Die gesellschaftskritische Erziehungsthematik und das Aufgreifen gesellschaftlicher Probleme in Lenzens "Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung"


Seminararbeit, 2000

18 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Die gesellschaftskritische Erziehungsthematik und das Aufgreifen drängender gesellschaftlicher Problem in Jakob Michael Reinhold Lenzens Drama „Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung“
2.1) Die Formulierung neuer dramentheoretischer Vorstellungen in den „Anmerkungen übers Theater“ und ihre Umsetzung im Drama „Der Hofmeister“
2.2) Die Bedeutung der zwei sozialen Gruppen im Stück: Der Adel und das Bürgertum
2.3) Läuffer als die zentrale Figur des Stücks: Läuffers soziale Rolle im Drama „ Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung“
2.4) Die Erziehungsthematik und die kritische Sicht auf die Hofmeisterexistenz im Stück

3) Schlußwort

1) Einleitung

Jakob Michael Reinhold Lenz gilt heutzutage als einer der entscheidenen Begründer des sozialen Dramas und als einer der wichtigsten Vertreter des Sturm und Drangs. Diese Anerkennung wird dem Autor aber erst seit einigen Jahrzehnten zuteil, nachdem seine Werke lange Zeit in Vergessenheit geraten waren und ihnen keine Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Lenzens erstes Drama „Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung“ ist in erster Linie, genau wie sein zweites Drama „Die Soldaten“, ein gesellschaftskritisches Werk. Die Personen des Stücks sind nicht allein verantwortlich für ihr Unglück, sondern sie sind vor allen Dingen Opfer der gesellschaftlichen Mißstände. Der Schwerpunkt der folgenden Analyse wird auf der Untersuchung der gesellschaftskritischen Erziehungsthematik im Stück liegen. Hierbei soll zunächst auf die Form des Dramas und Lenzens neue Dramentheorie eingehen werden, die er in seinen „Anmerkungen übers Theater“ formuliert und schließlich erstmals im Drama „ Der Hofmeister“ umgesetzt hat. Es soll verdeutlicht werden, welche Rolle die Dramenform für das Gesamtverständnis des Dramas „ Der Hofmeister“ spielt, und wie sie mit dem Inhalt des Stücks im Zusammenhang steht. Beim darauf folgenden Unterpunkt werde ich mich mit der Bedeutung der zwei sozialen Gruppen, dem Adel und dem Bürgertum, im Stück beschäftigen, um den Kontrast, der zwischen dem Adel und dem Bürgertum besteht, herauszuarbeiten. Es soll aufgezeigt werden, auf welche Weise Lenz die beiden Stände beschreibt, und wie er sie in seinem Stück „Der Hofmeister“ auftreten läßt, um seine Thesen zu verdeutlichen. Im weiteren werde ich die zentrale Figur des Stücks, den Hofmeister Läuffer, untersuchen. Die Analyse Läuffers ist insofern notwendig, da er die zentrale These des Stücks verkörpert, nämlich die gesellschaftskritische Erziehungsthematik. Die Analyse der Erziehungsthematik schließt also die Untersuchung des Charakters und der Handlungsweise Läuffers mit ein. Im Anschluß werde ich mich mit der Erziehungsthematik im Stück und mit der im Stück beschriebenen Hofmeisterexistenz auseinandersetzen. Wenn die beiden zuletzt genannten Unterpunkte teilweise ineinander übergehen, ist dies durchaus beabsichtigt, da sie in direkten Zusammenhang stehen. Im Schlußwort werde ich noch mal eine kurze Zusammenfassung über die wichtigsten Ergebnisse der Analyse geben und so ein Fazit ziehen. Außerdem werde ich einen kurzen Überblick über die zeitgenössische Rezeptionsgeschichte geben. Es ist von Interesse, zum Schluß zu erfahren, wie die Zeitgenossen von Jakob Michael Reinhold Lenz zu seinem Stück standen, und wie es von ihnen aufgenommen wurde.

2) Die gesellschaftskritische Erziehungsthematik und das Aufgreifen drängender Probleme in Jakob Michael Reinhold Lenzens Drama „Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung“.

2.1) Die Formulierung neuer dramentheoretischer Vorstellungen in den „Anmerkungen übers Theater“ und ihre Umsetzung im Drama „Der Hofmeister“

Das europäische Drama steht bis zum 18. Jahrhundert völlig unter dem Einfluß der aristotelischen Dramentheorie. Erst im 18. Jahrhundert entsteht eine anti-aristotelische, anti-klassizistische Form des Dramas. Jakob Michael Reinhold Lenz ist ein Vertreter dieser neuen Dramenform, die heute als offene Dramenform bezeichnet wird. Die moderne Literaturwissenschaft faßt das aristotelische, klassische Drama unter dem Begriff der geschlossenen Form, die gegenläufigen Tendenzen unter dem Begriff der offenen Form zusammen. Lenz spricht sich in seiner programmatischen Schrift „Anmerkungen übers Theater“ entschieden gegen das aristotelische Drama aus. Lenz wollte das Drama der Moderne von allen Formzwängen und auferlegten, seit Jahrtausenden bestehenden, Traditionen befreien. Der Autor spricht sich in den „Anmerkungen übers Theater“ gegen das Einhalten der drei Einheiten im Drama aus und schafft durch den Begriff der Tragikkomödie eine neue Definition von Tragödie und Komödie. Lenz sieht die Figuren des Stücks als selbständige, für sich selbst verantwortliche, Charaktere an, die ihr Handeln selbst bestimmen. Diese Theorie steht im Gegensatz zur klassischen, traditionellen Dramentheorie, wo das Handeln der Menschen durch die Götter vorbestimmt ist. Das durch die Götter vorgegebene Schicksal bestimmte also das Handeln der Personen. „Damit wendet sich Lenz deutlich von den Mustern der antiken Tragödie ab, in denen die Menschen ausnahmslos als dem Schicksal Unterworfene dargestellt werden.“[1] Für Lenz ist der Mensch und der Charakter Hauptbestandteil der Tragödie und nicht die Handlung wie bei Aristoteles. Der Hauptgedanke der Komödie ist nach Aussage des Autors allerdings eine Sache und nicht eine Person. „Die Hauptempfindung in der Komödie ist immer die Begebenheit, die Hauptempfindung in der Tragödie ist die Person, die Schöpfer ihrer Begebenheiten.“[2] Lenz dreht also das Tragödien-Komödien-Konzept der Antike ins genaue Gegenteil um. Außerdem führt er durch den Begriff der Tragikkomödie einen neuen Gattungsbegriff ein. Die Tragikkomödie stellt die Beziehung zwischen Mensch und Situation dar, in der das Tragische und das Komische miteinander verflochten sind. Die bestehende Situation im Stück bildet die komische Komponente, die Person, die ihre Situation selbst verschuldet, bildet die tragisch - komische Komponente. Ein Grund, um eine neue Definition von Tragödie und Komödie im Gattungsbegriff der Tragikkomödie zu schaffen, ist wohl auch das Wegfallen der Ständeklausel im modernen Drama. Beim aristotelischen Drama war die Tragödie ausschließlich der oberen Schicht vorbehalten. Die Komödie hingegen war für das einfache Volk bestimmt. Für J. M. R. Lenz gelten diese Regeln nicht mehr. Er sieht die Komödie oder Tragikkomödie als einen Spiegel der Gesellschaft an, der für jeden zugänglich ist und auch sein muß. Dem Autor geht es darum, in seinen Dramen ein Abbild der Gesellschaft zu schaffen, und nicht eine phantastische, idealistische Vorstellung einer Gesellschaft. „Die Komödie, deren ‚Hauptempfindung [] immer [] die Begebenheit‛ ist, dient dazu, dem Publikum einen Spiegel aktueller gesellschaftlicher Mißstände entgegenzuhalten und wird durch ihren direkten Bezug zum Gesellschaftsstand zu einem Mittel der Gesellschaftskritik.“[3] Somit ist es für Lenz auch wichtig, daß die Personen, die in seinen Stücken vorkommen, denen des wirklichen Lebens ähneln. Das Ideal des tragischen Helden, wie es Aristoteles noch vorschwebte, ist für Lenz also nicht mehr relevant: „[.] nach meiner Empfindung schätz ich den charakteristischen, selbst den Karikaturmaler zehnmal höher als den idealischen , hyperbolisch gesprochen, denn es gehört zehnmahl mehr dazu, eine Figur mit eben der Genauigkeit und Wahrheit darzustellen, mit der das Genie sie erkennt, als zehn Jahre an einem Ideal der Schönheit zu zirkeln, das endlich doch nur in dem Hirn des Künstlers, der es hervorgebracht, ein solches ist.“[4] Im Weiteren spricht sich Lenz in den „Anmerkungen übers Theater“ gegen das Einhalten der Einheit der Handlung, der Zeit und des Ortes aus. Die drei Einheiten spielen in Lenzens Dramen keine Rolle mehr, da sie ihm nicht mehr zeitgemäß scheinen und für den freischaffenden Künstler nur einschränkend wirken. „Was heißen die drei Einheiten? Hundert Einheiten will ich euch angeben, die alle immer doch die eine bleiben. Einheit der Sprache, Einheit der Religion, Einheit der Sitten - ja was wird’s denn nun?“[5]

