Über das kulturelle Kapital und das soziale Kapital als Grundlagen von Sozialisation


Hausarbeit, 2004
22 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

1. Gliederung

2. Einleitung

3. Hauptteil
3.1 Die Kapitalien (nach Pierre Bourdieu)
3.1.1 Das kulturelle Kapital
3.1.2 Das soziale Kapital
3.1.3 Das ökonomische Kapital
3.2 Zur Sozialisation
3.3 Über den Erwerb und den Stellenwert der Kapitalien
3.4 Über die Nutzung der Kapitalien

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis

2. Einleitung

In dieser Ausarbeitung „Über das kulturelle Kapital und das soziale Kapital als Grundlagen von Sozialisation“ möchte ich die Theorie über die Kapitalarten von Bourdieu in eine Diskussion über Sozialisation einbringen. Meiner Ansicht nach sind die Theorien der Sozialisation unweigerlich verknüpft mit dem Konzept der Kapitalien, nur leider viel zu wenig diskutiert. Dies liegt sicherlich in den unterschiedlichen Ansatzpunkten beider Theorien. Während die Sozialisationstheorien grundlegend von einem motivierten selbstständigen handelnden Individuum ausgehen, spricht Bourdieu den Reproduktionsstrategien des sozialen Raumes und den somit auferlegten strukturellen Einschränkungen der Handlungsmotive einen höheren Stellenwert zu. Jedoch gerade die Theorie der Kapitalien beschreibt eine unweigerliche Verknüpfung zur Sozialisationstheorie von George Herbert Mead durch die Prozesse des Erwerbs und der Nutzung der einzelnen Kapitalarten.

Im ersten Absatz steht demzufolge die Klärung der Kapitalarten im Vordergrund. Ohne eine klare und theoretisch logisch schlüssige Darstellung der Theorie der Kapitalien nach Bourdieu wäre der Versuch, eine Brücke zu schlagen in die allgemein anerkannten Sozialisationstheorien, ein sinnloses Unterfangen.

Im Abschnitt 3.2. „Zur Sozialisation“ möchte ich nach einer kurzen Begriffsklärung schon anfänglich in das Thema der Ausarbeitung einsteigen. Es soll schon einmal in diesem Abschnitt geklärt werden, welche Rolle die Kapitalien innerhalb der einzelnen Sozialisationsphasen spielen könnten, ohne dabei in direkter Art auf den Begriff der Kapitalien einzugehen. Ein Hauptaugenmerk liegt sicherlich in der Darstellung der einzelnen Sozialisationsphasen und den Einflussmöglichkeiten durch direkte und indirekte soziale Kontakte innerhalb dieser. Weiterhin werde ich mich bemühen, die sozialen Kontakte zur Kapitalübermittlung genauer zu bestimmen und diese sozialisationstheoretisch zu erklären. Der wichtigste Punkt dieses Absatzes ist sicherlich die Diskussion und der Versuch einer Klärung über die Selbstbestimmung der einzelnen Individuen. Gerade das hoch gelobte Individualisierungstheorem von Ulrich Beck soll einmal genauer unter den Gesichtspunkten der Sozialisation hinterfragt werden.

In dem darauf folgenden Absatz „Über den Erwerb und den Stellenwert der Kapitalien“ wird es mir hauptsächlich um die Akkumulation und Transformation von Kapitalien in den einzelnen Lebensphasen gehen. An dieser Stelle wird zu klären sein, welche Kapitalarten ein Individuum in welcher Lebensphase erwirbt, durch wen diese vermittelt werden und natürlich auch in Ansätzen, welchen Stellenwert diese in seiner weiteren Entwicklung einnehmen werden. Gerade in punkto Moralvorstellungen und Lebensplanung werden sich einzelne Kapitalarten als sehr wichtig erweisen. Dort wird es auch interessant im Bezug auf den Habitus eines Menschen und der Möglichkeit deren Veränderung oder Verstärkung.

