Exkursion in die Metamedialität. Zum Verhältnis von Autobiographie und Fiktion in Patrick Roths "Die amerikanische Fahrt. Stories eines Filmbesessenen"


Bachelorarbeit, 2013
31 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Vorwort

2. Einleitung: Intermediale Fragestellungen an einen literarischen Text

3. Der Erzähltext und die Exkursion

4. Autor vs. Erzähler oder Autor/Erzähler-Differenz

5. Realität vs. Fiktion oder Erlebnis vs. Erinnerung

6. Zur Gestaltung intermedialer Bezüge und ihrer medialen Differenzen in Die amerikanische Fahrt

7. Intermediale Erweiterung in der Medienkombination

8. Resümee

9. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

„Das ist eine wahre Geschichte – könnte man behaupten.“ Mit diesen Worten beginnt Patrick Roth am 9.Juli.2013 im Maxim (München) seine Lesung aus Die amerikanische Fahrt. Stories eines Filmbesessenen. Diese Worte postulieren zweifelsohne einen Glaubwürdigkeitsanspruch, der durch die ironische Untermalung einer fragwürdigen Behauptung allerdings wieder bricht. Im literaturgeschichtlichen Kontext ist der Glaubwürdigkeitsanspruch, den viele Autoren für sich zu beanspruchen versuchten, ein bekanntes Gestaltungsmittel der Aufmerksamkeitserzeugung. Ob nun im schriftlich fixierten Gegenstand der Literatur oder in der Eingangsformel einer Lesung, in beiderlei Präsentationsformen ist dem Autor die besondere Aufmerksamkeit gesichert. Das Spannende daran sind nämlich die Fragen, die der Leser/Zuhörer sich zwangsläufig stellen muss: Wie wahr kann die Geschichte sein, die ein Schriftsteller erzählt? Welchen Grad an medialer Vermittlung erreicht die Geschichte eines Filmbesessenen ? Wer kann behaupten, dass die Geschichte wahr ist? Oder meint wahr so viel wie wahrhaftig im Sinne von einem regelrechtem Wert der Geschichte? Wer andere Werke des Autors kennt, weiß um den überaus intermedialen und kreativ-narrativen Stil seiner Texte. Deshalb scheint der Ort der Lesung auch programmatisch gewählt. Das Maxim ist ein Kino, in dem – entgegen der Annahme - nicht nur Filme vorgeführt werden. Der Ort des Geschehens bietet, wie eben diese Lesung, weitere Kulturprogramme an, u. a. Theateraufführungen. Zum Zeitpunkt der Lesung enthält das Programm des Kinos außerdem das Theaterstück Die Hellseher von Patrick Roth. Und genau auf dieser Kino/Theaterbühne sitzt nun eben Patrick Roth und hält seine Lesung. Wie bemerkt werden muss, ist ein durchaus intermediales Spiel in dieser Präsentationsform zu entdecken. Weshalb es sich lohnt und unbedingt nahelegt den Worten des Autors eine ganz besondere Aufmerksamkeit zu schenken.

2. Einleitung: Intermediale Fragestellungen an einen literarischen Text

Man will den Anfang so wenig wie das Ende.[1]

