"Macht und Gewalt". Die Theorie der Macht bei Hannah Arendt


Referat (Ausarbeitung), 2008

4 Seiten, Note: 1.7


Leseprobe

Hannah Arendt: Macht und Gewalt

Hannah Arendt legt in ihrem Werk Macht und Gewalt (1970) eine politische Theorie der Begriffe Macht und Gewalt vor. Sie untersucht ihren historischen Bedeutungswandel und ihre gegenseitige Beziehung. Arendt definiert diese vielfach synonym gebrauchten Termini unterschiedlich und setzt sie sogar als Gegensätze zu einander. Sie will, dass Gewalt losgelöst von Macht als eigenständiges Phänomen betrachtet wird. Bis zu dem Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung macht sie an mehreren Beispielen deutlich, dass beide Begriffe synonym verwendet wurden, z. B. bei Max Weber, bei welchem die Staatsmacht, also die Existenz des Staates, auf Gewalt beruht, wobei Macht als ein Instrument der Herrschaft genutzt wird.

Arendt trennt diese beiden Begriffe also explizit und stellt folgende Unterschiede fest:

- Macht hängt von Zahlen ab vs. Gewalt, die bis zu einem gewissen Grad von Zahlen unabhängig ist
- Gewalt verlässt sich auf Werkzeuge, ist demnach Mittel zum Zweck vs. Macht, die immer Selbstzweck ist
- Macht: im Extremfall → Alle gegen Einen vs. Gewalt: im Extremfall → Einer gegen Alle (dies ist ohne Werkzeuge, also Gewaltmittel, eigentlich nie möglich)

Arendts’ These ist, dass in der Gesellschaft eine Unfähigkeit entstanden sei, Unterschiede zwischen Macht, Stärke, Kraft, Autorität und Gewalt zu sehen. Nach Arendts Meinung beruht dies auf der Unfähigkeit Wirklichkeiten zu sehen und zu unterscheiden.

Das traditionelle Machtverständnis, wie es auch bei Thomas Hobbes und Max Weber anzutreffen ist, geht demnach auf die politischen Staatsformen zurück, die seit der griechischen Antike auf der Welt existieren (Monarchie, Oligarchie, Aristokratie, Demokratie). Diese wirkungsmächtige Tradition politischen Denkens wurde nach Arendt durch das biblisch geprägte Verständnis noch verstärkt, welche den imperativen Charakter des Gesetzes noch mehr heraushebt.

Nach Arendt gibt es jedoch auch noch eine andere Tradition und ein ganz anderes Vokabular und demnach auch ein anderes Verständnis von Macht, auf die sie sich in ihrer Theorie bezieht: die athenische polis und die römische res publica in der Antike und die amerikanische Revolution in der Neuzeit. Hier werden Macht und Herrschaft nicht mit Gesetz und Befehl gleichgesetzt. Es ist nicht die Herrschaft des Menschen über den Menschen, der Gehorsam für ein Gesetz folgt eher aus der Zustimmung zu diesem Gesetz, und ist somit nicht fragloser, blinder Gehorsam. Diese offene Vereinbarung und Zustimmung nennt Arendt den Konsens. Im Gegensatz dazu kennzeichnet den fraglosen Gehorsam eine Art Infreiwilligkeit, daher wird dieser Gehorsam durch Gewalt erzeugt und besitzt keine Macht.

Arendt macht deutlich, dass das grundsätzliche Ziel der Revolutionäre im 18. Jahrhundert die „öffentliche Sache“, die res publica, war, also eine repräsentative Demokratie, in der eine Teilung der Gewalten stattfindet. Die Macht von Institutionen und Gesetzen kommt von der Unterstützung des Volkes, demnach also von „Zahlen“, den Massen von Zustimmenden. Dieser Art von Machtverständnis geht immer ein Konsens und eine Zustimmung voraus.

