Kirchenmitgliedschaftsentwicklung des Protestantismus in Deutschland 1940-1990

Die Mitgliederzahl der evangelischen Kirche


Masterarbeit, 2014

154 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Abgrenzung des Themas
2.1 Forschungsfrage und Themeneingrenzung
2.2 Erhebungsdaten
2.3 Forschungsstand

3. Kirche in Deutschland vor 1940

4. Die Kirchenmitgliedschaftsentwicklung des Protestantismus in Deutschland 1940-1990
4.1 Nationalsozialismus und Kriegsjahre: 1940-1945
4.1.1 Externe Rahmenbedingungen
4.1.2 Interne Rahmenbedingungen
4.1.3 Mitgliederzahlen
4.1.4 Interpretation
4.2 Die Nachkriegszeit und die Besatzungszonen: 1945-1949
4.2.1 Externe Rahmenbedingungen
4.2.2 Interne Rahmenbedingungen
4.2.3 Mitgliederzahlen
4.2.4 Interpretation
4.3 Zeitalter der Teilung - DDR: Die 50er und 60er
4.3.1 Externe Rahmenbedingungen
4.3.2 Interne Rahmenbedingungen
4.3.3 Mitgliederzahlen
4.3.4 Interpretation
4.4 Zeitalter der Teilung - Bundesrepublik: Die 50er und 60er
4.4.1 Externe Rahmenbedingungen
4.4.2 Interne Rahmenbedingungen
4.4.3 Mitgliederzahlen
4.4.4 Interpretation
4.5 Zeitalter der Teilung - DDR: Die 70er und 80er
4.5.1 Externe Rahmenbedingungen
4.5.2 Das Spitzengespräch zwischen Regierung und Kirche
4.5.3 Interne Rahmenbedingungen
4.5.4 Mitgliederzahlen
4.5.5 Interpretation
4.6 Zeitalter der Teilung – Bundesrepublik: Die 70er und 80er
4.6.1 Externe Rahmenbedingungen
4.6.2 Interne Rahmenbedingungen
4.6.3 Mitgliederzahlen
4.6.4 Interpretation
4.7 Kirchenmitgliederentwicklung nach 1990

5. Zusammenfassung und Fazit

Literatur

Anhang

1. Einleitung

Betritt man in meiner Heimatstadt Sonntag früh den Gemeinderaum, so ist dieser – mit Ausnahme vom 24. Dezember – alles andere als gefüllt. Höchstens zehn Rentnerinnen und Rentner strömen in den Gemeinderaum und füllen diesen nicht einmal zu einem Viertel aus. Der ein oder andere jüngere Besucher verirrt sich hin und wieder ebenfalls hierher. Doch für Gewöhnlich sucht man Jugendliche oder junge Erwachsene vergebens. Ist dies ein Anzeichen des oft und viel zitierten Säkularismus in Deutschland oder ein Symptom der Kirchenaustrittsbewegung? Natürlich kann so ein punktuelles Beispiel – noch dazu aus einer Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern – nicht für die gesamte evangelische Kirche in Deutschland sprechen. Ein weiteres Beispiel aus einem anderen Bereich, welcher den Kulturraum der gesamten Gesellschaft widerspiegelt, verdeutlicht daher noch einmal, was ich aufzeigen will. Betrachtet man dieser Tage die Auslagen von Buchhändlern, so fallen die zahlreichen Angebote für esoterische oder fernöstlich-spirituelle Bücher auf. Es entsteht der Eindruck, dass die Gesellschaft sich nach transzendenter Erfahrung und Sinngebung zu sehnen scheint. Und es hat den Anschein, als können ihr nur die oben genannten Angebote bieten, wonach sie suchen. Doch ist die Entkirchlichung in Deutschland wirklich so weit fortgeschritten, wie es diese Beispiele aufzeigen wollen? Die religiöse Kultur in Deutschland ist kirchenhistorisch bedingt durch das Christentum geprägt. Vor allem die evangelische und die katholische Konfession sind hierbei herauszuheben. Wie kam es dazu, dass diese ehemaligen Groß- oder Volkskirchen[1] mittlerweile zur Minderheitskirche gehören? Noch 1945 gliederten sich über 85% der deutschen Bevölkerung dem Christentum in einer der beiden Varianten ein. Heute ist dieser Anteil auf knapp 30% gesunken.

Die vorliegende Arbeit will daher untersuchen, wie sich die Kirchenmitgliedschaft der evangelischen Kirche in Deutschland in dem halben Jahrhundert von 1940 bis 1990 entwickelt hat. Es ist bereits bekannt, dass die Mitgliederzahl des Protestantismus in Deutschland diversen Schwankungen unterworfen ist, insgesamt jedoch beschreibt diese eine absteigende Tendenz. Die Forschungsfrage, die sich daraus für die vorliegende Arbeit ergibt, ist: Welche kirchenexternen und –internen Faktoren beeinflussen die individuelle Entscheidung zur Kirchenmitgliedschaft und wie wirkt sich dies auf die Mitgliederzahlen aus?

Hierzu werde ich im Folgenden zunächst meine Forschungsfrage und das Thema genauer abgrenzen, denn das zu beschreibende Gebiet umfasst zum Einen den enormen Zeitrahmen eines halben Jahrhunderts und zum Anderen zahlreiche mögliche Blickwinkel. Daher muss ich von diesen Aspekten einige auswählen, um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu überschreiten. Ferner werden die Erhebungsdaten, welche ich meiner Untersuchung zugrunde lege, und der aktuelle Forschungsstand betrachtet.

Um zu verstehen, welche Ausgangsbasis die Kirche[2] vor dem Untersuchungszeitraum besaß, wird daher zunächst die Situation der Kirche in Deutschland vor 1940 beleuchtet. Denn diese Konstellationen wirkten in die Kriegs- und auch in die Nachkriegszeit mit hinein. Anschließend wird die eigentliche Untersuchung der Kirchenmitgliedschaftsentwicklung des Protestantismus in Deutschland von 1940 bis 1990 erfolgen. Die Periodisierung dieser Ausführungen geschieht nach Gesichtspunkten historischer Zäsuren. So wird der erste Abschnitt die Zeit des Nationalsozialismus und die Kriegsjahre (1940-1945) beinhalten. Es folgt die Nachkriegszeit (1945-1949), in welcher Deutschland zwar durch unterschiedliche Mächte besetzt war aber dennoch eine Einheit darstellte. Daher wird sich der darauf folgende Gliederungspunkt bezüglich der 50er und 60er Jahre jeweils getrennt auf die DDR und die Bundesrepublik beziehen. Wie zu zeigen sein wird, änderte sich in beiden deutschen Staaten die Kirchenmitgliedschaftsentwicklung in ihrer Richtung oder Intensität um die Jahre 1969/70. Schließlich werden dann die 70er und 80er Jahre in gleicher Weise beleuchtet. In den periodischen Gliederungspunkten führe ich jeweils die ausgewählten externen und internen Faktoren an. Der Schwerpunkt kann nicht nur auf den äußeren Bedingungen liegen. Auch die kircheninternen Handlungsstrategien und Entwicklungen müssen hinzugezogen werden. Andernfalls erschien die Kirchenmitgliedschaftsentwicklung lediglich als ein von externen Konstellationen abhängiger Gegenstand. Daran anschließend stelle ich die Entwicklung der Kirchenmitgliedschaft anhand ausgesuchter Daten dar. Sodann führe ich beide Gliederungspunkte, die Rahmenbedingungen und das entsprechende Zahlenmaterial, zu einer Analyse der Kirchenmitgliedschaftsentwicklung zusammen. Abschließend soll noch ein Blick auf die Kirchenmitgliedschaftsentwicklung nach 1990 geworfen werden um im weiteren Verlauf die aktuellen Mitgliederzahlen kurz aufzuzeigen. Schließlich erfolgt in einem Fazit eine Zusammenführung der einzelnen Gliederungspunkte dieser Arbeit um eine abschließende Betrachtung der zugrundeliegenden Forschungsfrage zu erhalten.

Unzweifelhaft lassen sich auch andere Untergliederungen anführen um interessante Ergebnisse aus diesen Untersuchungen zu gewinnen. Meine Überlegungen entspringen der Idee, die externen und eventuell kircheninternen Einflüsse auf die Entwicklungen der Mitgliedertendenzen aufzuspüren und diese anhand des Zahlenmaterials zu begründen. Somit möchte ich herausfiltern, wie es dazu kam, dass die ehemalige Volkskirche heute als eine Minderheitskirche erscheint. Die Darstellungen dieser Arbeit sind der Kirchengeschichte unterworfen und fragen somit besonders nach den historischen Wandlungsprozessen und deren Wirkung.

2. Abgrenzung des Themas

Der Zeitraum von 1940 bis 1990 beträgt nicht nur ein halbes Jahrhundert, er ist auch von zahlreichen Zäsuren und Ereignissen bestimmt. Diese tangieren oft die Kirche als Institution und häufig die Christen als Bürger dieses Landes und als Gemeindemitglieder. Angesichts dieser Anzahl an Faktoren und Bedingungen ist eine Eingrenzung des Themas erforderlich.

2.1 Forschungsfrage und Themeneingrenzung

Ich untersuche in der vorliegenden Arbeit die Entwicklung der Kirchenmitgliederzahlen Deutschlands für die evangelischen Kirchen anhand der oben genannten Forschungsfrage. Andere Religionsgemeinschaften und Konfessionen, sowie Sonderkirchen werden innerhalb dieser Untersuchung weitestgehend ausgeklammert, teilweise werde ich jedoch die Tendenzen der katholischen Kirche hinzuziehen. Es soll im Folgenden die Mitgliederentwicklung des Protestantismus in Deutschland aufgezeigt und analysiert werden. Dabei stellt sich natürlich auch die Frage, inwieweit die Säkularisierung[3] bereits fortgeschritten ist, von der in der Forschung gesprochen wird. Es wird untersucht, wie sich die Mitgliederzahlen in dem halben Jahrhundert von 1940 bis 1990 entwickelt haben und welche Ursachen dafür herangezogen werden können.

