Ein wesentlicher Aspekt der Tragödie ist nach Johann Christoph Gottsched die Erweckung von Affekten. Hierbei stehen die Affekte Verwunderung, Schrecken und Mitleid im Vordergrund, welche auch den Ausgang der vorliegenden Untersuchung bilden. Nach Heide Hollmer zeigt sich Gottscheds Anliegen, die theoretischen Vorgaben der „Critischen Dichtkunst“ durch Textbeispiele zu illustrieren, in seiner Tragödie des „Sterbenden Cato“ vorbildlich (vgl. Hollmer 1994).
Aus diesem Grund wird in dieser Arbeit von der Annahme ausgegangen, dass die von Gottsched genannten Affekte sich auch in der im Jahre 1732 erschienen Ausgabe des „Sterbenden Cato“, anhand der dargestellten dramatischen Figuren, finden lassen müssten. Das als „Mustertragödie“ (Krause 2001) der Frühaufklärung deklarierte Trauerspiel steht nach Frank Krause sogar neben Johann Elias Schlegels „Canut“ exemplarisch für den Anstoß der deutschen Aufklärung. Dabei stellt das Drama Gottscheds jedoch eher ein Übergangsphänomen dar, indem das nach der Poetik von Aristoteles aufgebaute Werk die „barocke Dramaturgie und die aufklärerische Absicht“ miteinander zu vereinigen versucht (vgl. Krause 2001).
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1 Die Ausgangssituation
2.2 Die Affekte
2.2.1 Affektenlehre von der barocken Musiktheorie zu Wolff und Thomasius
2.2.2 Gottscheds „Affektenlehre“ und die „Gemütsforschung“
2.2.3 Verwunderung/Bewunderung Cato
2.2.4 Schrecken Pharnaces
2.2.5 Mitleid und Traurigkeit Arsene/Porcia
3. Schlussbetrachtung
4. Literaturverzeichnis
Primärliteratur:
Sekundärliteratur:
Lexika
Internet-Quellen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwieweit die von Johann Christoph Gottsched postulierten Affekte – insbesondere Verwunderung, Schrecken und Mitleid – in seinem Trauerspiel „Der sterbende Cato“ (1732) durch die dramatischen Figuren operationalisiert und für den Zuschauer erfahrbar gemacht werden. Im Fokus steht dabei die Frage, wie diese Affekte zur Vermittlung moralischer Lehrinhalte in einer Übergangsphase zwischen barocker Dramaturgie und aufklärerischer Absicht beitragen.
- Die theoretischen Grundlagen der Affektenlehre im Kontext des 18. Jahrhunderts.
- Die Funktion der Tragödie als Instrument zur Normen- und Wertevermittlung.
- Die spezifische Analyse der Affekt-Figuren-Zuordnung anhand von Cato, Pharnaces und Arsene/Porcia.
- Die Rolle der „Verstellungslehre“ und des stoischen Heldentums bei Gottsched.
Auszug aus dem Buch
2.2.4 Schrecken Pharnaces
Der Schrecken (bzw. die Furcht) stellt das Pendant zum Mitleid dar. Obwohl Gottsched selbst in der Critsichen Dichtkunst die Affekte Furcht, Schrecken und Mitleiden als spezielle tragische Affekte ausweist und sie nebeneinander stellt, sind Schrecken und Furcht als identischer Affekt zu klassifizieren (vgl. Schulz 1988, 66). So wie das Mitleid für den Leidenden bestimmt ist, gebührt der Schrecken der abscheulichsten und schrecklichsten Figur der Tragödie, die in unserem Fall Pharnakes besetzt. Dadurch, dass Pharnaces seine Affekte selbst nicht kontrollieren (bspw. „Raserey“) (I.2, v. 122) kann, löst diese Person beim Zuschauer Schrecken hervor. Er wird als „hinterlistig“ (v. 97) und „Meuchelmörder“(I.2, v. 96), „Bösewicht mit steten Lastern“ (I.2, v. 104, 102) bereits am Anfang vorgestellt.
