Globalisierung und kulturelle Identität


Hausarbeit, 2012

11 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Globalisierung - Versuch einer Begriffsklärung

3. Der Einfluss der globalen Vernetzung auf die Kultur(en)

4. Die regionale Bedeutung der globalen Einflüsse

5. Resümee

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Schlagwort der Globalisierung findet seit einiger Zeit in politischer und wissenschaftlicher Debatte zunehmend inflationäre Verwendung. Dabei wird die Globalisierung zumeist entweder als Chance oder aber als Bedrohung angesehen. Sie kann als "[...] ein Prozess zunehmender Verbindungen zwischen Gesellschaften und Problembereichen dergestalt definiert werden, dass Ereignisse in einem Teil der Welt in zunehmendem Maße Gesellschaften und Problembereiche in anderen Teilen der Welt berühren."1

Im Allgemeinen gestaltet sich eine Begriffsfassung jedoch schwierig, da Globalisierung in vielerlei Hinsicht interpretiert werden kann. Allen Definitionsversuchen liegt aber der Gedanke zugrunde, dass die Vorstellung von geschlossenen, für sich existierenden Staaten und Bevölkerungsgruppen der Vergangenheit angehört.2

In der heutigen Welt spielen die Grenzen von Zeit und Raum eine immer kleinere Rolle. Es wird zunehmend einfacher, Waren und Produkte, Meinungen und kulturelle Eigenschaften einer Gesellschaft über Grenzen hinweg in ein anderes Land, auf einen anderen Kontinent zu transportieren. Dabei ist wichtig zu beachten, dass durch diesen regen Austausch die an ihm beteiligten kulturellen Gruppen nachhaltig beeinflusst werden. Die Welt wächst zunehmend zusammen, Lebensstandards verändern sich, vor allem westliche Ideologien breiten sich auf dem Globus aus. Welche Auswirkungen hat die 'berüchtigte' Globalisierung beispielsweise auf einen ehemals völlig isoliert lebenden Volksstamm in Indien oder auf dem afrikanischen Kontinent? Findet eine Beeinflussung statt, und wenn ja, verändert diese alte Lebensgewohnheiten? Sorgt die Globalisierung dafür, dass weltweit zunehmend ein einziger Lebensstandard nach westlichem Modell entsteht, oder dass Kulturen sich wechselseitig beeinflussen? Können unter diesen Umständen kulturelle Diversität und Vielfalt, beispielsweise in Hinsicht auf die eigene Individualität und Persönlichkeit, Ethnizität oder Lebenssituation gewahrt werden? Diesen Fragen soll im Folgenden nachgegangen werden. Zudem soll dabei auch Bezug auf das Stichwort Glokalisierung genommen werden, einen Begriff, der versucht, globale Geschehnisse auf lokaler, alltäglicher Ebene einer bestimmten Gruppe fassbar zu machen; internationale Geschehnisse regional zu verdichten.

2. Globalisierung - Versuch einer Begriffsklärung

Das Konzept der Globalisierung hat in den letzten Jahren große mediale Aufmerksamkeit erfahren. Häufig ist zu lesen, dass Arbeitsplätze in der Produktion ins Ausland verlagert werden, dass die finanziellen Schwierigkeiten eines Landes ein anderes beeinflussen, dass sich Pandemien durch internationalen Flugverkehr weltweit ausbreiten, dass politische Schwierigkeiten den globalen Ölmarkt beeinflussen. All diese Beispiele stehen in Zusammenhang mit dem großen Schlagwort der Globalisierung. Die menschliche Gesellschaft ist in zunehmendem Maße verknüpft und abhängig voneinander, das Handeln einer Gruppe hat Konsequenzen, die sich global ausbreiten. Veränderungen in einem Teil der Welt haben demzufolge Auswirkungen auf die Gesellschaft in einer anderen Region der Welt. Diese Geschehnisse beeinflussen jedoch nicht jeden in der gleichen Weise. Der Soziologe Volker Bornschier spricht hier von einer "Ausbreitung individueller Werthaltungen, die ursprünglich westlichen Ursprungs waren".3 Diese Herangehensweise impliziert, dass vor allem der Westen Einfluss auf Kulturen und Gesellschaften im Rest der Welt nimmt und steht einigen anderen, im weiteren Verlauf der Arbeit näher betrachteten Meinungen, gegenüber.