Sowohl die Kirche als auch deren Mitglieder agierten nicht in einem Leerraum, sondern waren an staatliche Vorgaben und Befugnisse gebunden. Bereits 1959 diagnostizierte Scheuner diese Doppelzugehörigkeit der Kirchenmitglieder. In seinem RGG-Artikel heißt es:

„Wie immer das Wesen der K.[irche] von ihr selbst und von einer Epoche verstanden wird, als die Gemeinde der Gläubigen versammelt die K.[irche] in ihrer irdischen Erscheinung die gleichen Menschen, die als Bürger unter der politischen Gewalt des St.[aat]es leben.“[4]

Er führte weiter aus, dass der Staat stets seinen Anspruch auf Regierung geltend macht und es somit zu Konflikten und Abgrenzungen von der Kirche kommen kann und tatsächlich auch kam.[5] Die Kirche ist stets auch von den äußeren Bedingungen abhängig. Weiter heißt es: „Die äußere Erscheinung der K.[irche] wie auch die Anschauungen über sie unterliegen […] steter geschichtlicher Veränderung.“[6] Daher betrachte auch ich die staatlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der jeweiligen Zeiträume, um eben diese Veränderungen festzustellen. Sowohl die vorgenannten, als auch die kircheninternen Rahmenbedingungen werden sich jedoch nur auf die relevanten[7] Veränderungen und Ereignisse beziehen können. Denn diese Begebenheiten werden es sein, welche das Ansehen der Kirche in der Öffentlichkeit gewandelt haben. Wenn dem so ist, dann müssten sich gerade in Zeiten massiver staatlicher Eingriffe oder Veränderungen der Kirche die Kirchenmitgliederzahlen verändern. Dies wird im Folgenden zu prüfen sein. Theologischen Neuerungen und Debatten werden unberücksichtigt gelassen, weil diese das „normale“ Gemeindemitglied nicht oder nur sehr marginal betrafen und die Zahl der Zu- bzw. Abgänge auf Grund von theologischen Differenzen gering sein dürfte. Auch Zieger stellte fest, dass „die stärksten Wellen der [Kirchenaustritts-]Bewegung von außerkirchlichen, politischen Vorgängen ausgelöst wurden.“[8] Und begründet dies im Folgenden damit, dass die Kirchenbindung des Einzelnen schwächer ist als dessen Bindung an gesellschaftliche Gruppen, denen derjenige sich aus idealistischer, wirtschaftlicher oder sozialer Sicht zugehörig fühlt.[9]

Zudem stellte Feige fest, „daß die Entscheidungen über die Beibehaltung bzw. Aufkündigung der Kirchenmitgliedschaft unter dem Aspekt des Nutzens und der Kosten gesehen wird.“[10] Auch Engelhardt et al. sehen einen Zusammenhang zwischen der Austrittsquote und der individuellen Entscheidung zu einem Austritt als persönliche Reaktion auf politische, rechtliche und finanzielle Entwicklungen.[11] Auch daher werde ich den historischen Kontext sowie die darin entstandenen kirchlich-institutionellen und rechtlichen Rahmenbedingungen betrachten müssen, da diese meines Erachtens und auf Basis dieser Untersuchungen erheblichen Einfluss auf die jeweiligen Mitgliederzahlen haben. Es ist hierbei opportun, die Evangelische Kirche Deutschlands nicht als eine einzelne Kirche zu betrachten sondern ab 1949/50 zwischen den Landeskirchen auf dem Gebiet der DDR und der Bundesrepublik zu unterscheiden. Die Konversionsbilanz auf beiden Seiten soll jedoch keine nähere Betrachtung finden, kann jedoch in den entsprechenden Statistiken und Artikeln der Kirchlichen Jahrbücher nachvollzogen werden. Lokale und regionale Unterschiede, das heißt Aufschlüsselungen der Mitgliedsbewegung auf die einzelnen Bundesländer, lasse ich weitestgehend unbeachtet. Dies wäre im Rahmen dieser Arbeit nicht zu bewältigen und müsste an anderer Stelle untersucht werden.

Die Mitgliederzahlen schwanken nicht nur durch die Austritte aus der Kirche, sondern auch durch Eintritte (Taufen, Wiedereintritte, Immigration) oder Sterbefälle und Emigration.[12] Die Gesamtheit dieser Möglichkeiten kann jedoch im Rahmen dieser Arbeit nicht betrachtet werden, weil die Auswertung des Zahlenmaterials zu umfangreich wäre. Daher grenze ich das Zahlenmaterial auf einzelne gehaltvolle Datenreihen ein. Dies sind die Mitgliederzahlen, sowie die Ein- und Austrittszahlen und zuletzt die Taufzahlen. Die Zu- und Abgänge auf Grund der Mortalität habe ich bewusst ausgeklammert, da die Entwicklung der Kirchenpolitik sowie das Handeln der Kirchen an sich hierauf keinen Einfluss haben und diese Zahlen somit als Faktor für eine bewusste Kirchenmitgliedschaftsentscheidung ausgeklammert werden kann. Im Hinblick auf die absolute Zahl der Täuflinge, welche später in der Regel auch Kirchenmitglieder werden, würde ein Blick auf die entsprechenden Konfirmandenzahlen zeigen, wie sich diese Entscheidung in der Realität verhält. Diese werden in meiner Arbeit jedoch nicht eigens betrachtet, da ich die Austritte unmündiger Kinder ebenfalls in die Statistik einfließen lasse. Die Zahlen der Ein- und Austritte enthalten ebenfalls auch die unmündigen Kinder. Auch hier verweise ich auf die entsprechenden KJb. An dieser Stelle werden die Kinder, welche vor der Konfirmation die Kirche verlassen statistisch mit erfasst, ohne dass eigens die Konfirmandenzahlen betrachtet werden muss. Entscheiden sie sich für die Konfirmation, tauchen sie statistisch in den Mitgliederzahlen auf.

Unter dem Begriff der Säkularisierung oder Entkirchlichung der Gesellschaft soll im Folgenden nicht der Einfluss, welchen die beiden christlichen Kirchen auf die Gesellschaft und den Staat haben, betrachtet werden.[13] Vielmehr wird damit lediglich die Tatsache umschrieben, dass die Kirchenmitgliederzahlen in Deutschland sinken. Lois beschreibt den Begriff der Säkularisierung:

„Dazu zählen die Abnahme des sozialen Stellenwertes der traditionellen christlichen Religionsformen, die sinkende Akzeptanz der Kirchen und ihrer Lehren, steigende Kirchenaustrittsraten oder die schwächer werdende Bereitschaft zur Partizipation am kirchlichen Leben.“[14]

In dieser Definition wird auch der Faktor der Tendenz der Kirchenmitgliederzahlen berücksichtigt. Auf diesen Aspekt werde ich mich in der vorliegenden Arbeit besonders konzentrieren. Wie bereits angedeutet besteht ein Unterschied zwischen den Mitgliederzahlen der Kirchen und der tatsächlichen Religionsausübung. Denn wer formal einer Religion angehört, muss diese nicht auch praktizieren oder kann sich eher eine sogenannten Patchwork-Religion zugehörig fühlen.[15] Dieses Faktum möchte ich daher hier erwähnt wissen um darauf aufmerksam zu machen, dass die Mitgliederzahlen nicht immer mit den tatsächlichen Zahlen übereinstimmen. Ich denke eher, sie müssten nach unten korrigiert werden.

Die Quellenlage der Erhebungsdaten soll im Folgenden näher ausgeführt werden.

2.2 Erhebungsdaten

Als Basis meiner Untersuchungen dienen die Zahlen des Statistischen Bundesamtes (bzw. des Statistischen Reichsamtes) sowie die Datenreihen der Evangelischen Kirche, entnommen aus den „Kirchlichen Jahrbüchern für die Evangelischen Kirche in Deutschland“ (KJb). Um die enthaltenen Tendenzen zu verdeutlichen genügt meines Erachtens kein punktueller Einblick. Stattdessen soll die Kirchenmitgliedschaftsentwicklung über einen Zeitraum von 50 Jahren betrachtet werden. Ich setze meine Untersuchungen daher in den 1940er Jahren an und werde diese bis zur deutschen Wiedervereinigung chronologisch aufbereiten, miteinander verknüpfen und anschließend analysieren.

Hierbei werden die Mitgliedszahlen betrachtet und ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung bestimmt. Hinzu kommen die Ein- und Austrittszahlen. Ich werde bei der Betrachtung dieser auch die Zahl der Religionsunmündigen (Kinder unter 14 Jahre) hinzurechnen, da diese ebenfalls als Kirchenmitglieder wegfallen. Wenngleich Zieger anmerkt, dass diese Daten nicht immer vollkommen zuverlässig sind[16], so zeigen sie dennoch eine Tendenz auf.

Eberhard macht auf die Schwierigkeiten aufmerksam, deren sich die Statistik in den Kriegs- und Nachkriegsjahren gegenübersah. Dies hing mit der Situation des Krieges zusammen, welche eine exakte Auflistung der kirchlichen Lebensäußerungen erschwert oder sogar verhindert hat, hinzu kam eine Papierknappheit und die grundsätzliche antireligiöse Einstellung der Regierung. Die Zahlenlage ist daher äußerst gering und es konnten keine Gesamtergebnisse veröffentlicht werden, welche einen Überblick über die kirchlichen Statistiken vermitteln. Ich werde mich daher jeweils auf die Kriegsjahre beschränken müssen, für welche Zahlenmaterial überliefert sind. Bei dem hier benutzten Zahlenmaterial handelt es sich daher überwiegend um die Ergebnisse der Volkszählungen 1946 und 1950.

Die Situation während der Besatzungszeit hat die Verwaltungsarbeit ebenfalls erschwert. Daher sind auch in diesen ersten Nachkriegsjahren die Daten sehr lückenhaft.[17] Dies ändert sich für die westdeutschen Gliedkirchen, denn ab 1950 sind hier alle Daten aufbereitet und überliefert. Für die Untersuchung der Kirchenmitgliedsentwicklung in der DDR ist die Quellenlage nicht so günstig wie im Bundesgebiet. Für viele große Kirchengebiete fehlen die Zahlen und sie fallen somit statistisch aus. Walter Dielhenn musste dies 1951 bei der Erfassung der Äußerungen bezüglich des kirchlichen Lebens feststellen. Darin schreibt er: „Dagegen waren aus der Deutschen Demokratischen Republik bis heute weder Bevölkerungs- noch Konfessionszahlen zu erlangen […].“[18] Daher wurde angemerkt, dass nicht länger Angaben für das gesamte deutsche Gebiet gemacht werden können.[19] Dennoch sind genügend Zahlen bereitgestellt, so dass eine fundierte Analyse möglich ist. Besonders die sächsische Landeskirche hat annähernd alle Daten überliefert und stellt somit für diese Arbeit die schwerpunktmäßig analysierte Landeskirche dar. Daneben wird natürlich auch auf die übrigen Landeskirchen geblickt, um Unterschiede in den Tendenzen herauszufiltern und Gemeinsamkeiten zu verdeutlichen.

