Die anhaltende Frage nach der eigenen Identität. Die Entwicklung des Deutschlandbildes in Frankreich und der Bundesrepublik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
20 Seiten, Note: 1.7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das geschichtliche Deutschlandbild der Franzosen

3. Der Aufstieg des mächtigen Deutschlands

4. Das Feindbild des Deutschen

5. Wer sind die Deutschen heute? ein verändertes Deutschlandbild

6. Warum sich die Deutschen selbst nicht mögen

7. Schlussteil

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Verhältnis der Nachbarländer Deutschland und Frankreich, das schon immer ein ganz besonderes war. Sie befasst sich mit nationalen Stereotypen und Vorurteilen und ist daher in den Rahmen der interkulturellen Kommunikation einzuordnen. Viele Aspekte, die den Kontext in Kommunikationssituationen ausmachen, sind kulturell bedingt, so kommt es zwischen Individuen, Völker und Nationen leicht zu Fehlinterpretationen und Missverständnissen. Obwohl es sich bei Deutschland und Frankreich auf den ersten Blick um zwei ähnliche Länder handelt, die geographisch nebeneinanderliegen und dem gleichen Kulturkreis angehören, so gibt es doch kulturelle Unterschiede. Man kann von gegenseitigen Vorstellungen und Bildern sprechen, die den einen oder anderen vorausgehen und beeinflussen. Das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich sind durch eine bewegte Geschichte, durch Kriege, durch Auseinandersetzungen aber auch durch Annäherungsversuche und Freundschaft geprägt. Diese Arbeit wird auf das Thema der nationalen Identität eingehen und es werden weitere Schlagwörter wie Nationalstolz und Feinbilder in verschiedenen Zusammenhängen benutzt. Der in der Arbeit verwendete Begriff „Deutschlandbild“ bezieht sich, da es sich um die Untersuchung interkultureller Interaktion handelt, vor allem auf „die Deutschen“, die deutsche Bevölkerung und seine Angehörigen im Einzelnen.

Dazu wird im ersten Teil kurz und ansatzweise auf das geschichtliche Deutschlandbild der Franzosen eingegangen, um die Entstehung und Veränderung der deutschen Identität im Laufe der Jahre nachvollziehen zu können. Das Ziel der Arbeit ist den Identitätswandel zu analysieren und zu beleuchten. Mit Hilfe von sozialen Konstruktionen wird dieser Wandel des Nationalgefühls in Deutschland definiert und annäherungsweise erläutert. Hoch interessant ist es auch darzulegen auf welche Art und Weise die dunkle Vergangenheit der Deutschen auf die persönliche Identität abgefärbt hat und ob es sich um einen Generationswechsel handelt.

In dieser Arbeit wird ansatzweise auf Jean-Louis de la Vaissières Werk „Qui sont les Allemands?[1]“ eingegangen, der sich mit der grundsätzlichen Problematik der deutschen Identität beschäftigt. Völker Schlöndorff beginnt das Buch mit dem Satz „Les Allemands sont obsédés par l’idée d’identité“, auf die ich im Laufe der Arbeit näher eingehen möchte, wie folgt:

,,Das ist so ein spezielles Problem der Deutschen: Sie meinen immer, nein sie erwarten sogar, dass man böse über sie schreibt. ,Der hässliche Deutsche` dieses Klischee ist meiner Meinung nach in Deutschland tiefer verankert als in Frankreich, wo es angeblich herkommt! In anderen Ländern ist das nicht so.“[2]

Es werden viele Parallele mit Jean-Louis Vaissières Werk gezogen und auf folgende Fragestellungen werden ebenfalls eingegangen. Wie kann eine Identität von vergangenen Geschehnissen ausnahmslos abhängen und wie können diese eine Nation völlig stigmatisieren?

Folgende Überlegungen können einem durch den Kopf gehen; wie Identität und Gemeinschaft entstehen und wie diese Verankerung von Ideen sich im Laufe der Zeit wandeln kann. Wie wurden die Deutschen nach dem Nationalsozialismus wahrgenommen und wie werde diese heutzutage, nachdem Sie als Retter Europas ernannt wurden, betrachtet? Wie schnell kann ein beschädigtes Deutschlandbild schlagartig positiv werden?