Die drei Dimensionen der Globalisierung, nämlich erhöhter Handel und transnationale wirtschaftliche Aktivität, schnellere und dichtere Möglichkeiten der Kommunikation (wie Internet, E-Mail) sowie größere Spannungen zwischen (und innerhalb von) kulturellen Gruppen aufgrund von intensiverem Austausch von Normen und Werten, lassen darauf schließen, dass die Kräfte, die Wirtschaft, Politik und kulturelle Geschehnisse antreiben, transnational sind.4 Roland Robertson, Forscher auf dem Gebiet der Globalisierung, fasst dies folgendermaßen zusammen: "Globalization as a concept refers both to the compression of the world and the intensification of consciousness about the world as a whole."5

Globalisierung bringt uns alle näher zusammen, sei es im Hinblick auf den Austausch von Waren oder von kulturellen Erzeugnissen.

3. Der Einfluss der globalen Vernetzung auf die Kultur(en)

Durch das zunehmende Zusammenwachsen der Welt und ihrer Bewohner drängt sich die Frage auf, inwiefern durch den regen Austausch von Waren und Kultur regionale Kulturen beeinflusst werden. Entsteht durch das Phänomen der Globalisierung eine große globale Gesellschaft mit der exakt gleichen Weltanschauung oder werden weiterhin viele verschiedene ethnische Stämme existieren, die nach ihren eigenen Regeln leben, aber verschiedene Aspekte aus anderen Teilen der Welt in ihren Alltag integrieren?

Eine Vielzahl an Stimmen aus allen politischen Lagern äußerte sich bislang zu diesen Fragestellungen. Benjamin Barber, Professor für Zivilgesellschaft an der University of Maryland, einflussreicher, US-amerikanischer Politikwissenschaftler, behauptet, die moderne Welt sei gefangen zwischen dem Jihad, einer "bloody politics of identity", und McWorld, "a bloodless economics of profit", repräsentiert durch die globale Ausbreitung von McDonald's und populärer, US-amerikanischer Kultur.6 John N. Gray, britischer Philosoph und Autor, argumentierte, dass der weltweite freie Handel die regionalen Politiken, Wirtschaften und Kulturen zerstöre.7 John Tomlinson, Professor für kulturelle Soziologie an der Nottingham Trent University, definierte die Theorie des kulturellen Imperialismus:

"[...] authentic, traditional and local culture in many parts of the world is being battered out of existence by the indiscriminate dumping of large quantities of slick commercial and media products, mainly from the United States."8

Fredric R. Jameson, US-amerikanischer politischer Literaturkritiker und -theoretiker beschreibt diesen Einfluss gar als das Hauptmerkmal der Globalisierung:

"The standardization of world culture, with local popular or traditional forms driven out or dumbed down to make way for American television, American music, food, clothes and films, has been seen by many as the very heart of globalization."9

Bei so vielen, vermehrt auftretenden kritischen Meinungen stellt sich die Frage, ob die Globalisierung die Möglichkeiten, unser Leben zu gestalten, positiv beeinflusst , ob sie die Wahl lässt, etwas Fremdes anzunehmen. Täte sie es nicht, würde sie etwas aufzwingen, dann stünde die Freiheit, an einem globalen Handel teilzunehmen, im Konflikt mit anderen Bedeutungen von Freiheit, wie beispielsweise der individuellen Möglichkeit, eine kulturelle Identität zu wählen oder beizubehalten. Stuart Hall spricht in seinem Text zur kulturellen Identität davon, dass nationale Kulturen, in die eine Person hineingeboren wird, zu den Hauptquellen kultureller Identität gehören, dass die Angabe eines Herkunftslandes oft das Merkmal ist, über das man sich vorstellt oder identifiziert. "Eine Nation ist also nicht nur ein politisches Gebilde, sondern auch etwas, was Bedeutungen produziert - ein System kultureller Repräsentationen."10

