Exkursion in die Metamedialität. Zum Verhältnis von Autobiographie und Fiktion in Patrick Roths "Die amerikanische Fahrt. Stories eines Filmbesessenen"


Bachelorarbeit, 2013

31 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Vorwort

2. Einleitung: Intermediale Fragestellungen an einen literarischen Text

3. Der Erzähltext und die Exkursion

4. Autor vs. Erzähler oder Autor/Erzähler-Differenz

5. Realität vs. Fiktion oder Erlebnis vs. Erinnerung

6. Zur Gestaltung intermedialer Bezüge und ihrer medialen Differenzen in Die amerikanische Fahrt

7. Intermediale Erweiterung in der Medienkombination

8. Resümee

9. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

„Das ist eine wahre Geschichte – könnte man behaupten.“ Mit diesen Worten beginnt Patrick Roth am 9.Juli.2013 im Maxim (München) seine Lesung aus Die amerikanische Fahrt. Stories eines Filmbesessenen. Diese Worte postulieren zweifelsohne einen Glaubwürdigkeitsanspruch, der durch die ironische Untermalung einer fragwürdigen Behauptung allerdings wieder bricht. Im literaturgeschichtlichen Kontext ist der Glaubwürdigkeitsanspruch, den viele Autoren für sich zu beanspruchen versuchten, ein bekanntes Gestaltungsmittel der Aufmerksamkeitserzeugung. Ob nun im schriftlich fixierten Gegenstand der Literatur oder in der Eingangsformel einer Lesung, in beiderlei Präsentationsformen ist dem Autor die besondere Aufmerksamkeit gesichert. Das Spannende daran sind nämlich die Fragen, die der Leser/Zuhörer sich zwangsläufig stellen muss: Wie wahr kann die Geschichte sein, die ein Schriftsteller erzählt? Welchen Grad an medialer Vermittlung erreicht die Geschichte eines Filmbesessenen? Wer kann behaupten, dass die Geschichte wahr ist? Oder meint wahr so viel wie wahrhaftig im Sinne von einem regelrechtem Wert der Geschichte? Wer andere Werke des Autors kennt, weiß um den überaus intermedialen und kreativ-narrativen Stil seiner Texte. Deshalb scheint der Ort der Lesung auch programmatisch gewählt. Das Maxim ist ein Kino, in dem – entgegen der Annahme - nicht nur Filme vorgeführt werden. Der Ort des Geschehens bietet, wie eben diese Lesung, weitere Kulturprogramme an, u. a. Theateraufführungen. Zum Zeitpunkt der Lesung enthält das Programm des Kinos außerdem das Theaterstück Die Hellseher von Patrick Roth. Und genau auf dieser Kino/Theaterbühne sitzt nun eben Patrick Roth und hält seine Lesung. Wie bemerkt werden muss, ist ein durchaus intermediales Spiel in dieser Präsentationsform zu entdecken. Weshalb es sich lohnt und unbedingt nahelegt den Worten des Autors eine ganz besondere Aufmerksamkeit zu schenken.

2. Einleitung: Intermediale Fragestellungen an einen literarischen Text

Man will den Anfang so wenig wie das Ende. [1]

Im Rahmen dieser Bachelorarbeit soll die folgende wissenschaftliche Untersuchung Aufschlüsse über Patrick Roths poetologisches Konzept seiner ausgeprägt intermedialen Textsammlung liefern. Anhand prägnanter autofiktionaler Textbeispiele seines kürzlich erschienenen Buches Die amerikanische Fahrt. Stories eines Filmbesessenen [2] (2013) zeigt das konzeptionelle Struktur- und Organisationsprinzip seiner Erzählungen auf, welchen medialen Grad die intermedialen Beobachtungen im Erzähltext einnehmen. Bei der Analyse sind sowohl erzähltheoretische Vorannahmen als auch medienwissenschaftliche Verknüpfungen von besonderer Bedeutung. Die wissenschaftliche Untersuchung bedient sich narratologischer Begrifflichkeiten, welche die Verortung der literarischen Gestaltungen zulassen. Ebenso bedarf es im Falle der Intermedialität einer operationalen Theorie, die die medialen Differenzen und Kanäle zuordnen lässt. Angesichts der poetologischen Konstruktionen im Medium der Literatur bleibt festzuhalten, dass sich intermediale Beobachtungen immer auch an differenzierte ästhetische Konzepte binden. Die „Differenzierbarkeit von Medien“, so stellt Tanja Prokić in einem noch unveröffentlichtem Aufsatz fest, ist „die unhintergehbare Vorraussetzung“ bei einer theoretischen Beschreibung von Intermedialität [3] . Um das Feld der Intermedialität und die damit einhergehenden medialen Differenzen mit dem Feld der Literatur analytisch verbinden zu können, schlägt Prokić die re-perspektivierte Verbindung von Intermedialitätsforschung und operationalitätstheoretischer Medium/Form-Differenz nach Luhmann vor. Dieser vielversprechende Ansatz liefert einen fortschrittlichen Beitrag in der Intermedialitätsforschung. Denn gerade die Medium/Form-Differenz nach Niklas Luhmann führt bei der Beobachtung von medialen Differenzen zu erhellenden Ergebnissen. Gerade das Faktum der Unterscheidung ermöglicht spezifische Medialitäten in einem spezifischen Medium als Beobachtbarkeit zu erschließen. Im Medium der Literatur lässt sich also nicht nur die spezifische Form des literarischen Textes beobachten, sondern auch die in der Literatur intermedial eingeschalteten Formen differenter medialer Figurationen. Im literarischen Text bedeuten diese Unterscheidungen das Vermögen einen intermedialen Vergleich zwischen narratologischen und medienspezifischen Konzepten mittels Medium/Form-Differenz vollziehen zu können. Die luhmannsche Operationalitätstheorie ermöglicht sowohl einen medial als auch einen funktional ausdifferenzierten Vergleich aufzustellen, „ohne eine invariante Funktionalität von Intermedialitätsphänomenen annehmen zu müssen und ohne eine invariante Mediendifferenz zu setzen.“ [4]