Wenn man Jakob Michael Reinhold Lenzens Dramentheorie betrachtet, stellt sich vor allen Dingen die Frage, wie er seine Dramentheorie in seinem Drama „Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung“ umgesetzt hat. Als erstes fällt einem auf, daß im Gegensatz zum aristotelischen Drama, wo die Anzahl der Personen im Stück beschränkt war, eine Vielzahl von Personen im Stück vorkommen. Fünf bis sechs Personen waren die Norm im aristotelischen Drama. Lenzens Drama „Der Hofmeister“ hingegen zählt dreiundzwanzig Personen. Lenz läßt zahlreiche Nebenfiguren auftreten, um gewisse Verhaltensmuster und Mißstände der Gesellschaft zusätzlich zu betonen. Diese Figuren ähneln eher Karikaturen, als wirklich ernst gemeinten Personen, was schon durch die Namengebung der Figuren deutlich wird. Beispiele dafür sind unter anderem die Namen Herr von Seiffenblase oder Jungfer Knicks. Im Weiteren fällt auf, daß der Autor des Stücks die Szenen im Stück nicht kontinuierlich aneinander reiht. Die einzelnen Szenen im Hofmeister sind vielmehr als eine Momentaufnahme einer Situation zu verstehen. Ein Beispiel hierfür ist die 1. Szene des 1. Aktes. Dem Leser bzw. Zuschauer wird durch den kurzen Monolog Läuffers nur eine vage Vorstellung von Läuffers Problemen gegeben. Als der Major und der Geheime Rat erscheinen, tritt Läuffer sofort wieder ab. Dem Leser wird nur ein kleiner Einblick in Läuffers Situation gewährt. Die nun darauf folgende Szene ist nicht etwa die Fortsetzung der vorangegangenen Szene, sondern sie setzt neu ein. Das Gespräch zwischen dem Major und dem Geheimen Rat steht also nicht in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der 1. Szene. Die 2. Szene bildet keine fortlaufende Entwicklung zur 1. Szene. Läuffers Anstellung bei der Familie des Majors ist bereits in der 1.Szene beschlossene Sache und ergibt sich nicht aus dem Gespräch in der 2. Szene. Auch die 3. Szene beleuchtet wiederum einen anderen Sachverhalt. In ihr wird nämlich gezeigt, wie sich Läuffer bei der Majorin vorstellt. Diese Art des schnellen Szenenwechsels setzt sich im Stück kontinuierlich fort. Die Szenen in Lenzens Drama „ Der Hofmeister“ setzen unvermittelt und abrupt ein, meistens beginnen sie mitten in einer Situation. Genauso abrupt wie sie beginnen, enden sie meistens auch wieder. Oft wird am Ende der Szene nicht einmal der letzte Satz vollständig beendet. „Pintinello tanzt.: Es ist wahr, ich habe mir mein Tanzen einige dreißigtausend Gulden kosten lassen, aber noch einmal so viel gäb` ich drum, wenn..“[6] (S.9) Der häufige Szenenwechsel in Lenzens Drama „Der Hofmeister“ zeigt deutlich, wie der Autor die Handlung im Stück im Gegensatz zum aristotelischen Drama neu strukturiert hat. „Statt eine Handlung kontinuierlich darzustellen, muß er mehrere Handlungen wiederholt unterbrechen, um von einem Strang zu anderen zu wechseln“.[7] In Lenzens Stück gibt es also nicht nur einen Hauptstrang, sondern mehrere Handlungsstränge, die zusammen die Funktion eines Hauptstranges erfüllen. So wird ein schneller Szenenwechsel von einem Handlungsstrang zum anderen möglich. Trotz des ständigen Wechsels von einem Handlungsstrang zum anderen, wirkt Lenzens Drama in keinem Moment konzeptlos, denn es zieht sich ein roter Faden vom Anfang bis zum Ende durchs Stück. Zum einen ist es die Thematik des Hofmeistertums und die Erziehungsproblematik, zum anderen sind es die privaten Probleme und Handlungen der einzelnen Personen, allen voran die Handlungsweisen und Probleme Läuffers, die immer wieder im Verlauf des Dramas aufgegriffen werden.

