Antimuslimischer Rassismus in der Berichterstattung über Jugendliche

Eine qualitative Inhaltsanalyse


Bachelorarbeit, 2015

94 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Theorie
1.1 Das Konzept der Cultural Media Studies
1.2 Die Funktionen der Medien
1.2.1 Medien als Wissensvermittler
1.2.2 Die Repräsentationsfunktion der Medien
1.2.3 Die Integrationsfunktion der Medien
1.2.4 Die Zeigefunktion der Medien
1.2.5 Die Identitätsfunktion der Medien
1.3 Rassismus in heutigen Diskursen
1.4 Antimuslimischer Rassismus in der deutschen Gesellschaft
1.4.1 Merkmale von antimuslimischen Diskursen
1.4.2 Effekte und Funktionen von antimuslimischen Diskursen
1.5 Forschungsstand zu Migrant_innen in den Medien
1.5.1 Forschungsstand zu Muslim_innen in den Medien

2. Empirische Untersuchung
2.1 Die Forschungsfrage
2.2 Das Untersuchungsinstrument: Die qualitative Inhaltsanalyse
2.3 Materialauswahl und Materialbeschreibung
2.4 Theoriegeleitete Differenzierung und Operationalisierung
2.5 Ablauf der Analyse

3. Ergebnisse der Untersuchung
3.1 Formale Aspekte der Analyseneinheiten
3.2 Markierung der Jugendlichen als „Andere“
3.3 Eigenschaftszuschreibungen und Attribute
3.4 Argumentative Zusammenhänge

4. Diskussion und Fazit

5. Literaturverzeichnis

6. Anhänge

Einleitung

Migration gehört, besonders in Zeiten globaler Krisen und Zuwanderung, zu unserer Gesellschaft. Deutschland mit einem Anteil von 16,4 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund (Statistisches Bundesamt: 2015) sollte sich dabei als Einwanderungsland begreifen. Nach der Definition des Statistischen Bundesamtes gelten als Menschen mit Migrationshintergrund: Alle Ausländer und eingebürgerten ehemaligen Ausländer, alle nach 1949 als Deutsche auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Zugewanderte, sowie alle in Deutschland als Deutsche geborene mit zumindest einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil (Statistisches Bundesamt 2014: 6). Migrant_innen werden jedoch nicht selbstverständlich als Teil der Gesellschaft wahrgenommen. Erhebungen, beispielsweise des Allensbach Instituts (2006) und des Instituts für Konflikt- und Gewaltforschung, IKG (2011) zeigen, dass gerade Islamfeindlichkeit1 und antimuslimischer Rassismus2 zunehmende Tendenzen in der Gesellschaft sind. Dies verdeutlicht sich auch im Assimilationsparadox, das besagt, die Herkunftsdeutschen würden Einwanderern gegenüber zwar toleranter, auf der anderen Seite jedoch fordern sie immer radikaler deren Anpassung an die hiesigen Verhältnisse (vgl. Flam 2007: 241). Dies trifft insbesondere auf Menschen mit muslimischem Migrationshintergrund zu, die derzeit einen Anteil von 3,8 bis 4,3 Millionen Menschen in Deutschland ausmachen (vgl. Foroutan 2012: 25).

„Antimuslimischer Rassismus wird auch durch Massenmedien transportiert (…), die alltägliche Deutungsmuster über den Islam, die Muslime und muslimisierte Personen bieten“ (Paulus 2007: 280). Der Terminus „muslimisiert“ beschreibt dabei den Umstand, dass diese Menschen nicht zwangsläufig gläubig sind, sondern dass die Zuordnung als „Muslim_in“ durch die Mehrheitsgesellschaft vorgenommen wurde. Antimuslimischer Rassismus steht in einem klaren Zusammenhang mit der hauptsächlich negativen Berichterstattung (vgl. Schiffer 2005: 13). Auch ist „das Verständnis von Deutschland als Einwanderungsland lange nicht durch die Medien transportiert worden“ (Lünenborg 2012: 149). Dabei haben gerade Medien die Aufgabe, gesellschaftlichen Wandel mitzugestalten und sehen sich mit Forderungen nach besserer Integration, Normalität und Gleichwertigkeit in der Darstellung verschiedener Teilgesellschaften konfrontiert.

Medien haben eine hohe gesellschaftliche Deutungsmacht, da nur wenige Herkunftsdeutsche direkten Kontakt zu muslimischen und muslimisierten Menschen haben und sowohl ihr Wissen über diese Gruppe als auch ihr Islambild durch mediale Sekundärerfahrungen geprägt wird (vgl. Hafez 2007: 82, vgl. Lünenborg 2012: 143). Erzeugung und Festigung ethnischer wie kultureller Konflikte werden demnach entscheidend durch die Medien verantwortet (vgl. Butterwegge 1999). Medien liefern dabei kein objektives, sondern ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit.3 Dabei wird jedoch „durch die Art und Weise, wie Aussagen, Erfahrungen und medial platzierte Zusammenhänge präsentiert werden, ein als wahr geltendes Bild der Wirklichkeit suggeriert“ (Kuhn 2015: 69). Da Medien für gesellschaftliche In- und Exklusionsprozesse entscheidend verantwortlich sind, müssen sie sich der Forderung nach einer vielfaltigen und differenzierten Berichterstattung über muslimische und muslimisierte Menschen als Bestandteil der deutschen Gesellschaft stellen. Um dieser Forderung nachzugehen und Veränderungsmöglichkeiten aufzuzeigen, ist die Kenntnis der gegebenen Berichterstattungsstrukturen unabdingbar.