Pharnaces heuchelt Tugendhaftigkeit (I.5, v. 309f.) und handelt affektorientiert, die „Wuth [lenkt ihn] zur Rache (I.5, v. 313) und er denkt bereits an die von Gottsched verachtete und aus Komödien bekannte „Hochzeitslust“ (I. 5, v. 314). Doch Cato verweigert dies direkt, als ob er auch für die Regelhaftigkeit des Dramas protestiert: „Daran ist nicht zu denken!“(I. 5, v. 315). Pharnaces ist alles andere als ein Stoiker. Er wechselt seine Handlungsweise immer in Betracht auf seinen eigenen Vorteil für dessen er sich gerne verstellt, und auch entgegen seines eigenen Geschlechts handelt (I. 7, v. 361-382). Droht eine Gefahr oder ein Nachteil, so ist er nicht nur bereit die Seiten zu wechseln, sondern auch geneigt zu fliehen (I. 5, v. 335).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung etabliert die zentrale Fragestellung, wie die durch Gottsched geforderten Affekte in seinem „Sterbenden Cato“ dramatisch umgesetzt werden und stellt den historischen Kontext des Trauerspiels dar.
2. Hauptteil: Der Hauptteil analysiert die Ausgangssituation des Theaters im 17. Jahrhundert, expliziert die theoretischen Wurzeln der Affekten- und Verstellungslehre und untersucht detailliert die Zuordnung der Affekte zu den zentralen Figuren Cato, Pharnaces und Arsene/Porcia.
3. Schlussbetrachtung: Die Schlussbetrachtung resümiert die Ergebnisse der Analyse, bestätigt die Existenz der untersuchten Affekte und reflektiert deren Funktion sowie die spätere Kritik an Gottscheds Reglementierungen im Zuge der Entwicklung zum bürgerlichen Trauerspiel.
Schlüsselwörter
Johann Christoph Gottsched, Der sterbende Cato, Affektenlehre, Aufklärung, Tragödie, Verwunderung, Schrecken, Mitleid, Verstellungslehre, Stoa, Dramaturgie, Tugend, Katharsis, Frühaufklärung, Theaterreform.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die theoretischen Vorgaben Gottscheds zur Affekterregung in der Tragödie und deren praktische Umsetzung in seinem Trauerspiel „Der sterbende Cato“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die barocke und aufklärerische Affekttheorie, die Rolle der Moral in der Literatur sowie die Figurenanalyse unter dem Gesichtspunkt des stoischen Ideals.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist zu klären, ob und wie Gottscheds theoretische Forderungen nach bestimmten Affekten in den dramatischen Figuren des „Sterbenden Cato“ realisiert werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philologische Analyse, indem sie Gottscheds theoretische Schriften (wie die „Critische Dichtkunst“) in direkten Bezug zur Textanalyse des Dramas setzt und aktuelle Forschungspositionen einbezieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung der theatergeschichtlichen Ausgangssituation, die theoretische Herleitung der Affekte und eine detaillierte Zuordnung von Affekten zu den Protagonisten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen Affektenlehre, Gottsched, Tragödie, Stoa, Tugend und das Zusammenspiel von Ratio und Gefühl.
Wie unterscheidet sich Gottscheds Verständnis von „Bewunderung“ von dem Descartes?
Während bei Descartes die Bewunderung primär als intellektuelle Reaktion auf das Neue dient, verknüpft Gottsched sie im Sinne der moralischen Erziehung mit der Tugendhaftigkeit des Helden.
Warum spielt der „Selbstmord“ Catos eine so zentrale Rolle für die Forschung?
Der Selbstmord Catos markiert einen kritischen Punkt, da er zwischen der stoischen Tugendlehre und dem aristotelischen Modell eines „mittleren Helden“, der Fehler begeht, vermitteln muss und somit unterschiedliche Interpretationen ermöglicht.
Welche Bedeutung hat die „Verstellungslehre“ in diesem Drama?
Die Verstellungslehre dient Gottsched dazu, Figuren wie Cato als „Weltweise“ zu charakterisieren, die ihre Handlungen kontrollieren und durch kluge Maskierung die wahren Absichten ihrer Gegenspieler entlarven können.
- Quote paper
- Marie-Christin Burg (Author), 2016, Verwunderung, Schrecken, Mitleid. Affekte in Gottscheds Tragödie "Sterbender Cato", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340030