Im Rahmen dieser Bachelorarbeit soll die folgende wissenschaftliche Untersuchung Aufschlüsse über Patrick Roths poetologisches Konzept seiner ausgeprägt intermedialen Textsammlung liefern. Anhand prägnanter autofiktionaler Textbeispiele seines kürzlich erschienenen Buches Die amerikanische Fahrt. Stories eines Filmbesessenen [2] (2013) zeigt das konzeptionelle Struktur- und Organisationsprinzip seiner Erzählungen auf, welchen medialen Grad die intermedialen Beobachtungen im Erzähltext einnehmen. Bei der Analyse sind sowohl erzähltheoretische Vorannahmen als auch medienwissenschaftliche Verknüpfungen von besonderer Bedeutung. Die wissenschaftliche Untersuchung bedient sich narratologischer Begrifflichkeiten, welche die Verortung der literarischen Gestaltungen zulassen. Ebenso bedarf es im Falle der Intermedialität einer operationalen Theorie, die die medialen Differenzen und Kanäle zuordnen lässt. Angesichts der poetologischen Konstruktionen im Medium der Literatur bleibt festzuhalten, dass sich intermediale Beobachtungen immer auch an differenzierte ästhetische Konzepte binden. Die „Differenzierbarkeit von Medien“, so stellt Tanja Prokić in einem noch unveröffentlichtem Aufsatz fest, ist „die unhintergehbare Vorraussetzung“ bei einer theoretischen Beschreibung von Intermedialität[3]. Um das Feld der Intermedialität und die damit einhergehenden medialen Differenzen mit dem Feld der Literatur analytisch verbinden zu können, schlägt Prokić die re-perspektivierte Verbindung von Intermedialitätsforschung und operationalitätstheoretischer Medium/Form-Differenz nach Luhmann vor. Dieser vielversprechende Ansatz liefert einen fortschrittlichen Beitrag in der Intermedialitätsforschung. Denn gerade die Medium/Form-Differenz nach Niklas Luhmann führt bei der Beobachtung von medialen Differenzen zu erhellenden Ergebnissen. Gerade das Faktum der Unterscheidung ermöglicht spezifische Medialitäten in einem spezifischen Medium als Beobachtbarkeit zu erschließen. Im Medium der Literatur lässt sich also nicht nur die spezifische Form des literarischen Textes beobachten, sondern auch die in der Literatur intermedial eingeschalteten Formen differenter medialer Figurationen. Im literarischen Text bedeuten diese Unterscheidungen das Vermögen einen intermedialen Vergleich zwischen narratologischen und medienspezifischen Konzepten mittels Medium/Form-Differenz vollziehen zu können. Die luhmannsche Operationalitätstheorie ermöglicht sowohl einen medial als auch einen funktional ausdifferenzierten Vergleich aufzustellen, „ohne eine invariante Funktionalität von Intermedialitätsphänomenen annehmen zu müssen und ohne eine invariante Mediendifferenz zu setzen.“[4]

In Patrick Roths autofiktionalem Werk sollen die ganz spezifischen Verfahren und das poetologische Konzept seiner durch Medienbiographie geprägten literarischen Intermedialitätskonstruktionen veranschaulicht werden. Entscheidend ist dabei das Verhältnis von Autobiographie und Fiktion, welches anhand wissenschaftlicher Forschungen ausarbeitet, inwiefern Interdependenzen des Begriffspaares mediale Konstellationen bedingen. Roths visuell-szenisches Erzählen entlehnt sich – wie der Titel bereits andeutet – aus dem, in seinem Werk vorherrschenden Medium, dem Film. Durch Roths autofiktionales Erzählen, in Anlehnung an den Film und dessen vielschichtigen Filmwelten, figuriert die literarische Vorlage einerseits Referentialisierbarkeit und andererseits eröffnet sie bezüglich eines differenten Kanals eine erweiterte Wahrnehmung. Denn mittels der Kombination aus Literatur und Film, aber auch aus Fotographie, Autobiographie, Tagebuch und Interview entsteht ein fiktional ausdifferenziertes Gerüst medial-vermittelter Erzählwelten, die den Leser letztendlich auf eine Metaebene führen und dadurch einen neuen medialen Raum formen. Roth organisiert aus intermedialem Geflecht der konstruierten Narrationen sowie aus der imaginativen Verknüpfung von Erfahrung und Erinnerung der eigenen Medienbiographie eine metamediale Ebene. Mediale Differenzen bilden das Gesamtgerüst der autofiktionalen Erzählung bei der beobachtet werden kann, wie beobachtet wird. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, kann festgehalten werden, dass das Struktur- und Organisationsprinzip der AF die Metamedialität ist. So lautet die These dieser wissenschaftlichen Untersuchung.

3. Der Erzähltext und die Exkursion

Alles beginnt im Dunkeln.[5]

