Der Fürstenkrieg.Ein Konfessionskrieg im „Konfessionellen Zeitalter“?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
32 Seiten, Note: 1, 0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Der Religionskrieg im Konfessionellen Zeitalter

III. Die Spannungsfelder und Fluchtpunkte des Fürstenkrieges
III. 1. Die Folgen des Schmalkaldischen Krieges unter der Folie des orbis terrarum imperium

III. 2. Die konfessionelle Krise - Das Augsburger Interim
III. 3. Die Teutsche Libertät unter den Bundesplänen und der Spanischen Servitut

IV. Die fürstliche Oppositionsbildung und ihre Kriegsziele
IV. 1. Der Königsberger Bund und die Verhandlungen mit Frankreich
IV. 2. Die Konstituierung des Fürstenbundes im Torgauer Vertrag
IV. 3. Die Allianz mit Frankreich
IV. 4. Die Ausschreibungen im Vorfeld des Fürstenkrieges

V. Der Kriegszug und die Friedensverhandlungen
V. 1. Der Feldzug und die Linzer Verhandlungen
V. 2. Die Friedensverhandlungen von Passau

VI. Fazit

VII. Bibliographie
VII. 1. Primärliteratur
VII. 2. Sekundärliteratur

VIII. Abbildungsverzeichnis

I. Einleitung

ÄVor vierzig Jahren, am selben Ort, am Vorabend des Dreikönigstages, hat mich der Kaiser, mein Großvater, für volljährig erklärt. Dann wurde ich König von Spanien, dann selbst Kaiser - Ich habe die Kaiserkrone gesucht, nicht um über noch mehr Reiche zu gebieten, sondern um für das Wohl Deutschlands und der anderen Reiche zu sorgen, der gesamten Christenheit Frieden und Eintracht zu erhalten und zu schaffen und ihre Kräfte gegen die Türken zu wenden. Ich habe darum viele beschwerliche Reisen machen, viele beschwerliche Kriege führen müssen […] aber niemals mutwillig, sondern stets gegen meinen Willen als Angegriffener […]. Große Hoffnung hatte ich - nur wenige haben sich erfüllt, und nur wenige bleiben mir: und um den Preis welcher Mühen!“1 Dies ließ KARL V. einst in seiner Abdankungserklärung in Brüssel 1555 verlautbaren. In diesen Worten blickt der Kaiser wohl auch nostalgisch auf die Zeiten nach dem Schmalkaldischen Krieg am Zenit seiner Macht zurück, der ein hoffnungsvolles Licht auf seine Herrschaft im Alten Reich warf. Doch mit Beginn des Fürstenaufstandes wurde die Autorität des Monarchen vor dem protestantischen Fürstenstaat und die angestrebte Einheit der Kirche unter dem advocatus ecclesiae erschüttert, mit dessen Hegemonie die religiöse Kluft überwunden werden sollte.

Vor diesem Hintergrund wird in der folgenden Arbeit der Fürstenkrieg auf den zeitgenössischen konfessionellen Antagonismus hin untersucht werden. Ausgehend von der Behandlung des Herrschaftsverständnisses KARLS V. und den direkten Folgen des Schmalkaldischen Krieges, wird zunächst eine Analyse der Ausgangsbedingungen im Reich und der direkten Auslöser der kriegerischen Auseinandersetzungen erfolgen, die in der Beschreibung der Oppositionsbildung und der Kriegsphase mündet. Hierbei ist es von enormer Signifikanz, die vertraglichen Grundlagen und die Kriegswerbungen unter dem religiösen Aspekt näher zu beleuchten, um anhand der Motive der Parteien und der Entwicklung des Konfliktes die Gewichtung der Konfession als Movens auszuloten. Ferner soll auch die Rolle des Kurfürsten MORITZ von Sachsen als ein wesentlicher Akteur des Fürstenaufstandes betrachtet werden, der den Charakter des Krieges nicht minder geprägt hat. Schließlich wird das Arrangement im Passauer Vertrag hinsichtlich seiner religiös-politischen Aspekte diskutiert und ein abschließendes Fazit den Aufstand resümierend deuten. Als Ausgangsbasis für die Behandlung des Fürstenkrieges bezüglich seiner konfessionellen Faktoren folgt zunächst eine einschlägige Definition eines Konfessionskrieges.