In Patrick Roths autofiktionalem Werk sollen die ganz spezifischen Verfahren und das poetologische Konzept seiner durch Medienbiographie geprägten literarischen Intermedialitätskonstruktionen veranschaulicht werden. Entscheidend ist dabei das Verhältnis von Autobiographie und Fiktion, welches anhand wissenschaftlicher Forschungen ausarbeitet, inwiefern Interdependenzen des Begriffspaares mediale Konstellationen bedingen. Roths visuell-szenisches Erzählen entlehnt sich – wie der Titel bereits andeutet – aus dem, in seinem Werk vorherrschenden Medium, dem Film. Durch Roths autofiktionales Erzählen, in Anlehnung an den Film und dessen vielschichtigen Filmwelten, figuriert die literarische Vorlage einerseits Referentialisierbarkeit und andererseits eröffnet sie bezüglich eines differenten Kanals eine erweiterte Wahrnehmung. Denn mittels der Kombination aus Literatur und Film, aber auch aus Fotographie, Autobiographie, Tagebuch und Interview entsteht ein fiktional ausdifferenziertes Gerüst medial-vermittelter Erzählwelten, die den Leser letztendlich auf eine Metaebene führen und dadurch einen neuen medialen Raum formen. Roth organisiert aus intermedialem Geflecht der konstruierten Narrationen sowie aus der imaginativen Verknüpfung von Erfahrung und Erinnerung der eigenen Medienbiographie eine metamediale Ebene. Mediale Differenzen bilden das Gesamtgerüst der autofiktionalen Erzählung bei der beobachtet werden kann, wie beobachtet wird. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, kann festgehalten werden, dass das Struktur- und Organisationsprinzip der AF die Metamedialität ist. So lautet die These dieser wissenschaftlichen Untersuchung.

3. Der Erzähltext und die Exkursion

Alles beginnt im Dunkeln. [5]