»AUSSEN-AMERIKA-TAG«,

»AUSSEN-AMERIKA-ABEND«,

»INNEN-AMERIKA-NACHT« bezeichnen die dreigeteilte Gliederung der Erzählungen in der AF. Die drei Teilüberschriften beinhalten jeweils drei-vier-drei Kapitel. Betrachtet man das Was der Darstellung, nach Genette die histoire[6], fällt auf, dass die geschichtliche Verbindung der Erzählung in den Kapiteln hauptsächlich durch die gemeinsamen Teilüberschriften erfolgt. Die Ebene der histoire verläuft im Hinblick auf die jeweiligen Kapitel autonom. Jedes Kapitel kann rein erzählerisch singulär bestehen. Auf der discours -Ebene, die das Wie der Darstellung beschreibt, können erzählte Zeiten in chronologischer Reihenfolge ausgemacht werden, die einer A-B-C-Struktur entspricht. Das erste Kapitel beginnt mit Erzählungen aus den „ersten Jahren dort drüben“[7] und meint die siebziger Jahre, an die Erzählungen aus den Anfang achtziger Jahren folgen. Schließlich endet der letzte Teil mit Erzählungen aus näher zurückliegenden Ereignissen, beispielsweise aus dem Jahr 2012. Der lineare Verlauf des Erzähltextes erfolgt im Grunde natürlich, insofern, dass sich die AF chronologisch fortbewegt. Der Anfang und das Ende des Buches verhalten sich jedoch bezüglich klassischer Erzähltechniken eher untypisch. So beginnt die Erzählung mit einem Vorhaben/Anliegen, welches dem Leser näher gebracht werden soll und endet mit einer Hoffnung/einem Wunsch, der sich ebenfalls an den Leser richtet. In beiden Fällen markieren die Absichten des Ich-Erzählers einen Unbestimmtheitsgrad, der den Leser rein narratologisch in der Schwebe lässt. Weshalb sich folgern lässt, dass die Erzählungen als Exkurse verstanden werden können. Die AF durchläuft etappenweise diverse Stationen im Leben des Ich-Erzählers und bewegt sich ganz im Sinne einer (Auto-)Fahrt exkursionsartig fort. Auf dieser Fahrt erinnert sich der Ich-Erzähler anekdotisch an Geschichten, Filme oder Menschen zurück. Somit finden sich in der grundsätzlich chronologischen Abfolge auch Anachronien wieder. Besonders häufig treten sie in Form von Analepsen zum Vorschein. Des Weiteren können auf der discours -Ebene Prolepsen beobachtet werden, die sich in vorausdeutender Form eines Traums darstellen. Welche narrativen Auswirkungen diese zeitliche Gestaltung auf den unterschiedlichen Ebenen der Narration als auch im Bereich der Intermedialität zu verantworten hat, wird im Folgenden noch aufgezeigt. Ihre überaus bemerkenswerten medialen Schichtungen führen nicht nur dazu, die Merkmale fiktionalen Erzählens auf erzähltheoretischer Ebene zu analysieren, sondern auch ihr intermediales Wirken literarisch näher zu betrachten. Die Gestaltung der Teilüberschriften, in Form einer tagesrhythmischen Entwicklung, deutet auf einen, sich der Dunkelheit annähernden, Verlauf hin. Da der Faktor der Zeit nur eine von mehreren bestimmenden Komponenten in der Erzählgestaltung ausmacht, sei bereits hier auf die Intermedialität verwiesen, die eine weitere tragende Rolle in der Erzählung spielt. Die Dunkelheit auf die die Erzählung abzielt, verweist auf das mediale Differenzial. „»INNEN-AMERIKA-NACHT«“ ist für den Ich-Erzähler „synonym mit dem Kino.“[8] So heißt es weiter, dass „[d]ie Dunkelheit des Kinos noch Inbegriff eines Innen [war], in dem das Äußere an-zusehen war.“[9] Damit stellt der Ich-Erzähler die Verbindung zu den Teilüberschriften her und reflektiert seine mit dem Kino verbundene Erfahrung. Hieran lassen sich die intermedialen Überlegungen von Tanja Prokić zu einem „durch Theorie unverfügbare[n] Außen“[10] knüpfen. „Die Beobachtbarkeit des Außen […] ist selbst nicht direkt möglich, nur vermittelt durch Medien.“[11] Die Vermittlungsinstanz Kino markiert einen intermedialen Bezug und ruft im Ich-Erzähler die reflektierte Auseinandersetzung medialer Vermittlung eines Außen hervor. Auf unterschiedlichen Ebenen der Erzähltextgestaltung in der Kombination mit Intermedialität können Beobachtungen gemacht werden, die die Relationen medialer Kanäle gegenüberstellen. Proklamatisch erklingt hier das mediale Differenzial von intermedialen Phänomenen in der AF.

