Zum Kästchen in Goethes Faust


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002
18 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Stand der Forschung

3. Das Kästchen in Goethes Werk ‚Faust’
3.1 Faust und Gretchen – Eine Tragödie
3.2 Zur Funktion des Kästchens innerhalb der Gretchentragödie

4. Zum Kästchen
4.1 Das Kästchen als „richtungsweisendes“ Motiv
4.2 „Cista mystica“
4.3 „Kästchenerlebnisse“ in Goethes Leben
4.4 Das Kästchen mit pädagogischer Funktion?

5. Fazit

6. Anhang – Literatur

1. Einleitung

Johann Wolfgang von Goethes Werk ‚Faust, erster und zweiter Teil’ stellt sicherlich eines der bedeutendsten Werke der deutschen Literaturgeschichte dar. Neben den eigentlichen zwei Hauptwerken ‚Faust I’, erschienen 1808, und ‚Faust II’, erschienen nach 1832, existieren noch zwei weitere Versionen: ‚Faust. Ein Fragment’ von 1790 und der erst 1887 entdeckte ‚Urfaust’.[1] Bei ‚Faust. Ein Fragment’ und bei Goethes ‚Urfaust’ handelt es sich um frühe Fassungen des ersten Teils.[2] ‚Faust I’ ist demnach die endgültige Fassung. Augenscheinlichstes unterscheidendes Merkmal des ‚Urfaust’, des ‚Fragment’ und des ‚Faust I’ sind die Anzahl der Szenen und Verse, ebenso inhaltliche Unterschiede – zum Beispiel existiert im Urfaust kein ‚Prolog’ und somit auch nicht der Wettvorgang zwischen Gott und dem Teufel.

Jedoch soll das Augenmerk dieser Arbeit nicht auf die unterschiedlichen Faust–Fassungen gerichtet werden, sondern ein spezieller inhaltlicher Aspekt der Faust–Handlung, der allen Faust–Fassungen zu eigen ist, untersucht werden. Der Faust–Stoff ist in allen Fassungen ähnlich, nur mehr oder weniger ausführlich und ausgestaltet.

Fausts Liebeserlebnis mit Gretchen, welches sein tragisches Ende nimmt – Gretchen als Kindsmörderin und zur Hinrichtung bestimmt – stellt eine der wichtigsten Handlungen im ‚Faust’ dar.[3] Ein kleines, aber wichtiges Detail bezüglich der Gretchenhandlung – auch Gretchentragödie genannt – ist das Kästchen, welches Mephisto Gretchen zuspielt, um ihre Gunst für Faust zu gewinnen.

Die folgende Arbeit soll demnach die Bedeutung des Kästchens innerhalb der Faustdichtung aufzeigen.

Anhand einer genaueren Betrachtung des Verhältnisses zwischen Faust und Gretchen soll die Verwendung des Kästchens im Handlungsablauf verdeutlicht werden. Ebenso stellt sich die Frage ob das Kästchen als Motiv unerlässlich für den Handlungsverlauf – und gar richtungsweisend für das Ende – ist. In diesem Zusammenhang erscheint es dann als sinnvoll, allgemeine Bedeutungen und Verwendungen des Kästchens zu untersuchen:

In diesem Zusammenhang soll ein kleiner Blick in die Welt der Antike mehr Aufschluss über das Kästchenmotiv verschaffen – nämlich auf die „Cista mystica“, das geheimnisvolle Kästchen.

Über einen kleinen Einblick in Goethes Jugend–Erlebnis mit einem schwarzen geheimnisvollen Kästchen soll auch der Bogen zur Verwendung des Kästchenmotivs in seinen Werken – im Speziellen natürlich im ‚Faust’ – gespannt werden und somit dessen Bedeutung in seinen dichterischen Werken ansatzweise geklärt werden.

Am Ende der Arbeit sollte es gelungen sein, das Motiv des Kästchens und seine Bedeutung im Zusammenhang mit dem Fauststoff dargelegt, und darüber hinaus ein möglichst allgemeines Bild des Kästchenmotivs erhalten zu haben.