Eine weitere Ursache für das unvollständige Zahlenmaterial liegt in der rechtlichen Grundlage des Kirchenaustritts. Seit 1873 ist es nicht mehr nötig, dass Austrittswillige dieses Vorhaben einem Kirchenvertreter mitteilen müssen. Dies hat zur Folge, dass die staatlichen Behörden die Kirchen über die Austrittszahlen informieren müssen.[20] Besonders schwierig ist daher die genaue Darstellung der Kirchenmitgliederzahlen für das Gebiet der DDR, da der Staat diese Pflicht nicht mehr wahrnahm. Nur zwei Volkszählungen (1950 und 1964) erfassten hier die Kirchenzugehörigkeit. Die übrigen Daten sind durch die Kirchen selbst ermittelt worden und teilweise lückenhaft und unzuverlässig. Dennoch muss ich mich im Folgenden aus Ermangelung harter Zahlen mit diesen begnügen, die Statistiken selbst müssen dabei jedoch immer auch vor diesem Hintergrund betrachtet werden.[21]

Auch Detlef Pollack beschreibt die ungünstige Situation der Statistiken. Ich orientiere mich an dessen sorgfältige Aufstellung, welche jedoch erhebliche Lücken aufweist. Der Autor hat die mühevolle – jedoch nötige und nützliche – Arbeit auf sich genommen und alle Zahlen zusammengetragen, welche für die einzelnen Landeskirchen in der DDR überliefert sind.[22] Wie bereits erwähnt, sind die Zahlen allein für Sachsen annähernd lückenlos. Für die Landeskirchen von Berlin-Brandenburg, der Kirchenprovinz Sachsen und Greifswald ist die Überlieferungslage dagegen beinahe katastrophal zu nennen.

Des Weiteren ziehe ich die Daten aus den Kirchlichen Jahrbüchern hinzu, in welchen noch Angaben über die Kirchenmitglieder in der sowjetischen Besatzungszone enthalten sind. Dies betrifft jedoch nur die ersten Jahrgänge und auch hier weisen die Statistiken große Lücken auf, besonders was die Zahlen aus der Kirchenprovinz Sachsen und bis 1964 auch die Landeskirche Mecklenburg betrifft. Einige Ungenauigkeiten müssen bei der Erarbeitung dieser Thematik demnach in Betracht gezogen und hingenommen werden. Daher ist ein Umgang mit den Zahlen auch nur vorsichtig möglich. Tendenzen lassen sich auch aus diesen Zahlen dennoch ableiten. Ich werde mich an Pollack orientieren und jeweils nur die Zahlen ausgewählter Landeskirchen betrachten.

Da die Bevölkerungszahlen selbst auch schwanken, sagen die Mitgliederzahlen allein noch nichts über den prozentualen Anteil der protestantischen Bevölkerung aus. Ich werde über diese Zahlen hinaus zudem die jeweiligen Werte der Gesamtbevölkerung als Vergleichsbasis verwenden, um somit die Anzahl der Protestanten an dieser zu bestimmen. Hier beziehe ich mich vor allem auf die Zahlenbasis bei Michael Hubert[23], muss jedoch gelegentlich auch die Statistischen Jahrbücher hinzuziehen. Allerdings ist ein Absinken oder Ansteigen von Kirchenmitgliederzahlen allein noch kein Beweis für einen Rückwärtstrend der Kirchenmitglieder. Daher ziehe ich die Ein- und Austrittszahlen hinzu. Sie zeigen die individuellen Entscheidungen bezüglich einer Kirchenzugehörigkeit an. Mir ist es wichtig, diese individuellen Entscheidungen zu beleuchten und in Beziehung zu den Rahmenbedingungen zu setzen, welche sie eventuell beeinflussen. Auch die Taufzahlen werden daher betrachtet, hier liegt die individuelle Entscheidung zwar nicht bei dem Täufling selbst, jedoch bei dessen Eltern. Hierbei werde ich jedoch nur die Anzahl der Kindertaufen berücksichtigen.

Im Folgenden werde ich den aktuellen Forschungsstand betrachten und aufzeigen, wo sich die vorliegende Arbeit darin eingliedert.

2.3 Forschungsstand

Sowohl die breiten öffentlichen Debatten als auch die Forschungsdiskussionen beschäftigen sich seit einigen Jahren intensiver mit dem Problem des Mitgliederrückgangs der beiden christlichen Kirchen Deutschlands.[24] Dabei werden diese Untersuchungen nicht nur auf kirchenhistorische oder systematisch-theologische Problemstellungen gestützt. Hinzu kommen Betrachtungen und Analysen aus demographischen und soziologischen Disziplinen. Der Diplom-Geograph Joachim Eicken hat in Zusammenarbeit mit Dr. Ansgar Schmitz-Veltin die demographischen Perspektiven des Mitgliederrückgangs jüngst erforscht.[25] Angeheizt wurden die Diskussionen in den vergangenen fünf Jahren vor allem durch die Missbrauchsfälle in einigen katholischen Einrichtungen. Daraus entstand eine Vertrauenskrise, infolge welcher die Zahl der Kirchenaustritte erneut stark anstieg. Beide kommen zu dem Schluss, dass die aktuelle Forschung den Aspekt übersieht, dass der kontinuierliche Mitgliederschwund bereits vor fast einem halben Jahrhundert – in den 70er Jahren – eingesetzt hat.[26] Dadurch wäre meines Erachtens die Krise, in welcher sich die beiden deutschen Volkskirchen befinden, nicht auf punktuelle Ereignisse zurückzuführen.[27] Vielmehr bedarf sie einer kritischeren Ursachenprüfung. Die vorliegende Arbeit bezieht sich dabei jedoch nur auf die Kirchenmitgliederzahlen der evangelischen Kirche Deutschlands.

Der Religionssoziologe Detlef Pollack geht hingegen in seinen Untersuchungen nicht allein von dem Verhältnis zwischen Staat und Kirche aus, sondern betrachtet auch andere gesellschaftliche Phänomene, welche die Situation der Kirche beeinflussen.[28] Er stellt fest, dass die „Ausschläge der Kirchenaustrittskurve in enger Verbindung mit sozialen Umbrüchen, polit. Entwicklungen und finanzrechtlichen Entscheidungen“ stehen.[29] Daher werde auch ich in der vorliegenden Arbeit nicht allein politische oder staatliche Rahmenbedingungen anführen, sondern ganz allgemein die externen Bedingungen betrachten, für eine ausführliche Darstellung lohnt sich jedoch der Blick in das Werk Pollacks. Daneben betrachtete er die Formen der Religiosität und vor allem deren Intensität. Auch hier wird West- mit Ostdeutschland verglichen, um Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten offen zu legen. Weiter wird die Frage nach der Säkularisierungstendenz der heutigen Gesellschaft gestellt. Als neuen Denkansatz wählt er dabei die Individualisierungsthese. Diese geht von einer Modernisierung der Gesellschaft in allen Bereichen aus. Dennoch sind darin die Moderne und die Religion miteinander kompatibel. Es erfolgt danach keine Positionsschwächung der Religion, sondern ein Wandel ihrer Gestalt. Die Verknüpfung zwischen Religion und Kirche löst sich langsam auf und Religion ist daher heute an vielen Orten zu finden. Dies geht mit einem Bedeutungsschwund der Kirchen und einem Aufschwung der individuellen Religion einher. Die heutigen Möglichkeiten und Angebote zwingen dementsprechend zu einer kritischen Auswahl innerhalb der Sinndeutungsangebote. Da ich im Zuge dieser Arbeit jedoch keine rein soziologische, sondern eine kirchenhistorische Untersuchung durchführe, muss der Hinweis auf diese Studie Pollacks an dieser Stelle genügen.[30] Bereits 1982 versuchte Wolfgang Büscher ebenfalls eine Untersuchung der Kirchenmitgliedschaft, ihm lagen jedoch nicht so viele Daten vor.[31] Beide Autoren betrachteten verschiedene Datenmengen, etwa das Verhältnis zwischen städtischer und ländlicher Bevölkerung hinsichtlich der Religiosität, innerhalb verschiedener Erwerbsklassen oder zwischen Frauen und Männern. Büscher hingegen betrachtete zudem die katholische Kirche.

Eine interessante Betrachtung, ebenfalls als soziologischer Ansatzpunkt, hat Christof Wolf vorgenommen. Er untersuchte die Konfessionslosigkeit der deutschen Bevölkerung nach Geburtsjahrgängen und Regionen, das heißt Ost- und Westdeutschland getrennt.[32] In meiner Arbeit werde ich auf seine Ergebnisse zurückkommen. Da diese sich jedoch auf die ALLBUS-Daten für den Zeitraum von 1980 bis 2008 beschränken, werden diese Ergebnisse erst ab Kapitel 4.5 Eingang finden. Eine unmittelbare Übertragung auf meine Analyse ist daher nicht möglich. Da Wolf zudem nicht zwischen den beiden christlichen Kirchen unterscheidet können hier nur Tendenzen aufgezeigt werden. Die Untersuchung umfasst in der BRD eine Zeitspanne von 1980 bis 2004, für das ostdeutsche Gebiet stehen ihm erst ab 1991 Zahlen zur Verfügung. Auffällig ist, dass die Konfessionslosigkeit unabhängig von der Region mit dem späteren Geburtsjahr zunimmt. Dennoch liegt der Anteil Konfessionsloser Bürger im Gebiet der DDR deutlich höher als im Westen. In beiden deutschen Staaten liegt der Prozentsatz der Konfessionslosigkeit in der Generation nach 1964 zeitweise unter dem der Generation von 1946-1964. In Westdeutschland erreichte die Konfessionslosigkeit jedoch nie 20%. In den drei ältesten Geburtsjahrgängen nahm die Konfessionslosigkeit nach 1996 kurzzeitig wieder ab. Inwieweit dies mit den Sterbefällen zusammenhängt ist nicht ersichtlich.[33] Wolf fasst seine Ergebnis prägnant zusammen: „Je jünger, desto größer die Entfremdung zu den Kirchen.“[34] Eine ähnliche Untersuchung führte Daniel Lois 2011 ebenfalls durch und kam zu entsprechenden Ergebnissen, er zieht jedoch noch ausdifferenzierte Dimensionen hinzu, etwa Kohorten- und Sozialisationseffekte, vor allem aber Alters- und Lebenszykluseffekte. Daneben werden Prozesse des gesellschaftlichen Wandels als ursächlich beschrieben. Vor allem Lois machte auf das Problem des Sozialisationseffektes aufmerksam.[35] Dieser stellt die spannende Frage: „Existiert neben negativen Kohorten- und Periodeneffekten ein positiver Alterseffekt, der dem altersübergreifenden Säkularisierungstrend entgegenläuft?“[36] und kann diese Frage dann zusammenfassend positiv beantworten. Im Rahmen dieser Arbeit können dessen Ergebnisse jedoch nur bedingt berücksichtigt werden.[37]