Hall erläutert weiterhin, dass eine nationale Kultur anhand der ihr zugrunde liegenden Kultur eines Volkes zu definieren versucht wird. Dabei sei Ethnizität der Begriff, der kulturellen Eigenschaften wie Sprache, Religion, Gebräuchen, Traditionen und Gefühlen gegeben wird, die von einem Volk geteilt werden. Allerdings sei es in der modernen Welt, beispielsweise in Westeuropa, schwierig, eine solche Vereinheitlichung zu treffen, da "[...] alle modernen Nationen kulturell hybrid [sind]".11 Eine Charakterisierung der eigenen Identität geschieht also nicht länger nur über ein Nationalitätsgefühl, sondern eher über eine Perspektive mit dem Schwerpunkt, wie "das soziale Leben über Raum und Zeit hinweg geordnet ist".12 Giddens, britischer Soziologe, führt weiterhin aus:

"Mit dem Beginn der Moderne wird der Raum immer stärker vom Ort losgelöst, indem Beziehungen zwischen abwesenden anderen begünstigt werden, die von jeder gegeben Interaktionssituation mit persönlichem Kontakt örtlich weit entfernt sind. [...] Schauplätze werden von entfernten sozialen Einflüssen gründlich geprägt und gestaltet."13

4. Die regionale Bedeutung der globalen Einflüsse

Im vorangegangenen Teil wurde bereits deutlich, dass eine Vielzahl an Theoretikern die Ansicht vertritt, dass die Prozesse der Globalisierung nationale Identitäten schwächen oder gar unterwandern. Die Identifikation mit einer nationalen Kultur würde reduziert und zunehmend durch Merkmale von außerhalb, von entfernten Orten, ersetzt. Globale Identifikation verdränge nach und nach eine national-regionale.

Menschen, die in abgeschiedenen Dörfern in der "dritten Welt" zuhause sind, können über Fernsehgeräte und Radios eine Vorstellung der westlichen Welt erlangen, von Einfluss, Geld und Macht. Scheinbar typische US-amerikanische Kleidung ist auch auf den Philippinen oder in Indien zu finden, gleichzeitig säumen indische und asiatische Restaurants die Straßenzüge in den Städten der westlichen Welt.

Das Leben der Menschen wird zunehmend beeinflusst von internationalen Waren und Gütern, Möglichkeiten der Freizeitgestaltung (wie die erwähnten Restaurants oder beispielsweise Freizeitparks, die wie ein Miniatur-Amerika wirken), von Flugreisen in die ganze Welt. Dadurch entfernen sich die Vorstellungen der Menschen von ihrer eigentlichen Heimat, ihre Identität 'schwebt' über den Orten, der Zeit, alten Werten und Traditionen. Stuart Hall spricht dabei vom "[...] Phänomen der 'kulturellen Homogenisierung'. Die Spannung zwischen dem Lokalen und dem Globalen steht dabei im Mittelpunkt der Debatte über die Transformation der Identitäten."14

Es stellt sich also die Frage, ob tatsächlich eine globale Beeinflussung der unterschiedlichen Kulturen und Identitäten der Menschen stattfindet, oder ob vielmehr auch auf regionaler Ebene die neuen Errungenschaften, Technologien, Waren, Gedankenströme, adaptiert und genutzt werden. Es scheint immer noch offensichtlich, dass die Globalisierung sehr ungleichmäßig über die Welt verteilt ist, dass es vor allem westliche Waren und Lebensweisen sind, die sich über den Globus ausgebreitet haben. Dennoch ist zu erkennen, dass Produkte der Globalisierung regional angepasst werden, dass lokale Differenzierungen vorgenommen werden. Das einfachste Beispiel für diesen Sachverhalt mag die Produktpalette der McDonald's Restaurants sein, die von Land zu Land variiert, obwohl das Prinzip McDonald's ein US-amerikanisches ist, welches uniform auf der Welt anzutreffen scheint. In diesem Hinblick lässt sich annehmen, dass die Globalisierung ganz neue, gleichzeitig globale und lokale Identifikation schaffen kann. Ein Begriff, der hier Erwähnung finden sollte, ist der der Glokalisierung, ein Neologismus und Kofferwort aus den Begriffen Globalisierung und Lokalisierung, mit der Absicht, zu verdeutlichen, dass diese beiden Prozesse in Wechselwirkung miteinander stehen. Der Ausdruck beschreibt die Verbindung und die Koexistenz des Prozesses der Globalisierung und seinen regionalen Auswirkungen. Im kulturellen Bereich kann man so davon ausgehen, dass Individuen ihre kulturellen Eigenschaften und Wurzeln bewahren, aber dennoch scheinbare Gegensätze adaptieren können. Außerdem bewirkt die Globalisierung auf lokaler Ebene eine Weltoffenheit, die Menschen werden respektvoller gegenüber fremden Kulturen und Religionen. Im Gegenzug wiederum machen gerade diese regionalen Ereignisse einen Teil der Globalisierung aus.