Die gesellschaftliche Macht der Medien muss einer ständigen Beobachtung unterzogen werden, um zu reflektieren, wie und durch welche Bilder bestimmte gesellschaftliche Gruppen und Minderheiten repräsentiert werden. Die Berichterstattung über Menschen mit muslimischem und muslimisiertem Migrationshintergrund ist bereits umfassend untersucht worden.4 Die Gruppe muslimischer und muslimisierter Jugendlicher wurde von der Forschung bisher jedoch kaum beachtet. Aufgrund der zunehmenden Flüchtlingszahlen aus Syrien und anderen muslimisch geprägten Ländern sowie der hohen Anzahl minderjähriger Flüchtlinge (BAMF 2015), wird diese Gruppe auch in Zukunft vermehrt mediale Aufmerksamkeit finden. Die mediale Repräsentation junger muslimischer und muslimiserter Personen spielt auch im Hinblick auf die Integration dieser Gruppe eine wichtige Rolle.

In dieser Bachelorarbeit gehe ich der Fragestellung nach, welche inhaltlichen Merkmale die Berichterstattung über Jugendliche mit muslimischem Migrationshintergrund aufweist. Es soll bei der Betrachtung jedoch um Jugendliche gehen, die bereits als fester Bestandteil der deutschen Gesellschaft wahrgenommen werden. Neu angekommene Flüchtlinge können aus forschungsökonomischen Gründen in der Analyse nicht berücksichtigt werden.

Die leitende Forschungsfrage dabei lautet: Wird in der Berichterstattungüber muslimische und muslimisierte Jugendliche antimuslimischer Rassismus transportiert und in welcher Form kommt dieser zum Ausdruck?

Die Arbeit gliedert sich dabei in einen theoretischen und einen empirischen Teil. Zur Beantwortung der Forschungsfrage werden im ersten Teil die zentralen Zugänge gelegt. Das Konzept der Cultural Media Studies ist dabei theorieleitend. Anschließend werden Konzepte und Begriffe vorgestellt, die für die Beantwortung der Forschungsfrage fruchtbar sind. Dazu gehe ich auf die Funktionen der Medien, auf Charakteristika von Rassismus im Allgemeinen und antimuslimischen Rassismus im Besonderen ein. Diese Arbeit lässt sich im kommunikationswissenschaftlichen Forschungsfeld „Migration und Medien“ verorten. Um Zusammenhänge aufzuzeigen werden vorangegangene Forschungsergebnisse zu Menschen mit muslimischem Migrationshintergrund herangezogen, auch um Forschungslücken genauer zu identifizieren. Diese Arbeit fällt ferner in die Kategorie der Medieninhaltsforschung, der deskriptiven Analyse von Medieninhalten. Im zweiten, dem empirischen Teil, wird die methodische Vorgehensweise sowie der Untersuchungsgegenstand vorgestellt und beschrieben. Die aus dem Forschungsstand abgeleitete Forschungsfrage wird mithilfe eines Kategoriensystems operationalisiert und in einer qualitativen Inhaltsanalyse der Berichterstattung untersucht und beantwortet.

Es wird in dieser Arbeit ausschließlich um das medial konstruierte Bild der Jugendlichen mit muslimischem Migrationshintergrund gehen. Artikel aus Regionalzeitungen liegen der Analyse dabei zugrunde. Weder tatsächliche Lebenswelten noch die Diskrepanz zwischen Medienbild und Wirklichkeit spielen in der weiteren Betrachtung eine Rolle.

Es ist an dieser Stelle bereits anzumerken, dass die Interpretation der Untersuchung aus meiner subjektiven Sicht erfolgt. Sie stellt damit nur eine mögliche unter vielen Auslegungsarten dar.5

1. Theorie

1.1 Das Konzept der Cultural Media Studies

Das Konzept der Cultural Media Studies bildet die Grundlage für weitere theoretische Überlegungen zu Rassismus und die Betrachtung der Bedeutungsfunktionen der Medien. Hinter diesem Begriff verbirgt sich ein trans- und interdisziplinäres Theoriekonzept zur „Analyse kultureller Praxen als Ausdruck gesellschaftlicher Machtstrukturen“ (Lünenborg 2005: 46). Im besonderen Fokus stehen die Wechselwirkungen zwischen Macht, Medien und Kultur. Den Medien wird dabei eine entscheidende Rolle bei der Etablierung und der Stabilisierung von hegemonialen Machtverhältnissen zugewiesen.6

Dabei geht der Ansatz der Cultural Media Studies von einem radikalen Konstruktivismus im Verhältnis zwischen Medientext7 und Wirklichkeit aus (vgl. Lünenborg 2012: 48). Aufgrund dieser Annahme kommt den Medien in der Bedeutungsproduktion der sozialen Wirklichkeit eine entscheidende Rolle zu. Stuart Hall verweist auf den „konstruktivistischen Ansatz von Repräsentationen“ (Hall 1997: 15), die auch durch Medien geschaffen werden. Repräsentationen entsprechen dabei jeglicher Wirklichkeitskonstruktion, bei der „das Signifikant nicht gleich dem Signifikat“ ist (vgl. Hall 1997: 61).

Als ein Repräsentationsprozess gilt beispielsweise das „ Othering “, bei dem aktiv ein Fremd- oder Feindbild durch bestimmte Repräsentationen geschaffen und konstruiert wird. Eng verzahnt sieht Hall die Repräsentation eines „Anderen“ mit der Konstruktion der eigenen kollektiven Identität. Da es in der weiteren Analyse um diese Repräsentationen des Anderen, des Selbst und ihren Zusammenhang zum Rassismus gehen soll, lohnt eine genauere Betrachtung.

Hall sieht das Entstehen von Rassismus als eine Folge der konstruktivistischen Repräsentation verschiedener ethnischer Identitäten und einer anschließenden Hierarchisierung dieser (vgl. ebd). Die Repräsentation des „Anderen“ führt auch zur Konstruktion der eigenen Identität. Das „Eigene“ wird dabei zum binären Gegenpol des „Anderen“. Das „Andere“ repräsentiert all Jenes, das aus der eigenen Selbstdefinition ausgeschlossen werden soll. Damit es das „Eigene“ geben kann, muss es ein konträres „Anderes“ geben (vgl. Hall 1997b: 239ff.). Aus Machtpositionen heraus werden beim „ Othering “ die Unterschiede zwischen den als konträr repräsentierten Gruppen „naturalisiert“. Diese Strategie dient nach Hall dazu, Unterschiede als biologisch gegeben zu manifestieren. Die auf diesen Prozessen beruhenden Repräsentationen bezeichnet Hall als Stereotype (vgl. ebd.: 245ff.).

Die Medien werden in den Cultural Media Studies als ein Ort angesehen, an dem rassistisches Wissen und rassistische Repräsentationen produziert, reproduziert und transformiert werden (vgl. Hall, 1997b:155). Sie liefern Erklärungen und Beschreibungen unserer Welt und tragen damit grundlegend dazu bei, die Repräsentationen mit Bedeutungen und Inhalten zu füllen. Die Frage, welche Repräsentationen über die Medien transportiert und reproduziert werden, wird in dieser Analyse am medialen Bild der Jugendlichen mit muslimischem Migrationshintergrund untersucht. Die Repräsentationen bilden also den Ausgangspunkt für nachfolgende Prozesse der Konstruktion von Selbst- und Fremdbild, wie auch den darauf basierenden Machtformationen, soziale Integration oder Ausschluss. Medien sind damit für gesellschaftlich Inklusions- und Exklusionsprozesse sowie für die Konstruktion gesellschaftliche Wirklichkeit verantwortlich. Die Repräsentation von muslimischen und muslimisierten Jugendlichen in der deutschen Berichterstattung erfolgt aus der Perspektive der Herkunftsdeutschen und damit von einer bestimmten Machtposition aus.8 Es wird in der weiteren Betrachtung immer um den Blick der Mehrheitsgesellschaft auf „die Anderen“ gehen, die Identitätskonstruktion der Deutschen ohne Migrationshintergrund bleibt unberücksichtigt. Macht und Medien stehen nach dem Ansatz der Cultural Media Studies, in einem engen Verhältnis. Die kulturelle Bedeutung wiederum entsteht erst durch die Rezeption des Publikums und dessen alltäglichem Handeln. Eine genauere Betrachtung des Medienpublikums und dessen Rezeption kann aus forschungsökonomischen Gründen nicht erfolgen. Es kann aber davon ausgegangen werden, dass die Bedeutung, welche bei der Produktion in den Medientext eingeschrieben wird, nicht identisch mit der Lesart und Interpretation der Rezipient_innen ist.

1.2 Die Funktionen der Medien

Bevor ich auf die Merkmale von (antimuslimischem) Rassismus eingehe, zeige ich Funktionen der Medien auf, die beim Transport und der Aufrechterhaltung von Rassismus eine entscheidende Rolle spielen. Durch das konstruktivistische Verständnis der Cultural Media Studies kommt den Medien in der sozialen Wirklichkeitskonstruktion eine außerordentliche Bedeutung zu. Ein Blick auf die gesellschaftlich relevanten Funktionen der Medien ist für das Verständnis dieser Macht unerlässlich. Bei der Betrachtung der Funktionen beziehe ich auch normative Forderungen der Medienwissenschaften im Zusammenhang mit dem Forschungsfeld Migration und Medien ein. Es werden nur die Funktionen der Medien berücksichtigt, die für die weitere Forschung relevant sind.

1.2.1 Medien als Wissensvermittler

Medien9 nehmen bei der Konstruktion von Wissen über die Welt eine entscheidende Vermittler-Position10 ein (vgl. Schiffer 2005:18). Dabei sind Medien immer in einer Doppelrolle - zwischen Konstrukteur der Realität und Spiegel der Gesellschaft - zu sehen (vgl. Schiffer 2005: 54). Wissen über Sachverhalte und Dinge, die außerhalb unseres unmittelbaren Erfahrungsbereiches liegen, werden uns durch die Medien vermittelt. Unser Wissen über die Welt beruht zum größten Teil auf diesen medialen Sekundärerfahrungen. Dies trifft auch auf das Wissen über muslimische und muslimisierte Personen zu, mit denen viele Herkunftsdeutsche kaum eigene Erfahrungen machen.

1.2.2 Die Repräsentationsfunktion der Medien

Die Repräsentation von gesellschaftlichen Gruppen als Teil der sozialen Lebenswirklichkeit findet durch die Medien statt und wird so von einer großen Öffentlichkeit rezipiert. In den Medienwissenschaften herrscht Einigkeit darüber, dass es in den Medien quantitativ wie qualitativ angemessene Repräsentationen von Menschen mit Migrationshintergrund geben sollte (vgl. Müller 2005: 112ff.). Um die Forderung nach angemessener Repräsentation zu überprüfen, bietet das Modell von Trebbe (2009) eine Orientierung. Trebbe geht in diesem Modell von einem dreistufigen Thematisierungs- und Repräsentationsprozess aus: Auf erster Stufe steht das bloße Vorhandensein von Migrant_innen in den Medien, auf zweiter Stufe das Vorkommen auf der medialen Tagesordnung und auf der dritten Stufe die aktive Teilnahme und Einbindung in den öffentlichen Diskurs (vgl. Trebbe 2009: 49). Das Vorkommen allein reicht für eine angemessene Repräsentation einer Gruppe als fester Bestandteil der Gesellschaft demnach nicht aus. Parallel muss der Inhalt der Repräsentationen qualitativ geprüft werden, was die vorliegende Arbeit für eine Teilgruppe tut.