Die Forschung beschäftigt sich aus gegebenem Anlass mit Fragen, welche sich um den Mitgliederschwund bewegen. Auch die neuere Religionsforschung widmet sich auf vielen Ebenen diesem Problem. Staatlich, institutionell, gesellschaftlich, soziologisch, historisch, politisch, im interreligiösen Kontext – um nur ein Bruchstück möglicher Aspekte zu nennen. Das Spektrum zu fassen ist an dieser Stelle daher schlicht unmöglich und kann nur punktuell aufgezeigt und keinesfalls als komplett verstanden werden.[38]

Insgesamt lassen sich in der Forschung zwei Positionen für die Ursachen des Entkirchlichungsprozesses in Deutschland und vor allem in der DDR herausfiltern. Die eine Seite wird unter anderem durch Horst Dähn vertreten, dieser geht von einer doppelten Kausalität aus. Zum Einen seien die staatlichen Repressionen ausschlaggebend gewesen zum Anderen musste die Kirche sich auch mit den Modernisierungstendenzen vor allem im kulturellen Sektor arrangieren, welche eine Individualisierung und Kirchenflucht zur Folge hatte.[39] Ich untersuche in der vorliegenden Arbeit vor allem die These Erhart Neuberts, welcher insbesondere von der systematischen Religionsbekämpfung seitens der Regierung in der DDR ausgeht.[40] Dennoch blicke ich auch in den Westen des geteilten Deutschlands, den Einflüssen staatlicher Einwirkungen auf die Kirche hier und die sich daraus ergebenden Kirchenmitgliederzahlen um somit eine Vergleichsbasis zu erhalten. Pollack argumentiert gegen diese These, da auch in Phasen der politischen Entspannung zwischen Staat und Kirche die Mitgliederzahlen weiter abfielen und im Gegenzug zum Ende der DDR, als die Kirche sich auch staatskritisch äußerte, wieder zunahmen. Auch der Säkularisationsthese welche die Modernisierung ls ursächlich betrachtet, widerspricht er, da in Ländern, in welchen die Industrialisierung viel weiter vorangeschritten war, die Mitgliederzahlen höher als in Deutschland liegen, so beispielsweise in den USA, wo ein hoher Industrialisierungs- und Modernisierungsgrad ebenso wie eine hohe Religionsbindung vorliegt.[41] Daneben erörtert Pollack auch eine Form von Spiralwirkung der Kirchenmitgliederzahlen durch die „Minorisierung der Kirchen“, so

„verringern sich in der Regel die Möglichkeiten der Tradierung christlicher Glaubensvorstellungen und Formen. Je kleiner die Kirchen werden, desto mehr hört Kirchenmitgliedschaft auf, eine gesellschaftlich abgesicherte Selbstverständlichkeit zu sein, und desto mehr wird die Mitgliedschaft in einer Kirche zu einem Gegenstand der bewußten persönlichen Entscheidung.“[42]

Aus diesem Grund werde ich in der folgenden Arbeit auch die Taufzahlen berücksichtigen, weil hierbei das Interesse der Eltern deutlich wird, ihre Kinder in der christlichen Tradition zu erziehen und zu Kirchenmitgliedern zu machen. Auch ein Blick auf die Bestattungsraten würde einen Hinweis auf den dadurch beeinflussten Rückgang der Kirchenmitgliederzahlen aufzeigen, doch kommt es mir auf die „freiwilligen“ Austritte an, welche in den Austrittszahlen festgehalten sind.

Ich werde in der vorliegenden Arbeit vor allem den historischen Kontext mit hinzuziehen, da dieser eine prägende Auswirkung auf die Rahmenbedingungen und somit auf die Kirchenmitgliedschaftsentwicklung hat.

3. Kirche in Deutschland vor 1940

Um die Tendenz der Kirchenmitgliederzahlen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts richtig deuten zu können, ist ein Blick in die Kirchenpolitik zu Beginn dieses Jahrhunderts nötig. Diese Zeit markiert eine entscheidende Zäsur in der Kirchenpolitik Deutschlands.

Doch der vorangehend angedeutete Entkirchlichungsprozess innerhalb der evangelischen Bevölkerung entwickelte sich keineswegs spontan und unvermittelt. Bereits im 18. Jahrhundert wurden derartige Tendenzen offensichtlich. Zwei Faktoren spielten hierbei eine entscheidende Rolle. Zum Einen entstand in der Bevölkerung eine wachsende Entfremdung von der Kirche, welche sich in einer Distanz zwischen Christen und Kirche äußerte. Zum Anderen erfreuten sich atheistische Positionen immer größerer Begeisterung und erhielten regen Zulauf.[43]

Wehler zeigt ein etwas anderes Bild der Kirchenmitgliedsentwicklung zur Zeit der Weimarer Republik auf. Er beschreibt ebenfalls die Säkularisierungstendenzen des späten 18. Jahrhunderts, doch schätzt er die Ausmaße geringer ein, weil diese teilweise stagnierten. „Von den nominell 40 Millionen Protestanten, die weiterhin zwei Drittel der Bevölkerung stellten, nahmen noch rund elf Millionen regelmäßig am Abendmahlsritus teil.“[44] Mehr als ein Viertel der Protestanten nahmen demnach an der kirchlichen Praxis teil, doch immerhin auch drei Viertel nicht, dies verdeutlicht den weiter oben beschriebenen Unterschied zwischen der Kirchenmitgliedschaft und der Teilnahme an christlicher Lebenspraxis.

Die Ursachen dieser Entwicklung bis zu dem untersuchten Zeitraum können an dieser Stelle keine umfängliche Erörterung erfahren, doch sollen sie kurz dargestellt werden.

Hier spielen politische Entwicklungen eine Rolle. Die breite Arbeiterschaft stand den antiliberalen und fortschrittsfeindlichen Neigungen der Kirche negativ gegenüber und entfremdete sich daher immer weiter von dieser. Auch soziale und ökonomische Prozesse verstärkten diesen Prozess. Die Kirche konnte auf die brennenden Fragen, welche aus der fortschreitenden Industrialisierung und der daraus resultierenden Verelendung der Menschen hervorgingen, keine Antworten geben. Die Bevölkerung sah sich daher durch die Institution Kirche im Stich gelassen. Die sich weiter vollziehende Aufklärung und infolgedessen neue Erkenntnisse in Philosophie und Theologie erschütterten zudem den Glauben in die überlieferten Glaubensgrundlagen der biblischen Schriften. Hinzu kamen neue naturwissenschaftliche Erkenntnisse, an dieser Stelle ist vor allem Charles Darwins Evolutionstheorie herauszuheben, welche neue Begründungen zur Schöpfungstheologie verlangten.[45] Diese Konstellationen führten zu einem Bedeutungsverlust der Kirche und einem beginnenden Mitgliederrückgang, wenngleich dieser wohl noch gering gewesen sein dürfte. Doch zu Beginn des 20. Jahrhunderts lief dieser Prozess weiter und wurde durch politische und gesetzliche Regelungen noch verstärkt.

Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg sah sich der Protestantismus in Deutschland in einer ungewissen Lage. Die Trennung zwischen Staat und Kirche, die im Erfurter Programm der SPD aus dem Jahre 1891 als ein wichtiges Ziel festgelegt wurde, stand unmittelbar bevor und die Bevölkerung verlangte nach einer demokratisierten „Volkskirche“. Anders als die katholische Kirche besaß der Protestantismus keine eigene politische Partei und war auf die rechtskonservative DNVP angewiesen. Darüber hinaus tat sich die Evangelische Kirche schwer mit dem neuen demokratisch-republikanischen Wertesystem.[46] Das Zusammenspiel dieser Faktoren lähmte die Kirchen vor allem gegenüber der sich entwickelnden Krisen und politischen sowie gesellschaftlichen Veränderungen. Auch von politischer Seite wurde den evangelischen Kirchen das Bestehen innerhalb der Gesellschaft erschwert. Adolf Hoffman, ein atheistischer Radikaler der linken USPD, welcher für sechs Wochen das Amt des Kultusministers innehatte, plante zahlreiche Sanktionen gegen den Protestantismus und die Kirchen im Allgemeinen. Staat und Kirche sollten voneinander getrennt und Staatszuschüsse eingestellt werden, ein Kirchenaustritt sollte rechtlich erleichtert und der christliche Charakter der Schulen – einschließlich des Religionsunterrichts – untersagt werden. Doch die Protestanten wollten diese Sanktionen nicht hinnehmen und es kam zu einer Tiefenmobilisierung unter ihnen. Mit einer Petition, welche von sieben Millionen Menschen unterschrieben wurde, wandten diese sich an die Nationalversammlung und sicherten somit ihren Bestand. Hier wurden alle Forderungen erfüllt und in die Weimarer Reichsverfassung aufgenommen.[47]

Die Weimarer Verfassung von 1919 bestimmte in Art. 137: „Es besteht keine Staatskirche.“ Erweitert durch Art. 124 [1] galten die Kirchen zudem auch lediglich als „Religionsgesellschaften“ und unterlagen folglich dem Vereinsrecht. Die Art. 135-141 fassten daneben jedoch auch Sonderregelungen unter dem Abschnitt „Religion und Religionsgesellschaft“ zusammen, welche die übrigen Regelungen abmilderten, wenngleich die Kirche dennoch das landesherrliche Kirchenregiment verlor. Unter anderem beinhaltete die Verfassung die Zusagen, die Religionsgesellschaften als Körperschaften des öffentlichen Rechts anzuerkennen (Art. 137 [5]), die Freiheit der Selbstverwaltung der Kirchen zu gewähren (Art. 137 [3]), die Glaubens- und Gewissensfreiheit und das Recht zur ungestörten Religionsausübung, auch in Heer, in Krankenhäusern, in Gefängnissen und in sonstigen öffentlichen Anstalten (Art. 135; 137; 140; 141). Die strikte Trennung von Religionszugehörigkeit und der Wahrnehmung bürgerlicher und staatsbürgerlicher Rechte sowie der Zulassung zu öffentlichen Ämtern (Art. 136) verhinderte zudem eine Herabsetzung und Diskriminierung der Bürger auf Grund der eigenen Religionszugehörigkeit. Die Trennung zwischen Staat und Kirche wurde an dieser Stelle zwar vollzogen, „doch blieb die Kirche eine unabhängige, staatlich subventionierte Körperschaft des öffentlichen Rechts mit der Garantie des Kirchensteuereinkommens: Das Recht zum Einzug der Kirchensteuer (Art. 137 [6]) ebenso wie das Recht auf Eigentum (Art. 138) sicherten weiterhin die finanzielle Lage der Kirchen auch ohne staatliche Unterstützungen. Der Schutz des Sonntags und der staatlich anerkannten Feiertage (Art. 139) gewährte eine ungehinderte Religionsausübung. Zu bemerken ist ferner auch, dass gemäß Art. 149 der schulische Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach an allen Schulen (eine Ausnahme bildeten die bekenntnisfreien (weltlichen) Schulen) „in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der betreffenden Religionsgesellschaft“ unter staatlicher Aufsicht eingeführt wurde. Ferner blieben die theologischen Fakultäten an den Hochschulen erhalten. Außerdem blieben die Leistungen von staatlicher Seite an die Kirchen weiterhin bestehen, sofern die Voraussetzungen per Gesetz, Vertrag oder besondere Rechtstitel hierfür bestehen blieben (Art. 138,173).[48]