II. Der Religionskrieg im Konfessionellen Zeitalter

BRENDLE und SCHINDLING definieren den Religions- bzw. Konfessionskrieg folgendermaßen:

ÄVon ‚Religion‘ in Bezug auf den Krieg wird in den einschlägigen Quellen des 16. und 17. Jahrhunderts immer gesprochen […]. Kriege waren und sind realgeschichtlich immer nur multikausal aus einem Bündel von Ursachen und Anlässen zu erklären. Es muss dabei jeweils die Ebene von Entscheidungsträgern, von aktiv und passiv Betroffenen, von Autoren und Adressaten, von Pro- paganda sowie von Trägern der Kriegs-Memoria unterschieden werden. Der Begriff ‚Religionskrieg‘ kann auf diesen vier Ebenen verwendet werden, wenn konfessionelle bzw. religiöse Gründe für die multiperspektivischen und facettenreichen Wahrnehmungen und Deutungen der Akteuersgruppen eine dominante Rolle spielten.“2

Wendet man diese Begriffsbestimmung auf den Fürstenkrieg an, lassen sich folgende Prä- missen für eine adäquate Untersuchung ableiten: Um den Konflikt einstufen zu können, muss a priori ein Konglomerat von konfessionellen und machpolitischen Faktoren bei Kriegsbeginn vorausgesetzt werden, wobei die konkrete Benennung als Religionskrieg eine Abundanz religiöser Motive evoziert. En Passant ist der Konfessionskrieg folglich prinzipiell politisch definiert, weswegen aus der historischen Entwicklung eine starke Verzahnung von Religion und Macht hervorgeht.3 Dement- sprechend müssen auch die Werbung und die Vertragsprodukte vor dem realhistorischen und individuellen Hintergrund der Akteure untersucht werden, um deren Intentionen differenziert bewerten zu können. Abgesehen von der Kriegs-Memoria wird der Schwerpunkt vor allem auf den Ebenen der Fluchtpunkte, der Entscheidungsträger, der unmittelbar Betroffenen sowie der propa- gandistischen Agitation liegen, um das Verhältnis der religiösen und profanen Kräfte im Kriegs- geschehen zu Beginn und im Verlauf des Konfliktes präzise zu taxieren.

III. Die Spannungsfelder und Fluchtpunkte des Fürstenkrieges

III. 1. Die Folgen des Schmalkaldischen Krieges unter der Folie des orbis terrarum imperium

Mit Blick auf die Akteuersgruppen und die Multikausalität ist der historische Zusammenhang für das Verständnis des Fürstenaufstandes von enormer Signifikanz. Denn als dessen Schlüsselereignis gilt der Schmalkaldische Krieg, in dem die protestantischen Reichsstände 1546/47 eine schmachvolle Niederlage erlitten. KARL V. hingegen ging als Hegemon im Reich hervor und befand sich nach der Schlacht am Mühlberg am Zenit seiner Macht. Dies bildete den Fluchtpunkt für eine Neuordnung im Reich, um die Ä[…] Einigung der Christenheit und [zur] Bekämpfung der Ketzer […]“4 zu realisieren. Diese Entwicklung ist nicht zuletzt auf die Unterstützung des protestantischen Herzogs MORITZ von Sachsen zurückzuführen, dem die Herrschaft über die Fürstbistümer Meißen bzw. Merseburg, kur- sächsische Besitztümer und weitere Ehren wie die Kurwürde als Lorbeeren für seine Dienste zufielen. Bei den neugläubigen Reichsständen hingegen geriet der Kollaborateur als ‚Judas von Meißen‘ in Misskredit, was sich in zahlreichen Flugschriften und Volksliedern niederschlug: ÄMORITZ, du rech- ter Judas, was hast du getan? Du bringst uns die Spanier, die schänden Frau und Mann […]. MORITZ bei allen Menschen hat alle Gunst verlor´n, hat auf sich gehäufet des großen Gottes Zorn.“5 Der nun sächsische Kurfürst avancierte aber mit dem Parteiwechsel zu einem nicht unbedeutenden Macht- faktor unter den Ständen.6

