Der „Tag von Potsdam“ und die Charismaübertragung an Hitler

Max Webers Begriff "charismatischer Herrschaft"


Hausarbeit, 2016

26 Seiten, Note: 1,6

Max Müller (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Charismatische Herrschaft
2.1 Merkmale charismatischer Herrschaft nach Max Weber
2.2 Weiterentwicklung der charismatischen Herrschaft nach Weber

3 Die These Pytas

4 Einordnung des Tages von Potsdam in den zeitgeschichtlichen Kontext
4.1 Auf dem Weg zur Machtübernahme 1930 –
4.2 Die Machtübernahme am 30. Januar 1933 – 21. März

5 Organisation und Verlauf des Tages von Potsdam

6 Redeanalyse
6.1 Äußere Kritik
6.2 Innere Kritik
6.3 Inhaltsangaben zu der Rede Hitlers
6.4 Charismatische Elemente in der Rede Hitlers

7 Analyse von Zeitungsberichten zum „Tag von Potsdam“

8 Ausblick: Die Ereignisse nach dem „Tag von Potsdam“
8.1 Reichstagseröffnung und Ermächtigungsgesetz

9 Fazit

10 Literaturverzeichnis

11 Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Am 21. März 1933 trat in der Garnisonskirche von Potsdam erstmals nach den Reichstagswahlen vom 5. März 1933 der neu gewählte Reichstag, mit Ausnahme der Abgeordneten der Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) und der Kommunistische Partei Deutschlands (KPD), zu einem feierlichen Festakt zusammen. Dieses Ereignis ist als „Tag von Potsdam“ in die deutsche Geschichte eingegangen, an dem ein vermeintlichsymbolischer Schulterschluss zwischen den nationalsozialistischen Emporkömmlingen und nationalkonservativen Eliten erfolgte.

In diesem Zusammenhangvertritt der Historiker Wolfram Pyta die These, dass am „Tag von Potsdam“ eine symbolische Charismaübertragungvon Seiten des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg zu Gunsten des Reichskanzlers Adolf Hitler erfolgte.[1] Diese These steht im Zentrum der folgenden Hausarbeit und wird anhand ausgewählter Primärquellen auf ihre Aussagekraft hin analysiert. Als theoretische Grundlage für diese Analyse wird die charismatische Herrschaft nach Max Weber vorgestellt, da Pyta sich bei seiner Argumentation auf dieses Konzept gestützt hat.Außerdem wird in diesem Zusammenhang erläutert, inwieweit das Herrschaftskonzept nach Max Weber von den Geschichtswissenschaften aufgegriffen und weiterentwickelt wurde. Im nächsten Schritt wird auf die Argumentationsstruktur Pytas‘ hinsichtlich der Formulierung seinerCharismaübertragungsthese eingegangen, um sie im eigentlichen Kern der Hausarbeit anhand von Primärquellen zum „Tag von Potsdam“ zu überprüfen.[2] Um diese Quellen kontextual einzuordnen, wird auf die Vorgeschichte des „Tages von Potsdam“ eingegangen sowie ein kurzer Ablauf der Geschehnisse an diesem Tag dargelegt. Ein wesentlicher Aspekt der charismatischen Herrschaft nach Max Weber ist, wie im Folgenden noch näher beschrieben wird, die soziale Beziehung zwischen Charismatiker und Beherrschten. Dies wird bei der Auswahl der Quellen berücksichtigt, indem zum einem die Sichtweise der vermeintlichen Charismatiker durch die Reden Hindenburgs und Hitlers berücksichtigt wird sowiezum anderen Zeitungsartikel analysiert werden, da diese die Leitmedienzu Beginn der 1930er Jahren und dadurch meinungsbildend für einen großen Teil der Bevölkerung (Beherrschten) waren.Die ausgewählten Quellen werden unter dem Aspekt analysiert, welche Elemente/Versatzstücke charismatischer Herrschaft zu finden sind und welche Textpassagen eine Charismaübertragung nahelegen. Die vorliegende Hausarbeit kann nicht den Anspruch erheben zu analysieren, ob eine charismatische Herrschaft vorliegt oder nicht, da das Herrschaftskonzept der charismatischen Herrschaft ein Idealtypus darstellt, der in der Wirklichkeit nicht vorzufindenist. Nach der Analyse wird die kontextuale Rahmung mit einer Beschreibung der Auswirkungen des „Tages von Potsdam“ beendet und im Fazit die Ergebnisse der Analyse vorgestellt.