Die evangelischen Landeskirchen versuchten mit dieser neuen Situation zunächst wie gewohnt umzugehen indem sie mit dem Staat Übereinkommen treffen wollten. Wehler stellt die Situation der Kirche pointiert dar:

„Aufs Ganze gesehen, blieb der Protestantismus nationalsozialistisch – mit einer fatalen Neigung sogar zum Radikalnationalsozialismus – und weithin antirepublikanisch gesinnt, anfällig für die autoritäre Lösung politischer Probleme, schließlich auffallend hilflos gegenüber dem Nationalsozialismus.“[49]

Außerdem sorgten die Landeskirchenverträge dafür, dass die Kirchen sich in zunehmender Weise von den politischen Mächten abhängig machten. Im weiteren Verlauf führte dies zu einer beinahe hilflos zu nennenden Haltung gegenüber dem nationalsozialistischen Gewaltstaat. Echter Widerstand war somit undurchführbar geworden. Den erstarkten „Deutschen Christen“, welche in Engagement und Anpassung gegenüber der NS-Regierung wirkten, konnte von dieser Seite nichts entgegengesetzt werden, weil der Mut, die organisatorischen Möglichkeiten und die Bevölkerung als Rückhalt fehlten. Teilnahmen an Attentats- und Umsturzplänen sowie öffentliche Abwehrstellungen bildeten die wenigen Ausnahmen.[50]

Seit 1884 ermitteln die Landeskirchen die Austrittszahlen jährlich, sahen jedoch bis in das erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts hinein keinen Grund zur Besorgnis. Bis 1906 betrugen die Austrittszahlen in der Regel unter 4.000. Doch Plötzlich stieg diese Zahl auf durchschnittlich 17.400 an. In der Zeit des Ersten Weltkriegs sank die Zahl wieder auf unter 4.000 ab. Doch seit 1919 wuchsen die Austrittsraten dahingegen wieder auf durchschnittlich 195.000 an. Den Höchstwert markierte das Jahr 1921 mit 260.000 Austritten, der niedrigste Stand wurde 1924 mit 85.000 Austritten verzeichnet. Zu Beginn der 30er Jahre waren die Mitgliederzahlen hingegen wieder niedriger und die Eintrittszahlen schossen in die Höhe. Dies ist unter anderem der (zunächst) kirchenfreundlichen Politik der NS-Regierung geschuldet. So kehrten sich diese Zahlen bereits 1937 wieder um.[51]

Die Zeit des Nationalsozialismus war geprägt durch eine weitestgehende Gleichschaltung aller relevanten Institutionen Deutschlands. Die evangelischen Landeskirchen wollten sich zu dieser Zeit zu einer Nationalkirche zusammenschließen. Dieser Versuch wurde durch die Nationalsozialisten jedoch bei der Wahl zur ersten Nationalsynode untergraben.[52]

Es zeigte sich in den oben genannten Ausführungen, dass der Trend der Entkirchlichung und Säkularisierung bereits seit über einem Jahrhundert fortschreitet.

4. Die Kirchenmitgliedschaftsentwicklung des Protestantismus in Deutschland 1940-1990

Bezüglich der oben beschriebenen Vorgeschichte der Kirchenmitgliedschaftsentwicklung hält Pollack zusammenfassend fest, dass diese durch

„[…] Prozesse der inneren Erosion durch die Aufklärung im 18. Jahrhundert, durch Sozialismus, Freidenkertum, Sozialdarwinismus und Liberalismus im 19. Jahrhundert sowie durch Distanzierungsprozesse innerhalb der Arbeiterschaft und der Höhergebildeten langfristig vorbereitet waren.“[53]

Im Folgenden soll nun untersucht werden, wie die Kirchenmitgliedszahl der evangelischen Kirche in Deutschland sich in den darauf folgenden Jahren von 1940 bis 1990 entwickelt hat.

4.1 Nationalsozialismus und Kriegsjahre: 1940-1945

Da zahlreiche Ereignisse aus den späten 30er Jahren auch auf die Situation während der Kriegszeit einwirkten, werden auch Begebenheiten vor den 1940er Jahren im Folgenden betrachtet.[54]

Deutschland war ein durch das Christentum geprägtes Land, welches jedoch keine Einheit darstellte sondern sowohl konfessionell als auch regional zergliedert war. Adolf Hitler konnte 1933 in dem von wirtschaftlichen und sozialen Krisen erschütterten Deutschland die Mehrheit im Reichstag erringen (die sogenannte „Machtergreifung“). Später führte er das Land als Diktator in den Faschismus. Neben der deutlich antisemitischen Tendenz der neuen Politik kamen später auch antichristliche Absichten zum Tragen. Der germanisch-heidnische Ursprung Deutschlands wurde romantisiert und idealisiert. Es war geplant, dass dieser Germanenkult später einmal das Christentum ersetzen sollte. Der daraus resultierende „Kirchenkampf“[55], welcher beide christlichen Kirchen gleichermaßen betraf, erreichte enorme Ausmaße und drängte das Christentum in Deutschland zurück.[56]

Eine wichtige Zäsur stellte zudem die Proklamation des „totalen Kriegs“ im Februar 1943 dar. Dies bedeutete eine totale Mobilisierung sämtlicher personeller und materieller Ressourcen. Die Wehrpflicht wurde ausgeweitet und alle Produktionen waren nun auf den Krieg ausgerichtet.[57]

Am 08. Mai 1945 wurde der Zweite Weltkrieg schließlich mit dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in Berlin für verloren erklärt. Damit endete vorläufig auch die Unterdrückung der Kirchen in Deutschland.

4.1.1 Externe Rahmenbedingungen

Die Regierung unter Hitler gab sich zunächst betont kirchenfreundlich um die gewaltige Wählerschaft der Christen für sich zu gewinnen und dann nicht zu enttäuschen. Dennoch verfolgte er eine Doppelstrategie. Hitlers Vorgehen lässt sich in kurzen Worten zusammenfassen:

„Hitler folgte damit seiner Strategie, die radikalen religionspolitischen Ziele eines Teils der NSDAP der machtpolitischen Festigung seiner Diktatur unterzuordnen und deren repressive Verwirklichung den verschiedenen kirchenfeindlichen Akteuren seiner Partei zu überlassen.“[58]

Die kirchenfeindlichen Maßnahmen wurden von anderen Personen und Institutionen durchgeführt, um den eigenen Ruf nicht zu beflecken. So konnte die kirchenfreundliche Maske der NSDAP vorerst noch aufrechterhalten werden.

Die rechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen dieser Zeit waren durch das Gleichschaltungsprinzip der Nationalsozialisten geprägt. Die neue „Deutsche Evangelische Reichskirche“ entsprach einem Zusammenschluss aller Landeskirchen und wurde durch die Nationalsozialisten unterstützt. Sie verlangte nach einer Führungsperson in Form eines „Reichsbischofs“. Der Kultusminister Bernhard Rust, welcher auch für das Staatskirchenrecht zuständig war, setzte an dieser Stelle nicht den durch die Kirche bestimmten Reichsbischof, sondern den Staatskommissar August Jäger ein. Dies glich einer offenen Auseinandersetzung, welche erst durch das Einschreiten Hindenburgs zugunsten der Kirche beendet werden konnte.[59]

1933 wurde Ludwig Müller zum Reichsbischof bestimmt und stand somit der Reichskirche vor, dessen Beraterstab mit einer Ausnahme nur Parteigenossen angehörten. Müller plädierte für den Arierparagraphen innerhalb der Kirchen, wollte sämtliche jüdischen Elemente aus der Bibel entfernt sehen und das Führerprinzip sollte auch in den Kirchen eingeführt werden. Eines seiner Ziele war die Bildung einer Reichskirche. Die Barmer Synode lehnte diese, durch den Staat gelenkte Kirchenpolitik ab und kritisierte das Gleichschaltungsprinzip innerhalb ihrer Mauern.[60] Bereits 1934 waren, trotz aller antijüdischen Maßnahmen und Privilegien der nationalsozialistischen Regierung gegenüber, sowohl die Deutschen Christen, als auch Reichsbischof Müller faktisch gescheitert und fielen in die Bedeutungslosigkeit. Die Regierung war an der Reichskirche nicht länger interessiert und setzte stattdessen auf eine komplette „Entkonfessionalisierung des öffentlichen Lebens“. Nun wurden die kirchenfeindlichen Positionen der Regierung deutlich. Das „Reichsministerium für kirchliche Angelegenheiten“ unter Hanns Kerrl wurde 1935 eingerichtet und ein „Reichskirchenausschuss“, in welchem nationalsozialistische Theologen saßen, sollte vermittelnd wirken. Es bildete sich auf Seiten der Opposition sofort der „Luther-Rat“ als Pendant zum Reichskirchenausschuss. Die Folge war, dass für den Protestantismus vier Leitungsorgane nebeneinander existierten: DEK, Reichsbischof, Reichskirchenausschuss und „Luther-Rat“.[61] Kerrl hatte versucht, die Kirchen in den Nationalsozialismus einzubinden, scheiterte aber schließlich.[62]

Erst 1939 beruhigte sich die innerkirchliche Situation. Hitler wollte Frieden an der „Heimatfront“ und gab daher den Befehl jegliche anti-kirchlichen Handlungen einzustellen. Nach dem Krieg müsse diese Frage dann „endgültig“ geklärt werden. Die Situation im Reichsgau Wartheland zeigte jedoch schon eine denkbare Zukunft der Kirchen in Deutschland auf. Hier wurden Kirchen lediglich als „religiöse Vereine“ mit volljähriger Mitgliedschaft betrachtet. Wehler sieht gleichzeitig die Tendenz, dass die Nationalsozialisten nach dem Endsieg ihre „Religion“ des Nationalsozialismus kirchenähnlich institutionalisieren wollten. Wäre dies geschehen, wäre das Christentum seiner Meinung nach unwiderruflich vernichtet worden. 1941 starb Kerrl und das Reichskirchenministerium verlor mit seinem Kopf auch seinen Zusammenhalt. Stattdessen wurde ein „Geistlicher Vertrauensrat“ gegründet, welcher Mitglieder aller Kirchenparteien vereinte. Als sich das Attentat vom 20. Juli 1944 ereignete, telegrafierte dieser sogleich seine Treueversicherung an Hitler und ordneten Gebete für diesen an. Von den Kanzeln der evangelischen Teilkirchen wurde vom Kriegsdienst als patriotische Pflicht gepredigt.[63] Doch die Nationalsozialisten hatten sich bereits seit 1937 gegen eine Versöhnung zwischen dem NS-Staat und der Evangelischen Kirche entschieden. SS und Partei setzten seitdem alles daran, die Trennung zwischen Staat und Kirche abzuschließen und der Kirche alle gesellschaftlichen Wirkungsmöglichkeiten zu berauben. Letztendlich sollte auch das Christentum zerstört werden.[64] Doch während des Krieges wurde, wie schon im Ersten Weltkrieg, dennoch von der Infrastruktur der Kirchen Gebrauch gemacht. Krankenhäuser wurden benutzt und eine seelsorgerische Betreuung der Truppen ermöglicht.[65] Im Herbst 1943 predigte die evangelischen Kirchen jedoch das in der Bibel verankerte Mordverbot der Christen, was ihr erneut den Unmut der Obrigkeit einbrachte.

