Die aktuelle Bedeutung des Dekalogs nach Ulrich Kühn. Welchen Gehalt hat der Dekalog noch für das Christentum?


Hausarbeit, 2016

11 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Bedeutung der einzelnen Gebote des Dekalogs
1.1 Das erste Gebot:
1.2 Das zweite Gebot:
1.3 Das dritte Gebot:
1.4 Das vierte Gebot:
1.5 Das fünfte Gebot:
1.6 Das sechste Gebot:
1.7 Das siebte Gebot:
1.8 Das achte Gebot:
1.9 Das neunte und zehnte Gebot:

2. Frage nach der Allgemeingültigkeit des Dekalogs für das Christentum
2.1 Der Dekalog – ein Gesetzbuch nur für die Juden?
2.2 Wird der Dekalog durch das Neue Testament außer Kraft gesetzt?

3. Die bleibende Bedeutung des Dekalogs

4. Schlussbemerkungen

5. Literatur:

Primärliteratur:

Bibelausgabe:

Zusätzlich verwendete Literatur:

Einleitung

Immer wieder begegnet man der Meinung, dass die Zehn Gebote[1], auch Dekalog (altgr. δεκάλογος) genannt, nicht mehr der heutigen Zeit entsprechen. Infolgedessen wird in anderen Bereichen nach einer Orientierung für das eigene Leben gesucht. Die Gebote und Verbote des Dekalogs werden vermutlich oft abgelehnt, weil diese in der Vergangenheit oft als „Moralkeule“ missbraucht wurden.[2] Auch Eugen Drewermann stellt in seinem Kommentar „Die Zehn Gebote. Zwischen Weisung und Weisheit“ fest, dass die Menschen nicht durch von außen herangetragene Gesetze geordnet werden können.[3]

Jedoch gibt es auch die Sichtweise, dass durch den Dekalog vielmehr Freiheit und Leben geschaffen werden soll. Dies lässt sich bereits an den Titeln einiger Werke veranschaulichen, die den Dekalog kommentieren und aktualisieren. Exemplarisch seien die Werke „10 Gebote Reloaded: Wegweiser zum geglückten Leben“[4], „Freiheit und Weisung“[5] und „Wegweisung der Freiheit“[6] genannt.

Auch der Theologe Ulrich Kühn (* 16. März 1932 Halle (Saale); † 29. November 2012 in Leipzig) beschäftigt sich in seinem Buch „Du sollt, du kannst, du darfst. Die Zehn Gebote erklärt“ mit der Frage, ob und inwieweit der Dekalog den Menschen Regeln aufzwingt oder Freiheit bietet.[7]

Sein Buch entstand in Anlehnung an eine seiner Vorlesungsreihen an der kirchlichen Hochschule in Leipzig im Jahr 2004. In seinem Nachwort betont der Autor, dass seine Auslegung nicht den Anspruch einer wissenschaftlichen Abhandlung erhebt. Stattdessen möchte er die gegenwärtige Bedeutung des Dekalogs sichtbar machen, um daraus eine ethische Grundorientierung abzuleiten.[8]

In dieser Arbeit soll herausgearbeitet werden, auf welche Weise Ulrich Kühn den Dekalog aktualisiert und seine Verfahrensweise geprüft werden. Zu diesem Zweck werden die Untersuchungen von Kühn an den einzelnen Geboten kurz nachgezeichnet. Für Bibelzitate wird die Lutherübersetzung von 1984 verwendet.[9] Im zweiten Teil wird der Frage nachgegangen, inwieweit der Dekalog für das Christentum nach Ulrich Kühn heute noch allgemeine Gültigkeit besitzt. Die Ergebnisse werden abschließend gebündelt und die Vorgehensweise von Kühn kommentierend nachvollzogen.

1. Bedeutung der einzelnen Gebote des Dekalogs

1.1 Das erste Gebot:

Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. (Ex. 20,2-3)

Das erste Gebot bringt nach Ulrich Kühn das Bundesverhältnis zwischen Gott und seinem Volk zum Ausdruck, das für alle Gebote des Dekalogs zu berücksichtigen ist.[10] Durch Martin Luther erfuhr das erste Gebot seiner Meinung nach eine Bedeutungserweiterung. Nicht nur die Befreiung aus Ägypten und das Bekenntnis zum Schöpfergott werden bei Martin Luther als Grundlage für die Gebote angesehen. Auch das „Heilshandeln Gottes in Christus“ gehört für ihn dazu.[11] Dadurch werde der Mensch individuell angesprochen. Im Kleinen Katechismus legt Martin Luther das erste Gebot des Dekalogs folgendermaßen aus: „Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen.“[12] Auch die jeweilige Auslegung der Gebote des Dekalogs lässt er mit der Einleitungsformel „Wir sollen Gott fürchten und lieben“ beginnen. Die Erfüllung der einzelnen Gebote werden für ihn somit zum „Ausdruck der Ehrfurcht vor Gott und der Liebe zu Gott“.[13]