1.2.3 Integrationsfunktion der Medien

Mediale Präsenz ermöglicht die Teilhabe an gesellschaftlichen Diskursen (vgl. Lünenborg et al. 2012: 11) und die Repräsentation von Gruppen als Teil der sozialen Wirklichkeit (vgl. Vlasic, 2004: 64). Die Medienwissenschaft spricht dabei auch von einer „Integration von ethnischen Minderheiten in die medial hergestellte Öffentlichkeit“ (Geißler/ Pöttker 2006: 21 zit. nach Lünenborg et al. 2012: 20). Besonders in Zeiten der globalen Migration kommt der Integrationsfunktion eine hohe Bedeutung zu. Lünenborg et al. betonen, dass die Gesellschaft durch die Medien beschrieben wird. „Zugehörigkeit zur deutschen Gesellschaft oder Ausschluss aus ihr, Inklusion oder Exklusion - diese Zuweisung wird maßgeblich durch die Mediendiskurse vorgenommen“ (Lünenborg et al. 2012: 17). Die Integrationsfunktion der Medien ist dann angemessen erfüllt, wenn sich verschiedene gesellschaftliche Gruppen mit ihren kulturellen Praxen in angemessener Weise medial wiederfinden. Einer angemessenen medialen Repräsentation entspricht die Darstellung unterschiedlichster Lebensentwürfe, in der sich Personen einer Gruppe durch verschiedenste Lebenswirklichkeiten wiederfinden. Die Integrationsfunktion der Medien gelingt nur dort, wo keine Ausgrenzung stattfindet. (Antimuslimischer) Rassismus schafft Ausgrenzung und steht der Integrationsfunktion somit konträr entgegen. Repräsentations- und Integrationsfunktion greifen eng ineinander. In der nachfolgenden Analyse wird untersucht, wie die inhaltliche Repräsentation der muslimischen und muslimisierten Jugendlichen abläuft, ob diese im Sinne der Integrationsfunktion angemessen ist und somit die Ausgrenzung dieser Gruppe verhindert. Bisher werden Medien ihrer grenz- und kulturübergreifenden integrativen Aufgabe nur mangelhaft gerecht. Es überwiegen Reproduktionen von stereotypen Bildern und Erklärungsmustern, die kaum Potentiale bieten, den gesellschaftlichen Wandel mitzugestalten. „In der Berichterstattung dominiert die Reproduktion einer homogenen Kultur der Mehrheitsgesellschaft“ (Lünenborg et al, 2012: 145). Dabei werden Migrant_innen repräsentative Positionen zugewiesen, die die Dominanz der Mehrheitsgesellschaft unangetastet lassen (vgl. Lünenborg et al. 2012: 145).

1.2.4 Die Zeigefunktion der Medien

„Journalismus produziert gewisse Bilder und Images (…) und lässt andere unberücksichtigt“ (Lünenborg et al. 2011: 17). Die Zeigefunktion verdeutlicht einmal mehr das „Wie“ - den qualitativen Aspekt - der Repräsentation. In der medialen Berichterstattung wird die Aufmerksamkeit bewusst auf gewisse Sachzusammenhänge gelenkt, während andere systematisch ausgeblendet werden. Sabine Schiffer betont in Ihre Dissertation die Gefahr, dass sich in diesem Prozess gerade durch das ständige Wiederholen konstruierter Zusammenhänge bei den Rezipienten feste Assoziationsketten bilden. Diese können Stereotype festigen und die Wahrnehmung gegenteiliger Informationen erschweren (vgl. Schiffer 2005: 38). 11 Welche Zusammenhänge zwischen Migrant_innen und Medien in aktuellen antimuslimischen Diskursen konstruiert werden, beleuchte ich in Kapitel 1.5 genauer. Die Zeigefunktion dient nach Schiffer dazu, eigene Missstände auf andere Gruppen zu übertragen. Dadurch soll u. a. die bestehende gesellschaftliche Ordnung stabilisiert werden (vgl. Schiffer 2005: 45).

1.2.5 Die Identitätsfunktion der Medien

Medien konstruieren durch Repräsentationen individuelle und gruppenspezifische Selbst- und Fremdidentitäten. Im Konzept des Cultural Citizenship beschreiben Lünenborg et al., wie durch die Identitätskonstruktion die Teilhabe an der Gesellschaft und eine Verortung der eigenen Position in der Gesellschaft verhandelt werden. Ich möchte hiermit nur auf Auswirkungen mediale Repräsentationen und Rassismus hinweisen, eine genaue Betrachtung der Identitätsfunktion findet in der vorliegenden Arbeit nicht statt. Es ist aber bereits nach einer kurzen Erläuterung dieser Funktion ersichtlich, wie eng die verschiedenen Funktionen der Medien aufeinander aufbauen und sich gegenseitig beeinflussen.

1.3. Rassismus in heutigen Diskursen

Um Rassismus in der Berichterstattung aufzuzeigen, muss er anhand von Merkmalen nachweisbar gemacht werden. Ein besonderes Kennzeichen von Rassismus ist, dass er sich diskursiv manifestiert. Auf diesen Umstand gehe ich zuerst ein und identifiziere anschließend aktuelle diskursive Charakteristika des antimuslimischen Rassismus.