Die Einflussnahme der evangelischen Kirche ist während der Zeit des Nationalsozialismus auf den Bereich innerhalb der Kirchenmauern zurückgedrängt worden. Traditionell war der Protestantismus immer eine Konfession, welche sich größtenteils auch außerhalb seiner Mauern abspielte. Durch die Situation vor 1945 erfuhr der Protestantismus daher eine soziologische Umformung.[66] Bereits jetzt sind Spuren einer Unterdrückung der volkskirchlichen Strukturen zu erkennen.

Insgesamt zeigte sich also, dass Kösters mit seiner Einschätzung durchaus recht hatte. Trotz der Treuebekundungen der Kirche waren mindestens seit 1941 alle Bemühungen der NS-Regierung darauf ausgerichtet, das Christentum in Deutschland zurückzudrängen und später sogar vollkommen zu vernichten.[67]

4.1.2 Interne Rahmenbedingungen

Während der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg war der Protestantismus die dominierende Konfession in Deutschland. Die 28 Landeskirchen waren selbstständig organisiert. Zusammengehalten wurden sie vor allem durch deren Treue zum preußisch-protestantischen Obrigkeitsstaat. Diese Einheit der evangelischen Kirchen zerbrach unter dem Druck der Weimarer Republik. Schließlich wurde auf der ersten Nationalsynode 1933 Ludwig Müller – ein Vertrauter Hitlers – zum „Reichsbischof“ der „evangelischen Reichskirche“ gewählt. Bereits im Jahre 1927 wurde durch rechtsnationale Theologen der Verein der „Deutschen Christen“ (DC) gegründet. Durch die antisemitische Einstellung der „Deutsche Christen“ plädierten diese für eine Einführung des Arierparagraphen auch in den Landeskirchen. Die Protestanten stimmten zumindest den Ambitionen der Nationalsozialisten zu. Die Ursachen hierfür sind vielgestaltig. Es hatte für sie den Anschein, als würde Deutschland nach der demokratischen Zeit der Weimarer Republik nun wieder ein christlicher Obrigkeitsstaat werden. Die traditionsliebende evangelische Kirche lehnte den vorherrschenden Liberalismus und die Demokratie ab und wollte zu den sicheren und geordneten Verhältnissen vor der Weimarer Republik zurückkehren. Hitler selbst gestatte den evangelischen Kirchen zunächst Schutz und zahlreiche Zugeständnisse. „Erfolgreich stilisierte er sich zum „homo religiosus“ im höchsten Staatsamt.“[68]

Über die antisemitischen und menschenrechtsverletzenden Handlungen der Nationalsozialisten schwieg die Kirche sich überwiegend aus. Der sogenannte Nationalprotestantismus wollte hauptsächlich den vorherrschenden Säkularisierungs- und Entkirchlichungstendenzen entgegenwirken. Dies sollte mit Hilfe der Nationalsozialisten geschehen, welche die „volkskirchliche Erneuerung“ vorantrieben.

Innerkirchliche Ursachen liegen auch in der politischen Ausrichtung der Geistlichen. Diese waren zu 80% nationalsozialistisch eingestellt. Der Weg zu DNVP war dementsprechend kurz.[69] Greschat stellt diese Tendenzen und Beweggründe der evangelischen Kirchen zusammengefasst dar:

„‘Ordnung‘ implizierte Führung und Gefolgschaft, klar herausgehobene Autoritäten – und nicht zuletzt einen starken Staat. Unverkennbar handelt es sich hier also um ein entschieden konservatives und weithin vordemokratisches Wertesyndrom, das man von „links“ – faktisch unter Einschluß der Sozialdemokratie – bedroht sah und für dessen Behauptung und Verteidigung dieselben kirchlichen Kreise erneut auf „rechts“ setzten.“[70]

Kirchliche Vorstellungen über die Säkularisierung der Gesellschaft waren eng mit politischen Werten verknüpft. Die konservativen Vorstellungen der evangelischen Kirchen deckten sich daher mit den nationalsozialistischen Ideen. Diese These wird durch die Wahlergebnisse weitestgehend bestätigt. Vergleicht man die Gebiete, in welchen eine überwiegend protestantische Bevölkerung lebt mit den Gebieten, in welchen die NSDAP gewählt wurde, so deckt sich dies beinahe vollkommen. Auch Kösters stellt fest, „dass sich das katholische Wahlvolk im Vergleich zum protestantischen gegenüber der NSDAP misstrauisch zurückhielt.“[71]

Auf der Seite des Widerstandes gründete jedoch der Pastor Martin Niemöller 1933 den Pfarrernotbund, um die durch den Arierparagraphen ihres Amtes enthobenen Pfarrer und Kirchenmitglieder aufzufangen. In diesem schlossen sich, gedrängt durch die weiter unten beschriebenen Maßnahmen von Reichsbischof Müller, bald etwa ein Drittel der deutschen Pfarrer zusammen.[72]

Das Zerwürfnis der evangelischen Kirche in Deutschland erfuhr seine größte Entfaltung, als der „Arierparagraph“ auch für Kirchenämter gültig wurde. Hier stellte sich nun die Frage nach dem wahren evangelischen Bekenntnis. Die Barmer Bekenntnissynode stellte sich in ihrer Erklärung von 1934 der ideologischen Verfälschung theologischer und biblischer Inhalte durch die Nationalsozialisten entgegen und betonte die uneingeschränkte Gültigkeit des Evangeliums. Zugleich stellte dies das Gründungsmoment der „Bekennenden Kirche“ (BK) dar, diese wurde so als ein Gegengewicht zu den Deutschen Christen geschaffen. Sie war es, welche sich gegen die Deutschen Christen erhob und gegen diese ankämpfte. Der Protestantismus stand am Rande seines Niedergangs. Zu den externen Faktoren kamen innerkirchliche Konflikte hinzu. „Die Mehrheitskirche bot ein Bild heilloser Zerrissenheit.“[73] Wehler beschreibt die Situation durch die Worte „schismatische Abspaltung“.[74] Wenngleich alle nun entstandenen Fraktionen – mit Ausnahme der Deutschen Christen – im Hinblick auf die Ablehnung einer „Säuberung“ des Christentums von jüdischen Wurzeln übereinstimmten, so lagen die Differenzen doch tiefer.[75]

Bis 1945 wurden zahlreiche Theologen verhaftet und in Konzentrationslager geführt. Die wohl bekanntesten unter ihnen sind Niemöller, welcher 1937 verhaftet wurde und bis 1945 in unterschiedlichen KZ verblieb, und Dietrich Bonhoeffer, welcher 1945 im KZ Flossenbürg starb.

Die Zeit des Nationalsozialismus hatte eine enorme Wirkung auf den Protestantismus. Durch diesen war die evangelische Kirche jahrelang zum einen überwältigt zum anderen eingeschränkt. Dies führte letztendlich dazu, dass der Protestantismus sich größtenteils dem Nationalsozialismus unterordnete und diesem breitwillig folgte und ihn bejahte. Greschat macht demgegenüber deutlich, dass trotz dieser Selbstdarstellungen der politischen Führungsgestalten, die Realität anders aussah:

„Ließ sich doch mit guten Gründen immer wieder beweisen, daß mächtige politische Kräfte – anderslautenden Zusagen und Versicherungen zum Trotz – nicht die Bemühungen um eine „Rechristianisierung“ der Gesellschaft gefördert hatten, sondern die gegenläufigen Tendenzen, die die „Säkularisierung“ vorantrieben.“[76]

Dies kann als eine Zusammenfassung der Handlungen der Regierung gegenüber dem Christentum und der Kirche betrachtet werden. Durch die vorangegangenen Ausführungen wird diese These bestätigt.

4.1.3 Mitgliederzahlen

Während des Krieges ereigneten sich starke Veränderungen in den Gemeinden. Durch Flucht und Vertreibung verwischten die Grenzen der angestammten Konfessionsmilieus zusehends. Kösters betont, „auch wenn das religiös-kirchliche Leben nicht substanziell gefährdet war, schmolz es im nationalsozialistischen Kriegsalltag auf kleine kirchenverbundene, nun überwiegend ältere Gläubige umfassende Kerngemeinden zusammen.“[77] Er hält zudem fest, dass sich die protestantische Bevölkerung durch die Situation der Kirche im Nationalsozialismus von dieser distanziert hatte. Die Folge war, dass die innere Kirchenbindung bei vielen Mitgliedern zurückging.[78] Was heißt das nun für die Mitgliederzahlen? Diese wurden während der NS-Zeit nicht erhoben, es lässt sich daher wenig über deren genaue Entwicklung sagen. Für die Betrachtung der Kirchenmitgliedschaftsentwicklung müssen daher die Werte von 1940 als repräsentative Basis für die gesamte Kriegszeit verwendet werden. Folglich muss bewusst bleiben, dass sich diese Zahl trotzdessen innerhalb der ersten Hälfte der 40er Jahre änderte. Es können aus Gründen der Quellenlage jedoch leider keine zeitnahen Vergleichswerte hinzugezogen werden. Ich gehe in Bezug auf die Literatur und die Quellen dennoch von einem Absinken der Mitgliederzahlen aus. Dies ist nicht zuletzt den personellen Kriegsverlusten aber auch den wieder ansteigenden Kirchenaustritten geschuldet.

