Der Titel dieser Arbeit „Reinigungen der Moderne“ läßt bewußt die Frage nach der Subjekt-Objekt-Beziehung der zwei Substantive offen: handelt es sich um Reinigungsvisionen, welche die Moderne entwirft oder vollzieht, indem sie sich von den vergangenen Epochen reinigen will, oder soll die Moderne selbst von gewissen Tendenzen gereinigt werden? Mit dieser Unklarheit steht der Titel zum einen in Verbindung zum aristotelischen Katharsissatz (bei dem dieselbe Beziehungsproblematik existiert), zum anderen spiegelt er die Frage dieser Arbeit, inwieweit Brechts Katharsiskritik und -alternativen als ein Agieren in der Moderne oder als Arbeit an der Moderne verstanden werden können.
Bertolt Brecht scheint im Lichte der klassischen Avantgarde als ein Außenseiter. Er hat sich keinen Ismus über seine Arbeiten gesetzt, sich keinem Verbund angeschlossen (auch nicht dem der kommunistischen Partei), er fällt zeitlich schon an das Ende der künstlerischen dynamischen Entwicklung, welche mit „klassische Avantgarde“ bezeichnet wird, und er ist durch seine Vielseitigkeiten ( als Regisseur, Dramatiker, Lyriker, Songwriter, Epiker, Philosoph, Theoretiker Musiker, Sänger) und Widersprüche schwer einordbar, eher schon ein Phänomen an sich. Doch um dieses Phänomen in seiner historischen Tragweite und Bedeutung zu entdecken, scheint es mir höchst interessant, die scheinbar gebrochenen Linien aufzuspüren, die ihn mit der avantgardistischen Moderne, mit den technizistischen Utopien, den Manifesten, welche das erste Drittel des letzten Jahrhunderts künstlerisch prägten, verbinden. Hierfür möchte ich meinen Blick auf Brechts Katharsisverständnis richten, mit dem er sich nicht nur von der avantgardistischen Moderne, sondern von einer 2300 Jahre alten Kunstgeschichte abzugrenzen trachtet, abzugrenzen scheint.
Wenn ich im folgenden von der klassischen Avantgarde und den modernen Utopien rede, verstehe ich darunter eine künstlerische Entwicklung, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts sich vehement von den vorigen Epochen abzugrenzen trachtet, das Geschichtsbewußtsein an sich neu definiert, die analog zum explosiven Ausbau der Städte entsteht und technizistische Utopien entwickelt, die sich in einem dynamischen fortschrittsfixierten Selbstbewußtsein begreift, bis hin zu differenten Vorstellungen eines utopischen Heilszustands.
Inhaltsverzeichnis
- Vorwort
- Beobachtung 1: Nietzsche und der antike Diskurs
- Beobachtung 2: Die klassische Avantgarde
- Die „Kritik der Einfühlung“
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Diese Arbeit befasst sich mit Brechts Katharsiskritik im Kontext der klassischen Avantgarde und der technizistischen Utopien der literarischen Moderne. Sie untersucht, wie Brechts Ansichten zur Katharsis und seine Alternative des epischen Theaters als Reaktion auf die künstlerischen und gesellschaftlichen Entwicklungen des frühen 20. Jahrhunderts verstanden werden können.
- Brechts Verhältnis zu Nietzsche und Aristoteles
- Die Kritik der Einfühlung und Brechts Ablehnung der aristotelischen Katharsis
- Das epische Theater als Alternative zur traditionellen Dramatik
- Brechts Position in der klassischen Avantgarde und seinen Bezug zu den technizistischen Utopien
- Die Rolle des Schreibstils in der Analyse und die Bedeutung von Brechts Werk im Kontext des 20. Jahrhunderts
Zusammenfassung der Kapitel
Die Arbeit beginnt mit einer Erörterung von Brechts Bezug zu Nietzsche und Aristoteles. Es wird gezeigt, dass Brecht zwar mit einigen Aspekten der avantgardistischen Moderne übereinstimmte, sich aber gleichzeitig von deren zentralen Strömungen abgrenzte, insbesondere von der Romantik und der Verehrung des Dionysischen bei Nietzsche.
Im Anschluss wird Brechts Kritik der Einfühlung und seine Ablehnung der aristotelischen Katharsis analysiert. Die Arbeit beleuchtet die spezifischen Argumente Brechts gegen die kathartische Wirkung des traditionellen Theaters und zeigt die Bedeutung der „Kritik der Einfühlung“ für Brechts Gesamtwerk.
Schlüsselwörter
Die Arbeit fokussiert auf Themen wie die Katharsiskritik, episches Theater, klassische Avantgarde, technizistische Utopien, Nietzsche, Aristoteles, Romantik, Einfühlung, und das Geschichtsbewußtsein der Moderne.
Häufig gestellte Fragen
Was kritisiert Bertolt Brecht an der aristotelischen Katharsis?
Brecht lehnt die "Einfühlung" ab, da sie den Zuschauer emotional einlullt. Er fordert stattdessen eine kritische Distanz, um gesellschaftliche Zustände veränderbar zu machen.
Was ist das "epische Theater"?
Es ist Brechts Alternative zum traditionellen Drama, das durch Verfremdungseffekte (V-Effekte) den Zuschauer zum Nachdenken und Handeln anregen soll, statt nur Mitleid und Furcht zu erzeugen.
Wie steht Brecht zur klassischen Avantgarde?
Brecht gilt als Außenseiter, der zwar technizistische Utopien der Moderne teilt, sich aber durch seine Vielseitigkeit und Ablehnung fester "Ismen" schwer einordnen lässt.
Welche Rolle spielt Nietzsche in dieser Analyse?
Die Arbeit untersucht Brechts Bezug zum antiken Diskurs und Nietzsches Verehrung des Dionysischen, von dem sich Brecht im Sinne einer rationaleren Moderne abgrenzt.
Was bedeutet der Titel „Reinigungen der Moderne“?
Er spielt auf die Katharsis (Reinigung) an und fragt, ob die Moderne sich von der Vergangenheit reinigt oder ob Brecht die Moderne selbst von gewissen Tendenzen reinigen wollte.
- Quote paper
- Heiko Michels (Author), 2003, Reinigungen der Moderne. Brechts Katharsiskritik im Spiegel der klassischen Avantgarde, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340729