, die ihn nicht mehr so sehr als Sprachrohr der platonischen Gedanken zeigen, sondern vielmehr die Originalität Platons gegenüber dem Lehrer dokumentieren.

Sokrates ist bei Platon eine viel komplexere und spannendere Persönlichkeit als bei Xenophon. Ganz eindeutig ist es verlockender, den Sokrates des „Kriton", des „Phaidon" oder des „Staates" für wahrer zu halten als den der „Memorabilien".

Sokrates wurde um 470/469 in Athen geboren. Sein Vater Sophroniskos, der aus Alopeke stammte, war ein renommierter Bildhauer. Seine Mutter Phainarette war Hebamme und stammte folglich aus eher einfachen Verhältnissen, da eine Frau der gehobenen Gesellschaft einen solchen Beruf niemals ausgeübt hätte. Man darf sich zu Recht darüber wundern, wie es einem Mann von so bescheidener Herkunft gelang, zu leben ohne zu arbeiten, um so mehr als bekannt ist, dass er verheiratet war und Kinder aus seiner Ehe mit Xanthippe hervorgingen. In den Dialogen spielt er jedoch oftmals auf seine Armut an, ließ sich seinen Unterricht, im Gegensatz zu den Sophisten, nicht bezahlen, und nahm höchstens eine Einladung zum Speisen in Kreisen von Freunden an.

Aber man weiß auch, dass er als Hoplit im Peloponnesischen Krieg diente und dabei vor Potidaia, Amphipolis und Delion kämpfte. Dies lässt auf einige hoplitische Fertigkeit und eine Zugehörigkeit zu den oberen drei Klassen des Zensus schließen. Sokrates war kein wenig Besitzender (Thete), und die Armut, die er für sich in Anspruch nahm, kann nur in Relation zum Reichtum der ihn umgebenden Jünglinge verstanden werden, die wie Platon aus wohlhabenden Verhältnissen stammten.

Was seine äußere Gestalt angeht, so muss er klein und sehr hässlich gewesen sein, aber selbst mit dieser Hässlichkeit kokettierte er noch, konnte er doch nicht verhindern, dass er von den schönsten Jünglingen Athens aufgesucht wurde. Einer von ihnen, Alkibiades, gibt in Platons „Symposion" folgendes Porträt von Sokrates: „Ich behaupte nämlich, er sei äußerst ähnlich jenen Silenen in den Werkstätten der Bildhauer, welche die Künstler mit Pfeifen und Flöten darstellen; und so behaupte ich, dass er vorzüglich dem Satyr Marsyas gleiche." („Symposion", 215 a-b).

Der Philosoph Friedrich Nietzsche meinte: „Sokrates ist das Urbild des theoretischen Optimisten, der dem Wissen und der Erkenntnis die Kraft einer Universalmedizin beilegt und im Irrtum das Übel an sich begreift." („Die Geburt der Tragödie", 15), und weiter, was die Person den Sokrates gut verstehen lässt: „Sokrates schon wehrte sich mit allen Kräften gegen diese hochmütige Vernachlässigung des Menschlichen zugunsten des Menschen" („Menschliches-Allzumenschliches", 6), und besonders beschreibend und somit als Wesen verdeutlichend: „So erkennen wir in Sokrates den Gegner des Dionysos, den neuen Orpheus" („Die Geburt der Tragödie", 12).

3. Die Ankläger und Anklagepunkte

Es war also im Jahre 399 v. Chr., dass Sokrates von Meletos, Anytos und Lykon angeklagt wurde, „nicht dieselben Götter wie die Stadt anzuerkennen, neue Gottheiten einzuführen und die Jugend zu verderben" (Xenophon, "Apologie", 10).

Die Anklage gegen Sokrates wurde von den oben erwähnten drei Bürgern der Stadt erhoben: Meletos, Anytos und Lykon. In Wirklichkeit aber scheint es doch wohl Meletos allein gewesen zu sein, der die Klageschrift vor den Archonten-König brachte, den Beamten, der über alle Rechtsfälle mit religiösem Charakter Bescheid wissen musste.

Das gegen Sokrates angestrebte Verfahren fiel unter die „graphe asebeias", eine Handlung der Gottlosigkeit. (Dieser Meletos war der Sohn eines zwielichtigen tragischen Dichters, der eine Tetralogie über die Geschichte des Ödipus verfasst hatte.) Platon und Xenophon lassen ihn in ihrer Apologie als den Gesprächspartner des Sokrates auftreten. Doch es besteht Zweifel daran, dass Sokrates im Verlauf des Prozesses einen Dialog mit seinem Ankläger führen konnte. Meletos jedenfalls gibt eine schlechte Figur ab. Er ist unfähig, auf die Fragen zu antworten, die ihm Sokrates stellt, oder gezwungen, dem Sokrates zuzustimmen, wenn dieser ihn in Widersprüche verstrickt, und er stellt sich außerdem selbst in seiner Unwissenheit bloß, wenn er die Lehre des Sokrates mit der des Anaxagoras durcheinanderbringt. Es ist daher in der Tat wahrscheinlich, dass Meletos im Vorbringen seiner Klageschrift nur das Instrument eines Mannes ist, der noch viel wichtiger ist, namentlich Anytos. Er war wirklich ein reicher und einflussreicher Mann, einer der neuen Politiker, die während des Peloponnesischen Krieges in Erscheinung traten.

[...]

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Der Sokrates-Prozess. Sternstunde der Freiheit und gleichzeitig eine der dunkelsten Stunden der Menschheit
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Philosophie)
Note
1,6
Autor
Jahr
2016
Seiten
28
Katalognummer
V339699
ISBN (eBook)
9783668293458
ISBN (Buch)
9783668293465
Dateigröße
438 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sokrates, Prozess, Antike, Philosophie, Selbstmord, Jesus, Platon
Arbeit zitieren
Norman Franz (Autor), 2016, Der Sokrates-Prozess. Sternstunde der Freiheit und gleichzeitig eine der dunkelsten Stunden der Menschheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/339699

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