Die Anomietheorie von Robert Merton als Erklärung der höheren Jugendkriminalitätsrate in unteren sozialen Schichten


Essay, 2015

12 Seiten, Note: 13


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Grundlagen
2.1 Die Anomietheorie
2.2 Devianz
2.3 Weitere begriffliche Grundlagen

3 Die Anomietheorie von Merton
3.1 Anomietheorie - Erklärung
3.2 Gründe für Kriminalität und Formen der Anpassung
3.3 Jugendkriminalität in unteren sozialen Schichten
3.4. Kritik an Mertons Theorie

4 Fazit

Quellenverzeichnis:

1 Einleitung

Das Essay soll auf die Frage eingehen, ob die Anomietheorie von Robert K. Merton eine Erklärung für die höhere Jugendkriminalitätsrate in unteren Sozialschichten darstellt. Jugendkriminalität ist ein ernst zu nehmendes Problem in der Gesellschaft, so dass ein breites Forschungsgebiet existiert, das versucht die Gründe für bestimmte Verhaltensmuster zu finden. Die vorliegende Arbeit möchte einen Einblick in die Anomietheorie von Merton geben, die einen viel diskutierten Ansatz zu diesem Thema darstellt. Um eine Beurteilung der Theorie vornehmen zu können, müssen einige begriffliche Grundlagen getroffen werden. Im ersten Teil wird deshalb erläutert, was unter Anomietheorie zu verstehen ist und, um ein umgreifendes Verständnis für die Theorie von Merton zu bekommen, wird der Soziologe vorgestellt. Im Folgenden wird das begrifflich-theoretische Gerüst erklärt, wobei die Begriffe Anomie, Devianz, Jugendkriminalität und Unterschicht definiert werden. Der Hauptteil beschäftigt sich mit der Präzisierung von Mertons Anomietheorie. Dabei werden vordergründig die fünf Anpassungstypen, Gründe für ein höheres Kriminalitätsrisiko in der Unterschicht und die Verbindung zwischen den Themen betrachtet. In einem abschließenden Teil erfolgt die Bewertung und Einordnung der Theorie und es werden Kritikpunkte an Mertons Theorie in Bezug zur Hauptfrage erläutert. Die Arbeit bezieht sich auf die überarbeitete Version des Werks Mertons Werk „Soziologische Theorie und soziale Struktur“, welches 1995 erschien.

2 Grundlagen

2.1 Die Anomietheorie

Eine Anomietheorie wurde erstmals von Emilé Durkheim durch seine Werke „Da la division du travail social“ (1893) und „Le suicide“ (1897) in der Soziologie etabliert. Robert K. Mertons Anomietheorie wurde 1938 formuliert und 1956 überarbeitet bzw. erweitert. Seitdem wurde die Theorie häufig weiterentwickelt, kritisiert und diskutiert. Sie beschäftigt sich vordergründig mit Devianz und versucht dafür eine sozialstrukturelle Erklärung zu suchen. Bis heute spielt sie in der Soziologie, wie auch in der Kriminologie eine wichtige Rolle. Sie umfasst makro- und mikrosoziologische Elemente, wobei Mertons Anomietheorie sich vor allem in den Bereich der Makrosoziologie einordnen lässt, jedoch zusätzlich auch direkte und implizite mikrosoziologische Theorien beinhaltet.1

Der US-amerikanische Soziologe Robert King Merton wurde am 05. Juli 1910 in Philadelphia unter dem bürgerlichen Namen Meyer Robert Schkolnick geboren und wuchs dort in einer Slumgegend auf. Bis zu seinem Tod am 23. Februar 2003 veröffentlichte er eine Vielzahl an bedeutenden Werken und Theorien. Seine Anomietheorie publizierte er erstmals 1938 in der Aufsatzsammlung „Social theory and social structure“ in dem Kapitel „Social Structure and Anomie“, welches sich mit der sozialstrukturellen Erklärung für sozial abweichendes Verhalten beschäftigt.2

In seiner ursprünglichen Bedeutung beschreibt Anomie einen Zustand der Norm- und Gesetzlosigkeit. Das heißt, dass Normen und Werte durch sozialen Wandel unwirksam werden und das Individuum die Beschränkungen, die ihm von der Gesellschaft auferlegt wurden, verliert. Dies führt zu Frustration, unerfüllten Bedürfnissen, Desorientierung und einer erhöhten Kriminalität.3 Zurückzuführen ist der Ausdruck auf das griechische Wort anomia, was übersetzt Gesetzlosigkeit bedeutet. In der Soziologie wurde der Begriff durch Èmile Durkheim eingeführt, der ihn von dem Philosophen Jean Marie Guyau entlehnte.4 Durch die Weiterentwicklung beschränkt sich das Verständnis des Begriffs nicht mehr darauf den Zustand der Normenlosigkeit auszudrücken, sondern auch auf eine „geistig-seelische Verfassung, bei der das Gefühl des Individuums für den sozialen Zusammenhang - die Triebfelder seiner Moral - zerbrochen oder irreparabel geschädigt ist.“5 Merton definiert Anomie konkret als den „Zusammenbruch der kulturellen Struktur“6, der besonders dort erfolge, wo eine scharfe Diskrepanz zwischen kulturellen Normen und Zielen einerseits und den sozial strukturierten Möglichkeiten in Übereinstimmung damit zu handeln anderseits bestehe. Darin sieht Merton eine Tendenz zum Zusammenbrechen der Normen, was zu einer Normlosigkeit führen würde.