In dieser Phase, so urteilt KOHLER über KARL V., Ä[…] war er arrogant, selbstgefällig und selbstgerecht […]“7, was die ohnehin mediokre Popularität im Reich noch geschmälert hat. Denn selbst nach dem Sieg im Schmalkaldischen Krieg konnte der Monarch nur eine relative Friedensordnung schaffen: So wurde u.a. über die Stadt Magdeburg und die Reichstadt Konstanz aufgrund ihres andauernden Widerstandes die Reichsacht verhängt. Auch Bremen widersetzte sich der Neuordnung weiterhin und der Norden blieb gänzlich unbesiegt.8

Vor allem die geschlagenen protestantischen Stände waren es, die unter der kaiserlichen Hybris litten: So wurde Landgraf Philipp von Hessen trotz des vollzogenen Kniefalls nicht begnadigt und gezwungen, mit ‚geschlagenem Haupt‘ antiker Manier den Monarchen zu begleiten.9 Ebenso war der Kurfürst Johann Friedrich der Ältere der monarchischen Willkür ausgesetzt, die ihn zur Witten- berger Kapitulation vom 19. Mai 1547 zwang, während in einem weiteren Gutachten Vor- und Nachteile seiner Exekution abwogen wurden.10 Die Gefangennahme von Landgraf Philipp hingegen sollte zu einer ambivalenten Dependenz von MORITZ von Sachsen vom Kaiser führen: Denn einerseits wäre mit der Rehabilitation des ehemaligen Kurfürsten, der im Zuge der schmalkaldischen Niederlage die kursächsische Würde und Besitztümer verlor, die eigens erlangte Stellung des Albertiners bedroht. Andererseits bedeutete die weitere Haft einen Affront gegenüber dem Standesbewusstsein von MORITZ von Sachsen, der Cousin und Schwiegersohn des Landgrafen war. Folglich wurde diese Kalamität, in der der Verlust des ständischen Leumunds gegen die Kurwürde abgewogen werden musste, durch den KARL V. politisch instrumentalisiert und die Position des Albertiners nachhaltig geschwächt.11

In diesem süffisanten Habitus gegenüber den Fürsten manifestiert sich exemplarisch die Ideenwelt des Kaisers, die die anhaltende Problematik um das Verhältnis der Confessio Augustana zum katholischen Kaisertum aufrechterhielt und letztlich die politische Polarisierung potenzierte. Sein Telos war das orbis terrarum imperium, welches sich in einer europäischen Suprematie nieder- schlagen sollte.12 In der öffentlichen Propaganda bemühte man sich daher, das traditionelle Kaisertum von Gottes Gnaden zu lancieren und seine Herrschaft auf einer göttlichen Prophetie zu begründen.13 Eine solche hegemoniale Stellung innerhalb der europäischen Ordnung sah demgemäß die Schirm- herrschaft über die katholische Kirche als integralen Bestandteil des kaiserlichen Selbstverständnisses vor. Daraus folgt, dass der Hirt der gesamten Christenheit die Koexistenz der Konfessionen nicht konzedieren konnte, ohne dass die Omnipotenz der Monarchia Universalis als oberstes Herrschafts- prinzip beschnitten worden wäre: ÄStrich man den Advocatus ecclesiae weg, schrumpfte der Kaiser zum Chefkoordinator des mitteleuropäischen Politikbetriebes, war er nicht mehr, sondern in mancher Hinsicht weniger als einer der großen europäischen Erbkönige. Mit der Advokatie über die universale Kirche verlor das Kaisertum seine universale Autorität.“14 Folglich verurteilte KARL V. die Ä[…] ketzerischen opinionen […]“15 Luthers und der protestantischen Stände, deren Einfluss auf allen Ebenen mithilfe von Reichstagsabschieden zurückgedrängt werden sollte, um die Omnipräsenz der katholischen Stände im Reichstag wiederherzustellen. Darin wird evident, dass das Dominium Mundi des Kaisers alle politischen Ressorts erfasste, die zu einer allumfassenden Herrschaftsidee verschmolzen, und deren oberstes Ziel Ä[…] die Bewahrung von Einheit, Friede, Ruhe und Ordnung sowie im kirchlichen Sinne der Kampf gegen Häretiker […]“16 sei. Gegenüber diesem altgläubigen Rechtsstandpunkt ging als Gegenpol der Schmalkaldische Bund hervor, in dem sich nach KARL V. der konfessionelle Antagonismus zwischen dem Vogt der Christenheit sowie der neugläubigen Fürsten offenbarte und der letztlich zum Anlass eines Religionskrieges wurde: ÄDie Gefahr für die Religion ist außerordentlich groß, wenn ihr nicht ohne Aufschub begegnet wird. Sonst könnten sich die oben besprochenen schädlichen Folgen in einer nicht wieder gutzumachenden Weise einstellen, nämlich den Rest des besagten Deutschlands unserer heiligen Religion zu entfremden.“17