Arendts’ Definition der Macht könnte man also folgendermaßen zusammenfassen:

Macht ist demnach nicht nur die menschliche Fähigkeit zu handeln, sondern die Fähigkeit sich mit anderen Zusammenzuschließen und im Einvernehmen mit der Gruppe, also den Anderen, zu handeln. Macht ist immer im Besitz einer Gruppe, nie eines Einzelnen, und bleibt nur solange bestehen, wie auch die Gruppe besteht. Ein Mensch, der Macht hat, ist nach Arendts’ Auffassung nur durch die Gruppe er-„mächtigt“ in dem Sinne der Gruppe zu handeln.

Diese Macht kann auch Kennzeichen von Autorität annehmen.

Davon zu unterscheiden sind zum Einem:

- Stärke: kommt dem Einzelnen zu, ist eine individuelle Eigenschaft (eines Dinges oder einer Person) und kann der Macht der Vielen nicht Stand halten
- Kraft: dieser Begriff ist Arendts’ Auffassung nach den Naturkräften vorbehalten, die sich auf den Einzelnen auswirken können
- Autorität: nach Arendt der am schwersten zu fassende Begriff. Beschreibt die Eigenschaft einer Person. Persönliche Autorität in Beziehungen zu anderen Menschen bedarf nach Arendt weder Zwang noch Überredung, wird im tradierten Sprachgebrauch jedoch häufig als „fraglose Anerkennung“ benutzt.

Die gegensätzliche Position zum Arendt’schen Machtbegriff nimmt die Gewalt ein:

Gewalt ist durch einen instrumentellen Charakter gekennzeichnet, steht dem Begriff der Stärke noch am nächsten, denn Gewaltmittel dienen nach Arendt dazu, menschliche Stärke zu vervielfachen, zum Teil solange bis diese Gewaltmittel die menschliche Stärke ganz ersetzen.

Macht und Gewalt treten gewöhnlich kombiniert auf, reine Gewalt sei nur selten anzutreffen. Eine falsche Schlussfolgerung aus dieser Kombination sei jedoch, dass alle Begriffe auf das selbe hinausliefen. Die Versuchung, Macht an den Kategorien des Gehorchens und Befehlens zu orientieren, ist Arendts’ Meinung nach groß, daher auch so oft die Verwechslung mit Gewalt. In der Staatsmacht, als einen speziellen Fall von Macht, wird mit Gewalt etwas durchzusetzen immer mit einkalkuliert und oft als letzter Ausweg des Handelns betrachtet. Aus diesem Grund kann es so aussehen, als sein die Gewalt die Vorbedingung von Macht und Macht als eine Fassade hinter welcher sich Gewalt verbirgt. Gewalt sei immer instrumental und diene immer einem Zweck, wohingegen Macht (wie auch Friede) etwas „Absolutes“ sei und Selbstzweck ist. Wenn der Staat, wie Arendt ihn definiert, organisierte und institutionalisierte Macht ist, hat die Frage nach seinem „Endzweck“ keinen Sinn. Macht bedarf nach Arendt der Legitimität, Gewalt indessen kann nie legitim sein. Gewalt kann zwar Macht „vernichten“, jedoch keine Macht „erzeugen“.

Quelle:

Hannah Arendt. (1970) Macht und Gewalt. 18. Auflage. München: Piper Verlag GmbH.2008.

[...]

Ende der Leseprobe aus 4 Seiten

Details

Titel
"Macht und Gewalt". Die Theorie der Macht bei Hannah Arendt
Hochschule
Universität zu Köln  (Philosopisches Seminar)
Veranstaltung
Was ist Macht?
Note
1.7
Autor
Jahr
2008
Seiten
4
Katalognummer
V340660
ISBN (eBook)
9783668301535
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
macht, gewalt, theorie, hannah, arendt
Arbeit zitieren
Sina Klar (Autor), 2008, "Macht und Gewalt". Die Theorie der Macht bei Hannah Arendt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340660

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: "Macht und Gewalt". Die Theorie der Macht bei Hannah Arendt



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden