Opfermythos. Der Umgang Österreichs mit seiner geschichtlichen Verantwortung


Seminararbeit, 2012
17 Seiten
Anonym

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG
1.1 Forschungsfrage

2 DER ANSCHLUSS
2.1 Annexionstheorie
2.2 Okkupationstheorie

3 KONSTRUKTION VON GESCHICHTE
3.1 Die Moskauer Deklaration
3.2 Die Wannsee Protokolle
3.3 Die Waldheim Affäre
3.4 Der Umgang mit Gedenkstätten

4 SCHULBUCHANALYSE

5 FAZIT

LITERATURVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG

Die Ausgangsbasis dieser Arbeit stellen die Ereignisse rund um den 13. März 1938 dar. Am 13. März 1938 erfolgte der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Seither steht der Begriff „Anschluss“ in Österreich im Zentrum angeregter Diskussionen. Zum einen erörtern diese Diskussionen die Frage einer etwaigen Mitschuld Österreichs an den Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes. Zum anderen stellen diese Diskussionen aber auch die Unschuld Österreichs an diesen schrecklichen Ereignissen dar. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich jedoch nicht mit der Klärung dieser Fragen, sondern analysiert lediglich den Umgang Österreichs in Bezug auf seine geschichtliche Verantwortung. Dabei steht im Rahmen dieser Arbeit vor allem die Beantwortung der folgenden Forschungsfrage im Vordergrund.

1.1 Forschungsfrage

Welches Rollenbild konstruieren österreichische Schulbücher in Bezug auf die österreichische Beteiligung am zweiten Weltkrieg beziehungsweise an den Verbrechen des deutschen Hitlerregimes?

2 DER ANSCHLUSS

Der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im Jahre 1938 kann aus zwei Perspektiven betrachtet werden. Die historische Betrachtungsweise berücksichtigt den Zeitraum vom Ende der Donaumonarchie bis hin zum tatsächlichen Anschluss am 13. März 1938. Auf der einen Seite hofften damals viele der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen auf eine Besserung der wirtschaftlichen Schwierigkeiten und der Armut, die nach dem Zerfall der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie im Jahre 1918 entstanden sind beziehungsweise dadurch verstärkt wurden. Oft wurde ein österreichischer Kleinstaat als nicht überlebensfähig angesehen. Aus diesen Gründen wurde ein Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich nicht nur von deutschnationalen Gruppen befürwortet, sondern fand auch Vertreter in fast allen Bevölkerungsschichten. Betrachtet man nun aber die Auswirkungen des Anschlusses aus der Sicht der nach 1945 geborenen und demokratisch erzogenen österreichischen Gesellschaft, so entsteht schnell ein anderes Bild. Es wird dann von einer Überwältigung der österreichischen Selbstständigkeit sowie von einer erzwungenen Besetzung Österreichs gesprochen. Massenvernichtung und Verhaftungswellen werden in unmittelbaren Zusammenhang mit dem Anschluss genannt. (Botz 1987: S. 237f) Eine detailliertere Betrachtung dieser Thematik rund um den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich führt zunächst zu zwei unterschiedlichen Theorien.

2.1 Annexionstheorie

Die Vertreter der Annexionstheorie gehen davon aus, dass Österreich im Rahmen des Anschlusses völkerrechtlich unterging und daher am 13. März 1938 zu existieren aufhörte.

„ Am 13. März 1938 beschloss derösterreichische Ministerrat das Bundesverfassungsgesetzüber die WiedervereinigungÖsterreichs mit dem Deutschen Reich. “ (Hanisch 1994: S. 345)

Die völkerrechtliche Wirksamkeit des Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich ist auch aufgrund der Tatsache bestätigt, dass von der internationalen Staatengemeinschaft kein Protest eingelegt wurde. (Jabloner 2003: S. 243) Dabei ist nach Hanisch auch die Frage des fehlenden militärischen Widerstandes umstritten. Denn der damalige österreichische Bundeskanzler, Kurt Schuschnigg, verzichtete angesichts der deutschen Übermacht, auf einen aussichtslosen Krieg. Der zweifelsohne obendrein zu einem Bürgerkrieg mit den österreichischen Nationalsozialisten geführt hätte. Schuschniggs Gegner, allen voran aber Ernst Karl Winter, waren aber bereits damals der Ansicht, dass nur ein Widerstand leistendes Österreich Zukunft hätte und nach der Katastrophe wieder weiter bestehen könnte. (Hanisch 1994: S. 343f) Gerade diese Ansicht ist in Hinblick auf die nach dem Krieg entstandenen und bis heute anhaltenden Diskussionen um die österreichische Opferrolle besonders interessant.