2. Stand der Forschung

Erstaunlicherweise erweist sich der Bestand an aktueller Forschungsliteratur im Bereich der Faustforschung – das Kästchen betreffend – als äußerst unergiebig. Selbst innerhalb aktueller literaturwissenschaftlicher Motivforschung taucht das Motiv des Kästchens nicht auf.[4]

Dem Motiv des Kästchens widmen sich vornehmlich ältere Schriften – jedoch ausschließlich losgelöst vom Fauststoff. Literatur mit dem Themenschwerpunkt des Kästchenmotivs findet sich meist nur in Bezug auf Goethes ‚Wanderjahre’. Hierbei scheint das Motiv des Kästchens eine bedeutsame Rolle zu spielen.

Ein Beitrag zum Motiv des Kästchens in literarischen Werken findet sich bei Sigmund Freud.[5] Jedoch erwähnt auch Freud das Kästchen nicht im Zusammenhang mit Goethes Faust.

Aufgrund der Tatsache, dass sich im Bereich der Faustforschung mit Schwerpunkt Kästchenmotiv keine Literatur finden lässt, sollen im Verlauf der Arbeit Erkenntnisse aus Beiträgen zum Kästchen in Goethes ‚Wanderjahren’ auf den Fauststoff angewendet und somit Erkenntnisse für das Kästchenmotiv im ‚Faust’ erschlossen werden.

3. Das Kästchen in Goethes Werk ‚Faust’

3.1 Faust und Gretchen – Eine Tragödie

Zunächst soll an dieser Stelle das Verhältnis zwischen Faust und Gretchen[6] dargelegt werden, um die Begebenheiten und das Vorkommen des Kästchens im ‚Faust’ aufzuzeigen.

Faust begegnet Gretchen zum ersten mal auf der Strasse im Vorbeigehen. Er zeigt sich in ihrer Gegenwart sehr galant – „Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, mein Arm und Geleit ihr anzutragen?“[7] – jedoch tut er im gleichen Moment recht ungezügelt kund, dass er das Mädchen haben muss: Um ganz sicher zu gehen, dass er Gretchen bekommt, fordert er Mephistopheles auf, ihm zu helfen: „Hör, du musst mir die Dirne schaffen!“[8] Faust wird gar zum „triebgesteuerten Wesen“, zum Lüstling: „Wenn nicht das süße junge Blut heut nacht in meinen Armen ruht [...].“[9] Doch vorerst sind selbst dem Teufel die Hände gebunden, denn Gretchen hat in ihrem vierzehnjährigen Leben keine Sünden begangen – sie geht auch für Nichtigkeiten zur Beichte. So müssen sich Faust und er „zur List bequemen“[10], und Faust fordert Mephistopheles darum auf: „Sorg du mir für ein Geschenk für sie!“[11]

In der darauffolgenden Szene ‚Abend’ befinden sich Faust und Mephistopheles in Gretchens Zimmer. Faust tut in dieser Umgebung sein Gefühl der Liebe zu Gretchen kund. Bevor Gretchen zurückkehrt führt Mephistopheles seine List aus: „Er stellt das Kästchen in den Schrein und drückt das Schloss wieder zu.“[12] Sobald Gretchen auftaucht, verschwinden die beiden. Gretchen bemerkt zwar, dass sich in ihrem Zimmer etwas Sonderbares zugetragen hat, jedoch beginnt sie sich zu entkleiden und zu singen. Als sie ihre Kleider in den Schrank einräumen möchte, erblickt sie erstaunt und verwundert das Kästchen: „Wie kommt das schöne Kästchen hier herein? [...] Es ist doch wunderbar! Was mag wohl drinne sein? [...] Da hängt ein Schlüsselchen am Band. Ich denke wohl, ich mach’ es auf!“[13] Nachdem Gretchen dem Kästchen ein Schmuckstück entnommen hat, ist sie verwirrt und grübelt, wem es gehört und woher es kommt. Gretchens Mutter entdeckt es bei Gretchen und fordert sie auf, es der Kirche zu überlassen, was diese auch tut. Gretchen sitzt seither „unruhvoll, [...] denkt ans Geschmeide Tag und Nacht, noch mehr an den, der’s ihr gebracht“[14]. Darum fordert Faust Mephistopheles erneut auf, Gretchen wieder ein Geschenk zukommen zu lassen. Diese ist nun noch mehr verwirrt und teilt sich ihrer Nachbarin Marthe Schwertlein mit: „Fast sinken mir die Kniee nieder! Da find’ ich so ein Kästchen wieder in meinem Schrein, von Ebenholz, und Sachen herrlich ganz und gar, weit reicher, als das erste war.“[15] Die Nachbarin rät ihr, den im Kästchen enthaltenen Schmuck zu behalten und vor ihrer Mutter zu verbergen.