In weltlicher Hinsicht evozierte diese Ideologie hingegen die Suppression der Deutzschenn Freyhait der Fürsten, deren Ä[…] Souverän und unmittelbarer Herr, dazu Vogt der ganzen Christenheit […]“18 - so urteilt KARL V. - er selbst sei. Die angestrebte Universalmonarchie erhob also auch den Anspruch der politischen Subordination der katholischen Fürsten. Summa Summarum war aufgrund der institutionellen Verankerung des Reichstages als Gegengewicht zum kaiserlichen Monopol jegliche konstruktive Zusammenarbeit mit den Ständen ausgeschlossen, da entweder deren politische Stellung oder religiöse Freiheit bedroht war. Daher kann man bereits im Vorfeld des drohenden Krieges weite Spannungsfelder in Bezug auf die ungelöste Religionsfrage und das politisch-dynastische Selbstverständnis des Monarchen ausmachen.

III. 2. Die konfessionelle Krise - Das Augsburger Interim

Die unmittelbaren Auslöser des Konfliktes gestalteten sich ebenso multifaktoriell wie die historische Bühne, auf der der Konflikt ausgetragen wurde. So wurde im Augsburger Interim von 1548 im Wesentlichen die kontroverse Konfessionspolitik KARLS V. realisiert: Derselben Doktrin des Worm- ser Edikts folgend, war der Reichstagsabschied - wie bereits zahlreiche Anträge zuvor - darauf ausgerichtet, die Rückkehr der protestantischen Reichstände in die katholische Kirche zu erzwingen. Bisher kapitulierte die Gegenseite aber nicht, wodurch die Verhandlungen im Reichstag in die Sistierung des Wormser Edikts und die normative Anerkennung der Confessio Augustana im Speyerer Abschied von 1544 mündeten.19 Die Interimslösung, komponiert in einem theologischen Gremium mit katholischer Gewichtung und Ausrichtung, setzte diese unilaterale Linie fort.20 Dement- sprechend wurde auf alt- wie neugläubiger Seite Ä[…] diese[r] oktroyierte[n] und einseitig verkün- dete[n] Reichstagsbeschluß […]“21 als erneuter Vorstoß des kaiserlichen Ideologems abgelehnt.

Im protestantischen Lager sind die Gegenstimmen auf den Inhalt des Interims zurückzu- führen: So wurden wesentliche Glaubensätze der lutherischen Lehre verworfen, die bspw. den katho- lischen Festkalender mit Allerheiligen sowie Fronleichnam ablehnte und mit dem Konzept der Heiligenverehrung im Interim nicht konform war. Summa Summarum hätte das Abkommen eine vollständige Wiederherstellung der altgläubigen Kultordnung evoziert.22 Auch Kurfürst MORITZ von Sachsen protestierte gegen das Interim, worin evident wird, dass er in seiner Position als autonomer Machtfaktor gegenüber dem Kaiser auftrat und nun die neugläubigen Stände stärkte.23 Die alt- gläubigen Fürsten andererseits - obwohl der katholische Glaube in seinen Grundfesten erhalten blieb - waren davon überzeugt, dass eine derartige Verordnung Ä[…] ihnen, die doch nie von der Recht- gläubigkeit, nämlich der alten Kirche abgewichen waren, gegenüber den Protestanten den Charakter einer zweiten Schlichtungspartei zuwies, den sie ihrem eigenen Selbstverständnis nach weder annehmen wollten noch konnten.“24 Das Interim etablierte sich folglich nur unter Gewaltexzessen an lutherischen und calvinistischen Predigern in den süddeutschen Städten, die von der kaiserlichen Partei dominiert wurden, und in Württemberg, während die Städte Mittel- und Norddeutschlands fortwährende Renitenz übten.25