Stuart Hall schlägt folgende Definition für die Verwendung des Begriffs von Rassismus vor:

„ Rasse ’ ist eine diskursive, keine biologische Kategorie. D.h. sie ist die organisierende Kategorie der Sprechweisen, Repräsentationssysteme und sozialen Praktiken, die einen lockeren, oft unspezifizierten Zusammenhang von Unterscheidungen nach physischen Charakteristiken - Hautfarbe, Haarform, physische und körperliche Eigenschaften - als symbolische Markierungen dazu benutzten, um eine Gruppe gesellschaftlich von einer anderen zu unterscheiden “ (Stuart Hall 1994: 207). Heute sind neben den von Hall benannten Charakteristika kulturelle als symbolische Markierungen hinzugekommen. Diese Unterscheidungen dienen letztendlich der Rechtfertigung von Ungleichbehandlung und Festigung hegemonialer Machtverhältnisse. Das Verhältnis von Diskursen12 und Macht beschreibt Foucault in seiner Diskursanalyse13. Machtpositionen sind produktiv, da sie Diskurse generieren, die wiederum gesellschaftliche Praktiken und Wissen konstruieren (vgl. Hall 2004: 120). Auch die Medien befinden sich in einer Machtposition. Die Entstehung und Aufrechterhaltung von Diskursen haben sie mitzuverantworten. Eine Kategorie wie Ethnizität14 wird durch Mediendiskurse generiert und festgeschrieben (vgl. Lünenborg et.al. 2011: 17). Um den Rassismus, der sich durch Diskurse manifestiert, sichtbar zu machen, schlagen Martin Reisigl und Ruth Wodak fünf Leitfragen vor:

(1) Wie, mit welchen Metaphern, wird die Gruppe sprachlich bezeichnet(referential strategy)
(2) Welche Eigenschaften werden der Gruppe zugeschrieben? (predicational strategy)
(3) Mit welchen Argumenten versucht die Mehrheit die Diskriminierung und Ausgrenzung der Minderheit zu rechtfertigen? (argumentation strategy)
(4) Aus welcher Perspektive werden die Zuschreibungen vorgenommen? (framing)
(5) Findet die Diskriminierung explizit oder durch implizite Zuschreibungen statt? (Reisigl Wodak 2000: 44).

Die qualitative Inhaltsanalyse dieser Arbeit orientiert sich an diesen Fragen und bringt sie mit konkreten Merkmalen des antimuslimischen Rassismus in Verbindung.

Ein weiteres Hauptmerkmal von Rassismus ist die mit ihm verbundene stereotype Wahrnehmung der diskursiv diskreditierten Gruppe. „Ein Stereotyp hat die logische Form eines Urteils, das in ungerechtfertigt vereinfachter und generalisierender Weise, mit emotional wertender Tendenz, einer Klasse von Personen bestimmte Eigenschaften zu-oder abspricht“ (Quasthoff 1973: 28).

Stereotypisierung15 entspricht damit dem Konzept der „predicational strategy“ von Reisigl und Wodak. Zwei Komponenten sind nach Maria Röder im Stereotypisierungsprozess zentral: Zum einen ist die Wahrnehmung im Hinblick auf die Bestätigung der Stereotype verzerrt, zum anderen findet eine Generalisierung von Merkmalseigenschaften vom Individuum auf die gesamte Gruppe statt und umgekehrt (vgl. Röder 2007: 33). Die Inhalte der Stereotype entstehen dabei aus divergenten psychologischen Prinzipien. Nach Röder folgen sie einem ambivalenten Vorstellungssystem, basieren meist auf negativem und extremem Verhalten sowie auf der Abgrenzung zur Eigengruppe. Zudem wird der Wert der Eigengruppe durch diesen Vergleich gesteigert, was die konträre Abwertung der Fremdgruppe impliziert (vgl. Röder 2007: 38 ff.). Im Zuge dieser Aus- und Abgrenzungsprozesse wird die Fremdgruppe zunehmend als homogen wahrgenommen. „Je homogener die „Anderen“ konstruiert werden, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit einer ausschließlich stereotypen Wahrnehmung dieser Gruppe“ (vgl. Todd 2006: 28ff. zit. nach Röder 2007: 39). Die Berichterstattung der Medien spielt im Stereotypisierungsprozess rassistischer Diskurse eine zentrale Rolle. Massenmedien sind dabei „zum Speicher von kulturellen Wissensbeständen geworden und transportieren somit auch kulturell geteilte Stereotype“ (vgl. Flick 1995, zit. nach Röder 2007:42). Massenmedien sind damit vor allem für das Speichern und den Transport der Stereotype, nicht aber auch zwingend für ihre Entstehung verantwortlich. Die Medienwissenschaften fokussieren in ihren analytischen Untersuchungen vor allem den Inhalt der medial verbreiteten Stereotype. Beispielsweise gehen sie der Frage nach, welche Stereotype über eine bestimmte Nation durch die Medien verbreitet werden. Der Mechanismus der Berichterstattung, Unspektakuläres und Normales auszublenden, bestärkt dabei das Entstehen und Festigen der Stereotype (vgl. Schiffer 2005: 25ff). Kulturelles Wissen über eine andere Gruppe manifestiert sich vor allem dann als kultureller Wissensbestand durch die Medien, wenn kaum direkter Kontakt zwischen den verschiedenen Gruppen besteht.

1.4 Antimuslimischer Rassismus in der deutschen Gesellschaft

In diesem Teil der Arbeit werde ich herausarbeiten, ob und wie antimuslimischer Rassismus in der deutschen Gesellschaft und ihren Diskursen anzutreffen ist, und was seine besonderen Charakteristika sind. Als Beginn von antimuslimischen Debatten kann jener Zeitpunkt bezeichnet werden, zu dem in den 1980er Jahren klar wurde, dass viele der türkischen Gastarbeiter in Deutschland bleiben, und nicht, wie zuvor angenommen, in ihre Heimatländer zurückkehren würden. Es fand eine Wahrnehmungsverschiebung16 von Gastarbeitern zu kulturellen Fremden statt (vgl. Kuhn 2015: 35).