»AUSSEN-AMERIKA-TAG«,

»AUSSEN-AMERIKA-ABEND«,

»INNEN-AMERIKA-NACHT« bezeichnen die dreigeteilte Gliederung der Erzählungen in der AF. Die drei Teilüberschriften beinhalten jeweils drei-vier-drei Kapitel. Betrachtet man das Was der Darstellung, nach Genette die histoire [6] , fällt auf, dass die geschichtliche Verbindung der Erzählung in den Kapiteln hauptsächlich durch die gemeinsamen Teilüberschriften erfolgt. Die Ebene der histoire verläuft im Hinblick auf die jeweiligen Kapitel autonom. Jedes Kapitel kann rein erzählerisch singulär bestehen. Auf der discours-Ebene, die das Wie der Darstellung beschreibt, können erzählte Zeiten in chronologischer Reihenfolge ausgemacht werden, die einer A-B-C-Struktur entspricht. Das erste Kapitel beginnt mit Erzählungen aus den „ersten Jahren dort drüben“ [7] und meint die siebziger Jahre, an die Erzählungen aus den Anfang achtziger Jahren folgen. Schließlich endet der letzte Teil mit Erzählungen aus näher zurückliegenden Ereignissen, beispielsweise aus dem Jahr 2012. Der lineare Verlauf des Erzähltextes erfolgt im Grunde natürlich, insofern, dass sich die AF chronologisch fortbewegt. Der Anfang und das Ende des Buches verhalten sich jedoch bezüglich klassischer Erzähltechniken eher untypisch. So beginnt die Erzählung mit einem Vorhaben/Anliegen, welches dem Leser näher gebracht werden soll und endet mit einer Hoffnung/einem Wunsch, der sich ebenfalls an den Leser richtet. In beiden Fällen markieren die Absichten des Ich-Erzählers einen Unbestimmtheitsgrad, der den Leser rein narratologisch in der Schwebe lässt. Weshalb sich folgern lässt, dass die Erzählungen als Exkurse verstanden werden können. Die AF durchläuft etappenweise diverse Stationen im Leben des Ich-Erzählers und bewegt sich ganz im Sinne einer (Auto-)Fahrt exkursionsartig fort. Auf dieser Fahrt erinnert sich der Ich-Erzähler anekdotisch an Geschichten, Filme oder Menschen zurück. Somit finden sich in der grundsätzlich chronologischen Abfolge auch Anachronien wieder. Besonders häufig treten sie in Form von Analepsen zum Vorschein. Des Weiteren können auf der discours-Ebene Prolepsen beobachtet werden, die sich in vorausdeutender Form eines Traums darstellen. Welche narrativen Auswirkungen diese zeitliche Gestaltung auf den unterschiedlichen Ebenen der Narration als auch im Bereich der Intermedialität zu verantworten hat, wird im Folgenden noch aufgezeigt. Ihre überaus bemerkenswerten medialen Schichtungen führen nicht nur dazu, die Merkmale fiktionalen Erzählens auf erzähltheoretischer Ebene zu analysieren, sondern auch ihr intermediales Wirken literarisch näher zu betrachten. Die Gestaltung der Teilüberschriften, in Form einer tagesrhythmischen Entwicklung, deutet auf einen, sich der Dunkelheit annähernden, Verlauf hin. Da der Faktor der Zeit nur eine von mehreren bestimmenden Komponenten in der Erzählgestaltung ausmacht, sei bereits hier auf die Intermedialität verwiesen, die eine weitere tragende Rolle in der Erzählung spielt. Die Dunkelheit auf die die Erzählung abzielt, verweist auf das mediale Differenzial. „»INNEN-AMERIKA-NACHT«“ ist für den Ich-Erzähler „synonym mit dem Kino.“ [8] So heißt es weiter, dass „[d]ie Dunkelheit des Kinos noch Inbegriff eines Innen [war], in dem das Äußere an-zusehen war.“ [9] Damit stellt der Ich-Erzähler die Verbindung zu den Teilüberschriften her und reflektiert seine mit dem Kino verbundene Erfahrung. Hieran lassen sich die intermedialen Überlegungen von Tanja Prokić zu einem „durch Theorie unverfügbare[n] Außen“ [10] knüpfen. „Die Beobachtbarkeit des Außen […] ist selbst nicht direkt möglich, nur vermittelt durch Medien.“ [11] Die Vermittlungsinstanz Kino markiert einen intermedialen Bezug und ruft im Ich-Erzähler die reflektierte Auseinandersetzung medialer Vermittlung eines Außen hervor. Auf unterschiedlichen Ebenen der Erzähltextgestaltung in der Kombination mit Intermedialität können Beobachtungen gemacht werden, die die Relationen medialer Kanäle gegenüberstellen. Proklamatisch erklingt hier das mediale Differenzial von intermedialen Phänomenen in der AF.

[...]


[1] Patrick Roth: Meine Reise zu Chaplin. Ein Encore. Frankfurt: Suhrkamp 1997. S. 31.

[2] Patrick Roth: Die amerikanische Fahrt. Stories eines Filmbesessenen. Göttingen: Wallstein 2013. Im Folgendem nur noch mit AF bezeichnet.

[3] Tanja Prokić: Vor der Theorie ist die Verwandlung. Ein Beitrag zur Intermedialitätsforschung am Beispiel von Patrick Roths Magdalena am Grab. Demnächst veröffentlicht in: Mario Grizelji, Oliver Jahraus und Tanja Prokić (Hrsg.): Vor der Theorie. Materialität-Intensität-Immersion. Würzburg: Könighausen&Neumann 2014.

[4] Tanja Prokić: Vor der Theorie ist die Verwandlung. Ein Beitrag zur Intermedialitätsforschung am Beispiel von Patrick Roths Magdalena am Grab. (Seitenangaben noch unbekannt) zitiert aus: 1. Das Vor der Intermedialitätstheorien oder was man mit Luhmanns Medium/Form-Untersscheidung gewinnt.

[5] Patrick Roth: Meine Reise zu Chaplin. S. 9.

[6] Vgl. Gérard Genette: Die Erzählung, Paderborn: Fink 2010.

[7] Patrick Roth: Die amerikanische Fahrt. S. 21.

[8] Ebd. S. 190.

[9] Ebd. S. 190.

[10] Tanja Prokić: Vor der Theorie ist die Verwandlung. Ein Beitrag zur Intermedialitätsforschung am Beispiel von Patrick Roths Magdalena am Grab. Zitiert aus der 'Einleitung'.

[11] Ebd. 'Einleitung'.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Exkursion in die Metamedialität. Zum Verhältnis von Autobiographie und Fiktion in Patrick Roths "Die amerikanische Fahrt. Stories eines Filmbesessenen"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Deutsche Philologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
31
Katalognummer
V340918
ISBN (eBook)
9783668303515
ISBN (Buch)
9783668303522
Dateigröße
803 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Intermedialität, Medium, Form, Differenz, Medialität, Luhmann, Genette, Patrick Roth, Erzähltheorie, Literatur und Film, Film, Autobiographie und Fiktion, Amerikanische Filme
Arbeit zitieren
Bianca Dragut (Autor:in), 2013, Exkursion in die Metamedialität. Zum Verhältnis von Autobiographie und Fiktion in Patrick Roths "Die amerikanische Fahrt. Stories eines Filmbesessenen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340918

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