Pierre Bourdieus Theorie der Praxis und ihre praktischen Implikationen für die Soziologie


Essay, 2016
6 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Pierre Bourdieus Theorie der Praxis und ihre praktischen Implikationen für die Soziologie

Im Folgenden soll Pierre Bourdieus Theoriekonzept von der Emergenz sozialer Ordnung in Handlungen sowie deren Modus der Strukturreproduktion und der Transformation aufgezeigt werden. Daran anschließend werden anhand einer Kontrastierung mit Marx´ und ColemansKonzeption von Gesellschaft und sozialem Wandel theoretische Verschiebungen sowie praktische Implikationen in Bourdieus Konzeption im Vergleich zu „klassischen“ Gesellschaftstheorienaufgezeigt, wobei dabei insbesondere die Einbettung von Organisationen in den Theorien fokussiert wird. Aufgrund des beschränkten Rahmens dieses Essays wird auf eine ausführliche Darstellung Bourdieus Begriffe und Konzepte verzichtet. Der vorliegende Essay sucht vielmehr die grundlegende Perspektive Bourdieus Praxistheorie auf Gesellschaft und sozialen Wandel zu erarbeiten, um vor diesem Hintergrund die praktischen Implikationen dieser Perspektive darzulegen.

Gesellschaft und sozialer Wandel nach Bourdieu: Transformation als Stabilitätsfaktor

Pierre Bourdieu entwirft in seinem praxeologischen Ansatzdie Sozialstruktur der modernenGesellschaft als in mehrere soziale Praxisfelderdifferenzierte (Schmidt 2012: S. 31). Diese Felder, von Bourdieu auch als Spielfelder bezeichnet, umfassen sowohl die beobachtbaren sozialen Praktiken der Gesellschaftsmitglieder, den Akteuren bzw. Spielern, als auch die gesellschaftlichen Strukturen.Soziale Praktiken und Strukturen wirken in einem Feld dahingehend zusammen, dass einerseits die Praktiken der Akteure die Strukturen konstituieren und andererseits die Strukturen auf das Handeln der Akteure zurückwirken. Hieraus wird ersichtlich, dass „soziale Strukturen keine eigenständige Existenz außerhalb oder unabhängig von den sozialen Praktiken haben, sondern mit diesen koextensiv sind“ (Schmidt 2012: S. 71).Soziale Ordnung wird somit prozesshaft in sozialen Praktiken hervorgebracht.

Die Koextensivität von Strukturen und sozialer Praxis verdeutlicht Bourdieu anhand seiner Analogie des Spiels, in der er sozialeRegeln von sozialen Regelmäßigkeiten differenziert. Spielregeln, also die Strukturen, und der tatsächliche beobachtbare Vollzug von Spielen, die Praxis, unterscheiden sich dahingehend, dass die soziale Praxisbestimmten Regelmäßigkeiten folgt. Die Regelmäßigkeiten der sozialen Praxis entsprechen dabei aber nicht bestimmbaren Regeln, sondern vielmehr basieren die Handlungen der Akteure auf einem spezifischen Spielsinn (vgl. Bourdieu 1992: S.85). Dieser Spielsinn resultiert aus der inneren Logik der Praxis des Feldes, die zudem einen Praxiszwang der Akteure konstituiert. Somit sind nicht äußerliche Regeln konstitutiv für die Art und Weise der Handlungen der Akteure, vielmehr erzeugen die Akteure mit und in ihren von Regelmäßigkeit geprägten Handlungen selbst die Strukturen. Die regelmäßige Wiederholung von Handlungen geschieht dabei von Akteurenhinsichtlich der Strukturen, die sie damit konstituieren, unreflektiert. Der Akteur ist im Feld ein „vom Spiel gepackter, beschäftigter Akteur“ (Bourdieu 1985: S. 76) und handelt entsprechend des spezifischen Spielsinns des Feldes. Somit sind aufgrund der Regelmäßigkeiten sozialer Praktikendie sozialen Strukturen von Trägheit gekennzeichnet. Hieraus erklärt sich einerseits die Stabilität sozialer Ordnung trotz praktischer Dynamik, andererseits eröffnet diese praxeologische Perspektive ein Verständnis von sozialer Transformation –also der Wandel von Praktiken und folglich von Strukturen- als einem konstanten Element sozialer Ordnung. Abweichungspotenziale sind in der Praxis der Akteure selbst angelegt, da diese aufgrund des Praxiszwangs nicht gänzlich reflektiert von statten geht.Veränderung ist in den Abweichungspotenzialen des Handelns begriffen, die existieren, da Akteure in ihren Handlungen soziale Regelmäßigkeiten zitieren, diese somit nicht identisch reproduzieren und somit in der Wiederholung sozialer Regelmäßigkeiten diese kontinuierlich verändern. Werden von der Regelmäßigkeit abweichende Handlungen wiederholt und eingeübt, werden dadurch auch die entsprechenden sozialen Regelmäßigkeiten an diese veränderten Praktiken angepasst. Die veränderten sozialen Praktiken bewirken auch eine Transformation der Strukturen des sozialen Feldes. Da sowohl die sozialen Regelmäßigkeiten als auch die Strukturen träge sind, erfolgt Wandel nicht in einem radikalen Umbruch einer bestehenden gesamtgesellschaftlichen Ordnung, sondern in Form einer langsamen, kontinuierlichen Transformation durch Praxis in einzelnen sozialen Feldern. Der Modus der Veränderung ist nach Bourdieuscher Lesart damit die Praxis selbst. Hieraus lässt sich folgern, dass soziale Felder sich gleichzeitig durch praktische Routine die Stabilität ihrer Strukturen erhalten, sich gleichzeitig aber durch einen kontinuierlichenWandel auszeichnen. Soziale Transformation stellt somit nach Bourdieu keinen Bruch der gesamtgesellschaftlichen Strukturen dar, sondern eine Aktualisierung der feldspezifischen Strukturen in Bezug auf veränderte Routinen sozialer Praktiken inbestimmten Feldern.

