Die Anzahl der gestellten Asylanträge in Deutschland erreicht 2014 ihren Höhepunkt, im Vergleich zum Vorjahr bedeutet dies eine Zunahme um fast 58%. Doch die Zuwanderer werden nicht immer willkommen geheißen: Eine Studie der Friedrich-Ebert- Stiftung von 2008 kam zu dem Ergebnis, dass 30% der Bevölkerung ausländerfeindlichen Aussagen zustimmte. In Ostdeutschland ist der Anteil der zustimmenden Befragten am Höchsten; dort betrugt er 45%.
Aktuell bekommt Fremdenfeindlichkeit in Deutschland mediale Aufmerksamkeit. Der Verein der „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“, kurz PEGIDA, propagiert derzeit eine noch strengere europäische und deutsche Migrationspolitik, vor allem in Hinblick auf Migranten islamischen Glaubens. Die Ansprüche, die von den PEGIDA- Mitgliedern gestellt werden, erfahren allerdings nicht von allen Bundesbürgern Rückhalt. In ganz Deutschland mobilisieren sich PEGIDA-Gegner und rufen zu Anti-PEGIDA-Demos auf. Anschuldigungen zur Fremdenfeindlichkeit und der Vorwurf, Ausländer, vor allem Anhänger des Islam, zu diskriminieren, indem konsequent vor einer scheinbaren „Islamisierung des Abendlandes“ gewarnt wird, werden auf der Seite der PEGIDA-Gegner laut, auf der Seite deren Anhänger vehement zurückgewiesen. Das Thema Diskriminierung gewinnt an Aktualität und Relevanz. Der Vorwurf der PEGIDA-Gegner zeigt aber lediglich das alltagssprachliche Verständnis von Diskriminierung als eine illegitime oder nicht begründete schlechte Einschätzung von Menschen (in diesem Fall von Islamanhängern).
Die vollständige Definition des Begriffs Diskriminierung blickt aus einer Opferperspektive, beinhaltet eine Perspektivendifferenz und daher unterschiedliche Auffassungen über die Rechtmäßigkeit eines bestimmten Verhaltens: „Diskriminierung wird als eine als illegitim wahrgenommene negative Behandlung von Mitgliedern einer Gruppe definiert, wobei diese negative Behandlung allein auf der Basis ihrer Gruppenmitgliedschaft beruht“ (vgl. Jonas & Beelmann 2009: 23).
Das hier definierte Verhalten wird zwar von der Mehrheit der Bevölkerung in allen Ländern der EU deutlich abgelehnt, der Umkehrschluss zeigt sich allerdings nicht als aktiver Widerstand gegen jegliche Formen von Diskriminierung. Eine auf Deutschland bezogene Studie des Sinus-Instituts von 2008 zeigt, dass die Aufmerksamkeit der Bevölkerung für das Thema Diskriminierung gering ist. Diese Arbeit untersucht anhand eines Feldexperiments das Auftreten von Diskriminierung im Alltag.
Inhaltsverzeichnis
1 Gesellschaftliche Relevanz der Diskriminierungsforschung
2 Theoretischer Hintergrund
2.1 Sozialpsychologisch orientierte Theorien der Diskriminierung
2.1.1 Die „self-fulfilling prophecy“
2.1.2 Die Theorie der sozialen Identität nach Tajfel (1978)
2.1.3 Das Etablierten-Außenseiter-Modell
2.1.4 Deprivationsansätze (u.a. Stouffer et al. 1949)
2.2 Ökonomisch orientierte Theorien der Diskriminierung
2.2.1 Signaling Theorie
2.2.2 Der Präferenzansatz
2.2.3 Statistische Diskriminierung
3 Aufarbeitung des bisherigen Forschungsstandes
3.1 „Wie fremdenfeindlich ist die Schweiz? – Fünf Feldexperimente über prosoziales Verhalten und die Diskriminierung von Ausländern in der Stadt Zürich und in der Deutschschweiz“
3.2 “Ethnic discrimination in Germany’s labour market: a field experiment”
3.3 “Discrimination Against Ethnic Minorities in Germany: Going Back to the Field”
4 Ableitung der Forschungshypothesen
5 Methoden
5.1 Forschungsdesign
5.2 Erhebungsverfahren
5.3 Variablen
5.3.1 Abhängige Variablen
5.3.2 Unabhängige Variablen
5.3.3 Drittvariablen
6 Analyseverfahren
6.1 Deskriptive Datenanalyse
6.2 Regressionsanalyse
6.2.1 Wahrscheinlichkeit einer Antwort bzw. einer Zusage
6.2.2 Linearer Zusammenhang der Dauer bis zur Antwort
6.2.3 Schätzung der Antwortdauer mittels nicht-linearen Regressionen
6.2.4 Linearer Zusammenhang der Buchstabenanzahl
7 Ergebnisse der Regressionsanalysen – Rückbezug zu den aufgestellten Hypothesen