Laut der französischen Zeitschrift Le Point sagt der Korrespondent, „dass es so ein spezielles Problem bei den Deutschen ist […] Sie erwarten immer, dass man böse über sie schreibt. Die Deutschen sind von dem Bild verfolgt, dass man sich im Ausland lustig über sie macht. Dennoch leiden sie darunter, so ungeliebt zu sein. Helmut Kohl, Fatalist, hat dahingehend resigniert und gesagt: „Mit uns muss man leben, wie man mit der Wettervorhersage leben muss.»[3]

2. Das geschichtliche Deutschlandbild der Franzosen

Frankreich erlitt ein Schock und eine Demütigung mit dem Krieg von 1870/71 und so entstand das deutsche Feindbild. Das weltbekannte Werk von Mme Staël „Über Deutschland“ hat bis heute das Bild der Deutschen in der Welt geprägt. Die Französin Germaine de Staël sprach von „zwei Deutschlands“, zum einen das Deutschland der Dichter und Denker und zum anderen Deutschland als gewalttätig, schwerfällig und langsam. Die Französische Deutschlandbilder teilen sich seit Beginn des 19. Jahrhunderts in zwei gegensätzliche Richtungen. Die durch Mme de Staëls anfangs verbreitete positive Vorstellung eines romantischen Nachbarlandes und dem danach folgenden negativen Bild der preußischen Brutalität formen die Identität der Deutschen. Das romantische Deutschland wird für die grausame Barbarei und Rücksichtlosigkeit des Krieges verantwortlich gemacht und dadurch verschwindet das friedliche Bild Deutschlands. Seit 1848 verfestigt sich diese Vorstellung und die Deutschen werden als aggressive Nation dargestellt, dies vor allem in Verbindung mit dem Bild von Preußen. Später werden diese Feindbilder und Stereotype der Deutschen durch den Sozialsozialismus verstärkt. Dieser Mythos hielt sich und verschob sich nach dem Zweiten Weltkrieg.

Mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 7./8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg und die Existenz des Deutschen Reiches war beendet. Deutschland war weitgehend zerstört, militärisch erobert und von alliierten Truppen besetzt. Es gab keine deutsche staatliche Autorität mehr, die großen Städte lagen in Trümmern. Die Niederlage war vollständig. Der Alltag der Deutschen war von Hoffnungslosigkeit und Erschöpfung geprägt. Niemand hatte Mitleid mit den unterlegenen Deutschen obwohl viele davon selbst fassungslos waren. Der Mai 1945 gilt bei den Deutschen als "Stunde Null". Was hatte sich für das Deutschlandbild alles verändert? Wieso leidet die deutsche Identität heute noch für das Jahr 1945?

All die Konzentrationslager; Ausschwitz, Dachau oder noch Buchenwald machten aus den Deutschen Bestien der Menschenbarbarei. Die Deutschen lebten fortan im Schatten des Auseinanderbrechens. Vieles von dem Leid, das auf der politischen Ebene vorging, war auf die Deutschen zurückgefallen und schädigte ihrem Bild. Die Politik der Nazis, der Krieg und der Zusammenbruch haben die deutsche Gesellschaft von Grund auf verändert. Die Verunsicherung einer Nation, die zusätzlich an der Niederlage im ersten Weltkrieg und unter dem Eindruck einer Instabilität der Weimarer Republik noch intensiviert wurde, brachte die Deutschen dazu an ihrer Identität zu zweifeln.

Noch am 70. Jahrestag der Befreiung des deutschen Konzentrationsund Vernichtungslagers Auschwitz, der seit 1996 als Tag der Opfer des Nationalsozialismus zählt, sagte der Bundespräsident Gauck in einer Gedenkfeier, dassdie deutsche Nation mit ihrer so achtenswerten Kultur zu den ungeheuerlichsten Menschheitsverbrechen fähig war […] Es sei ein Bruch eingewebt in die Textur unserer nationalen Identität, der im Bewusstsein quälend leben bleibt. […][4]

Französische Autoren und Dichter haben nur vage Vorstellungen vom richtigen Deutschland und bilden dadurch Fremdund Selbstbilder, die wiederum ein verzerrtes Gesamtbild Deutschlands zurückgeben. Der Autor Michel Tournier publiziert 1978 inLe Monde„Les Français connaissent mal l’Allemagne de l’Ouest. Que savent-ils de l’Allemagne de l’Est ? » und spielt damit provozierend auf das seines Erachtens in Frankreich vorherrschende Unwissen von Deutschland an.