III. 3. Die Teutsche Libertät unter den Bundesplänen und der Spanischen Servitut

Im Sinne des orbis terrarum imperium stand die Suprematie in Europa jedoch nicht nur auf einem religiösen Standbein. Eine Neuordnung des Reiches forderte vor allem die weltliche Hegemonie KARLS V., weswegen die Bundespläne des Kaisers von 1547/1548 ebenso für die Entwicklung des Fürstenkrieges signifikant sind. Nach dem Vorbild des Schwäbischen Bundes von 1488, der unter Maximilian I. als Institution im Schwäbischen Krieg und später im bayerischen Erbfolgekrieg instru- mentalisiert wurde, war das Bundesprojekt darauf ausgerichtet, ein Gegengewicht zum Reichstag zu schaffen und ihn pro forma auszuhebeln:26 Konkret sah der Bundesplan die Schaffung einer Bundeskasse und eines stehenden Bundesheeres, die Einbeziehung der kaiserlichen Klientel - also Grafen, Ritter etc. als Opposition zu den Ständen - sowie die Suspendierung der adeligen Sonder- bündnisse vor. Besonders gravierend für die Fürsten schien die faktische Entwertung des Steuer- bewilligungsrechtes zu sein, die mit der Einführung eines eigenen Fiskus einhergehen würde und dadurch eine Kernkompetenz des Reichstages gegenüber der monarchischen Gewalt angegriffen werden würde. Folglich wäre KARL V. eine größere außenpolitische Autonomie und konstruktive Freiheit innerhalb der Reichsverfassung konzediert worden, die die ständische Vertretung stark eingeschränkt hätte. In diesen Bundesplänen wird demnach eine klare Stoßrichtung gegen den Fürs- tenstaat evident, die zwar zum großen Teil abgewendet werden konnte, doch bestimmten derartige tyrannische Auswüchse fortan das Verhältnis der Stände zum Kaiser.27

Erfuhr KARL V. durch den römisch-deutschen König FERDINAND noch Unterstützung hinsichtlich seines Bundesprojektes, konsternierte er seinen Bruder mit dem spanischen Sukzessions- plan von 1550/51 und vertiefte die Gegensätze auch im Hause Habsburg: FERDINAND, der bereits im Besitz des österreichischen Erblandes und der Kronen Böhmens sowie Ungarns war, erhob seit 1531 Anspruch auf den Kaiserthron. Dieser wurde ihm zwar nicht verwehrt, aber sein Sohn Maximilian sollte als sein Nachfolger ausscheiden und stattdessen Philipp, der Sohn KARLS V., die Nachfolge antreten. Folglich würde der Infant Maximilian nach der jahrzehntelangen Herrschaft seines Vaters und des kaiserlichen Thronerben das Sukzessionsrecht im Reich kaum in Anspruch nehmen können. Ebenso gravierend bei dieser Designation war aber, dass auch Reichsitalien an den Sohn KARLS fallen sollte, wo doch Philipp bereits in Spanien die Regentschaft innehatte.28 Dieser eigenmächtige Schritt belastete fortan die Beziehung zwischen den beiden Brüdern. Gleichzeitig nährte dieser Schritt das ohnehin hohe Konfliktpotenzial zwischen Kaiser und Ständen am Vorabend des Krieges aufgrund der drohenden Aufhebung der Wahlmonarchie, trotz der Zusicherung das Wahlrecht als weitere Kernkompetenz des Reichstages in keiner Weise zu beeinträchtigen.29

