Der Begriff Moral wird in unserer Alltagssprache sehr häufig und sehr selbstverständlich gebraucht, ohne dessen Inhalt zu hinterfragen oder ihn genau zu definieren. Daher sollen zur Einführung zwei allgemeine Definitionen des Begriffes Moral gegeben werden, wie er in Standardlexika erklärt wird. [...] Unter Moral versteht man also einen Sammelbegriff für die sozialen Werte und Normen, die das gesellschaftliche Zusammenleben regeln und, solange sie von allen Mitgliedern der jeweiligen Gesellschaft oder Gruppe eingehalten werden, ermöglichen. Inhaltlich umfasst der Begriff Moral z.B. Gerechtigkeit, Anerkennung fremder Persönlichkeitsrechte, Höflichkeit, Treue usw3. Auch religiöse Verhaltensweisen wie Nächstenliebe, Ahnenverehrung oder verschiedene religiöse Handlungen zählt man zu Moral 4. Der Bedeutungsinhalt variiert somit von Volk zu Volk, Religion zu Religion bzw. Kultur oder gar von Familie zu Familie und ändert oder erweitert bzw. verringert sich im Laufe der Zeit. In dieser Arbeit soll nun dargestellt werden, wie sich die Moral, bzw. das Moralbewusstsein und die Fähigkeit zu moralischen Urteilen im Laufe der Sozialisation entwickelt, wie ein Kind Regeln erlernt und schließlich moralische Bewertungsmaßstäbe für das eigene und für fremdes Handeln anlegen kann. Hierbei sollen ausschließlich die Modelle der Moralentwicklung nach Jean Piaget und das darauf aufbauende bzw. erweiternde Modell nach Lawrence Kohlberg berücksichtigt werden. Weiterhin soll ein Bezug zur Sozialisation und Kommunikation hergestellt und dargestellt werden, inwiefern sich das Moralbewusstsein und moralische Maßstäbe auf das kommunikative Handeln auswirken. 3 Vgl. ebd. 4 Vgl ebd.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Moralentwicklung
2.1 Moralentwicklung nach Jean Piaget
2.2. Die Moralentwicklung nach Lawrence Kohlberg
2.2.1 Das 6-Stufen-Modell der Moralentwicklung
2.3 Vergleich der Modelle von Piaget und Kohlberg
3. Bezug zu Sozialisation und Kommunikation
3.1 Moral und Sozialisation
3.1.1. Das Lernen von Werten und Normen
3.2 Moral und Kommunikation
4. Schlussbetrachtung / Kommentar
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die theoretischen Grundlagen der Moralentwicklung nach Jean Piaget und Lawrence Kohlberg und analysiert deren Bedeutung im Kontext der Sozialisation und Kommunikation. Dabei wird insbesondere hinterfragt, wie sich Moralbewusstsein auf das kommunikative Handeln auswirkt und welche Rolle paradoxe Kommunikationssituationen bei der Ausbildung normkonformen Verhaltens spielen.
- Vergleich der Moralentwicklungsmodelle von Piaget und Kohlberg
- Prozess der Internalisierung von Werten und Normen während der Sozialisation
- Zusammenhang zwischen autonomer Moral und kommunikativer Kompetenz
- Analyse der Doppelbindungs-Theorie (double-bind) in sozialen Erziehungskontexten
- Bedeutung der moralischen Urteilsfähigkeit für die Bewältigung paradoxer Verhaltensaufforderungen
Auszug aus dem Buch
Paradoxe Kommunikation
Es gibt zum einen paradoxe Verhaltensaufforderungen und zum anderen paradoxe Voraussagen. Zur ersten Kategorie gehören widersprüchliche Befehle, die der Adressat unmöglich ausführen kann. Ein Beispiel wäre die Aufforderung des Teufels an Gott, einen Stein zu schaffen, den er selbst nicht mehr heben könne. Hier spricht man von einer double-bind- Situation, da Gott dieser Aufforderung nicht nachkommen kann, ohne damit seine Allmacht in Frage zu stellen.
Eine paradoxe Verhaltensaufforderung wäre z.B.: „sei spontan“.
Die Grundformel für sogenannte pragmatische Paradoxien lautet:
„Tu, was ich sage und tu gleichzeitig nicht, was ich möchte.“
Ein solches Paradoxon besteht nicht nur in einem Widerspruch an sich, sondern auch in dem Wissen der Beteiligten um diesen Widerspruch sowie in der Unmöglichkeit der zufriedenstellenden Ausführung eines solchen Befehls, wodurch die sogenannten double-bind-Situationen entstehen. Die Metakommunikation zwischen den Beteiligten ist ausgeschlossen bzw. unmöglich, weshalb der Empfänger nicht weiß, auf welche von zwei widersprüchlichen Botschaften er reagieren soll.