4. Autor vs. Erzähler oder Autor/Erzähler-Differenz

Ohne ihn, ohne diesen großen Traum, wäre keines meiner Bücher entstanden.[12]

Der zu untersuchende Text versammelt mehrteilige Erzählungen über die Erinnerungen und Erlebnisse eines deutschen Filmstudenten und werdenden Schriftstellers in Amerika. Die biographische Nähe des Erzählers zu seinem Autor ist unverkennbar, denn auch auf Patrick Roth könnten die Begebenheiten in den Erzählungen der AF biographisch zutreffen.[13] Sie führen dazu, dass sich die Erzählungen in der AF als Erlebnisse des Autors lesen, welche dieser während seiner Zeit in Amerika sammelt. Einschlägige Literaturtheorien belegen allerdings, dass das Verhältnis von Autor und Erzähler different betrachtet werden muss. Der Autor als reale Instanz steht einem figuriertem Erzähler gegenüber, der in einer Narration produktiv entsteht. Somit müssen Autor und Erzähler bei einer analytischen Beschreibung getrennt behandelt bzw. berücksichtigt werden.

Eine der bekanntesten Literaturtheorien im Autorschaftsdiskurs vertritt Roland Barthes. Mit seinem Aufsatz Der Tod des Autors[14] liefert Barthes immanente Feststellungen im Diskursfeld der Autor und Erzähler Konstellationen. Seine Beobachtungen sollen in der Analyse den Status des Erzählers und den seiner Erzählungen näher bestimmen.

Mit Hilfe von erzähltheoretischen Analyseverfahren spezifizieren Gérard Genettes sowie Michael Scheffels Beobachtungen den Grundriss der Untersuchung. Für Genette legt Die Erzählung[15] ihren Schwerpunkt auf die Vielschichtigkeit narrativer Strukturen. Aus seinen Beschreibungen werden die Formen der zeitlichen Ordnung, die des Modus und die der Stimme für die weitere Arbeit von besonderer Bedeutung sein. Speziell bilden die narratologischen Beschreibungsmodelle discours und histoire die grundlegende Unterscheidungsplattform. Vertiefend bestimmen Scheffels Ausarbeitung der Formen selbstreflexiven Erzählens[16] als auch die der Merkmale fiktionalen Erzählens[17] das Verhältnis von Autor und Erzähler im Hinblick auf den Bereich der Autobiographie und den der Fiktion. Die Ergebnisse aus der erzähltheoretischen Analyse sollen insofern Erkenntnisse über die Spezifik von Patrick Roths Narration liefern, als dass in ihnen der fiktionale Grad und seine medialen Schichtungen erkennbar werden. Die Untersuchung der literarischen Gestaltung des Erzähltextes soll einerseits Aufschlüsse über die formalen Verhältnisse der autorintendierten Erzählung liefern, sowie anderseits ihre medialen Konstruktionen aufzeigen.

Bei einer analytischen und erzähltheoretischen Annäherung muss zu Beginn bestimmt werden, um welche literarische Form es sich bei dem vorliegenden Text handelt. Aus erzähltheoretischer Sicht kann der Status einer Erzählung spezifiziert unterschieden werden. Die Erzählung lässt sich vorerst im Rahmen ihres Realitätscharakters und ihrer Redesituation bestimmen. Differenziert werden kann zwischen real versus fiktiv und zwischen dichterisch versus nichtdichterisch.[18] Zieht man die vorgeschlagenen Merkmalspaare heran, wird die Einteilung in real oder fiktiv zu einem bestimmenden Kriterium, welches den Text enger eingrenzen und ihn so spezifischer analysieren lässt. Bei einer solchen Unterscheidung liegt die Schwierigkeit der Zuordnung in der AF im Moment des Autor-Text-Verhältnisses. Frühere Literaturtheorien bestimmen den Text losgelöst von ihrem Autor. Radikaler formuliert, ist nach Roland Barthes Der Tod des Autors eine maßgebliche Vorraussetzung für eine textimmanente Analyse.[19] Somit ist die Existenz eines Textproduzenten in einer textinternen Analyse ein nicht vorhandener Gegenstandsbereich und ein unnötig zu untersuchender Faktor in einem Erzähltext. Autor und Erzähler werden als strikt getrennte und unvereinbare Elemente in einer Geschichte gelesen. Im Vordergrund des Analyseverfahrens steht die hermeneutische Erschließung eines Textes. Wie aber kann ein Text, wie die AF, gelesen werden, bei dem die autobiographischen Daten Patrick Roths sich mit der des Erzählers beinahe spiegelgleich decken?