2.2 Okkupationstheorie

Im Rahmen der Okkupationstheorie wird versucht, die Unschuld Österreichs hervorzuheben. Der Anschluss war demzufolge völkerrechtswidrig und Österreich hat nicht freiwillig mit dem Deutschen Reich „fusioniert“. Zum Zeitpunkt des Anschlusses war Österreich bereits vom deutschen Militär besetzt, daher kann nicht von Freiwilligkeit gesprochen werden. (Simma, Folz 2004: S. 25ff) In weiterer Folge trugen scharfe deutsche Ultimaten und der angedrohte militärische Einmarsch dazu bei, den Prozess des Anschlusses voranzutreiben.

Beide Theorien liefern umfangreiche Argumente, die jeweils für sich sprechen aber die Hauptfrage dieser Arbeit nicht beantworten. Interessant in diesem Zusammenhang ist dennoch der Umstand, dass Hitler damals noch nicht an einen vollen Anschluss dachte. Erst der ihm in Österreich entgegengebrachte Jubel und das Ausbleiben außenpolitischer Reaktionen veranlassten ihn, die Idee des vollständigen Anschlusses Österreichs an das Deutsche Reich sofort umzusetzen. (Hanisch 1994: S. 344)

3 KONSTRUKTION VON GESCHICHTE

Die vorliegende Arbeit soll darüber Aufschluss geben, ob und wie in Österreich die nationalsozialistische Vergangenheit aufgearbeitet wird und welches diesbezügliche Bild den nachkommenden Generationen vermittelt wird. Dazu stehen im Folgenden die Analyse österreichischer Schulbücher rund um das Thema des zweiten Weltkrieges sowie der generelle Umgang der österreichischen Bevölkerung mit dieser Problematik im Vordergrund. Basierend auf interpretierten Protokollen der Moskauer Deklaration wird im offiziellen Österreich seither stets die Rolle Österreichs als Opfer in den Vordergrund gestellt. Die vielen österreichischen Täter, wie zum Beispiel Adolf Eichmann, der in weiterer Folge noch im Rahmen der Wannsee-Protokolle zum Thema wird, finden aber kaum Erwähnung. Auch Dr. Kurt Waldheim war ein international nicht unumstrittener Österreicher, wenn es um seine Beziehungen zu den Nationalsozialisten ging.

3.1 Die Moskauer Deklaration

Die Moskauer Deklaration ist nicht als völkerrechtlicher Vertrag zu verstehen, sondern stellt lediglich eine politische Absichtserklärung der Siegermächte des zweiten Weltkrieges dar. Mit dieser Erklärung einigten sich die Siegermächte am 30. Oktober 1943, noch während des Krieges, in Moskau, dass Österreich, als erstes Opfer des nationalsozialistischen Terrorregimes, nach dem Krieg wieder als ein freies und unabhängiges Land wieder hergestellt werden sollte. Die Besetzung Österreichs durch das Deutsche Reich sei null und nichtig und in weiterer Folge sämtliche Änderungen, die in Österreich während der Besetzung vorgenommen wurden, nicht gültig. Jedoch wurde in der Moskauer Deklaration auch ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Österreich in gewisser Art und Weise auch eine Verantwortung für die Teilnahme am Krieg mit Hitler- Deutschland trägt. Der erste Teil der Deklaration stärkte beziehungsweise bildete die Basis für den Opfermythos. Denn wenn selbst die Siegermächte Österreich als Opfer bezeichneten, dann ist es doch unumstritten, dass Österreich, als besetztes Land, keine Schuld an den Verbrechen des zweiten Weltkrieges tragen kann. (Simma, Folz 2004: S. 25ff) Jedoch kann in weiterer Folge beobachtet werden, dass in Österreich nunmehr nur der erste Teil dieser Deklaration zur Stärkung des Opferbildes herangezogen wird und der zweite Teil, indem eine Verantwortung Österreichs gefordert wurde, vielfach außer Acht gelassen wird. Bereits unmittelbar nach dem Ende des zweiten Weltkrieges und noch während der Besatzungszeit, wurde im offiziellen Österreich nur mehr von dem nationalsozialistischen Opfer „Österreich“ gesprochen. Selbst in einer Rede des damaligen Bundespräsidenten, Theodor Körner, am 2. November 1953, anlässlich der ersten zehn vergangenen Jahre nach der „Moskauer Deklaration“, war nur mehr von einem „armen, vergewaltigten und seiner Freiheit beraubten Österreich“ die Rede.