So bilden sich Klischees in der Entwicklung deutsch-französischer Beziehungen. Diese geprägten stereotypen Bilder, die vor 1989 für Deutschland bestanden, blieben auch nach der Wiedervereinigung bestehen. Durch die Frustration einer Nation, aus Eifersucht und Missgunst können sich Vorurteile bilden, die vorschnelle, negativ konnotierte Verallgemeinerungen sind. In den Köpfen des Fremden oder Gegners existiert automatisch eine komplexe und Vorstellung der Erfahrungen, Kenntnissen, die in ihrer Gesamtheit ein keineswegs objektives Bild darstellen, dass mit der Realität übereinstimmt.

Das Verhältnis der Deutschen zu ihrer Nation war schon immer ein schwieriges. Aber welche Bedeutung hat die nationale Identität heute für die Deutschen?

Auf diese „Entkrampfung“[5]der Deutschen im Umgang ihrer Nationalität wird im Laufe der Hausarbeit näher eingegangen.

3. Der Aufstieg des mächtigen Deutschlands

„Wir können gemeinsam stolz sein auf unser Land, auf das, was wir in unserem Land geschaffen haben, und wir können stolz sein auf die Menschen in unserem Land, die ihr Bestes geben wollen.“[6] (Angela Merkel am 17.3. in einem Brief an 400 CDU-Funktionäre)

Deutschland ist zum größten Teil dank der „mächtigsten Frau der Welt“ oder „Mutti der Nation“[7]Angela Merkel zur europäischen Führungsnation geworden und das wird auch von anderen Ländern anerkannt. Wenn man über die deutsche Bundeskanzlerin ein Wort auslässt, dann über denerstaunlichen Aufstieg Deutschlands[8], mit dem sich Merkel Schritt für Schritt an die Spitze der deutschen und europäischen Politik gearbeitet hat. Hat sie nicht zum positiven Wandel der deutschen Identität beigetragen?

Eine beinah historische Wende, die ein paar Jahre zurückliegt, die aber nicht zu ignorieren ist, ist der Sieg der Deutschen bei der Fußballweltmeisterschaft. Die französische Presse schrieb darüber, dass sieAngst von einem zu großen Deutschland […][9]habe.

Der große Sieg der Nationalmannschaft beim Fußball, bei dem Millionen von Menschen die Deutschlandhymne sangen. Die Deutschen feierten „ihre Mannschaft als Weltmeister der Herzen“. Fünfzig Jahre lang waren die Deutschen geprägt von politischem und wirtschaftlichem Gegenwind, schlechtem Gewissen nach dem Zweiten Weltkrieg und ökonomischer Diskriminierung in Ost und West. Warum identifizieren sich die Deutschen mit ihrer Nationalmannschaft, ihrer Hymne, letztlich ihrer Nation?[10]Im Jahre 2014 haben sie endlich einen Grund gemeinsam ein Gefühl des Nationalstolzes zu entwickeln.

Mehrfach hat Merkel auf dem Parteitag ihr „Wir schaffen das“-Credo wiederholt – sie glaube an die Stärke des Landes […][11]Ist Deutschland inzwischen zu mächtig und dominant geworden und macht sich so unbeliebt?

„Das Problem ist nicht die wiedergewonnene Machtstellung Deutschlands, sondern das Problem ist die Schwäche Frankreich“[12], urteilt der frühere Europa—Staatsminister Bruno Le Maire. Frankreich plädiert dafür, dass es seine wirtschaftliche Stärke wiederfinden muss, um zusammen mit Deutschland bei wichtigen politischen Entscheidungen in Europa Einfluss ausüben zu können. Im Angesicht der Euro-Krise und des Ukraine-Konflikts hat Deutschland die starke Rolle eingenommen, weil man viel vonunserem deutschen Partner[13]erwartet.

Die Pegida Bewegung, die Asylpolitik und das Verhältnis zur muslimischen Minderheit sind Themen, die die deutsche Identität in Frage stellen. Inwiefern wird Deutschland als weltoffen und menschlich betrachtet?