In neueren literaturtheoretischen Studien entdeckt man die bestimmende Existenz des Autors wieder. Man spricht nun von einer „Wiederkehr des Autors“ in den Erzähltexten, sei es als Funktion oder als Lese- und Verstehensfigur.[20] Der Sammelband Auto(r)fiktion vereint Aufsätze zur Autorschaftsdebatte im Hinblick auf das Verhältnis von Autor und Erzähler im Kontext von Autobiographie und Fiktionalität. Dabei weist der Titel des Sammelbandes natürlich bereits auf das oszillierende Verhältnis von Autorschaft und Erzählung hin.

Der autofiktionale Text – und welche Autobiographie wäre nicht autofiktional?- exponiert den Autor im performativen Sinn als jene Instanz, die im selben Moment den Text hervorbringt wie dieser ihr, d.h. dem Autor, auf seiner Bühne den auktiorialen Auftritt allererst ermöglicht.[21]

Stellt man sich eine Narration ohne Urheber, d.h. ohne Autor vor, existiert rein logisch auch keine Geschichte. Der Autor bestimmt einen Bereich in der Geschichte, insofern diese aus ihm hervorgeht. Gleichzeitig erklärt Fiktion im Titel einen determinierenden Bestandteil bei der Begriffsbildung und seiner nachhaltigen Auslegung.

Der Titel Auto(r)fiktion lehnt sich an den des Literaturwissenschaftlers Serge Doubrovsky an. Mit der Bezeichnung „Autofiktion“ bestimmt Doubrovsky die Art der Texte, die keine reinen Autobiographien, aber auch keine vollkommenen Romane darstellen, sondern eher „im Zwischenraum der Gattungen“ gefangen bleiben.[22] Wenn diese Beobachtung nun auf die AF übertragen werden soll, kann festgehalten werden, dass der potenzielle Autobiographieverweis die Genreeinteilung und somit den Status des Erzähltextes zusätzlich erschwert. In einer intermedialitätstheoretisch ausgelegten Untersuchung der AF fällt auf, dass der Begriff der Autofiktion gewisse Parallelen zum Begriff der Intermedialiät erkennen lässt. Auch die Intermedialität sucht einen „Zwischenraum“ zu beschreiben, der ein „allgegenwärtig, oszillierend gedachte[s] ›Dazwischen‹“[23] markiert. Von einer möglichen Parallelität muss jedoch insofern abgesehen werden, als dass die Intermedialität in heterogenen Operationen unterscheidet, im Gegensatz zur komplementären Differenzierbarkeit von Autor und Erzähler oder von Realität und Fiktion.

Weiterführend ist nach Scheffel festzuhalten, dass eine Erzählung immer auch in einer vermittelten Kommunikationssituation stattfindet.[24] Diese narrative Kommunikationssituation schließt einen realen Autor ein, der für diese Kommunikationssituation einen vermittelnden Erzähler produziert. Nicht der Autor selbst ist es, der in der Narration erzählt, vielmehr sprechen Erzähler und Figuren durch ihn. Wenn man so will, ist der Erzähler in einer ganz bestimmten Form ein medialer Vermittler.

Bei der Medium/Form-Differenz nach Luhmann handelt es sich um eine Unterscheidung durch Beobachtung „desselben in demselben“[25]. Die Beobachtung der Unterscheidung ermöglicht sich erst durch das Kriterium der Differenz als eine Operation. Das Medium, das durch die lose Koppelung der Elemente selbst unbeobachtbar bleibt, steht der Form als feste Koppelung der Elemente gegenüber, was wiederum dazu führt, dass ein Medium, erst durch die Koppelung der Form, als solches wahrnehmbar wird.[26] Differenziert werden kann im Fall des Autor-Erzähler-Verhältnisses von einem Erzähler und dem Autor der den Erzähler als solchen erst produziert. Autor und Erzähler stellen somit eine unzertrennbare Einheit dar und bilden ganz im Sinne der Medium/Form-Differenz ein interdependentes Begriffspaar. Der Autor als Medium und der Erzähler als Form

[...]


[1] Patrick Roth: Meine Reise zu Chaplin. Ein Encore. Frankfurt: Suhrkamp 1997. S. 31.

[2] Patrick Roth: Die amerikanische Fahrt. Stories eines Filmbesessenen. Göttingen: Wallstein 2013. Im Folgendem nur noch mit AF bezeichnet.

[3] Tanja Prokić: Vor der Theorie ist die Verwandlung. Ein Beitrag zur Intermedialitätsforschung am Beispiel von Patrick Roths Magdalena am Grab. Demnächst veröffentlicht in: Mario Grizelji, Oliver Jahraus und Tanja Prokić (Hrsg.): Vor der Theorie. Materialität-Intensität-Immersion. Würzburg: Könighausen&Neumann 2014.

