Der Bezug postmoderner Philosophen auf Platons Sonnengleichnis


Essay, 2016

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Platons Sonnengleichnis

3. Die anthropologische Wende und deren Konsequenzen

4. Postmoderne, philosophische Vertreter und deren Bezugnahme auf Platons Metaphysik
4.1 Foucault
4.2 Levinas
4.3 Derrida

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit soll aufgezeigt werden inwieweit sich postmoderne Philosophen und deren Ansätze auf Platon und dessen Ideenlehre beziehen. Insbesondere werden dabei Analogien zu dessen Sonnengleichnis betrachtet und dargelegt was damit bezweckt wurde. Dazu wird zunächst Platons Ideenlehre und dessen Sonnengleichnis beschrieben und erörtert. Mit jener Grundlage wird die anthropologische Wende betrachtet und gezeigt wie sich die Verhältnisse geändert haben. Somit fällt der Übergang zur Postmoderne, deren Vertreter sowie deren Denken leichter.

Natürlich können in dieser Arbeit nicht alle postmodernen Philosophen mit einbezogen werden, da dies den Umfange sprengen würden. Daher kann hier nur exemplarisch geprüft werden inwieweit sich die Postmodernen auf das Sonnengleichnis beziehen. Behandelt werden drei Philosophen. Dies sind Michel Foucault, Emmanuel Levinas und Jaques Derrida. Jene werde in dieser Reihenfolge abgearbeitet und zum Schluss verglichen. Dabei werden das Vorgehen sowie die Ergebnisse jener Ansätze näher betrachtet. Abschließend werden die jeweiligen Analogien zu Platon und dessen Lehre aufgezeigt und die Zusammenhänge der drei postmodernen Philosophen sowie deren Bezug zu Platon dargelegt. Das sich Philosophen auf Platon beziehen und Bestandteile seiner Theorie übernehmen oder kritisieren ist nichts Neues. Welche Besonderheit dies jedoch in der Postmoderne mit sich bringt, soll hier thematisiert und erläutert werden.

2. Platons Sonnengleichnis

Einer der einflussreichsten, antiken Philosophen für das abendländische Denken war Platon. Gerade seine Ideenlehre war eine wesentliche Grundlage für zahlreiche Theorien der nachkommenden Strömungen. Für Platon wardie Welt mit all den darin vorkommenden Objekten, die wir wahrnehmen nur ein Abbild ihres eigentlichen Wesens. Die eigentliche Beschaffenheit der sinnlich wahrnehmbaren Gegenstände ist auf ihr intelligibles Urbild zurückzuführen. Diese Urbilder bezeichnete Platon als Ideen. Das, was die Welt an sich ausmacht, liegt außerhalb von dem, was wir sehen, schmecken oder hören können. Demnach gibt es zwei Ebenen. Zum einen die Dinge, die wir physisch erfahren können. Jene entstehen, verändern sich und vergehen wieder und umgeben uns in unserer direkt greifbaren Umwelt. Zum anderen sind jene nur Abbilder der zugrundeliegenden Ideen bzw. ihres eigentlichen Wesens. Diese sind unveränderlich und nur der rein geistigen Erkenntnis zugänglich. Dementsprechend unterschied Platon zwischen dem Seienden an sich und dem Vergänglichen, zwischen der Welt, wie wir sie sehen und worauf sie zurückzuführen ist.

Die Ideenlehre begründet nicht nur seine Metaphysik, sondern auch seine erkenntnis-theoretischen Ansätze. Wenn wir die Wahrheit über Etwas begreifen wollen, müssen wir ihr eigentliches Wesen erfassen. Die greifbaren Gegenstände sind nur variierende Abbilder. Daher können wir mit ihnen nur bloße Meinungen bilden, welche sich je nach Situation stark unterscheiden können. Der Ursprung der Dinge und somit ihre eigentliche Beschaffenheit liegt außerhalb der direkt erfahrbaren Welt. Daher kann die Wahrheit nur erkannt werden, wenn die geistige Welt der Ideen erfasst wird und nicht durch die sinnliche Erfahrung.

Als Ursache aller Erkenntnis setzte Platon die Idee des Guten. Durch jene lassen sich die Ideen und somit die Wesenheiten der sinnlich wahrnehmbaren Dinge erst erfassen. So wie die Ideen den Sinnesobjekten ihre Existenz als Abbilder ermöglichen, verleiht die Idee des Guten den anderen Ideen ihren Gehalt. Durch ihre Anteilnahme erhalten die Ideen ihren Wert, welcher das Wesen der Sinnesobjekte ausmacht. Somit hat die Idee des Guten eine Sonderstellung. Sie hat in der Hierarchie den höchsten Rang und ist somit das höchste Prinzip sowie der Ursprung allem Seienden.