[...]


[1] Luserke, Matthias: J.M.R. Lenz: Der Hofmeister- Der neue Menoza- Die Soldaten/Matthias Luserke.-München, 1993, S. 26 (Künftig zitiert als Luserke 1993).

[2] Lenz, Jakob Michael Reinhold: „ Anmerkungen über das Theater“ aus: „Sturm und Drang. Kritische Schriften“, Heidelberg 1972, S. 119 (künftig zitiert als Lenz 1972).

[3] Werner, Franz: Soziale Unfreiheit und ‘bürgerliche Intelligenz’ im 18. Jahrhundert: der organisierte Gesichtspunkt in J.M.R. Lenzens Drama „Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung“. Frankfurt/Main 1981, S. 59 ( künftig zitiert als Werner 1981)

[4] Lenz 1972, S. 728

[5] Lenz 1972, S. 730

[6] Lenz, Jakob Michael Reinhold: „Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung“. aus: J. M. R. Lenz. Werke und Briefe in drei Bänden, München, Wien 1987, Bd.I S. 9 (künftig zitiert als Lenz 1987).

[7] Inbar, Eva Maria: Shakespear in Deutschland: Der Fall Lenz. Tübingen 1982, S. 223( künftig zitiert als Inbar 1982).

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die gesellschaftskritische Erziehungsthematik und das Aufgreifen gesellschaftlicher Probleme in Lenzens "Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung"
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Abteilung für neuere Philologie)
Note
2,0
Autor
Jahr
2000
Seiten
18
Katalognummer
V34082
ISBN (eBook)
9783638343992
ISBN (Buch)
9783638789912
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erziehungsthematik, Aufgreifen, Probleme, Jakob, Michael, Reinhold, Lenzens, Hofmeister, Vorteile, Privaterziehung
Arbeit zitieren
Daniel Krohne (Autor), 2000, Die gesellschaftskritische Erziehungsthematik und das Aufgreifen gesellschaftlicher Probleme in Lenzens "Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34082

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