Außerdem unterscheidet Merton zwischen einfacher und akuter Anomie. Einfache Anomie definiert dabei “den Zustand der Verwirrung, der in einer Gruppe oder Gesellschaft mit konfligierendem Wertesystem herrscht”7. Unter akuter Anomie versteht er konkret “den Niedergang und, im Extrem, Zerfall der Wertsysteme und die daraus folgenden schweren Ängste.”8 Als Beispiel kann man sich eine Schulklasse vorstellen, in der die allgemein geltenden Regeln ständig von einzelnen Schülern gebrochen werden, ohne dass ihnen Sanktionen drohen. Nach einer Zeit werden die Normen auch von den Anderen nicht mehr akzeptiert und verlieren somit ihre Gültigkeit. Dadurch entsteht der Zustand der akuten Anomie, in dem die Normen nicht mehr gelten und das bestehende System zerfällt, so dass jeder nach seinem eigenen persönlichen Vorteil handelt und der Lehrer seine Rolle als Autoritätsperson verloren hat. Unter diesen Bedingungen wäre es nicht mehr möglich eine Unterrichtsstunde abzuhalten. Zudem wären die Schüler dem Zustand der Desorientierung und Bedürfnisfrustration ausgesetzt, da die ihnen vorher auferlegten Beschränkungen aufgehoben wurden und sie damit gezwungen wären sich selbst zu begrenzen. Nach Mertons Definition wäre mit einfacher Anomie konkret der Zustand gemeint, in dem sich die einzelnen Schüler befinden während das System in Konflikt mit ihren eigenen Werten steht.

2.2 Devianz

Devianz bezeichnet in der Soziologie sozial abweichendes Verhalten, was bedeutet, dass das Handeln eines Individuums von den normativen gesellschaftlichen Erwartungen und Normen abweicht und das Bekanntwerden öffentliche Forderungen nach Sanktionen hervorrufen würde.9 Die Entscheidung, welches Verhalten als legitim gilt, ist dabei von der quantitativ überlegenen Zahl der Mitglieder in einer Gesellschaft abhängig. Die Vorstellungen, welche Verhaltensweisen als abweichend gelten, unterscheiden sich in den verschiedenen Kulturen, Ländern, sowie den sozialen Schichten und Milieus. Außerdem befinden sie sich in einem stetigen Wandel durch gesellschaftliche Werteveränderungen. Das Problem dieser Definition besteht darin, dass nicht jedes Mitglied der Gesellschaft diese Festlegung der Normen mit seinen eigenen Werten und Vorstellungen vom Leben verknüpfen kann, sowie der Zeit- und Ortsgebundenheit. Diese Problematik erkannte auch Merton, nach ihm stellt Devianz eine mögliche Reaktionsweise auf Anomie dar. Er ist der Ansicht, „daß [sic!] abweichendes Verhalten als Symptom für das Auseinanderklaffen von kulturell vorgegebenen Zielen und von sozial strukturierten Wegen, auf denen diese Ziele zu erreichen sind, betrachtet werden kann.“10

2.3 Weitere begriffliche Grundlagen

Unter dem Begriff Jugendkriminalität versteht man Straftaten, die von jungen Menschen zwischen 14 und 20 Jahren begangen wurden.11 Bei Jugendlichen (14 bis 17 Jahre) wird das Jugendstrafrecht nach dem JGG (Jugendgerichtsgesetz) angewendet. Laut Polizeilicher Kriminalstatistik wurden im Jahr 2006 mehr als eine halbe Million jugendliche Tatverdächtige registriert. Seit 1990 bis 2006 hat sich die Anzahl der tatverdächtigen Jugendlichen und Heranwachsenden um 45% erhöht. Zu den häufigsten Verbrechen gehören Ladendiebstahl, leichte Körperverletzung und Sachbeschädigung.12

In der Gesellschaft lässt sich eine Struktur der sozialen Schichtung erkennen, welche die Bevölkerung abhängig von ihrem ökonomischen Wohlstand wie auch dem soziokulturellen Status differenziert. Die Schichten werden mit Unter- und Oberschicht, sowie dem Mittelstand klassifiziert. Die untere soziale Schicht wird durch die „Einkommensschwache Mitte“ und „Einkommensarme Schicht“ abgestuft.13

Sie setzt sich vor allem aus Arbeitslosen und Erwerbstätigen am unteren Einkommensrand zusammen darunter Angelernte und Hilfsarbeiter, sowie Berufstätige, deren Tätigkeit wenig Geltung erhalten.14 Laut einer Statistik des sozioökonomischen Panel aus dem Jahr 2013, ist eine Einzelperson, die über ein geringeres monatliches Nettoeinkommen als 1310 Euro netto verfügt, der unteren sozialen Schicht zuzuordnen.15 Zwischen 2009 und 2011 waren 13,2 Prozent der Bevölkerung von Armut betroffen, womit die Quote zu den vorherigen Jahren gestiegen ist. Dies belegt der Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland aus dem Jahr 2013.