Diese Arbeit basiert auf der Annahme, dass Diskurse auch durch die Medien produziert werden. Entsprechen die gesellschaftlichen Diskurse also denen der Medien? In ihrer soziologischen Studie „ Muslimbilder in Deutschland “ (2012) untersucht Naika Foroutan Vorstellungen und Akzeptanz von Muslim_innen in der deutschen Gesellschaft. Neben ihren eigenen Ergebnissen sind auch frühere Studien in ihre Gesamtbewertung mit eingeflossen. Sie stellt dabei fest, dass antimuslimische Einstellungen und eine ablehnende Haltung gegenüber Muslime_innen zunehmende Tendenzen sind (vgl. Foroutan 2012: 6). Die Wahrnehmung von Muslim_innen ist von der Unvereinbarkeit der Kulturen und Stereotypen geprägt (vgl. ebd. : 2012: 7). Die muslimische Kultur wird der westlichen konträr gegenübergestellt und somit die vermeintliche Inkompatibilität zu begründen versucht. Die Kultur zum „Erklärungs- und Kristallisationspunkt“ (ebd.: 2012: 11) erhoben. Die Kultur gilt dabei als Abgrenzungskategorie, um Menschen als „Anders“ zu definieren. Die Frage, ob dieses Bild auch durch die Medien kommuniziert wird, beantworte ich in Kapitel 1.5 in dem der Forschungsstand zu Migrant_innen in den Medien reflektiert wird.

1.4.1 Merkmale von antimuslimischen Diskursen

Durch die Sichtung verschiedener Forschungsbefunde zu antimuslimischem Rassismus ist es möglich, inhaltliche Hauptmerkmale dieser Diskurse herauszuarbeiten. Sie werden später als Analysekategorien dienen, anhand derer das Vorhandensein von antimuslimischem Rassismus in der Berichterstattung über Jugendliche geprüft wird. Dabei besteht kein Anspruch auf Vollständigkeit. Einige der Merkmale treffen nicht nur auf antimuslimischen, sondern auf Rassismus im Allgemeinen zu. Eine genauere Spezifizierung wird an dieser Stelle nicht vorgenommen.

Die nun benannten Charakteristika ordne ich unmittelbar in das Analyse-Gerüst von Reisigl und Wodak ein, mit dem geprüft werden kann, wie sich Rassismus diskursiv manifestiert. Antimuslimischer Rassismus, der sich durch Diskurse manifestiert, beginnt mit der sprachlichen Markierung einer Gruppe, der referential strategy, um diese als solche kenntlich zu machen. Die Ursprünge der bewussten sprachlichen Repräsentation und Produktion des „Anderen“, auch „ Othering “ 17 genannt, gehen bis in die Kolonialzeit zurück. Das Bilden von symbolischen Differenzen ist dabei die Ausgangsbedingung für weitere Ausgrenzungsmechanismen. Es führt zum Schließen der eigenen Reihen und Isolation der Kulturen (vgl. Hall 2004: 120). Im Zuge des antimuslimischen Rassismus werden Kultur, Religion und Ethnizität zum Differenzmarker und „einer alles hinlänglich erklärenden Kategorie“ gemacht (Al- Armee 1996: 8ff - zit. nach Kuhn 2015: 40). Die Ethnisierung18 der Kategorie „Muslim_in“ findet dabei sowohl bei tatsächlicher als auch bei zugeschriebener Religionszugehörigkeit statt (vgl. Shoomann 2014: 27). Menschen werden aufgrund äußerer Merkmale - beispielsweise des Aussehens oder des Namens - der Kategorie „Muslim_in“ zugeordnet. In diese Kategorie „passt“ eine Person also nicht aufgrund ihrer wahren Religionszugehörigkeit, sondern aufgrund der Zuordnung durch die Mehrheitsgesellschaft. Die Kategorien wie auch ihre Grenzen werden durch die Herkunftsdeutschen bestimmt und dienen als sozialer Platzanweiser der Hierarchisierung der Gesellschaft (vgl. Lünenborg 2012: 15). In antimuslimischen Diskursen werden die Kategorien „Kultur“, „Religion“ und „Ethnizität“ oft zu einem komplexen Geflecht verwoben und damit austauschbar gemacht (vgl. Shooman 2014: 14).

Ein weiteres Merkmal von antimuslimischem Rassismus stellt das Homogenisieren und Generalisieren dar. Sie lassen sich dem Stereotypisierungsprozess und damit der predicational strategy zuordnen (s. Kapitel 1.3).Zahlreiche Befunde19 belegen eine undifferenzierte und homogene Sichtweise auf den Islam sowie muslimische und auf muslimisierte Personen.

Dabei werden die Mitglieder dieser Kategorie als austauschbare Individuen dargestellt, eine „Kollektivierung und Homogenisierung aller Lebensentwürfe der Muslime“ (Kuhn 2015: 61) findet statt, die eine differenzierte Wahrnehmung ausschließt.