Seinem Wahlspruch plus ultra folgend,30 wurden diese Maßnahmen von einem breiten Aufmarsch spanischer Regimenter auf dem geharnischten Reichstag zu Augsburg 1547/ 1548 flankiert.31 Diese Reaktion auf die ständische Opposition wurde als absolute Drohgebärde der parlamentarischen Amtsgewalt gegenüber empfunden, sodass die Antinomie des Spanischen Servitut und der Teutschen Libertät schon vor den Sukzessionsplänen offen zu Tage trat: Bereits seit 1546 wurden antispanische Ressentiments von Seiten der neugläubigen Stände geschürt, die den extranen Einfluss auf das Reich als Belastung empfanden. Die spanische Präsenz, die sich 1552 im kaiserlichen Rat bezüglich des ‚nationalen‘ Proporzes mit lediglich zwei deutschen Ratgebern niederschlug und die aufgrund der spanischen Militärs, in denen man eine Besatzungsmacht wahrnahm, als Affront verstanden wurde, zog zunehmend den Unmut des Fürstenstandes auf sich.32

IV. Die fürstliche Oppositionsbildung und ihre Kriegsziele

IV. 1. Der Königsberger Bund und die Verhandlungen mit Frankreich

So wie man im Schmalkaldischen Krieg der drohenden Omnipotenz des Kaisers in der Religions- politik anhaltenden Widerstand geleistet hatte, wurden nun das Religionsdiktat und die Auflösung der adeligen Hoheitsrechte unter den Bundesplänen als existenzielle Bedrohung empfunden: ÄDer König sieht die Last der deutschen Nation, die man von der alten Freiheit in eine viehische Servitut führen will […].“33 Vor diesem Hintergrund kam es zu ersten Annäherungsversuchen unter den Fürsten: Die Torgauer Abrede zwischen Kurfürst MORITZ von Sachsen und Markgraf JOHANN von Brandenburg-Küstrin am 6. Oktober 1548 bewies die Alternativlosigkeit einer antikaiserlichen Allianz in der gegenwärtigen Situation.

[...]


1 Gerhard GEIßLER, Europäische Dokumente aus fünf Jahrhunderten (Esche/ Leipzig 1939) S. 85.

2 Franz BRENDLE/Anton SCHINDLING, Religionskriege in der frühen Neuzeit. Begriff, Wahrnehmung, Wirkmächtigkeit, in: Franz BRENDLE/Anton SCHINDLING (Hrsg.), Religionskriege im alten Reich und in Alteuropa (Münster 2006) S. 19 f.

3 Vgl. BRENDLE/ SCHINDLING, Religionskriege in der frühen Neuzeit (2006) S. 20.

4 Robert REBITSCH, Tirol. KARL V. und der Fürstenaufstand von 1552 (Hamburg 2000) S. 26.

5 REBITSCH, Tirol. KARL V. und der Fürstenaufstand von 1552 (2000) S. 39.

6 Vgl. Kerstin SCHÄFER, Der Fürstenaufstand gegen KARl V. im Jahr 1552. Entstehung, Verlauf und Ergebnis. Vom Schmalkaldischen Krieg bis zum Passauer Vertrag (Taunusstein 2009) S. 53.

7 Alfred KOHLER, KARL V.. 1500 - 1558. Eine Biographie (München 1999) S. 23.

8 Vgl. REBITSCH, Tirol. KARL V. und der Fürstenaufstand von 1552 (2000) S. 28.

9 Vgl. KOHLER, KARL V. (1999) S. 318 f.

10 Vgl. KOHLER, KARL V. (1999) S. 314 - 315.

11 Vgl. SCHÄFER, Der Fürstenaufstand gegen KARL V. (2009) S. 53.

12 Vgl. REBITSCH, Tirol. KARL V. und der Fürstenaufstand von 1552 (2000) S. 10 ff.

13 Ines GRUND, Die Ehre. Die Freiheit. Der Krieg. Frankreich und die deutsche Fürstenopposition gegen KARL V. 1547/48 - 1552, Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Philosophischen Fakultät III (Geschichte, Gesellschaft und Geographie) der Universität Regensburg (Bad Camberg 2007) S. 13.