Theorieverschiebungen in Bourdieus Perspektive

Bourdieu begreift sozialen Wandel als eine Anpassung von Strukturen an veränderte soziale Praktiken. Diese Transformation verläuft im Modus der Praxis. Da Praktiken und Strukturen koextensiv sind, sind die Strukturen aufgrund ihrerkontinuierlichen Anpassung in den Praktiken selbst stabil. Bourdieus Theorie der Praxis stellt somit keine explizite Theorie sozialen Wandels dar, sondern stellt vielmehr ein Tool für die Analyse der Stabilität sozialer Ordnung trotz sozialer Veränderungen dar.

Bourdieus Perspektive auf Gesellschaft unterscheidet sich somit fundamental von der Marxschen Gesellschaftstheorie. Marx´ Theorie begreift Gesellschaft als einen historischen stufenförmigen Prozess der gesellschaftlichen Evolution, an dessen Ende die Gesellschaftsform des Kommunismus steht. Die Übergänge zur nächsten Stufe erfolgen durch strukturellen Wandel im Modus der Revolution. Die Dynamik der gesellschaftlichen Transformation ist in den Strukturen der Gesellschaft selbst angelegt, da diese sich auf Grundlage der ungleichen Kapitalverteilungin einem Klassenantagonismus manifestieren. In der Revolution löst die beherrschte die herrschende Klasse ab, die Strukturen des Klassenantagonismus bleiben somit erhalten, lösen sich aber von Stufe zu Stufe weiter auf. In der kommunistischen Gesellschaftsform schließlich existieren keine hierarchischen Strukturen mehr (vgl. Marx/Engels 1969). Somit lässt sich festhalten, dass Marx´ und Bourdieus Veränderungsmodi sich darin ähneln, dass bei beiden sozialer Wandel ein inhärentes Moment der westlichen modernen Gesellschaft darstellt. Bei Marx ist Wandel jedoch in den gesellschaftlichen Strukturen angelegt und verläuft zielgerichtet, bei Bourdieu hingegen resultieren Strukturen aus den Praktiken der menschlichen Akteure. Zudem beinhaltet Marx´ Transformationsmodus eine Umwälzung der gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse, während Bourdieus Konzeption einer in verschiedene Praxisfelder differenzierte Gesellschaft geradezu einen gleichzeitigen, alle sozialen Felder erfassenden Wandel ausschließt. Zudem unterscheidet sich Bourdieus Theorie der Praxis von Marx´ Theorie dahingehend, dass bei Bourdieu die Akteure die Strukturen unbewusst produzieren und dadurch sozialer Wandel erschwert wird, während bei Marx´ das Entstehen eines Klassenbewusstseins mechanisch zum offen Klassenkampf und schließlich zur Revolution der bestehenden ökonomischen und politischen Verhältnisse führt. Marx entwirft soziale Ungleichheitsverhältnisse als Motor der gesellschaftlichen Evolution, wohingegen Bourdieus Ansatz darauf abzielt, die Stabilität sozialer Ordnung trotz bestehender sozialer Ungleichheit zu erklären. Des Weiteren verweist Marx´ Perspektive auf soziale Transformation ein Verständnis von Gesellschaft als in ihren Strukturen und Mechanismen ganzheitlich beschreibbaren Erkenntnisobjekt. Die praxeologische Perspektive Bourdieus hingegen begreift Gesellschaft als prozesshafte Vollzugswirklichkeit in strukturell differenzierten Feldern und fokussiert somit keine Beschreibung einer Gesamtgesellschaft bzw. erteilt diesem Anspruch damit eine Absage.