"Das Partikulare (Besondere, Lokale) wird zwecks Verständigung oder des Mitteilungsbedürfnisses auf ein universal gültiges Niveau angehoben, wodurch das Lokale zu einem konstitutiven Element des Globalen wird.15 [...] In dieser Hinsicht beinhaltet die im Allgemeinen als Verdichtung der Welt als ganzer definierte Globalisierung die Verknüpfung von Lokalitäten."16

Somit führt, nach Robertson, die Globalisierung in kultureller Hinsicht zu einer Globalkultur, die sich aus der Verknüpfung lokaler Identitäten zusammensetzt. Es ist nicht zwangsläufig so, dass eine Kultur einer anderen ihre Waren und Werte aufzwingt, sondern dass durch die globale Kultur ein "Bezugsrahmen [geschaffen wird], aus dem andere Lokalitäten schöpfen können, d.h. sie entnehmen diesem Skripte [...] und integrieren sie modifiziert (gemäß ihrem jeweiligen kulturellen Verständnis) in den lokalen Kontext."17 Auch lässt sich abstreiten, dass die USA weltweit den größten Einfluss nehmen, sei es in politischer, ökonomischer oder kultureller Hinsicht, so Arjun Appadurai, in die USA emigrierter, indischer Ethnologe:

"Der ausschlaggebende Punkt ist, dass die USA nicht mehr länger der Puppenspieler im Weltsystem der Images und Vorstellungen ist, sondern nur ein Knotenpunkt innerhalb einer komplexen transnationalen Bilderlandschaft."18

[...]


1 Woyke, Wichard: Handwörterbuch Internationale Politik. Barbara Budrich Verlag, Opladen 2008, S. 166

2 ebd,, S. 167.

3 Bornschier, Volker: Weltgesellschaft. Lit Verlag 2008, S. 17.

4 Hylland Eriksen, Thomas: Globalization: The Key Concepts. Berg 2007, S. 4.

5 Robertson, Roland: Globalization: Social Theory and Global Culture. Sage Publications 1992, S. 8.

6 Barber, Benjamin: Jihad vs. McWorld. Ballantine Books, New York 1995, S. 8.

7 Gray, John N.: False Dawn: The Delusions of Global Capitalism. The New Press, New York 1999.

8 Tomlinson, John: Cultural Imperialism: A Critical Introduction. Hopkins University Press 1998, S. 8.

9 Jameson, Fredric R.: Globalization and political strategy. New Left Review 2000, S. 51.

10 Hall, Stuart: Kulturelle Identität und Globalisierung. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 1999, S. 415.

11 ebd., S. 422

12 Giddens, Anthony: Konsequenzen der Moderne. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 1995, S. 85.

13 ebd., S. 30.

14 Hall, Stuart: Kulturelle Identität und Globalisierung. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1999, S. 429.

15 Robertson, Roland: Glokalisierung: Homogenität und Heterogenität in Raum und Zeit. In: Ulrich Beck, Perspektiven der Weltgesellschaft. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1998, S. 201-202.

16 ebd., S. 208.

17 Zoll, Katharina: Stabile Gemeinschaften: Transnationale Familien in der Weltgesellschaft. Transcript Verlag, Bielefeld 2007, S. 65.

18 Appadurai, Arjun: Modernity at Large. Cultural Dimensions of Globalization. University of Minnesota Press, Minneapolis 2005, S. 31.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Globalisierung und kulturelle Identität
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Medienkultur und Theater)
Veranstaltung
Globalisierung
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
11
Katalognummer
V339800
ISBN (eBook)
9783668296381
ISBN (Buch)
9783668296398
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
globalisierung, identität
Arbeit zitieren
Frederik Santer (Autor), 2012, Globalisierung und kulturelle Identität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/339800

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