7.1 Ergebnisse der logistischen Regressionen
7.2. Ergebnisse der linearen und der Poisson-Regression der Dauer bis zu Antwort
7.3. Ergebnisse der negativen Binomial-Regression der Dauer bis zu Antwort
7.4. Interpretation der linearen Regression der Buchstabenanzahl
8 Diskussion
9 Fazit
10 Literatur- und Quellenverzeichnis
Anhang
Anhang 1: Anschreiben
Anhang 2: Die 16 Identitäten
Anhang 3: Boxplot der Variable Dauer
Anhang 4: Boxplot der Variable Buchstaben
Anhang 5: Überprüfung auf Multikollinearität
Anhang 6: Specification link test for single-equation models
Anhang 7: Goodness of fit-Tests für das zweite Modell der Poisson-Regression
Anhang 8: Regressionsoutputs
Anhang 9: Synthax
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht mittels eines verdeckten Feldexperiments, ob Personen mit türkischem Migrationshintergrund bei der Inanspruchnahme von IT- und Computerreparaturdienstleistungen in Deutschland diskriminiert werden. Dabei wird analysiert, ob ethnische Herkunft, Geschlecht oder akademischer Titel die Wahrscheinlichkeit, Antwortdauer sowie Ausführlichkeit der Antworten von Unternehmen beeinflussen.
- Diskriminierungsforschung in alltäglichen Dienstleistungsbereichen
- Sozialpsychologische und ökonomische Erklärungsmodelle für Diskriminierung
- Methodik der verdeckten Feldexperimente zur Erfassung von Diskriminierung
- Quantitative Auswertung mittels logistischer und linearer Regressionsverfahren
Auszug aus dem Buch
2.1.2 Die Theorie der sozialen Identität nach Tajfel (1978)
Soziale Identität beschreibt das Bewusstsein einer Person, zu einer oder mehreren Gruppen dazuzugehören. Die Gruppenangehörigkeit wird mit der Vorstellung von der Gruppe in Verbindung gebracht, dementsprechend positiv oder negativ bewertet und hat für jede Person eine emotional individuelle Bedeutung. Wörtlich beschreibt Tajfel soziale Identität „as that part of an individual's self-concept which derives from his knowledge of his membership of a social group (or groups) together with the value and emotional significance attached to that membership” (Tajfel 1978: 63).
Eine Gruppe ist also eine Versammlung von Menschen, welche ein Zusammengehörigkeitsgefühl teilen, die überzeugt sind, selbst Mitglied dieser Gruppe zu sein, und deren Angehörigkeitsgefühl von den anderen Gruppenmitgliedern geteilt wird, d.h. von diesen gleichermaßen als Mitglied kategorisiert wird (vgl. Schaupp 2011: 107, 120). Kurzum: eine Anzahl von Menschen, die „eine soziale wie psychologische Realität darstellen“ (Jonas & Beelmann 2009: 19).
Soziale Identität bedeutet demnach die Summe der eigenen Mitgliedschaften in den jeweiligen sozialen Gruppen. Dabei entscheidet der Prozess der sozialen Kategorisierung, d.h. Gruppierung durch Abgrenzung nach Merkmalen wie Geschlecht oder Status etc., darüber, welchen Gruppen Personen angehören und welchen nicht. Die Eigengruppe („Ingroup“) unterscheidet sich demnach von der Fremdgruppe („Outgroup“). Da soziale Identität einen großen Teil der Selbstwahrnehmung einer Person mitbestimmt und das Individuum grundsätzlich eine möglichst positive Selbstbewertung erstrebt, strebt es zugleich danach, die Eigengruppe mittels sozialem Vergleich zu den Fremdgruppen möglichst positiv darzustellen, d.h. eine positive Distinktheit zur Outgroup zu generieren (vgl. Schaupp 2011). Eine positive Distinktheit kann durch unterschiedliche Strategien erreicht werden, z.B. durch gezieltes Herabstufen der Outgroups oder vice versa durch Emporheben der Eigengruppe. Sollte das nicht zur gewünschten positiven Distinktheit führen, kann der Fokus des Vergleichs verschoben werden oder die Vergleichsgruppe getauscht werden und der Vergleich findet gezielt mit „schwächeren“ Gruppen statt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Gesellschaftliche Relevanz der Diskriminierungsforschung: Einführung in die Zuwanderungsstatistik und Diskussion der medialen und gesellschaftlichen Aufmerksamkeit für Diskriminierung.