Bezüglich der kirchlichen Lebensäußerungen lässt sich Folgendes festhalten: Zu Beginn der 40er Jahre betrug die Kirchenmitgliederzahl für die evangelischen Kirchen 41.184.648. Dies entspricht bei einer Gesamtbevölkerung von 67.980.989 Menschen einem Anteil an Protestanten von ca. 60,6%.[79] Weit über die Hälfte der Bevölkerung zählte somit zumindest formal zum Protestantismus. Aus den weiter unten genannten Gründen gehe ich auch hier von einem Absinken dieses Anteils aus. Belegen lässt sich dies jedoch nicht.

Tabelle 1: Kircheneintritte und –austritte 1940-1945[80]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Jahr der Machtergreifung 1933 stiegen die Eintrittszahlen auf 467.837 an. Dagegen verließen nur 83.207 Mitglieder die Kirche. Im darauf folgenden Jahr ging dann die Eintrittszahl wieder zurück, doch die Austrittszahl sank ebenfalls noch einmal ab.[81]

Die Ein- und Austrittszahlen sind im untersuchten Zeitraum nur für die Jahre 1940, 1944 und 1945 überliefert. Zu Beginn des untersuchten Zeitraums standen bereits 21.482 Eintritte in die evangelischen Landeskirchen 397.009 Austritten gegenüber. Die Austrittszahl war somit 18mal so hoch wie die Zahl der Aufnahmen in die evangelischen Landeskirchen. Dies entspricht allein in diesem Jahr einem Mitgliederverlust von 375.617 Personen. Die Fluktuationsrate, also die Zahl der Austritte im Verhältnis zu der Gesamtzahl der Protestanten im Deutschen Reich, betrug somit 1,0%. Für die letzten beiden Kriegsjahre können keine Fluktuationsraten ermittelt werden, da keine entsprechenden Kirchenmitgliederzahlen angegeben sind. Dennoch lassen sich Tendenzen erkennen. Im Jahr 1944 war die Zahl der Austritte auf nur 6% des Standes von 1945 gesunken. Sie war aber dennoch doppelt so hoch wie die Anzahl der Aufnahmen. Doch bereits ein Jahr später hat sich dieses Verhältnis umgekehrt. Nun kamen 47.000 Ein- auf 10.000 Austritte. Die Eintrittsrate war dementsprechend mehr als doppelt so hoch wie noch 1940. Die Austrittsrate ist in diesen 5 Jahren hingegen auf den beachtlichen Wert von 2,5% verglichen zu dem Wert von 1940 gesunken.

[...]


[1] Unter dem Begriff der „Volkskirche“ verstehe ich hier und im Folgenden stets eine oder mehrere Kirchen, die das gesamte Volk einschließen. Jeder Staatsbürger ist Mitglied einer dieser Institutionen. Die Gesellschaft setzt dabei die Kirche und deren Existenz als prägend voraus. Die Kirche erhält zudem einige Privilegien, die ihre Funktionen sichern sollen. Vgl. Henkys, Reinhard: Volkskirche im Übergang. In: Ders. (Hrsg.): Die evangelischen Kirchen in der DDR. Beiträge zu einer Bestandsaufnahme. München 1982, S. 437f.

[2] Unter dem Begriff der „Kirche“ verstehe ich hier und im Folgenden stets die Evangelische Kirche in Deutschland (den Protestantsimus im Allgemeinen), sofern dies nicht anders beschrieben wird.

[3] Zur Begriffsbestimmung vgl. weiter unten.

[4] Vgl. Scheuner, Ulrich: Art. Kirche und Staat. In: Kurt Galling (Hrsg.): RGG Band 3: H-Kon, (3., völlig neu bearbeitete Auflage). Tübingen 1959, S.1327. Anmerkungen durch den Verfasser.

[5] Vgl. Ebd.

[6] Ebd.

[7] Das heißt ich werde mich auf diese Ereignisse konzentrieren, welche vornehmlich eine hohe öffentliche Resonanz erfahren haben.

[8] Zieger, Paul: Art. Kirchenaustrittsbewegung in Deutschland. In: Kurt Galling (Hrsg.): RGG Band 3: H-Kon, (3., völlig neu bearbeitete Auflage). Tübingen 1959, S. 1347.

[9] Vgl. Ebd.

[10] Feige, Andreas: Kirchenaustritte. Eine soziologische Untersuchung von Ursachen und Bedingungen am Beispiel der Ev. Kirche Berlin. Berlin 1976, S. 218.

[11] Engelhardt, Klaus/ von Loewenich, Hermann/ Steinacker, Peter: Fremde Heimat Kirche. Die dritte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft. Gütersloh 1997, S. 309f.

[12] Hans Engelmann macht darauf aufmerksam, dass eine einzelne Person auch häufiger an verschiedenen Lebensstationen in die Kirche ein- und später auch wieder aus ihr austreten kann. Er bezeichnet diese Form der Kirchenbindung in Anlehnung an Herbert Reich als „konfessionelle Freizügigkeit“. Dieser Faktor fließt jedoch gemeinsam mit den Ein- bzw. Austrittszahlen in die Statistik ein, sodass ich hier lediglich auf diese Tatsache hinweisen möchte. Vgl. Ders.: Kircheneintritte und Austritte in den Jahren 1950-1956. In: KJb 85, 1958, S. 414f. (Hier und im Folgenden werden Artikel aus den KJb im Literaturverzeichnis unter KJb geführt.)

[13] Vgl. Wolf, Christof: Keine Anzeichen für ein Wiedererstarken der Religion. Analysen zum Wandel von Konfessionszugehörigkeit und Kirchenbindung. In: Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland, Textarchiv TA-2007-7, o.O. 2007. Unter http://fowid.de/fileadmin/textarchiv/Wolf_Christof /Keine_Anzeichen_fuer_Wiedererstarken_Religion_TA2007_4.pdf (zuletzt Aufgerufen am 14.10.2014), S. 1. Hierin beschreibt der Autor die Ergebnisse verschiedener Untersuchungen über die Religiosität in Deutschland und Europa. „Diese kommen übereinstimmend zu dem Befund einer religiösen Säkularisierung, in deren Verlauf religiöse Vorstellungen ihre Prägekraft für das Leben der Menschen verlieren.“ Ebd.

[14] Lois, Daniel: Kirchenmitgliedschaft und Kirchgangshäufigkeit im Zeitverlauf. Eine Trendanalyse unter Berücksichtigung von Ost-West-Unterschieden. In: Comparative Population Studies – Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft (Jg. 36, 1 (2011), S. 128-160, S. 128.

[15] Der Begriff der Patchwork-Religion beschreibt das Phänomen, sich aus dem vorliegenden Angebot von Religion und Lebensdeutungen die individuell passenden und geeigneten Elemente herauszufiltern und diese zu einer eigenen Religion zusammenzustellen. Vgl.: Hendrich, Geert: Religiosität und Sinnsuche in modernen Gesellschaften. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (63. Jg. 24/2013), S. 22f. Zu der Religionsausübung vgl. z.B.: Wolf: 2007.

[16] Vgl. Zieger: 1959, S. 1346.

[17] Vgl. Eberhard, Ernst: Die kirchlichen Lebensäußerungen 1946-1948. In: KJb 79, 1952, S. 456. (Artikel aus den KJb werden hier und im Folgenden im Literaturverzeichnis unter KJb geführt.)

[18] Dielhenn, Walter: Kirchliche Statistik. In: KJb 78, 1951, S. 386.

[19] Vgl. Ebd., S. 405.

[20] Vgl. Zieger: 1959, S.1344.

[21] Besonders gut beschreibt Pollack dieses Problem. Vgl. Pollack, Detlef: Kirche in der Organisationsgesellschaft. Zum Wandel der gesellschaftlichen Lage der evangelischen Kirchen in der DDR. Stuttgart 1994, S. 378f.

[22] Vgl. Ebd., dort Anm. 11.

[23] Hubert, Michael: Deutschland im Wandel. Geschichte der deutschen Bevölkerung seit 1815. (Vierteljahresschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte; Beihefte; Nr. 146) Stuttgart 1998.

[24] [24] Karl Gabriel fasst zusammen, dass die Religionsforschung für Westeuropa einen zunehmenden Rückgang der kirchlich institutionalisierten Religion prognostiziert. Vgl. Ders.: Säkularisierung und Religiosität im 20. Jahrhundert. In: Andreas Rödder, Wolfgang Elz (Hrsg.): Alte Werte – Neue Werte. Schlaglichter des Wertewandels. Göttingen 2008, S. 97. Des Weiteren stellt er fest, dass die Bindung an die Kirche sinkt: „Trotz ihrer weiter dominierenden Stellung besitzt sie kein Monopol mehr auf Religion.“ Ebd., S. 99.2. Abgrenzung des Themas

[25] Vgl. Eicken, Joachim/ Dr. Schmitz-Veltin, Ansgar: Die Entwicklung der Kirchenmitglieder in Deutschland. Statistische Anmerkungen zu Umfang und Ursachen des Mitgliederrückgangs in den beiden christlichen Volkskirchen. In: Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Wirtschaft und Statistik 6/2010, S. 576-589.

[26] Vgl. Ebd., S. 576. Wenngleich sich die beiden Autoren hierbei wohl auf die Bundesrepublik beziehen welche um diese Zeit von einer großen Austrittswelle erfasst wurde, so setzte ich selbst den Beginn dieser Entwicklung viel früher an. Ebenso Lois, welcher den Startzeitraum zwischen West- und Ostdeutschland unterscheidet: “Somit setzt sich, altersübergreifend und unabhängig von einzelnen Geburtsjahrgängen, ein Säkularisierungstrend fort, der in den 1950er Jahren in Ostdeutschland bzw. den 1960er Jahren in Westdeutschland begonnen hat“ Lois: 2011, S. 154. Diese Aussage wird im folgenden zu prüfen sein. Der Begriff einer „Kirchenaustrittsbewegung“ fernab von einzelnen persönlichen Einzelentscheidungen geht auf den Beginn dieser Tendenzen seit dem 20. Jhd., vor allem ab 1904 zurück. Vgl. Reich, Herbert: Die Aus und Übertrittsbewegung 1884-1949. In: KJb 78, 1951, S. 365, 467.

[27] Ähnliches ist bei Herbert Reich zu bemerken, welcher die Aus- und Übertrittsbewegung 1884-1949 untersuchte und dabei ebenfalls zu dem Ergebnis einer tendenziellen Abwärtsbewegung gelangte, auch wenn diese durch einige sprunghafte Anstiege unterbrochen wurde. Vgl. Reich: 1951, S. 364f.