[4] Tanja Prokić: Vor der Theorie ist die Verwandlung. Ein Beitrag zur Intermedialitätsforschung am Beispiel von Patrick Roths Magdalena am Grab. (Seitenangaben noch unbekannt) zitiert aus: 1. Das Vor der Intermedialitätstheorien oder was man mit Luhmanns Medium/Form-Untersscheidung gewinnt.

[5] Patrick Roth: Meine Reise zu Chaplin. S. 9.

[6] Vgl. Gérard Genette: Die Erzählung, Paderborn: Fink 2010.

[7] Patrick Roth: Die amerikanische Fahrt. S. 21.

[8] Ebd. S. 190.

[9] Ebd. S. 190.

[10] Tanja Prokić: Vor der Theorie ist die Verwandlung. Ein Beitrag zur Intermedialitätsforschung am Beispiel von Patrick Roths Magdalena am Grab. Zitiert aus der 'Einleitung'.

[11] Ebd. 'Einleitung'.

[12] Patrick Roth: Die amerikanische Fahrt. S. 215.

[13] Michael Fisch: Autorenporträt Patrick Roth . In. Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur seit 1945, Hg. v. T. Kraft. München: 2003, S. 1056–1058.

[14] Roland Barthes: Der Tod des Autors. In: Fotis Jannidis (Hrsg): Texte zur Theorie der Autorschaft. Stuttgart: Reclam 2000.

[15] Gérard Genette: Die Erzählung. Paderborn: Fink 2010.

[16] Michael: Scheffel: Formen selbstreflexiven Erzählens. Eine Typologie und sechs exemplarische Analysen. Tübingen: Niemeyer 1997.

[17] Michael Scheffel und Matías Martínez: Einführung in die Erzähltheorie. Müchen: C.H. Beck 2007.

[18] Ebd., S. 10.

[19] Roland Barthes: Der Tod des Autors. In: Jannidis, Fotis (Hrsg): Texte zur Theorie der Autorschaft, Stuttgart: Reclam 2000.

[20] Martina Wagner-Egelhaaf: Auto(r)fiktion. Literarische Verfahren der Selbstkonstruktion. Bielefeld: Aisthesis 2013. S.13.

[21] Ebd. S.14.

[22] Vgl. Serge Doubrovsky: Nah am Text/ Textes en main. In: De Toro, Alfonso und Claudia Gronemann (Hrsg): Autobiographie revisited. Theorie und Praxis neuer autobiographischer Diskurse in der französischen, spanischen und lateinamerikanischen Literatur. Hildesheim: Olms 2004. S.117–128.

[23] Irina O. Rajewsky: Intermedialität light? Intermediale Bezüge und die bloße Thematisierung des Altermedialen . In: Lüdeke, Roger und Erika Greber (Hrsg): Intermedium Literatur. Beiträge zu einer Medientheorie der Literaturwissenschaft. Göttingen: Wallstein 2004. S. 27–77, hier S. 29.

[24] Michael Scheffel und Matías Martínez: Einführung in die Erzähltheorie. S.17.

[25] Peter Fuchs: Die Beobachtung der Medium/Form-Unterscheidung, In: Brauns, Jörg (Hrsg): Form und Medium, Weimar: Verlag und Datenbank für Geisteswissenschaften 2002. S. 81.

[26] Mario Grizelji: Medien. In: Jahraus, Oliver (Hrsg): Luhmann-Handbuch. Leben-Werk-Wirkung. Stuttgart (u.a.): Metzler 2012. S. 100.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Exkursion in die Metamedialität. Zum Verhältnis von Autobiographie und Fiktion in Patrick Roths "Die amerikanische Fahrt. Stories eines Filmbesessenen"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Deutsche Philologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
31
Katalognummer
V340918
ISBN (eBook)
9783668303515
ISBN (Buch)
9783668303522
Dateigröße
803 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Intermedialität, Medium, Form, Differenz, Medialität, Luhmann, Genette, Patrick Roth, Erzähltheorie, Literatur und Film, Film, Autobiographie und Fiktion, Amerikanische Filme
Arbeit zitieren
Bianca Dragut (Autor), 2013, Exkursion in die Metamedialität. Zum Verhältnis von Autobiographie und Fiktion in Patrick Roths "Die amerikanische Fahrt. Stories eines Filmbesessenen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/340918

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