Diesen Gedankengang verdeutlicht Platon im Sonnengleichnis in seinem Werk zur Staatsbildung, der Politeia. Dort wird behauptet, dass nur ein wahrer Philosoph einen Staat führen könne, da nur jener nach der vollkommenen Wahrheit strebt. Nur derjenige, der das wahre Wesen der tugendhaften Eigenschaften erfasst hat, kann jene auch verstehen und umsetzen.Im sechsten Buch des Werkes wirddie literarische Figur Sokrates nach der Idee des Guten befragt, da diese ausschlaggebend für das Erkennen der Grundtugenden (Besonnenheit, Tapferkeit, Weisheit und Gerechtigkeit) ist.Darauf antwortet jener, dass er dies momentan nicht könnte, aber „… einen Sproß des Guten, der ihm sehr ähnlich ist, …“[1] beschreiben möchte. Dabei geht er zunächst auf die Sehkraft ein und das jene ein zusätzliches Hilfsmittel bräuchte, um klar zu sehen. Dies ist das Licht, welches ihren Ursprung in der Sonne hat. In der Dunkelheit reichen unsere Augen nicht aus, um die Gegenstände eindeutig zu erkennen. Erst durch die Sonne erhalten wir Licht, was unseren Gesichtssinn befähigt die Sinnesobjekte scharf zu sehen und die Gegenstände sichtbar macht. „Somit ist die Sonne nicht die Sehkraft, wohl aber ihre Ursache und wird von ihr gesehen.“[2] Analog dazu werden die Ideen und der Erkenntnisprozess betrachtet. So wie die Sonne den Dingen der Wirklichkeit zur Sichtbarkeit verhilft, gibt die Idee des Guten den Objekten des Denkens die Wahrheit. Zudem ermöglicht sie der erkennenden Seele das Erfassen der eigentlichen Wesenheiten der Dinge, der Ideen.

„Diese Sonne – das kannst du als meine Ansicht verkünden – ist jener Sproß des Guten, [c] den sich das Gute als Abbild seiner selbst gezeugt hat: was es selbst in der Welt der Gedanken ist gegenüber dem Verstand und dem Gedachten, das ist die Sonne in der Welt des Sichtbaren gegenüber dem Gesichtssinn und dem Gesehenen.“[3]

Somit stellt das Sehen das geistige Erkennen, das Auge den Verstand, die sichtbaren Dinge die Ideen, das Licht die Wahrheit und die Sonne die Idee des Guten dar. Ohne die Sonne wären die realen Gegenstände nicht sichtbar und wir halb blind. Ebenso erhalten die Ideen ihren Wahrheitsanspruch und wir das Vermögen jene Wahrheit zu erkennen von der Idee des Guten. Ohne den Einblick in jene unveränderlichen Wesenheiten der Dinge, würden wir unser Wissen von den sinnlich wahrnehmbaren Objekten abhängig machen, welche sich wandeln und einer ständigen Veränderung unterworfen sind. Laut Platon würden wir dann in der einen Situation mal so und in der Anderen mal so handeln. Wir würden sozusagen im Dunklen tappen.

Platon geht in seinem Sonnengleichnis noch einen Schritt weiter, denn:

„Die Sonne gibt dem Sichtbaren nicht nur die Fähigkeit gesehen zu werden, sondern auch Werden, Wachstum und Nahrung, ohne selbst dem Werden unterworfen zu sein. […] Also wird den Objekten der Erkenntnis vom Guten nicht nur die Erkennbarkeit gegeben, sondern sie erhalten auch Existenz und Wesen von ihm, das nun nicht selbst ein Seiendes ist, sondern über das Sein an Erhabenheit und Kraft hinausragt.“[4]

Somit steht die Idee des Guten so wie die Sonne über uns als letzte Instanz über den Ideen und allem, was erkannt werden kann. Auch wenn der Mensch befähigt ist die Wahrheit zu erkennen, wird jene dennoch von außen herangetragen. Die Urbilder aller Sinnesobjekte, welche nur deren Abbilder darstellen, erhalten ihr Wesen von einem außenstehenden, alles überragendenÜbergeordnetem. Alles Denkbare sowie jeglicher realer Gegenstand dieser Welt wären ohne jene Idee des Guten nicht möglich bzw. nicht existent. Nach Platon kann die Seele nur das erkennen, was von der Wahrheit und dem Seienden beleuchtet wird und dies hat seinen Ursprung im letzten Prinzip, der Idee des Guten.