Merkels kämpferische und energische Art gegenüber der Flüchtlingskrise und dem Einsatz der Bundeswehr in Syrien verunsichert die Nachbarländer. Sie stärkt die deutsche Nation und sagt, dasssie gemeinsam dagegen aufgestanden sind und dies ein wichtiges Ziel sei […][14]

Dennoch kreisen all diese Diskussionen um eine immer wiederkehrende zentrale Frage, die ungeklärt geblieben ist: Wie definiert Deutschland seine nationale Identität und auf welchem Fundament steht sie?

[...]


[1]De la Vaissières, Jean-Louis: Qui sont les Allemands? Max Milo, Paris, 2011, 384p.

[2]Lamotte, Isabel, 1999, Das Deutschlandbild im französischen Politmagazin Marianne, München, GRIN Verlag, http://www.hausarbeiten.de/faecher/vorschau/2245.html [zuletzt aufgerufen am 30.03.2016]

[3]Jurth, Alina, 2009, Stereotype und Vorurteile – Eine Untersuchung zum Deutschlandbild schwedischer Studenten, München, GRIN Verlag, http://www.hausarbeiten.de/faecher/vorschau/157861.html [zuletzt aufgerufen am 30.03.2016]

[4]Deutscher Bundestag Online Portal : Gauck, Joachim: Keine deutsche Identität ohne Auschwitz, https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2015/kw05_gedenkstunde/357044

[zuletzt aufgerufen am 30.03.2016]

[5]Buß, Eugen: Pressemitteilung: die nationale Identität der Deutschen. Veröffentlicht am 01.05.2013. [zuletzt aufgerufen am 30.03.2016]

[6](CDU-Chefin Angela Merkel am 17.3. in einem Brief an 400 CDU-Funktionäre)

[7]Siewert, Lillian: Belächelt, respektiert, bewundert: so wird Angela Merkel im Ausland gesehen. Veröffentlich am 26.11.2014. [zuletzt aufgerufen am 30.03.2016]

[8]Siewert, Lillian: Belächelt, respektiert, bewundert: so wird Angela Merkel im Ausland gesehen. Veröffentlich am 26.11.2014. [zuletzt aufgerufen am 30.03.2016]

[9]Wolffsohn Michael: Warum Deutschland Angst macht: Handelsblatt. Veröffentlicht am 14.07.2015 [zuletzt aufgerufen am 30.03.2016]

[10]Buß, Eugen: Pressemitteilung: die nationale Identität der Deutschen. Veröffentlicht am 01.05.2015 [zuletzt aufgerufen am 30.03.2016]

[11]Pfaffenbach Kai: Zur Identität unseres Landes gehört es, Großes zu leisten. Zeit Online, veröffentlicht am 14.12.2015. [zuletzt aufgerufen am 30.03.2016]

[12]Wüpper, Gesche: Trotz Merkel-Bashing – Frankreich liebt Angela, Die Welt. Veröffentlich am 14.12.2014. [zuletzt aufgerufen am 30.03.2016]

[13]Saleh, Raed: Debatte um nationale Identität: Als ich die deutsche Fahne hisste, Frankfurter Allgemeine Politik. Veröffentlicht am 18.02.2015. [zuletzt aufgerufen am 30.03.2016]

[14]Pfaffenbach Kai: Zur Identität unseres Landes gehört es, Großes zu leisten. Zeit Online, veröffentlicht am 14.12.2015. [zuletzt aufgerufen am 30.03.2016]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die anhaltende Frage nach der eigenen Identität. Die Entwicklung des Deutschlandbildes in Frankreich und der Bundesrepublik
Hochschule
Université Paul Verlaine Metz
Veranstaltung
Interkulturalität
Note
1.7
Autor
Jahr
2016
Seiten
20
Katalognummer
V340064
ISBN (eBook)
9783668297104
ISBN (Buch)
9783668297111
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutschlandbild, nationale Identität, Stereotype, Frankreich, Interkulturalität
Arbeit zitieren
Camille Raynaud (Autor), 2016, Die anhaltende Frage nach der eigenen Identität. Die Entwicklung des Deutschlandbildes in Frankreich und der Bundesrepublik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340064

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