Gewalt wird dabei oft als ein spezifischer, muslimischen und muslimisierten Personen zugehöriger Faktor dargestellt (vgl. Rommelsbacher 2005: 245). Dies folgt ebenfalls Prinzipien des Stereotypisierens, bei denen Negatives und Extremes besonders betont werden. Werden bestimmte Sachverhalte immer wieder in einen Zusammenhang gebracht, werden sie automatisch als füreinander relevant wahrgenommen (vgl. Schiffer 2005: 66). Wird die muslimische Kultur wiederholt mit negativem Verhalten in Verbindung gebracht, entwickelt sich eine assoziative Verknüpfung, die beide Elemente in eine scheinbar kausale Beziehung bringt.20 Wird beispielsweise betont, viele Straftäter_innen hätten einen muslimischen Hintergrund, wird dadurch ein vermuteter Zusammenhang zum Islam suggeriert (vgl. Shooman 2014: 63). Negative Eigenschaftszuschreibungen und Generalisierungen können also als ein Indikator für eine stereotype Darstellung und damit für Rassismus angesehen werden. Der Fokus der folgenden Analyse wird neben den Eigenschaftszuschreibungen auch auf der argumentational strategy liegen. In antimuslimischen Diskursen fungiert der Islam und die muslimische Kultur als zentraler „Erklärungs- und Kristallisationspunkt“ (Foroutan 2011: 11, Shooman 2014: 32). Politische, soziale und ökonomische Faktoren werden bei der Erklärung verschiedenster Lebensumstände bei den als „Muslim_in“ kategorisierten Personen ausgeblendet. Der Trend zur „Kulturalisierung“ von gesellschaftlichen Konflikten ist nicht neu.21 Bereits in den 1970er Jahren wurden soziale Probleme mit türkischen Gastarbeitern auf die Unterschiedlichkeit der Kulturen zurückgeführt. „Einwanderer, und hier nun besonders die türkischer Herkunft, sind deshalb so problematisch, (...), weil ihre Kultur so anders ist als die unsere“ (Martin Sökefeld 2004: 16). Ein zentrales Element der kulturalistischen Argumentation stellt die Wahrnehmung der „Inkompatibilität von hermetisch in sich geschlossenen Kulturkreisen“ (Shooman 2014: 51) dar. Lebensweisen der Mitglieder einer Kultur werden nach dem totalitätsorientierten Kulturkonzept als nach innen einheitlich, nach außen jedoch geschlossen wahrgenommen (vgl. Reckwitz 2008: 23). Die Kategorie „Kultur“ determiniert nach diesem Ansatz das Verhalten des Individuums, welches wiederum ausschließlich auf dieser Kategoriengrundlage erklärt wird. Auch die Psychologin Birgit Rommelsbacher verweist auf die Dominanz kulturalistischer Argumentationen in antimuslimischen Diskursen. „Wenn sich muslimische Jugendliche politisch radikalisieren im Sinne eines politisierten Islamismus, dann werden „der“ Islam und „die“ Hassprediger in der Moschee dafür verantwortlich gemacht“ (Rommelsbacher 2005: 248). Abweichendes Verhalten wird auf die Kultur zurückgeführt, anstatt sozialpsychologische Faktoren sichtbar zu machen. Diese Tendenz lässt sich umso kontrastreicher nachziehen, wenn sie den Argumentationsstrategien radikalisierter Jugendlicher ohne Migrationshintergrund gegenüber gestellt wird. Extreme Verhaltensweisen werden hier psychologisch erklärt oder als Ursache von sozialen Problemen, bspw. mangelnder beruflicher Perspektive oder familiärer Belastung, verstanden. Bei muslimischen und muslimisierten Jugendlichen „wird kulturalistisch argumentiert, während bei Deutschen auf individuelle und soziale Ursachen abgehoben wird“ (ebd.: 2005: 248). Die islamische Kultur als Erklärungspunkt und Schuldzuweisung ersetzt die Betrachtung der sozialen Faktoren.22

Des Weiteren nimmt das Betonen kultureller Unterschiedlichkeit einen großen Teil der Argumentationen in antimuslimischen Diskursen ein. Die Kategorie „Kultur“ wird instrumentalisiert, um die Andersartigkeit zu begründen und bietet antimuslimischen Diskursen so eine Argumentationsgrundlage. Diese Inszenierung von statischer Andersartigkeit dient dabei sowohl der Fremd- als auch der Selbstkonstruktion. „Die ausgeschlossene Gruppe verkörpert das Gegenteil der Tugenden, die die Identitätsgemeinschaft auszeichnet. Das heißt also, weil wir rational sind, müssen sie irrational sein, weil wir kultiviert sind, müssen sie primitiv sein (…)“ (Hall 2000: 14). Das Differentmachen ist also eng mit einer Wir-Sie-Dichotomie verknüpft, die eine Argumentationsgrundlage für die Ausgrenzung der muslimischen und muslimisierten Menschen bietet. Das „Deutsch- Sein“ wird dabei dem „Muslimisch-Sein“ konträr gegenübergestellt.23 „In dieser Gegenüberstellung wird die eigene Kultur idealisiert und das umso mehr, je mehr die andere Kultur zur negativen Kontrastfolie degradiert wird“ (Rommelsbacher 2005: 259)24. Lünenborg et al. machen deutlich, dass eine dichotome Unterscheidung von „Deutsch“ und „Nicht-Deutsch“ den Wandlungsprozess nicht angemessen beschreibt. (vgl. Lünenborg 2012: 143). Personen, welche unter die Kategorie „muslimisch“ fallen, werden in dieser Gegenüberstellung als rückschrittlich konstruiert, um eine Hierarchisierung der Kulturen zu rechtfertigen (vgl. Kuhn 2015: 10).

In antimuslimischen Diskursen sind demnach zum einen die kulturalistische Argumentation als auch das dichotome Gegenüberstellen der als different markierten Gruppen von besonderer Relevanz.