Die Rolle von Organisationen: Bourdieu im Vergleich mit Marx und Coleman

Marx weist Organisationen eine Schlüsselrolle im seinen Konzept gesellschaftlichen Wandels zu. So kann auch sein Werk „Manifest der Kommunistischen Partei“ als ein seinen theoretischen Standpunkten entsprechendes politisches Engagement gelesen werden: Organisationen wie Parteien –und insbesondere die Kommunistische Partei- kommt in der gesellschaftlichen Dynamik eine maßgebliche Position zu, da sie dem Klassenbewusstsein eine politische Form gibt, indem sich die unterdrückte Klasse in ihnen zusammenschließen um gegen die herrschende Klasse zu kämpfen (vgl. Marx/Engels 1969: S. 473f.). Durch Organisationen wird somit der revolutionären Dynamik Vorschub geleistet. Der praxeologische Ansatz Bourdieus hat Organisationen nicht im Blick. Da nach Bourdieu Strukturen aus Handlungen resultieren und auf Handlungen zurückwirken, kann dieser Ansatz Organisationen nicht als Bindeglied zwischen Strukturen und Individuum betrachten und ist aufgrund seiner praxeologischen Perspektive blind für Organisationen.

Auch im Vergleich zu weiteren klassischen Theorien weist Bourdieus Ansatz theoretische Verschiebungen auf: So beschreibt Coleman die moderne Gesellschaft als machtasymmetrische Organisationsgesellschaft, in der Organisationen als kollektive Akteure gegenüber über die einzelnen menschlichen Akteuren Macht ausüben (vgl. Coleman 1986). Akteure sind nach Coleman rational handelnde Personen oder Organisationen. Diegesellschaftliche Machtsymmetrie zwischen Organisationen und Individuen lässt sich im Modus der Reform beheben, in dem Organisationen modifiziert werden aber erhalten bleiben. Bourdieu dagegen versteht Akteure ausschließlich als Personen, die sich gerade nicht vollumfänglich bewusst sind über die Strukturen der Gesellschaft und die Auswirkungen ihrer Handlungen, wobei dieser Umstand Voraussetzung für die Stabilität der sozialen Ordnung ist. Wie schon in Bourdieus Begriff des Akteurs ersichtlich wird, haben Organisationen in der Praxistheorie Bourdieus keinen Stellenwert und bilden somit nicht die Ebene gesellschaftlicher Steuerung, die Bourdieu auf der Ebene der Praktiken rekonstruiert.

Aus dem Vergleich mit Marx´ und Colemans Ansätzen wird ersichtlich, dass Organisationen nicht die Adressaten oder Katalysatoren sozialen Wandels darstellen. Dieses vermeintliche Defizit Bourdieus Theorie ist in deren Selbstverständnis selbst angelegt, versteht sie sich doch als Theorie der Praxis, womit impliziert ist, dass die den Blick gerade nicht auf Organisationen als Vermittlungsinstanz zwischen Strukturen und Individuen konzipiert, sondern Strukturen als in den Handlungen menschlicher Akteure konstituiert betrachtet. Bourdieus Konzeption von Gesellschaft und sozialem Wandel weist somit eine deutliche theoretische Perspektivverschiebung im Vergleich zu „klassischen“ Theorien dar, wie exemplarisch am Vergleich mit Colemans Ansatz und insbesondere mit Marx´ Verständnis von Gesellschaft und sozialem Wandel gezeigt worden ist.Diese Theorieverschiebung ist Zeugnis Bourdieus Anspruch, die etablierten Unterscheidungen soziologischer Perspektiven zu überwinden.

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Details

Titel
Pierre Bourdieus Theorie der Praxis und ihre praktischen Implikationen für die Soziologie
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
6
Katalognummer
V340293
ISBN (eBook)
9783668299290
Dateigröße
373 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
pierre, bourdieus, theorie, praxis, implikationen, soziologie
Arbeit zitieren
Anna Mimikri (Autor), 2016, Pierre Bourdieus Theorie der Praxis und ihre praktischen Implikationen für die Soziologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340293

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