[28] Vgl. Pollack: 1994; vgl. auch Pollack, Detlef: Art. Kirchenaustritt. I. Historisch und soziologisch. In: Hans Dieter Betz u.a (Hrsg.): RGG Band 4: I - K, (4., völlig neu bearbeitete Auflage). Tübingen 2001, S.1053-1056. Klaus Birkelbach betrachtet die Einführung der Kirchensteuer in der Bundesrepublik um somit auf Mikroebene, also unabhängig von den Rahmenbedingungen, die Ursachen für den Mitgliederschwund in der BRD zu untersuchen. In: Ders.: Die Entscheidung zum Kirchenaustritt zwischen Kirchenbindung und Kirchensteuer. Eine Verlaufsdatenanalyse in einer Kohorte ehemaliger Gymnasiasten bis zum 42. Lebensjahr. Unter: http://www.klaus-birkelbach.de/Veroffentlichungen/kir chenaustritte.pdf (zuletzt Aufgerufen am 24.10.2014), o.O. 2001.

[29] Pollack: 2001, S. 1053.

[30] Pollack, Detlef: Rückkehr des Religiösen? Studien zum religiösen Wandel in Deutschland und Europa II. Tübingen 2009; Ders.: Säkularisierung – ein moderner Mythos? Studien zum religiösen Wandel in Deutschland. Tübingen 2003. Die Individualisierungsthese geht dabei eng mit der neuen Religionsform der Patchworkreligion einher. Vgl. Anm. 15.

[31] Vgl. Büscher, Wolfgang: Unterwegs zur Minderheit. Eine Auswertung konfessions-statistischer Daten. In: Reinhard Henkys (Hrsg.): Die evangelischen Kirchen in der DDR. Beiträge zu einer Bestandsaufnahme. München 1982, S. 422-436.

[32] Vgl. Wolf: 2007.

[33] Vgl. Ebd., S. 2f.

[34] Ebd., S. 3. Daneben ist auch ein Alterseffekt zu beobachten: „mitzunehmendem [sic!] Alter steigt in diesen Gruppen die ohnehin schon höhere Neigung zum Kirchenaustritt an.“ Ebd.

[35] Dies ist nachzulesen bei Lois: 2011, S. 128-160.

[36] Ebd., S. 129.

[37] Vgl. Ebd., S. 154ff.

[38]. Auf die Situation der Kirche im ehemaligen Osten direkt nach der Wiedervereinigung geht Pollack genauer ein. Vgl. Pollack, Detlef: Der Wandel der religiös-kirchlichen Lage in Ostdeutschland nach 1989. Ein Überblick. In: Ders./ Gert Pickel (Hrsg.): Religiöser und Kirchlicher Wandel in Ostdeutschland 1989-1999. (Veröffentlichungen der Sektion Religionssoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie Bd. 3) Opladen 2000, S. 18-47.

[39] Vgl. Dähn, Horst: Der Weg der Evangelischen Kirche in der DDR. Betrachtungen einer schwierigen Gratwanderung. In: Ders. (Hrsg.): Die Rolle der Kirchen in der DDR. Eine erste Bilanz. München 1993, S. 7-20; Ders.: Die Kirchen. In: Oskar Niedermayer (Hrsg.): Intermediäre Strukturen in Ostdeutschland. Opladen 1996, S. 465-483.

[40] Vgl. Neubert, Ehrhart: Konfessionslose in Ostdeutschland. Folgen einer verinnerlichten Unterdrückung. In PTh 87 (1998), S. 368-379. Ebenso argumentiert Büscher: 1982, S. 423.

[41] Vgl. Pollack: 1994, S. 373ff; so auch in Pollack: 2003, S. 96f. Auch Birkelbach betont, meines Erachtens korrekt: „Natürlich ist ein Spannungsverhältnis zwischen religiöser und säkularer Weltsicht entstanden, aber dadurch wird nichts darüber ausgesagt, warum einige Menschen dieses Spannungsverhältnis zu Ungunsten der Religion lösen, andere aber nicht.“ Ders.: 2001, S. 1.

[42] Pollack: 1994, S. 375.

[43] Vgl. Reich: 1951, S. 364f.

[44] Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1914-1949. Bonn 2009 (Schriftenreihe, Bd. 776), S. 435.

[45] Vgl. Wehler: 2009, S. 435f.

[46] Vgl. Ebd., S. 436ff. An dieser Stelle nennt Wehler noch weitere Probleme, welchen sich der Protestantismus in Deutschland gegenüber sah.

[47] Vgl. Ebd., S. 438f.

[48] Die Verfassung des Deutschen Reichs ["Weimarer Reichsverfassung"] vom 11. August 1919. Der Wortlaut findet sich unter: http://www.documentarchiv.de/wr/wrv.html (letzter Zugriff am 13.11.2014).

[49] Wehler: 2009, S. 435.

[50] Vgl. Ebd., S. 442ff.

[51] Vgl. Zieger: 1959, S. 1344ff.

[52] Vgl. Ebd.

[53] Pollack, Detlef: Der Protestantismus in Deutschland in den 1960er und 70er Jahren: Forschungsprogrammatische Überlegungen. In: Forschungsstelle für Kirchliche Zeitgeschichte/ Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Kirchliche Zeitgeschichte: Mitteilungen. (Nr. 24) München 2006, S. 105.

[54] Die hier und im Folgenden beschriebenen historischen Darstellungen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die Auswahl orientiert sich an Entwicklungen, die mir für die gewählten Beobachtungszeiträume als besonders relevant erscheinen. Dabei habe ich vordergründig das Wirken der Kirche einbezogen, welches besondere Räsonanz in der Öffentlichkeit hervorbrachte. Vollständige Überblicke, auch bezüglich der theologischen Entwicklungen, finden sich in der diesbezüglichen Literatur.

[55] Zur Verwendung des Begriffs „Kirchenkampf“ gibt Wehler zu bedenken: „Lange Zeit galt das Schlagwort vom ‚Kirchenkampf‘ als die Signatur des Verhältnisses beider Amtskirchen zum etablierten Nationalsozialismus. Diese militante Metapher umgab sie mit der Gloriole des aufrechten Widerstands gegen die Anmaßungen der Diktatur. Doch längst hat sich der vermeintlich zutreffende Epochenbegriff für die Haltung der Kirchen im „Dritten Reich“ als untauglich erwiesen. Ders.: 2009, S. 795.

[56] Vgl. unter anderem: Helbok, Alfred: Volk und Staat der Germanen. In: Historische Zeitschrift 154 (1936), S. 229-240; Losemann, Volker: Die ‚Kulturhöhe‘ der Germanen. Spuren der NS-Germanenideologie. In: Stephan Berke (Hrsg.): 2000 Jahre Varusschlacht-Mythos. Stuttgart 2009, S. 234-242. Vgl. auch Wehler: 2009, S. 795; Kösters, Christoph: Christliche Kirchen und nationalsozialistische Diktatur. In: Dietmar Süß, Winfried Süß (Hrsg.): Das „Dritte Reich“. Eine Einführung. München 2008, S. 121.

[57] Imbusch, Peter: Moderne und Gewalt. Zivilisationstheoretische Perspektiven auf das 20. Jahrhundert. Wiesbaden 2005, S. 526ff.

[58] Kösters: 2008, S. 124.

[59] Vgl. Wehler: 2009, S. 800f.

[60] Vgl. Ebd., S. 803f; vgl. auch Kösters: 2008, S. 124f.

[61] Vgl. Wehler: 2009, S. 806.

[62] Vgl. Kösters: 2008, S. 129.

[63] Vgl. Wehler: 2009, S. 807f.

[64] Vgl. Kösters: 2008, S. 129.

[65] Vgl. Ebd., S. 131.

[66] Vgl. Nowak, Kurt: Christentum in politischer Verantwortung. Zum Protestantismus in der Sowjetische Besatzungszone (1945-1949). In: Jochen-Christoff Kaiser, Anselm Doering-Manteuffel (Hrsg.): Christentum und politische Verantwortung. Kirchen im Nachkriegsdeutschland. (Konfession und Gesellschaft, Bd. 2) Stuttgart/ Berlin/ Köln 1990, S. 43f.

[67] Vgl. Kösters: 2008, S. 129.

[68] Wehler: 2009, S. 798.

[69] Vgl. Wehler: 2009, S. 797ff; vgl. auch: Kösters: 2008, S. 121.

[70] Greschat, Martin: „Rechristianisierung“ und „Säkularisierung“. Anmerkungen zu einem europäischen konfessionellen Interpretationsmodell. In: Jochen-Christoff Kaiser, Anselm Doering-Manteuffel (Hrsg.): Christentum und politische Verantwortung. Kirchen im Nachkriegsdeutschland. (Konfession und Gesellschaft, Bd. 2) Stuttgart/ Berlin/ Köln 1990 , S. 13.

[71] Kösters: 2008, S. 123. Vgl. hierzu auch die Abbildungen zu den „Konfessionsverhältnissen in den Wahlkreisen des Deutschen Reiches 1932“ und die „Parteimehrheiten in den Wahlbezirken des Deutschen Reiches, Juli 1932“. In: Bruckmüller, Ernst (Hrsg.): Putzger Historischer Weltatlas. Berlin 2001, S. 160.

[72] Vgl. Wehler: 2009, S. 803f.

[73] Ebd. 2009, S. 796; 804. Übersichtlich Dargestellt ist die Opposition von BK und DC bei Wehler. Vgl. Ders: 2009, S. 804ff.

[74] Vgl. Wehler: 2009, S. 804; vgl. auch Kösters: 2008, S. 124ff.

[75] Vgl. Kösters: 2008, S. 127.

[76] Greschat: 1990, S. 12.

[77] Kösters: 2008, S. 132.

[78] Vgl. Kösters: 2008, S. 132.

[79] Vgl. KJb 77, 1950, S. 436.

[80] Quellen: KJb 77, 1950, S. 462f; KJb 78, 1951, S. 382.

[81] Vgl. KJb 77, 1950, S. 462f.

Ende der Leseprobe aus 154 Seiten

Details

Titel
Kirchenmitgliedschaftsentwicklung des Protestantismus in Deutschland 1940-1990
Untertitel
Die Mitgliederzahl der evangelischen Kirche
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Ev. Theologie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
154
Katalognummer
V340019
ISBN (eBook)
9783668333949
ISBN (Buch)
9783960950301
Dateigröße
1032 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kirche, Kirchenmitgliedschaft, Protestantismus, Deutschland, evangelische Theologie, Gemeinde, Säkularismus, Kirchenaustritt, Religion, Christentum
Arbeit zitieren
Manuela Klagge (Autor), 2014, Kirchenmitgliedschaftsentwicklung des Protestantismus in Deutschland 1940-1990, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340019

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