Im Laufe der Sozialisation sollen Menschen „lernen, zu wollen, was sie sollen“.
Es gibt allerdings Befehle oder Aufforderungen, deren Ausführung schlicht nicht erfüllbar bzw. paradox ist. Der Befehl „Du sollst X machen wollen“ ist paradox und unerfüllbar, denn wenn man X macht, tut man, was man soll, nicht was man will. Macht man X nicht, tut man, was man will und nicht, was man soll.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Definition des Begriffs Moral anhand von Lexika und Einführung in die Fragestellung zur moralischen Entwicklung im Zuge der Sozialisation.
2. Moralentwicklung: Darstellung der Stufenmodelle nach Piaget und Kohlberg sowie ein Vergleich ihrer theoretischen Ansätze.
2.1 Moralentwicklung nach Jean Piaget: Erläuterung des Modells, das auf der Beobachtung von Kinderspielen basiert und Phasen der Regelbefolgung definiert.
2.2. Die Moralentwicklung nach Lawrence Kohlberg: Einführung in das komplexere, auf Piaget aufbauende Stufenmodell der Moralentwicklung.
2.2.1 Das 6-Stufen-Modell der Moralentwicklung: Detaillierte Auflistung der sechs Stufen unterteilt in präkonventionelles, konventionelles und postkonventionelles Niveau.
2.3 Vergleich der Modelle von Piaget und Kohlberg: Analyse der Gemeinsamkeiten und Differenzen bezüglich des Alters und der Reichweite der Moralentwicklung.
3. Bezug zu Sozialisation und Kommunikation: Untersuchung, wie moralische Einstellungen die Kommunikation beeinflussen und wo Konflikte entstehen können.
3.1 Moral und Sozialisation: Erörterung der Begriffe Sozialisation und Internalisierung von Normen im erzieherischen Kontext.
3.1.1. Das Lernen von Werten und Normen: Analyse der Motivationsstrukturen für normkonformes Verhalten, wie Compliance und Internalisierung.
3.2 Moral und Kommunikation: Darstellung der Doppelbindungs-Theorie und deren Auswirkung auf das moralische Handeln des Individuums.
4. Schlussbetrachtung / Kommentar: Kritische Reflexion der behandelten Theorien und Ausblick auf die Bedeutung moralischer Entwicklung über das Kindesalter hinaus.
Schlüsselwörter
Moralentwicklung, Jean Piaget, Lawrence Kohlberg, Sozialisation, Kommunikation, Werte, Normen, Doppelbindung, double-bind, Compliance, Autonomie, Heteronomie, Internalisierung, Sozialisationsforschung, moralische Urteilsfähigkeit
Häufig gestellte Fragen
Was ist das Hauptanliegen dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen der moralischen Entwicklung des Individuums und seiner Sozialisation sowie der sich daraus ergebenden Auswirkungen auf das kommunikative Handeln.
Welche moraltheoretischen Modelle stehen im Zentrum der Untersuchung?
Es werden primär das Modell der Moralentwicklung von Jean Piaget und das darauf aufbauende, differenziertere Sechs-Stufen-Modell von Lawrence Kohlberg behandelt.
Was ist das zentrale Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie moralische Bewertungsmaßstäbe gelernt werden und inwiefern diese zur Bewältigung komplexer und teilweise paradoxer Anforderungen in sozialen Interaktionen befähigen.
Welche wissenschaftliche Methode liegt der Analyse zugrunde?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literaturanalyse und dem Vergleich bekannter entwicklungspsychologischer Theorien mit kommunikationswissenschaftlichen Ansätzen.
Welche Themenfelder werden im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Neben den Stufenmodellen der Moralentwicklung bilden die Prozesse der Normen-Internalisierung sowie die paradoxe Kommunikation (double-bind-Theorie) die inhaltlichen Schwerpunkte.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Zu den prägenden Begriffen zählen Moralentwicklung, Sozialisation, Kommunikation, Doppelbindung, Internalisierung sowie die Theorien von Piaget und Kohlberg.
Wie definiert die Autorin den Unterschied zwischen heteronomer und autonomer Moral?
Heteronome Moral ist fremdbestimmt durch Gehorsam gegenüber Autoritäten und Sanktionen, während autonome Moral auf eigenem Gewissen und Prinzipien basiert, unabhängig von Sanktionen.
Was versteht man in diesem Kontext unter einer "double-bind"-Situation?
Es handelt sich um eine paradoxe Kommunikationslage, bei der eine Person mit zwei widersprüchlichen Befehlen konfrontiert wird, wobei die Metakommunikation ausgeschlossen ist und jede Reaktion zwangsläufig falsch ist.
- Quote paper
- M.A. Berit Hullmann (Author), 2003, Moral, Sozialisation und Kommunikation, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33984