Im weiteren Verlauf gelingt es Mephistopheles zusammen mit der Nachbarin Marthe, nachdem er diese durch eine trügerische List – der angebliche Tod ihres Mannes – für seine Belange als Kupplerin gewonnen hat, ein Treffen von Faust und Gretchen im Garten zu arrangieren. In dieser Szene verabreden sich dann Faust und Gretchen eindeutig zum Beischlaf in der folgenden Nacht. Gretchen gibt ihrer Mutter auf Fausts Anraten ein Schlafmittel, damit diese es nicht mitbekommt, aber ihre Mutter stirbt daran. Am folgenden Tag weiß Gretchen, dass sie schwanger ist und wie tragisch ihre Situation nun ist. Sie klagt daher der Gottesmutter ihre Not: „Hilf! Rette mich vor Schmach und Tod! Ach neige, du Schmerzenreiche, dein Antlitz gnädig meiner Not!“[16]

Am Ende wird Gretchen von der Gesellschaft gerichtet – sie sitzt im Kerker und wartet auf ihre Hinrichtung. Faust möchte sie befreien, doch Gretchen bekennt sich ihrer schuldig und findet wieder zu Gott. Sie behandelt Faust distanziert, sie lehnt seine Hilfe gar ab: „Heinrich! Mir graut vor Dir.“[17]

Trotz Gretchens Mitschuld am Tod ihrer Mutter und des Kindsmordes obliegt ihr nicht die alleinige Schuld. Faust trifft ebenso Schuld an Gretchens Schicksal – er hat sie schließlich verführt. Ihr Leid am Ende erscheint größer als ihre „Mitschuld“.

[...]


[1] Jahreszahlen nach Harenberg 1995.

[2] Beim Urfaust handelt es sich offenbar um eine Mitschrift einer Faust-Vorlesung Goethes von 1774 durch das Hoffräulein von Göchhausen, welche erst 1887 entdeckt wurde (vgl. Frenzel et al. 1995, S. 258 f.).

[3] Im Folgenden beziehen sich alle Ausführungen auf Goethes ‚Faust I’. Auf inhaltliche Unterschiede im Vergleich zum ‚Fragment’ und zum ‚Urfaust’ wird weiterhin nicht eingegangen - die Gretchenhandlung ist in allen Fassungen tragendes und bedeutsames Element.

[4] Vergleiche hierzu die Ausgaben der letzten 25 Jahre der deutschen Bibliographie: Germanistik. Internationales Referatenorgan mit bibliographischen Hinweisen. Hrsg. von T. Ahldén u.a.. Tübingen: Niemeyer.

[5] Freud, Sigmund: Das Motiv der Kästchenwahl. 1913.

[6] ‚Gretchen’ als Abkürzung von ‚Margarete’

[7] Goethe: Faust I, Zeile 2605 f.. Im weiteren Verlauf der Arbeit beziehen sich alle Zeilen- und Inhaltsangaben auf Goethes ‚Faust , erster Teil’, herausgegeben von Erich Trunz 1986.

[8] Z. 2618

[9] Z. 2636 ff.

[10] Z. 2658

[11] Z. 2674

[12] Regieanweisung zwischen Z. 2744 und Z. 2745

[13] Z. 2783 ff.

[14] Z. 2849 ff.

[15] Z. 2874 ff.

[16] Z. 3616 ff. – Diese Aussage („rette mich vor Schmach und Tod“) kann man als eine Vordeutung auf den bevorstehenden Kindstod interpretieren.

[17] Z. 4610

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Zum Kästchen in Goethes Faust
Hochschule
Universität Mannheim
Veranstaltung
Hauptseminar: „Aktuelle Inszenierungen am Mannheimer Nationaltheater“
Note
1,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
18
Katalognummer
V34045
ISBN (eBook)
9783638343701
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kästchen, Goethes, Faust, Hauptseminar, Inszenierungen, Mannheimer, Nationaltheater“
Arbeit zitieren
M.A. Andreas Reichard (Autor), 2002, Zum Kästchen in Goethes Faust, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34045

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