Das Maßgeblichkeitsprinzip, also die in §5 Abs. 1 EStG festgelegte Übernahme der Handelsbilanz für Zwecke der Steuerbilanzierung blickt auf eine über 130-jährige Geschichte zurück und kann damit als eines der „fundamentalsten Prinzipien der Bilanzierung in Deutschland“ angesehen werden, da es sowohl das Handelsbilanz-recht als auch das Steuerrecht im Laufe der Jahre wesentlich geprägt hat.
Seit ihrer erstmaligen Verankerung im Jahre 1874 gehört die Maßgeblichkeit aber auch zu den wohl umstrittensten Grundsätzen des Bilanzrechtes.
Vor dem Hintergrund von Internationalisierungsbestrebungen im Allgemeinen und der Globalisierung der Märkte sowie der Internationalisierung der Rechnungslegung im Besonderen, steht der Maßgeblichkeitsgrundsatz vor allem seit einigen Jahren vor großen Herausforderungen und im Zentrum von Diskussionen bzw. Kritik.
Besonders partielle Nachbesserungen haben im Laufe der Zeit „die Konturen der Anbindungsidee zunehmend verschwimmen“ und das Maßgeblichkeitsprinzip zum gekünstelten Gebilde entwickeln lassen.
Eine Aufgabe dieser Arbeit wird es daher sein, neben der Definition und Erklärung des Begriffes „Maßgeblichkeitsprinzip“ de lege lata , also gemäß der aktuellen deutschen Gesetzesregeln (BilMoG), diesen Grundsatz auch in den Kontext der Rechnungslegung der Staatengemeinschaft und den Kontext von Internationalisierungsbestrebungen zu setzen (siehe Kap. 2).
Im 3. Kapitel wird als zentraler Punkt der konzeptionellen Analyse auf die Konvergenz und Divergenz von Handels- und Steuerbilanz eingegangen und das Für und Wider einer Verknüpfung der Handels- mit der Steuerbilanz erörtert.
Diese Thesen sind Grundlage für Kapitel 4, in dem Möglichkeiten für eine Zukunft des Maßgeblichkeitsprinzips (de lege ferenda) diskutiert werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung
2 Prinzip der Maßgeblichkeit
2.1 Definition (de lege lata)
2.2 Entstehung und historische Entwicklung des Maßgeblichkeits-grundsatzes in Deutschland
2.3 Maßgeblichkeit im internationalen Vergleich
3 Konvergenz und Divergenz von Handels- und Steuerbilanz
3.1 Zielkonflikt zwischen Handels- und Steuerbilanz
3.2 Einheit der Rechtsordnung
3.3 Vereinfachung und Praktikabilität
3.4 Steuerrechtliche Schutzfunktion
3.5 Gefahr für die Bedeutung der Handels- bzw. Steuerbilanz
3.6 Europarechtliche bzw. internationale Einflüsse
4 Die Zukunft – de lege ferenda: Maßgeblichkeit oder Ende der Einheitsbilanz?
5 Zusammenfassung und Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit analysiert das Maßgeblichkeitsprinzip im deutschen Bilanzrecht vor dem Hintergrund zunehmender internationaler Harmonisierungsbestrebungen. Das primäre Ziel ist es, die historische Entwicklung, die aktuelle Ausgestaltung und die Konvergenz sowie Divergenz zwischen Handels- und Steuerbilanz kritisch zu hinterfragen, um die Zukunftsfähigkeit des Modells zu bewerten.
- Definition und historische Genese des Maßgeblichkeitsprinzips
- Analyse der Zielkonflikte zwischen Handels- und Steuerbilanz
- Einfluss der internationalen Rechnungslegung (IFRS/IAS) auf deutsche Bilanzregeln
- Vereinfachungseffekte und steuerrechtliche Schutzfunktionen
- Diskussion von Alternativszenarien zur zukünftigen Ausgestaltung der Einheitsbilanz
Auszug aus dem Buch
3.1 Zielkonflikt zwischen Handels- und Steuerbilanz
Wenn auch beide Rechenwerke das wirtschaftliche Ergebnis eines Unternehmens festzustellen haben, verfolgen Sie dennoch verschiedene Zwecke. Die Handelsbilanz hat im Wesentlichen eine Informations-, Dokumentations- und Ausschüttungsfunktion, d.h. der Adressatenkreis bzw. die Stakeholder dieser externen Rechnungslegung sind sowohl Anteilseigner und potentielle Investoren als auch Gläubiger. Das Steuerrecht hingegen hat die Gleichmäßigkeit der Besteuerung aller Steuerpflichtigen zum Ziel und soll für den Fiskus eine „justiziable steuerrechtliche Bemessungsgrundlage“ schaffen sowie die Möglichkeit des Missbrauchs der Steuervermeidung bzw. Steuerhinterziehung verringern.
Pyraveau/Descottes-Genon beschreiben die Unterschiede wie folgt: „...tax law seeks to ensure that the accounts are not too pessimistic, and company law that they are not too optimistic.”