Der die Diskussion schließende Absatz „Über die Nutzung der Kapitalien“ wird ebenfalls innerhalb aller Lebensphasen beleuchtet werden. Schwerpunkte hierbei werden jedoch die Nutzung in den Phasen ab der Tertiärsozialisation sein, insbesondere im Alltag und der Arbeitswelt. Die Kapitalarten werden sich in Punkto Bildung als durchaus lebensbestimmender Faktor erweisen. Es wird sich zeigen, dass ohne eine ausreichende Kapitalakkumulation in den frühen Lebensphasen ein Leben nach dem heutigen allgemeingültigen und gesellschaftlich anerkannten Ideal nur mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit zu führen ist.

Auf Grund der doch sehr kurzen Ausarbeitungszeit und dem damit verbundenen verkürzten Darstellungspotential muss ich einige durchaus interessante Themen nur sehr abstrakt bearbeiten. Ich werde somit nicht genauer auf die unterschiedlichsten sozialisationstheoretischen Ansätze eingehen, welche zudem noch in einer historischen Sicht bearbeitet werden könnten. Auch die genauere Betrachtung der einzelnen Lebensphasen könnte ausführlicher sein, insbesondere die Phase der Postadoleszenz. Selbst bei der Darstellung der Kapitaltheorie könnte man noch andere Theoretiker anführen oder zumindest näher auf die Humankapitaltheorie eingehen. Auch die Frage nach der näheren Darstellung der einzelnen Milieus, welche eine sehr hohe Bedeutung für die Sozialisation und der Mengen der einzelnen vorhandenen Kapitalarten haben, wird nicht ausreichend beleuchtet werden können.

Ich bitte noch zu beachten, dass meine folgenden Ausführungen größtenteils Interpretationen der Theorien sind und diese nicht allumfassend behandeln sollen. Jegliche Ausführungen beziehen sich nahezu ausschließlich auf den Aspekt der Kapitalarten innerhalb der Sozialisationsprozesse, ob nun im Bereich des Erwerbs oder der Nutzung der einzelnen Kapitalarten in den entsprechenden Lebensabschnitten.

3. Hauptteil

3.1 Die Kapitalien (nach Pierre Bourdieu)

In diesem Kapitel meiner Ausarbeitung möchte ich auf die Grundlagen eingehen, welche die anfolgende Diskussion bestimmen sollen. Die folgenden aufgeführten Kapitalien stammen natürlich nicht ausschließlich aus der Feder Pierre Bourdieus, jedoch sollen seine Darstellungen mir als Ausgangspunkt dienen, da sie meiner Meinung nach sehr schlüssig sind. Es handelt sich bei ihm nicht nur um einen Theoretiker, sondern um einen Sozialwissenschaftler, der Zeit seines Lebens mit sehr viel Engagement versucht hat die empirische Welt zu erforschen.

„Kapital ist akkumulierte Arbeit, entweder in Form von Material oder in verinnerlichter inkorporierter Form.“ (Bourdieu 1992, S.: 49) Kapital ist folglich all das, was man ererbt oder sich erarbeitet hat, denn es kann ebenso produziert wie reproduziert werden. Weiterhin „…ist Kapital eine Kraft, die den objektiven und subjektiven Strukturen innewohnt; gleichzeitig ist das Kapital … auch grundlegendes Prinzip der inneren Regelmäßigkeiten der sozialen Welt.“ (Bourdieu 1992, S.: 49) Es scheint so, als wäre nicht jedem immer alles möglich, da auf Grund der ererbten Kapitalien ein gewisser Habitus jedem Individuum im sozialen Raum von Geburt an zugesprochen scheint und somit die Startposition ins Leben jedes Einzelnen aufzeigt. Dieser Habitus wird sich auch durch die Inkorporation innerhalb der Primärsozialisation verhärten und das Handlungs- und Haltungspotential jedes Einzelnen begrenzen und somit in gewisser Weise auch die Startbedingungen ungleich verteilen.