2 Charismatische Herrschaft

2.1 Merkmale charismatischer Herrschaft nach Max Weber

Im heutigen Sprachgebrauch ist unter Charisma das Prestige, Ansehen, die Popularität oder persönliche Begabung einer Person zu verstehen. Hiermit wird deutlich, dass der Begriff „Charisma“ an ein Individuum gebunden ist und diesem zugeschrieben wird.

Der Begriff „Charisma“ geht hierbei auf Max Weber zurück, der in seinem Monumentalwerk „Wirtschaft und Gesellschaft“, das heute zu den Standardwerken der Sozialwissenschaften gehört, den Begriff „Charisma“ prägte.[3] In diesem Zusammenhang ist „Charisma“ ein wesentlicher Bestandteil der charismatischen Herrschaft, die neben der legalen und traditionalen Herrschaft eines von drei Idealtypen legitimer Herrschaft darstellt. Unter Herrschaft versteht dabei Weber die „Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden“[4]. Hieran wird deutlich, dass für Weber Herrschaft eine soziale Beziehung zwischen Herrscher und Beherrschten ist. Bei der charismatischen Herrschaft nach Weber ist dabei das Charisma entscheidend, das nach Weber „eine als außeralltäglich[...] geltende Qualität einer Persönlichkeit heißen soll, um derentwillen sie als mit übernatürlichen oder übermenschlichen oder mindestens spezifisch außeralltäglichen, nicht jeden andern zugänglichen Kräften oder Eigenschaften[begabt] oder als gottgesandt oder als vorbildlich und deshalb als „Führer“ gewertet wird.“[5] Hierbei ist es laut Weber irrelevant, wie aus objektiver Perspektive die Herrschaft bewertet wird, da für die Bewertung der charismatischen Herrschaftdie Meinung der Beherrschten bzw. Anhänger entscheidend ist.[6]

Hiermit wird deutlich, dass für Weber nicht das Charisma an sich im Zentrum seiner Untersuchung steht, sondern die soziale Beziehung zwischen Charismatiker (Führer) und den Beherrschten (Gefolgschaft). Damit diese soziale Beziehung zwischen Charismatiker und Beherrschten entstehen kann, ist die Bewährung des Charismatikers in krisenhaften Situationen entscheidend, wodurch die Beherrschten die Führungsrolle des Charismatikers anerkennen.[7] In diesem Zusammenhang ist es jedoch nicht entscheidend, ob der Charismatiker die krisenhafte Situation wirklich meistert, sondern, dass die Beherrschten an seine außeralltäglichen Fähigkeiten glauben.

Diese krisenhafte Situation, die auf politischer, ökonomischer oder auch religiöser Ebene vorliegen kann, ist somit der Ausgangspunkt einer charismatischen Herrschaft.[8] Aufgrund dieser Situation kommt es „aus der Außerordentlichen geborenen Erregung“[9] schließlich zu einer „Hingabe an das Heroentum gleichviel welchen Inhalts“.[10] Die Aufgabe des Charismatikers ist es die krisenhafte Situation zu überwinden, wodurch „eine aus Begeisterung oder Not und Hoffnung, ganz persönliche Hingabe“[11] entsteht. Hierbei erfolgt bei den Beherrschten „eine Umformung von innen her [...] unter völliger Neuorientierung aller Einstellungen zu allen Lebensformen und zur Welt überhaupt.“[12] Die charismatische Herrschaft ist laut Weber labil, da der Charismatiker sich bewähren muss und er darauf angewiesen ist, dass seine Führung Wohlergehen für die Beherrschten bewirkt.[13] Laut Weber ist das Schicksal des Charismas „durchweg mit dem Einströmen in die Dauergebilde des Gemeinschaftshandelns zurückzuebben zugunsten der Mächte entweder der Tradition oder der rationalen Vergesellschaftung“[14] geprägt. Hierbei gibt es nach Weber drei wesentliche Gründe für eine „Veralltäglichung“ und somit einer Beseitigung der charismatischen Herrschaft:

1. Das ideelle oder auch materielle Interesse der Anhängerschaft an der Fortdauer und steten Neubelebung der Gemeinschaft.
2. Der unvermeidlichen Notwendigkeit, die Herrschaft an die normalen Alltagserfordernisse und -bedingungen einer Verwaltung anzupassen.
3. Der Unvermeidbarkeit der Anpassung an ökonomische Zwänge. Konkreter Anlass für den Übergang zur Veralltäglichung ist häufig die Frage der Nachfolgeregelung.[15]

Das Problem der Nachfolgeregelung kann dabei nach Weber gelöst werden, indemder ursprüngliche Charismaträger einen Nachfolger bestimmt, die charismatisch qualifizierte Gefolgschaft einen Nachfolger bestimmt oder durch Vererbung.[16]

Die oben beschriebenen Merkmale sind Idealtypen charismatischer Herrschaft. Daher folgt, dass das Herrschaftskonzept der charismatischen Herrschaft ein Instrument für Erkenntnisgewinn ist und nicht als Beschreibung der Wirklichkeit dienen kann. Diese Gegebenheit wird bei der folgenden Analyse berücksichtigt.