Ulrich Kühn sieht in dem Gebot speziell eine befreiende Zusage Gottes zu seinem Volk. Aus dieser Zusage erwächst für ihn aber auch die Verpflichtung sich nicht an andere Götter zu wenden.[14] Das schließe nicht nur andere Gottheiten aus, sondern auch alles, an was sich der Mensch in seinem Leben orientiere. Als Beispiele könne die Orientierung an Geld, Lebensstandards oder Ansehen genannt werden. Alle diese Dinge seien Gott unterzuordnen.[15]

1.2 Das zweite Gebot:

Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen (…). (Ex. 20,4)

Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen. (Ex. 20,7)

Nach Ulrich Kühn litt schon das erwählte Volk Israel unter der Unverfügbarkeit Gottes. Stattdessen wünschtees sich seiner Meinung nach einen greifbaren Gott, dessen Präsenz es mit seinen Sinnen vergegenwärtigen konnte.[16] In der Erzählung vom goldenen Kalb (Ex. 32,1-7) sieht Ulrich Kühn dieses menschliche Bedürfnis veranschaulicht. Nach ihm wendet sich das zweite Gebot gerade gegen dieses Bedürfnis. Gott sei nach menschlichen Maßstäben nicht zu begreifen und könne und dürfe somit nicht auf ein Bild reduziert werden.[17] Dies gelte auch für Jesus Christus. Auch das Geheimnis um ihn müsse anerkannt werden.[18]

Im Alltag den Namen Gottes auszusprechen (Bsp. „O Gott“, „Gott sei Dank“) sieht der Autor als unproblematisch an, weil auf diese Weise Gott auch im Alltag vergegenwärtigt werde. Den Namen Gottes auszusprechen sei somit nicht verboten, wenn man durch ihn etwas Gutes wie z.B. ein Lob oder eine Bitte ausdrücken möchte. Der leichtfertige Umgang sei jedoch verboten, damit Gottes Name nicht durch Flüche, Verwünschungen oder Ähnliches missbraucht werde.[19]

1.3 Das dritte Gebot:

Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligest. (Ex. 20,8)

Der Sonntag unterbricht nach Ulrich Kühn die alltägliche Arbeit und sorgt somit für einen regelmäßigen Wechsel zwischen Arbeit und Ruhe. Der Autor spricht hier von einem sogenannten „Gebot des Faulenzens“.[20] Der Sonntag ist für ihn demnach eine Zeit zum Innehalten. Jedoch ist der Feiertag seiner Meinung nach nicht allein zum Faulenzen und Ausruhen gedacht. Ulrich Kühn führt hier Martin Luther an, welcher die Feier des Gottesdienstes in den Fokus rückt. Demnach diene der Feiertag allein der Gottesverehrung.[21] Nach Ulrich Kühn sollte an diesem Feiertag jedoch auch an die Auferstehung Jesu gedacht und erinnert werden.[22]

1.4 Das vierte Gebot:

Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird. . (Ex. 20,12)

Ursprünglich galt dieses Gebot als eine Art Generationsvertrag, welcher die Kinder verpflichtete sich um ihre alternden Eltern zu sorgen und ihnen ein ausreichendes Auskommen zu ermöglichen.[23] Auch heute noch sollen die Kinder nach Ulrich Kühn ihren älter werdenden Elten fürsorglich und respektvoll begegnen. In Anlehnung zu Luther sieht der Autor allerdings auch die Eltern in der Pflicht den Respekt ihrer Kinder durch verantwortungsvolle Erziehung zu verdienen.[24] Der Respekt gegenüber den Eltern ist für ihn somit nicht bedingungslos.