Die Aufgabe der Handelsbilanz ist es also, neben dem Gläubigerschutz, einen vorsichtigen Gewinn zu ermitteln (Vorsichtsprinzip), um die Lage der Gesellschaft aufzuzeigen; die Aufgabe der Steuerbilanz ist es, einen periodengerechten Gewinn zu ermitteln, der „den Grundsätzen der gleichmäßigen Besteuerung und der Besteuerung nach Leistungsfähigkeit gerecht wird“. (Zu den divergierenden Zielen siehe Abbildung 4). Dem steht entgegen, dass sowohl handelsrechtlich als auch steuerrechtlich der entnahmefähige Gewinn zu ermitteln ist, dass der Fiskus eine „Inkorporierung des Vorsichtsprinzips in die Besteuerung befürwortet“ und dass der Gesetzgeber, „soweit Inkompatibilität zwischen Handels- und Steuerbilanz besteht“, die Maßgeblichkeit durchbrechen kann, indem steuerliche Sonderregelungen geschaffen werden (siehe Tabelle 1).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung: Die Einleitung erläutert die historische Bedeutung des Maßgeblichkeitsprinzips als Eckpfeiler des deutschen Bilanzrechts und führt in die aktuelle Debatte um dessen Zukunftsfähigkeit ein.
2 Prinzip der Maßgeblichkeit: Dieses Kapitel definiert den Begriff de lege lata und skizziert die historische Entstehung sowie die Einordnung des Prinzips im internationalen Vergleich.
3 Konvergenz und Divergenz von Handels- und Steuerbilanz: Es werden die Zielkonflikte und die theoretischen sowie praktischen Gründe für die Verknüpfung oder Trennung von Handels- und Steuerbilanz detailliert analysiert.
4 Die Zukunft – de lege ferenda: Maßgeblichkeit oder Ende der Einheitsbilanz?: Dieses Kapitel diskutiert verschiedene Gestaltungsmöglichkeiten für die Zukunft, von der Beibehaltung der Einheitsbilanz bis hin zu einer strikten Trennung der Rechenwerke.
5 Zusammenfassung und Fazit: Die Arbeit schließt mit einer zusammenfassenden Bewertung der Argumente und kommt zu dem Schluss, dass Prognosen über die künftige Ausgestaltung des Verhältnisses von Handels- und Steuerbilanz angesichts der komplexen Einflussfaktoren spekulativ bleiben.
Schlüsselwörter
Maßgeblichkeitsprinzip, Handelsbilanz, Steuerbilanz, Einheitsbilanz, BilMoG, Bilanzrecht, Steuerrecht, Gewinnermittlung, Vorsichtsprinzip, Internationalisierung, Rechnungslegung, IFRS, Harmonisierung, Gläubigerschutz, Steuerbemessungsgrundlage
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit behandelt die rechtlichen und betriebswirtschaftlichen Grundlagen des Maßgeblichkeitsprinzips in Deutschland, welches die Bindung der Steuerbilanz an die handelsrechtliche Rechnungslegung beschreibt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Fokus stehen die historische Entwicklung, die Zielkonflikte zwischen Handels- und Steuerbilanz, die steuerliche Schutzfunktion sowie die Auswirkungen internationaler Harmonisierungstendenzen.
Was ist die zentrale Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, ob das Maßgeblichkeitsprinzip angesichts aktueller globaler Entwicklungen und gesetzlicher Änderungen ein zukunftsfähiges Modell darstellt oder als Auslaufmodell betrachtet werden muss.
Welche methodische Vorgehensweise wird gewählt?
Es erfolgt eine konzeptionelle Analyse der Literatur und der aktuellen Gesetzeslage (BilMoG), kombiniert mit der Betrachtung von Gestaltungsmöglichkeiten für eine künftige bilanzrechtliche Ausrichtung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit der Konvergenz und Divergenz der Bilanzen, den Einflüssen des Europarechts sowie den Argumenten für und wider die Beibehaltung der Einheitsbilanz.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Maßgeblichkeitsprinzip, BilMoG, Einheitsbilanz, steuerliche Gewinnermittlung und internationale Harmonisierung.
Wie wirkt sich das BilMoG auf die Maßgeblichkeit aus?
Das BilMoG hat durch die Streichung der umgekehrten Maßgeblichkeit die Anbindungsidee weiter modifiziert und die Anzahl der Durchbrechungen der Maßgeblichkeit erhöht, was die Bedeutung der Bilanzen beeinflusst.
Warum gibt es Bedenken gegen eine vollständige Übernahme von IFRS für die Steuerbilanz?
Neben divergierenden Bilanzzwecken bestehen verfassungsrechtliche Bedenken, da die Besteuerung auf einem Gesetz beruhen muss und eine rein privatrechtliche oder ausländische Regelung als Basis für die Steuersouveränität problematisch ist.
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- Kathrin Montero Gonzalez (Author), 2011, Das „Maßgeblichkeitsprinzip“ für Handels- und Steuerbilanz. Ein Auslaufmodell?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340764