2 Theoretischer Hintergrund: Darstellung sozialpsychologischer und ökonomischer Theorien, die Mechanismen der Diskriminierung erklären.
3 Aufarbeitung des bisherigen Forschungsstandes: Exemplarische Analyse dreier Studien, die Diskriminierung in der Schweiz und in Deutschland experimentell untersuchten.
4 Ableitung der Forschungshypothesen: Formulierung von vier Hypothesen bezüglich Antwortwahrscheinlichkeit, Wartezeit, Ausführlichkeit und Zusage bei IT-Dienstleistern.
5 Methoden: Beschreibung des Forschungsdesigns, der Variablenwahl und des Erhebungsverfahrens mittels eines verdeckten Feldexperiments.
6 Analyseverfahren: Vorstellung der verwendeten statistischen Methoden zur Datenanalyse, einschließlich deskriptiver Statistik und Regressionen.
7 Ergebnisse der Regressionsanalysen – Rückbezug zu den aufgestellten Hypothesen: Präsentation der Ergebnisse der statistischen Berechnungen und deren Abgleich mit den vorab aufgestellten Hypothesen.
8 Diskussion: Kritische Reflexion der Ergebnisse und des gewählten Forschungsdesigns unter Berücksichtigung von Schwächen und Grenzen der Untersuchung.
9 Fazit: Zusammenfassende Einschätzung der Studienergebnisse und Ausblick auf zukünftige Forschungsbedarfe.
Schlüsselwörter
Diskriminierung, Feldexperiment, Migration, IT-Dienstleistungen, soziale Identität, Signaling-Theorie, Präferenzansatz, statistische Diskriminierung, Regressionsanalyse, Antwortwahrscheinlichkeit, Migrationshintergrund, Deutschland, Ethnische Minderheiten, Vorurteile, Forschungsmethodik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert, ob Personen ausländischer Herkunft bei der Anfrage nach Hilfe bei IT- und Computerproblemen in Deutschland diskriminiert werden.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder umfassen die Diskriminierungsforschung, theoretische Erklärungsansätze für Ausländerfeindlichkeit sowie die methodische Umsetzung von Feldexperimenten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, auf Basis eines verdeckten Feldexperiments messbar zu machen, ob sich Unterschiede in der Behandlung von deutschen versus ausländischen Absendern bei Computerreparaturservices zeigen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autoren nutzen ein quantitatives, verdecktes Feldexperiment, bei dem fiktive Anfragen mit unterschiedlichen Identitätsmerkmalen an Dienstleister verschickt und mittels verschiedener Regressionsmodelle statistisch ausgewertet wurden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung, eine Aufarbeitung des bisherigen Forschungsstands, die Hypothesenableitung sowie die detaillierte methodische Vorgehensweise und anschließende statistische Analyse der Daten.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Diskriminierung, Feldexperiment, Migrationshintergrund, Regressionsanalyse und Antwortverhalten von Unternehmen.
Welches Ergebnis lieferte die Analyse hinsichtlich der Diskriminierung?
In der untersuchten Stichprobe konnten keine signifikanten Unterschiede im Antwortverhalten oder der Zusagebereitschaft der IT-Firmen zwischen den verschiedenen Identitäten festgestellt werden.
Welche Rolle spielt die Einwohnerzahl bei den Ergebnissen?
Die Analyse der Drittvariablen zeigt, dass das Bundesland und die Größe der Stadt einen signifikanten Einfluss auf die Antwortdauer haben können, wobei dies jedoch nicht auf die Herkunft der Absender zurückzuführen ist.
- Quote paper
- Claudio Salvati (Author), Julia Katharina Zuber (Author), 2015, Alltagssituationen in Deutschland. Ort der Diskriminierung von Personen ausländischer Herkunft?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340118