Auf diese Weise setzt er dem Gebot realistische Grenzen, damit es nicht als Belastung erfahren wird. Er steht mit dieser Meinung nicht allein. Auch Ernst Michael Dörfuß sieht in dem vierten Gebot eine gegenseitige Fürsorge verankert.[25] Ulrich Kühn überträgt die Rolle der Eltern auf die Rolle von Autoritäten und Personen in Führungspositionen. Auch diese haben sich seiner Meinung nach ihres Amtes als würdig zu erweisen. Wenn diese ihre Pflichten vernachlässigten oder missachteten, sei es deshalb erlaubt diese zu kritisieren und im Extremfall gegen sie zu protestieren.[26]

1.5 Das fünfte Gebot:

Du sollst nicht töten. (Ex. 20,13)

Ulrich Kühn stellt fest, dass das Tötungsverbot sowohl im Alten als auch im Neuen Testament gewissen Grenzen unterliegt. So wird im Alten Testament der Totschlag verboten. Jedoch gilt das nicht für die Ausführung von Todesstrafen oder das Töten im Krieg.[27] Im Neuen Testament wird in der sogenannten ersten Antithese der Bergpredigt das Tötungsverbot noch verschärft(vgl. Mt. 5,21).[28] Selbst Zorn und Hass werden hier mit dem Tötungsverbot in Verbindung gebracht.

Allerdings bleibt das „politische Mandat der Vergeltung“ bestehen, das im Grenzfall auch Tötungen legitimiert.[29]

[...]


[1] Zwei Fassungen mit kleinen Abweichungen: Exodus 20,1-17 und Deuteronomium 5,6-21

[2] Notker Wolf/ Matthias Drobinski: Regeln zum Leben. Die zehn Gebote – Provokation und Orientierung für heute, Freiburg 2008.

[3] Vgl. Eugen Drewermann: Die Zehn Gebote. Zwischen Weisung und Weisheit, Düsseldorf 2006.

[4] Erwin Bader: 10 Gebote Reloaded: Wegweiser zum geglückten Leben, Wien 2010.

[5] Peter Köster: Freiheit und Weisung. Die Zehn Gebote mit Erläuterungen für Glaubende und Suchende, Gnadenthal 2007.

[6] Jan Milic Lochman: Wegweisung der Freiheit. Abriss der Ethik in der Perspektive des Dekaloges, Gütersloh 1979.

[7] Vgl. Professorenkatalog der Universität Leipzig, unter: ttps://www.unileipzig.de/unigeschichte/professorenkatalog/leipzig/Kuehn_1219/ (abgerufen am 05.06.2016).

[8] Vgl. Ulrich Kühn: Du sollst, du kannst, du darfst …. Die Zehn Gebote erklärt, Leipzig 2005, 169.

[9] Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984, Stuttgart 1984.

[10] Vgl. Ulrich Kühn: Du sollst, du kannst, du darfst …. Die Zehn Gebote erklärt, Leipzig 2005, 160.

[11] Ebenda, 161.

[12] Ebenda, 30.

[13] Ebenda, 161.

[14] Vgl. ebenda, 25.

[15] Vgl. ebenda, 32.

[16] Vgl. ebenda, 38.

[17] Vgl. ebenda, 36.

[18] Vgl. ebenda, 40.

[19] Vgl. ebenda, 44.

[20] Ulrich Kühn: Du sollst, du kannst, du darfst …. Die Zehn Gebote erklärt, Leipzig 2005, 58.

[21] Vgl. ebenda, 53.

[22] Vgl. ebenda, 60.

[23] Vgl. ebenda, 64.

[24] Vgl. ebenda, 73.

[25] Vgl. Ernst Michael Dörfuß: „Magna Charta der Verantwortung vor Gott und den Menschen. Der Dekalog in christlicher Perspektive“, unter: http://www.imdialog.org/bp2010/01/05.html (abgerufen am 29.07.2016).

[26] Vgl. Ulrich Kühn: Du sollst, du kannst, du darfst …. Die Zehn Gebote erklärt, Leipzig 2005, 74.

[27] Vgl. ebenda, 77.

[28] Vgl. s.o.

[29] Ulrich Kühn: Du sollst, du kannst, du darfst …. Die Zehn Gebote erklärt, Leipzig 2005, 78.

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Details

Titel
Die aktuelle Bedeutung des Dekalogs nach Ulrich Kühn. Welchen Gehalt hat der Dekalog noch für das Christentum?
Autor
Jahr
2016
Seiten
11
Katalognummer
V340607
ISBN (eBook)
9783668301337
ISBN (Buch)
9783668301344
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bedeutung, dekalogs, ulrich, kühn, welchen, gehalt, dekalog, christentum
Arbeit zitieren
Lukas Jäger (Autor), 2016, Die aktuelle Bedeutung des Dekalogs nach Ulrich Kühn. Welchen Gehalt hat der Dekalog noch für das Christentum?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340607

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