3 Die Anomietheorie von Merton

3.1 Anomietheorie - Erklärung

Mertons Anomietheorie lässt sich als eine Weiterentwicklung von Durkheims Auslegung verstehen. Der Kernpunkt Durkheims Theorie bildet die Vorstellung, dass das Individuum ein Produkt der Gesellschaft sei, gegensätzlich zu der weit verbreiteten Annahme, dass die Gesellschaft ein Produkt der individuellen Handlungen darstelle. Anomie charakterisiert er als Störung der Gesellschaftsordnung. Als Ursprung sieht er das Wirtschaftssystem, sowie einen abrupten sozialen Wandel. Durch den anomischen Zustand entsteht nach Durkheim eine fehlende Regulierung, welche zu einer unkontrollierten Bedürfnisbefriedigung, Konzentration auf materielle Güter und persönliches Vergnügen, wie auch Gier, Konkurrenzdenken und haltlose Ansprüche führen würde. Die individuelle Folge hängt laut Durkheim von der persönlichen Veranlagung ab und kann sich sowohl in autoaggressivem, wie aggressivem Verhalten äußern. Er sieht in der Anomie eine Gefährdung für die Gesellschaftsordnung und einen häufigen Grund für Suizide.16

Der Kernpunkt von Mertons Anomietheorie ist, dass das Problem der Anomie in der gesellschaftlichen Konstitution entsteht und nicht durch einen sozialen Wandel. Er glaubt, dass es in der Gesellschaft vorgegebene gesellschaftliche Ziele und festgelegte Mittel gäbe, um diese zu erreichen. Jedoch sind die Mittel in der Gesellschaft nicht gleichmäßig verteilt, womit nicht jeder die gleiche Chance hat das Ziel zu erlangen. Außerdem gibt es Personen, die mit dem Ziel oder dem Mittel nicht einverstanden sind. Dadurch kommt es zu einem Konflikt innerhalb der Gesellschaft. Um diese verschiedenen Charaktere zu beschreiben, legt Merton fünf Anpassungstypen fest.17

Der Ausgangspunkt seiner Theorie, stellt die Beobachtung dar, dass in der Unterschicht der USA die Kriminalitätsrate am höchsten ist.

[...]


1 Vgl. Legge (2010), Abweichendes Verhalten,Vorurteile und Diskriminierung.

2 Vgl. Warkus, Funktionalistische Systemtheorie II Robert K. Merton

3 Vgl. Kaiser (1996), Kriminologie ein Lehrbuch, S. 449.

4 Vgl. Legge (2010), Abweichendes Verhalten,Vorurteile und Diskriminierung, S. 16.

5 Merton (1995), Soziologische Theorie und soziale Struktur, S. 2.

6 Jacobsen (2008), Sozialstruktur und Gender, S.19.

7 Merton, S. 156.

8 Ebd., S.157.

9 Vgl. Korte (2013), Einführung in Hauptbegriffe der Soziologie, S.111.

10 Merton (1968), Social theory and social structure, S.289.

11 Vgl. Niedersächsiches Justizministerium, http://www.mj.niedersachsen.de/portal/live.php?.

12 Vgl.Destatis, https://www.destatis.de/DE/Publikationen/STATmagazin/Rechtspflege/2008_1/2008_1Jugendstrafen.html.

13 Vgl. IVV Köln, http://www.arm-und-reich.de/verteilung/mittelschicht.html.

14 Vgl. Hradil (2012): Soziale Schichtung. http://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine- sozialkunde/138439/soziale-schichtung?p=all.

15 Vgl. Statistisches Bundesamt (2013), Ein sozial Bericht für die Bundesrepublik Deutschland.

16 Vgl. Legge (2010), S.35-41.

17 Vgl. Merton, S. 156. ff.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Die Anomietheorie von Robert Merton als Erklärung der höheren Jugendkriminalitätsrate in unteren sozialen Schichten
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
13
Autor
Jahr
2015
Seiten
12
Katalognummer
V340741
ISBN (eBook)
9783668303096
ISBN (Buch)
9783668303102
Dateigröße
617 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
anomietheorie, robert, merton, erklärung, jugendkriminalitätsrate, schichten
Arbeit zitieren
Marisa Fey (Autor), 2015, Die Anomietheorie von Robert Merton als Erklärung der höheren Jugendkriminalitätsrate in unteren sozialen Schichten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340741

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