„ Vor genau zehn Jahren wurde der Welt von Moskau aus, der feierliche Beschluss dreier Weltmächte verkündigt, dass vergewaltigte und seiner Freiheit beraubteÖsterreich, als freies und unabhängiges Land wieder herzustellen.Österreich soll, so heißt es dort wörtlich, die Bahn geebnet werden, auf der es die politische und wirtschaftliche Sicherheit finden kann, die die einzige Grundlage für einen dauerhaften Frieden ist. Zwei Jahre später, wären schon die 3 Mächte, zu denen sich inzwischen das wiedererstandene Frankreich gesellt hatte, als unumstrittene Sieger in der Lage gewesen, dieses feierliche Versprechen zur Befreiung in Tat werden zu lassen. Stattdessen ist nun ein volles Jahrzehnt vergangen, ohne dass diese freiwilligeübernommene Verpflichtung, diese Verpflichtung zur Gerechtigkeit, eingelöst worden wäre. “ (Theodor Körner, Bundespräsident, 1953, Rede: 10 Jahre Moskauer Deklaration)

Im Zusammenhang mit der Rede Theodor Körners ist festzuhalten, dass die Sieger des zweiten Weltkrieges mit der Moskauer Deklaration in keinster Weise eine Verpflichtung gegenüber Österreich eingegangen sind, sondern damit lediglich eine politische Absichtserklärung abgaben, für deren weitere Umsetzung aber einer vertragliche Vereinbarung notwendig war. (Simma, Folz 2004: S. 83) Das folgende Kapitel erläutert zusätzlich im Rahmen einer Schulbuchanalyse den gegenwärtigen Umgang Österreichs mit seiner Rolle als Opfer und Täter. Das Ziel dieser Analyse war es herauszufinden, inwieweit und ob österreichische Pflichtschüler über die Rolle ihres Heimatlandes als Täter und Opfer im zweiten Weltkrieg aufgeklärt werden.

3.2 Die Wannsee Protokolle

Interessant im Zusammenhang rund um die Beteiligung von Österreichern am Holocaust sind auch die sogenannten „Wannsee Protokolle“. Zwischen dem 29. November und dem 1. Dezember 1941 wurden an diverse NS-Persönlichkeiten Einladungen für eine in Berlin stattfindende Konferenz verschickt. Diese Einladungen wurden von, dem in Österreich aufgewachsenen, Adolf Eichmann verfasst. Im Rahmen dieser Konferenz sollten im Wesentlichen Lösungen für die „Judenfrage“ besprochen werden sowie logistische Probleme beim Transport in die Vernichtungslager und in die, im östlichen Teil des Reichs gelegenen, Ghettos diskutiert werden. Die auf dieser Konferenz verfassten Protokolle, von denen aber nur mehr wenige vorhanden sind, zeugen von der Planung des Holocaust unter Beteiligung von Adolf Eichmann. (Roseman 2002: S. 82f) Eichmann plante zunächst, als Zuständiger für jüdische Angelegenheiten, eine erste Deportation von rund 75.000 Juden. Jedoch stellte sich dieser Plan bald als unrealistisch dar. Zum einen wurden die Eisbahnkapazitäten für den Truppentransport benötigt und zum anderen gab es Proteste gegen die geplanten Ghetto-Ansiedelung durch regionale Behörden. Im Zuge der Konferenz am Berliner Wannsee, die nach einer Verschiebung schlussendlich erst am 20. Jänner 1942 stattfand, musste also eine funktionierende Endlösung der Judenfrage gefunden werden. Eichmann wurde in Deutschland geboren, wuchs aber im österreichischen Linz auf und wurde auch dort für die nationalsozialistische Idee begeistert. (Roseman 2002: S. 34ff)