Sein Ansatz zu den Kapitalformen innerhalb einer Gesellschaft dient sicherlich primär der Aufdeckung von Mechanismen der Produktion und Reproduktion von Machtstrukturen im sozialen Raum, jedoch möchte ich in einem späteren Absatz zeigen, dass dieser sich ebenfalls vorzüglich für die Bearbeitung des Themas der Sozialisation innerhalb und außerhalb von Institutionen eignet. Folgendes soll vorläufig als eine kurze Einführung in die Thematik und eher eine Darstellung sein aber sich schon direkt auf die erkenntlichen sozialisationsspezifischen Ausführungen konzentrieren.

3.1.1 Das kulturelle Kapital

Das kulturelle Kapital umfasst jedes Wissen eines Individuums zu dem auch die heutzutage oft diskutierten Kompetenz und natürlich auch deren Anerkennung, Anwendung und Reflektion ob nun im Alltag in der Familie oder im Beruf. Selbst der Umgang mit anderen Menschen, also die soziale Kompetenz, gehört zum kulturellen Kapital und nicht wie es vielleicht vermuten ließe zum sozialen Kapital.

Das kulturelle Kapital wird bei Pierre Bourdieu in drei Untergruppen unterteilt. Es handelt sich hierbei um das inkorporierte Kulturkapital, das objektivierte Kulturkapital und das institutionalisierte Kulturkapital. Ich werde nun diese drei Untergruppen im Einzelnen erläutern, da diese für die Diskussion von großer und entscheidender Bedeutung sind.

Will man das inkorporierte Kulturkapital beschreiben, so kann man fast dieselbe Beschreibung anwenden, die man für das kulturelle Kapital an sich benutzen würde. Es handelt sich hierbei um jegliches Wissen und alle dazugehörigen Kompetenzen. Die einzige zusätzliche Eingrenzung, der es bedarf, ist der Hinweis, dass es sich hierbei um das ausschließlich körpergebundene Kulturkapital handelt und eine Verinnerlichung voraussetzt, aber nicht zwangsläufig allgemeiner Anerkennung bedarf. „ Das Delegationsprinzip ist hier ausgeschlossen.“ (Bourdieu 1992, S.: 55) Um es erwerben zu können bedarf es Zeit, welches das unumstößliche Bindeglied zwischen ökonomischen und kulturellen Kapital darstellt, „…aber auch eine Form von sozial konstruierter Libido…“ (Bourdieu 1992, S.: 55) Der wichtigste Faktor ist folglich Zeit. Dieser wirkt entlang des gesamten Lebens. Immer dann, wenn man etwas erlernen möchte, muss man Zeit opfern, oder wie es Bourdieu beschreibt: „…dass ein Individuum die Zeit für die Akkumulation von kulturellem Kapital nur so lange ausdehnen kann, wie ihm seine Familie freie, von ökonomischen Zwängen befreite Zeit garantieren kann.“ (Bourdieu 1992, S.: 59) Der zweite Faktor ist die konstruierte Libido, das Bedürfnis, das Interesse überhaupt Wissen aufnehmen zu wollen. Beide Faktoren sind sehr interessant im Hinblick auf die Prägung in der Primärsozialisation. Erstens: Ist die Familie, in der man aufwächst, überhaupt in der Lage, freie Zeit in Anspruch zu nehmen, um dem Kind die nötige Hilfestellung zur Kapitalakkumulation zu geben? Zweitens: Wie leben die Eltern ihrem Kind die libidinöse Beziehung zum Lernen vor? Hier zeigen sich schon erste Fragen, die später noch einmal aufgegriffen werden sollen.