2.2 Weiterentwicklung der charismatischen Herrschaft nach Weber

Das Konzept der charismatischen Herrschaft nach Max Weber wurde von den Geschichtswissenschaften aufgegriffen und diente dabei häufig als Erklärungsansatz für den Aufstieg des Nationalsozialismus in den 1930er Jahren und insbesondere dieWirkung ihresFührers Adolf Hitlers.

Einen maßgeblichen Anteil an der Weiterentwicklung der charismatischen Herrschaft nach Weber hatte der Historiker Rainer M. Lepsius (†2014). Hierbei führte er die Begriffe latente charismatische Situation und manifeste charismatische Situation in den fachwissenschaftlichen Diskurs ein, um den Aufstieg des Nationalsozialismus zu erklären. Er knüpft dabei an die Ausgangsbedingung, der krisenhaften Situation, an, die nach Weber gegeben sein muss, damit charismatische Herrschaft entstehen kann.[17] Der Begriff „latente charismatische Situation“ beschreibt dabei die Bereitschaft der Anhänger „sich im Glauben an ein Charisma einer direkten persönlichen Herrschaft zu unterwerfen.“[18] Nach Lepsius habe die latente charismatische Situation eine kulturelle und eine soziale Dimension.[19] Die kulturelle Dimension beinhalte dabei nach Lepsius „die Vorstellung, transzendentale Mächte würden das Schicksal des Menschen direkt beeinflussen und sich in der Eigenschaften eines Menschen repräsentieren.“[20] Lepsius sieht dabei insbesondere in der deutschen Kultur diese Vorstellung als sehr ausgeprägt, da hier die Hoffnung der Bevölkerung an starke Persönlichkeiten gebunden sei.[21]

Die soziale Dimension ist dabei nach Lepsius die konkrete Wahrnehmung einer Krise innerhalb einer Gesellschaft. Als Beispiele führt er in diesem Kontext die Inflation von 1923 und die Weltwirtschaftskrise nach 1929 an, die ein idealer Nährboden für die Herausbildung einer charismatischen Herrschaft darstelle. Nach 1930 seien laut Lepsius die Voraussetzungen für die Errichtung einer charismatischen Herrschaft vorhanden.[22] Damit aus einer latent charismatischen Situation eine manifeste charismatische Situation werde, muss eine Persönlichkeit auftreten, „die verspricht, die Krise zu überwinden, und dafür Glaubwürdigkeit gewinnt“[23]. Dies war laut Lepsius Adolf Hitler, der einen Weg aufzeigte, die Krise zu überwinden, indem er „den Nationalsozialismus als die einzige Alternative zum Chaos stilisierte.“[24]

Der Historiker Ludolf Herbst ist dagegen der Meinung, dass „Hitler gemeinsam mit einem kleinen Kreis von Gefolgsleuten die Legende des charismatischen Führers erfand, um die messianischen Erwartungen der Menschen im Deutschland der krisengeschüttelten Zwischenkriegszeit für die NSDAP nutzbar zu machen“[25]. Vielmehr sei durch die geschickte Propaganda das „Image“ eines charismatischen Führers errichtet worden, wie beispielsweise die Wahlkämpfe 1930 und 1932 zeigen würden, da diese auf die Organisationstruktur zurückzuführen seien und mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten Rundfunk und Film geeignete Mittel waren, um diesen Effekt zu verstärken.[26]

Mit dieser These widerspricht er beispielsweise dem Historiker Ian Kershaw, der die soziale Beziehung zwischen Charismatiker und Beherrschten in den Vordergrund seiner Untersuchung stellt und sich dadurch an die Herrschaftskonzeption nach Weber anlehnt.[27]