14 Axel GOTTHARD, Der Augsburger Religionsfrieden (Münster 2004) S. 207.

15 Edikt KARLS V. gegen Luther und seine Anhänger (Wormser Edikt). Auszug, 26. Mai 1521, in: Alfred KOHLER (Hrsg.), Quellen zur Geschichte KARLS V. (Darmstadt 1990) S. 76.

16 REBITSCH, Tirol. KARL V. und der Fürstenaufstand von 1552 (2000) S. 12.

17 Brief KARLS V. an Maria von Ungarn, 9. Juni 1546, in: KOHLER (Hrsg.), Quellen zur Geschichte KARLS V. (1990) S. 325.

18 Axel GOTTHARD, Das Alte Reich. 1495 - 1600 (Darmstadt 20135) S. 39.

19 Vgl. SCHÄFER, Der Fürstenaufstand gegen KARL V. (2009) S.19.

20 Vgl. SCHÄFER, Der Fürstenaufstand gegen KARL V. (2009) S. 32.

21 REBITSCH, Tirol. KARL V. und der Fürstenaufstand von 1552 (2000) S. 37f.

22 Vgl. Joachim MEHLHAUSEN, Vestigia Verbi. Aufsätze zur Geschichte der evangelischen Theologie (Berlin/ New York 1999) S. 69.

23 Vgl. Kurfürst MORITZ an Kaiser KARL V. (Protestation gegen das Interim), 17. Mai 1548, in: Politische Korrespondenz des Herzogs und Kurfürsten MORITZ von Sachsen (PKMS), III (Hrsg. von der Historischen Kommission der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, bearbeitet von Johannes HERMANN/ Günther WARTENBERG/ Christian WINTER), (Berlin 1987), Nr. 1097, S. 854 f.

24 GRUND, Die Ehre. Die Freiheit. Der Krieg (2007) S. 31.

25 Vgl. REBITSCH, Tirol. KARL V. und der Fürstenaufstand von 1552 (2000) S. 37; MEHLHAUSEN, Vestigia Verbi (1999) S. 72.

26 Vgl. Axel GOTTHARD, Das Alte Reich. 1495 - 1806 (Darmstadt 20135) S.40.

27 Vgl. REBITSCH, Tirol. KARL V. und der Fürstenaufstand von 1552 (2000) S. 33.

28 Vgl. GRUND, Die Ehre. Die Freiheit. Der Krieg. (2007) S. 54.

29 Vgl. Antwort von Kurfürst MORITZ auf die Werbung von Kaiser KARL V. und König FERDINAND durch Graf Albrecht SCHLICK, in: PKMS, V (1992) Nr. 173, S. 331.

30 Vgl. Wilfred SEIPEL, Kaiser KARL V. (1500 - 1558). Macht und Ohnmacht Europas (Bonn 2000) S. 40.

31 Vgl. SCHÄFER, Der Fürstenaufstand gegen KARL V. (2009) S. 31.

32 Vgl. REBITSCH, Tirol. KARL V. und der Fürstenaufstand von 1552 (2000) S. 78.

33 Memorial von Kurfürst MORITZ, Landgraf WILHELM, Herzog JOHANN Albrecht und Markgraf JOHANN für die Werbung Friedrichs von Reifenberg bei König HEINRICH II., 25. Mai 1551, in: PKMS, V (1998), Nr. 94, S. 201.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Der Fürstenkrieg.Ein Konfessionskrieg im „Konfessionellen Zeitalter“?
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Neuere Geschichte)
Veranstaltung
Grundprobleme und zentrale Stationen der deutschen Geschichte 1540 - 1620
Note
1, 0
Autor
Jahr
2016
Seiten
32
Katalognummer
V340100
ISBN (eBook)
9783668297326
ISBN (Buch)
9783668297333
Dateigröße
827 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
fürstenkrieg, konfessionskrieg, konfessionellen, zeitalter
Arbeit zitieren
Markus Hofbauer (Autor), 2016, Der Fürstenkrieg.Ein Konfessionskrieg im „Konfessionellen Zeitalter“?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340100

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