Objektiviertes Kulturkapital wird ebenfalls durch zwei Faktoren bestimmt. Es setzt sowohl die materielle Aneignung als auch die symbolische Aneignung eines Gutes, z.B. eines Gemäldes oder einer Maschine, voraus. Materielle Aneignung erfolgt über die Investition in das vorhandene ökonomische Kapital, man kauft es sich. Um sich das entsprechende Gut auch symbolisch anzueignen, bedarf es dem Erwerb von inkorporiertem Kulturkapital. Entweder man muss in der Lage sein die Maschine selbst steuern zu können oder man beschäftigt jemanden, der dies für einen tut. Auch in der Übertragung von objektiviertem Kulturkapital werden beide Faktoren nötig. Es wird zwangsläufig notwendig, z. B. bei der Vererbung von kulturellen Gütern, dem Nachfolger sowohl die juristischen Eigentumsrechte zu übertragen, als auch die symbolische Wertschätzung des Gutes. Die Aneignung von objektiviertem Kulturkapital spielt in unserer Gesellschaft zum größten Teil die Rolle der Demonstration von Macht und Status, ob nun am kulturellen oder am ökonomischen Pol des sozialen Raumes. Weiterhin „…darf freilich nicht vergessen werden, dass das objektivierte Kulturkapital als materiell und symbolisch aktives und handelndes Kapital nur fortbesteht, sofern es von Handelnden angeeignet und in Auseinandersetzungen als Waffe und als Einsatz verwendet wird.“ ( Bourdieu 1992, S.: 61)

Das institutionalisierte Kulturkapital zeigt insbesondere sein Wesen durch die allgemeine Anerkennung dessen, was man mit ihm verbindet. Es ist jede Art von schulischem oder auch außerschulischem Bildungstitel, dem eine kulturelle Kompetenz zugesprochen wird, welche mit dem Erwerb dessen von den entsprechenden Institutionen sanktioniert und rechtlich garantiert wird. Durch den Erwerb eines solchen Titels wird eine Objektivierung des inkorporierten Kulturkapitals vollzogen. Das Risiko hierbei zeigt sich in der einmaligen Anerkennung von Wissen und Kompetenzen, welche dann lebenslang dem Inhaber unhinterfragt zugesprochen werden. Weiterhin wird eine Austauschbarkeit der Titelinhaber ermöglicht, was sicherlich im Interesse der Institutionen der Reproduktion der Arbeitskraft liegt, jedoch die tatsächlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten jedes einzelnen Titelträgers außer acht lässt. Der Vorteil für den Träger eines Titels ist hingegen, dass er oder sie ihr inkorporiertes Kulturkapital nicht ständig unter Beweiß stellen muss. Weiterhin sind mit dem Erwerb eines Titels soziale Positionen verknüpft, die einem Träger quasi zustehen und somit auch gesellschaftliche Anerkennung und ein spezifisches Einkommen garantieren sollen. „…die Bestimmung des kulturellen Wertes eines Titelinhabers (ist) im Vergleich zu anderen unauflöslich mit dem Geldwert verbunden, für den er auf dem Arbeitsmarkt getauscht werden kann; denn die Bildungsinvestition hat nur Sinn, wenn die Umkehrbarkeit der ursprünglichen Umwandlung von ökonomischem in kulturelles Kapital zumindest teilweise objektiv garantiert ist.“ ( Bourdieu 1992, S.: 62 f.) Hieraus kann man schon einmal schlussfolgern, dass die Institutionalisierung und Objektivierung des Wissens und der Kompetenzen, also dem inkorporierten Kulturkapital, für den Inhaber als einziges relevantes Merkmal in Frage kommt, um einen Zugang zur sozialen Welt und insbesondere zur Arbeitswelt genießen zu können, welcher sich nicht im untersten Bereich der sozialen Raumes befindet. Für die Gesellschaft ist der größte Nutzen des institutionalisierten Kulturkapitals die Vergleichbarkeit der Individuen durch die allgemeine Annerkennung der Titel welche sie innehaben.

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Über das kulturelle Kapital und das soziale Kapital als Grundlagen von Sozialisation
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Berufs- und Betriebspädagogik)
Veranstaltung
Bildungs- und Arbeitssozialisation
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
22
Katalognummer
V34064
ISBN (eBook)
9783638343879
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Aufgrund meines Zweitfaches Soziologie auch als sozialisationstheoretische Hausarbeit zu bewerten
Schlagworte
Kapital, Grundlagen, Sozialisation, Bildungs-, Arbeitssozialisation
Arbeit zitieren
Magister Artium Sebastian Klaus (Autor), 2004, Über das kulturelle Kapital und das soziale Kapital als Grundlagen von Sozialisation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34064

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