3 Die These Pytas

Wie in der Einleitung erläutert, formuliert der Stuttgarter Historiker Wolfram Pyta in seinem Beitrag „Paul von Hindenburg als charismatischer Führer der deutschen Nation“ in dem Sammelband „Charismatische Führer der deutschen Nation“ die These, dass es am „Tag von Potsdam“ zu einer symbolischen Charismaübertragung von Hindenburg an Hitler gekommen sei. Das Charisma des Generalfeldmarschalls und späteren Reichspräsidenten Hindenburgs liege hierbei in der gewonnen Schlacht bei Tannenberg im Zuge des Ersten Weltkrieges begründet.[28] Durch geschickte Selbstinszenierung und Fremdzuschreibung durch große Teile der Bevölkerung, die sich nach einer charismatischen Führungsperson gesehnt hatten, da Kaiser Wilhelm II. im Zuge des Ersten Weltkrieges immer mehr in den Hintergrund gedrängt wurde, konnte sich Hindenburg laut Pyta bereits zu Lebzeiten zum Mythos zu stilisieren.[29] Dieser Mythos nutze Hindenburg auch bei seiner zweiten Karriere als Reichpräsident von 1925–1934, da „Hindenburgs Ausstrahlungskraft weit über die Grenzen des bürgerlich-konservativ-protestantischen Lagers hinaus reichte, was ihm letztlich zum Sieg verhalf.“[30] Mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus und der schlussendlichen Ernennung Hitlers zum Reichskanzlers habe Hindenburg anerkannt, dass sein Charisma nur geborgt war, dass es zu wesentlichen Teilen auf einer Fremdzuschreibung durch die deutsche Gesellschaft beruhte und daher ein viel zu zerbrechliches Gut war, als dass er eine existenzielle Krisensituation mit dessen Einsatz hätte meistern können.“[31] Der „Tag von Potsdam“ stelle somit einen weiteren Schritt zur Charismaübertragung dar.

[...]


[1] PYTA, Wolfram: Paul von Hindenburg als charismatischer Führer der deutschen Nation, in: Möller, Frank (Hrsg.). Charismatische Führer der deutschen Nation, München 2004, S. 144. Künftig zitiert als: PYTA, Hindenburg.

[2] Vgl. hierzu: HEUER, Andreas: 21. März 1933: Der Tag von Potsdam, in: Ebd. (Hrsg.). Die Machtübertragung an Hitler. Eine Rekonstruktion anhand von Zeitungsartikeln und Dokumenten, Berlin 2015, S. 345–374.

[3] WEBER, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie, Tübingen 1972, S. 28. Künftig zitiert als: WEBER, Wirtschaft und Gesellschaft.

[4] WEBER, Wirtschaft und Gesellschaft, S. 28.

[5] Ebd., S. 140.

[6] Ebd., S. 140.

[7] Ebd., S. 140.

[8] Ebd., S. 661.

[9] Ebd. S.669.

[10] Ebd., S. 661.

[11] Ebd., S. 140.

[12] Ebd., S. 142.

[13] Ebd., S. 140.

[14] Ebd., S. 681.

[15] Ebd., S. 663.

[16] Ebd., 663–664.

[17] Vgl. S. 2.

[18] LEPSIUS, Rainer: Demokratie in Deutschland. Soziologisch-historische Konstellationsanalysen. Göttingen 1993, S. 100.

[19] Ebd., S.100.

[20] Ebd., S. 100.

[21] Vgl. hierzu. Ebd. S. 100. Lepsius führt hierbei als Beispiele Friedrich II. und Bismarck an.

[22] Ebd., S. 101.

[23] Ebd., S. 101.

[24] Ebd., S. 102.

[25] HERBST, Ludolf: Hitlers Charisma: Die Erfindung eines deutschen Messias, Frankfurt am Main 2011. S. 14.

[26] Ebd., S. 150–155.

[27] Vgl. Hierzu: KERSHAW, Ian: Der Hitler-Mythos. Führerkult und Volksmeinung, Stuttgart 1999.

[28] PYTA, Hindenburg, S. 112.

[29] Ebd., S. 117–122.

[30] Ebd., S. 136.

[31] Ebd., S. 141.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Der „Tag von Potsdam“ und die Charismaübertragung an Hitler
Untertitel
Max Webers Begriff "charismatischer Herrschaft"
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,6
Autor
Jahr
2016
Seiten
26
Katalognummer
V340551
ISBN (eBook)
9783668300033
ISBN (Buch)
9783668300040
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
potsdam, charismaübertragung, hitler, webers, begriff, herrschaft
Arbeit zitieren
Max Müller (Autor), 2016, Der „Tag von Potsdam“ und die Charismaübertragung an Hitler, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340551

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