3.3 Die Waldheim Affäre

In Österreich begann erst durch das Bekanntwerden der„Waldheim-Affäre“ ein Prozess, der schön langsam eine Auseinandersetzung mit der schrecklichen Vergangenheit ermöglichte. Eine vollständige Aufarbeitung der schrecklichen Ereignisse findet aber nach wie vor sehr zögerlich statt. Waldheim, ein ehemaliger UN-Generalsekretär und Bundespräsident von Österreich, wurde im Rahmen dieser Affäre beschuldigt, Mitglied der SS gewesen zu sein und somit zumindest von den Gräueltaten gegenüber jugoslawischen Juden sowie von unterschiedlichen Deportationen gewusst zu haben. Von österreichischer Seite wurden diese Vorwürfe sowohl von Waldheim als auch von seinen Parteikollegen zurückgewiesen. Mitglieder der österreichischen SPÖ legten aus politischen Gründen aber weitere Dokumente vor, die Waldheims Schuld beweisen sollten. Jedenfalls wurde Waldheim von den USA aufgrund der ihm vorgeworfenen Verbrechen in der NS-Zeit auf die internationale Watchlist gesetzt und durfte somit bis zu seinem Lebensende nicht mehr in die USA einreisen. Eine speziell aufgrund dieser Affäre eingesetzte Historikerkommission, konnte Waldheim zwar keine direkten Verbrechen während der NS-Zeit nachweisen. Es steht jedoch außer Zweifel, dass Waldheim Mitglied der NSDAP war. (Jabloner 2002: S. 22ff)

3.4 Der Umgang mit Gedenkstätten

Wird nun das Beispiel „Bergkristall“ betrachtet, so könnte der Eindruck entstehen, dass die schrecklichen Ereignisse, die sich auf dem heutigen österreichischen Staatsgebiet zwischen 1938 und 1945 abgespielt haben, am liebsten ungeschehen gemacht werden sollen. Das Projekt „Bergkristall“ startete 1944 und war eines der größeren unterirdischen Bauvorhaben der deutschen Kriegswirtschaft. Zahlreiche, zum Teil bis zu 40 Meter tiefe und mehrere Kilometer lange Stollen, wurden im Raum St. Georgen an der Gusen in den felsigen Untergrund getrieben. Die Anlage wurde hauptsächlich von Häftlingen des in unmittelbarer Nähe liegenden Lagers Gusen errichtet. Tausende Häftlinge kamen beim Bau dieser Anlage um. Die Anlage wurde von dem Wiener Ingenieurbüro Fiebinger geplant und diente anschließend als Produktionsstätte für die Regensburger Messerschmidt GmbH sowie für die Steyr Daimler Puch AG. Beide Unternehmen produzierten Waffen sowie kriegsnotwendige Maschinen. (Gusen Memorial 12. März 2012, Webquelle) Nach dem Krieg geriet sowohl die Stollenanlage als auch das Lager Gusen beinahe in Vergessenheit. Die Stollenanlage ist seither verschlossen und für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Der Großteil der Stollen wurde zubetoniert. An das riesige Lager erinnerte lange Zeit nur ein kleines Gedenk-Memorial. Das restliche Lagergebiet ist heute Wohngebiet und dicht mit Einfamilienhäusern bebaut.

"Auch wenn wir inÖsterreich wenigüber die Geschehnisse in Gusen aufgeklärt sind, so ist das ein weltbekanntes Bauwerk", [ … ] Im Ausland wisse man meist besserüber die Ereignisse in der Anlage während der NS-Zeit Bescheid als bei uns. Beim Bau der bis zu 40 Meter tief unter der Erde liegenden Stollen seien mehr als 10.000 Menschen umgekommen. "Das ist vergleichbar mit den Pyramiden inÄgypten, jeder Meter ist ein Toter." (Haunschmied: in der TageszeitungÖsterreich. 1. Juli 2009)

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Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Opfermythos. Der Umgang Österreichs mit seiner geschichtlichen Verantwortung
Hochschule
Johannes Kepler Universität Linz
Jahr
2012
Seiten
17
Katalognummer
V339749
ISBN (eBook)
9783668295018
ISBN (Buch)
9783668295025
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Österreich, Geschichtbild, Konstruktion, Vermittlung, Geschichtspolitik, Geschichtsunterricht, Schulbücher, Opfermythos
Arbeit zitieren
Anonym, 2012, Opfermythos. Der Umgang Österreichs mit seiner geschichtlichen Verantwortung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/339749

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