3. Die anthropologische Wende und deren Konsequenzen

Jene Theorie des einen Über-uns-stehenden und Wahrheit gebenden Ursprungs allem Seienden war bis zur Aufklärung ein ständiger Begleiter des abendländischen Denkens. Dies änderte sich als das Individuum immer mehr in den Mittelpunkt der Weltanschauung trat. Keine kirchlichen Dogmen oder Aberglaube sollten die Menschen in ihren Handlungen und ihrem Denken leiten. Jeder Mensch ist verantwortlich für sein Tun. Das denkende Individuum soll das Gegebene hinterfragen und nicht einfach hinnehmen.„Sapereaude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“.[5]

Die eigene Vernunft ist nun ausschlaggebend, um die Wahrheit zu erkennen. Keine außenstehende Instanz trägt die Wahrheit heran. Es ist die eigene Verstandestätigkeit, welche die Welt in Begriffe ordnet und die Vernunft, welche die Erkenntnis schlussfolgert. Dies bezieht sich nicht nur auf die kritische Betrachtung gegebener Sachverhalte und Theorien, sondern ebenso auf die Frage, was ist der Mensch. Das menschliche Denken, Fühlen und Handeln, sprich sein allgemeines Verhalten soll durch Beobachtung und Reflexion erkannt werden. Dadurch wird das Wesen des Menschen sowie dessen Umwelt durch den Menschen erfasst und bestimmt. Durch jenes naturwissenschaftliche Vorgehen wurden die ersten Schritte weg von der klassischen Metaphysik und hin zur Erkenntnis durch die eigene Erfahrung getan.

Ein weiteres Fortschreiten in jene Richtung veranlasste Darwins revolutionäre Theorie der Evolutionslehre, welche beinhaltet, dass das Aufkommenderverschiedenen Spezies durch Selektion und Mutation zustande gekommen ist. Auch der Mensch soll nach der Evolutionstheorie nach jenem Schema hervor gegangen sein. Danach entstammt er demselben Modell wie alle anderen Wirbeltiere. Darwin schlussfolgerte aus verschiedenen Argumenten, dass der Mensch aus derselben Evolutionslinie stammt wie manche Affenarten. Dementsprechend geriet der Gedanke, dass der Mensch die Schöpfung Gottes sei, weiter ins Wanken.Natürlich ist die Evolutionstheorie auch nur eine Theorie. Jedoch beeinflusste sie das Denken zahlreicher Gelehrter bis in die heutige Zeit.

Doch was bedeutet jene anthropologische Wende für die Metaphysik und für die Idee des Guten bei Platon?Wie in Platons Ideenlehre ist die wahre Erkenntnis nur mithilfe der geistigen Tätigkeit zu erreichen. Ob durch Beobachtung oder reine Gedankenexperimente. Die Ergebnisse müssen durchdacht und reflektiert werden, damitwahre Aussagen getätigt werden können. Jedoch liegt der Ursprung in einem selbst. Erkenntnisse werden nicht von außen herangetragen. Sie werden durch Erfahrung und rationale Prozesse erfasst. Die Welt wird mithilfe der Naturwissenschaften und deren Forschung immer mehr untersucht und erklärt. Der Mensch ist dadurch zum ausschlaggebendenPunkt aller Erkenntnis und jeglicher Wahrheit geworden. Friedrich Nietzsche beschreibt dieses Phänomen in seinemAphorismus Der Tolle Mensch.

[...]


[1] Platon, Politeia, übers. u. hrsg. v. Karl Vretska, Stuttgart 2000, S. 319.

[2] Ebd. S. 321.

[3] Platon, Politeia, übers. u. hrsg. v. Karl Vretska, Stuttgart 2000,. S. 321 f.

[4] Ebd., S. 323.

[5] Kant I. 1784, Beantwortung auf die Frage: Was ist Aufklärung? Kap. 1.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Der Bezug postmoderner Philosophen auf Platons Sonnengleichnis
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Katholische Theologie)
Veranstaltung
Philosophie und Religion 3. Die Postmoderne
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
21
Katalognummer
V340172
ISBN (eBook)
9783668297562
ISBN (Buch)
9783668297579
Dateigröße
834 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bezug, philosophen, platons, sonnengleichnis, Derrida, Foucault, Levinas, Philosophie, Postmodern
Arbeit zitieren
Daniel Gebbert (Autor), 2016, Der Bezug postmoderner Philosophen auf Platons Sonnengleichnis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340172

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