1.4.2 Effekte und Funktionen von antimuslimischen Diskursen

Die Effekte und Funktionen, die hinter diesen antimuslimischen Diskursen stehen, verdeutlichen die Relevanz der vorliegenden Analyse.

Die Konstruktion von Selbst- und Fremdbildern ist zum einen die Legitimation für Ausgrenzungsprozesse25, zum anderen führt sie zur Aufwertung des eigenen Selbstbildes. Feind- und Fremdbilder werden immer als eine spiegelbildliche Kehrseite zum Selbst definiert. Die Konstruktion des Fremden ist damit als ein aktiver Prozess zu sehen, bei dem durch Akzentualisierung Gemeinsamkeiten aus der Wahrnehmung ausgeschlossen werden, sodass Unterschiede überbetont und übersteigert werden (vgl. Rommelsbacher 2005: 11, vgl. Shomann 2014: 127). Des Weiteren werden durch diese Diskurse Ein- und Ausschlüsse von gesellschaftlichen Ressourcen geregelt (vgl. Shooman 2014: 27). 26 Yasemin Shomman sieht eine weitere Funktion des Rassismus in dessen Rolle als Katalysator von sozialen Problemen. Durch eine kulturalistische Argumentationsstrategie werden die Ursachen von gesellschaftlichen Problemen auf eine Minderheitengruppe projiziert und diese dafür verantwortlich gemacht. Dadurch wird zum einen die eigene Kultur von der Verantwortung entlastet, 27 zum anderen wird die Diskriminierung und der Rassismus gegenüber der Fremdgruppe legitimiert. Soziale Ungleichheiten werden so „mittels Ethnisierung, Kulturalisierung und Islamisierung „erklärbar“ gemacht (…). So kann strukturelle Diskriminierung ausgeblendet und das Problem nach außen verlagert werden“(ebd.: 2014:75). Somit dienen die oben benannten referential, predicational und argumentational strategies der Stabilisierung von Macht- und Statushierarchien der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Die verzerrte Darstellung der Muslim_innen und des Islams in sozialen Diskursen hat einen erheblichen Einfluss auf das Leben muslimischer und muslimisierter Personen (vgl. Kuhn 2015: 73).

1.5. Forschungsstand zu Migrant_innen in den Medien

Es wurden nun Charakteristika herausgearbeitet, mit denen sich antimuslimischer Rassismus aufzeigen lässt. „Sämtliche Formen des antimuslimischem Rassismus werden auch mit Hilfe der Massenmedien geschürt, sei es offen oder latent“ (Kuhn 2015: 72). Bevor ich die mediale Berichterstattung über muslimische und muslimisierte Jugendliche untersuche, soll ein Überblick über den Forschungsbereich Migrant_innen in den Medien gegeben werden. Darin zeige ich auch auf, inwiefern Medien als Transporteur und Speicher von Rassismus fungieren. Da Muslim_innen eine Untergruppe von Migrant_innen darstellen, werde ich zuerst auf Migrant_innen im Allgemeinen und anschließend auf Befunde speziell zu Muslim_innen in den Medien eingehen. „Migrant_innen und Medien“ sind in der Kommunikationswissenschaft, aber auch interdisziplinär, zu einer eigenen Forschungsrichtung herangewachsen und vielfach untersucht worden.28 In der Medienwissenschaft steht dabei die journalistische Berichterstattung, insbesondere im Printbereich, oft im Focus der Analysen.29

Nachdem Migrant_innen von den Medien lange Zeit kaum wahrgenommen wurden, wuchsen sie Mitte der 90er Jahre zu einem festen Bestandteil der Berichterstattung heran (vgl. Lünenborg 2012: 19). Obwohl die Aufmerksamkeit der Medien bezüglich Migration und Migrant_innen gewachsen ist, erhalten sie dennoch kaum einen angemessenen Platz in der Berichterstattung und kommen meist nur am Rande vor (vgl. Lünenborg 2012: 29, Röder 2007: 20, Müller 2005: 112). Positive und alltägliche Ereignisse werden dabei fast vollständig ausgeblendet (vgl. Müller 2005: 100ff.) und Migrant_innen überwiegend in einem negativen Kontext präsentiert (vgl. Röder 2007: 20, Lügenborg 2012: 11). Dabei werden sie beispielsweise oft mit Terror und Gewalt in Verbindung gebracht (vgl. Müller 2005: 100-101, Bonfadelli 2007: 80). Viele Befunde belegen, dass in der deutschen Berichterstattung diskursiv ein Zusammenhang zwischen Migrant_innen und Kriminalität gezogen wird (vgl. Jäger et al. 1998, Lünenborg 2000: 20). Insbesondere bei der Berichterstattung über männliche Migranten rücken konflikt- und problembelastete Themen in den Fokus (Ruhrmann et al. 2006, Müller 2005, Lünenborg 2012: 243ff.). Diese Dekontextualisierung - und das vorrangige Betonen von negativen Ereignissen - führt zudem dazu, dass Hintergrundinformationen zu sozialen, politischen sowie kulturellen Lebensbedingungen fast vollständig weggelassen werden (vgl. Röder 2007: 20ff).

Ferner ist die Darstellung der Migrant_innen in den Medien oft stereotyp (vgl. Lünenborg 2012: 29) und die Betonung wird auf Differenzen gelegt. Sie werden „als Fremdkörper dargestellt, deren Anwesenheit (…) aufgrund ihrer Andersartigkeit die deutsche Lebensart beeinträchtigt“ (Müller 2005: 101). Das Dekontextualisieren und Stereotypisieren in der Berichterstattung sind verzerrende Prozesse, welche die betreffende Gruppe unangemessen repräsentieren und homogenisieren. Handlungsvorgänge werden dabei aus ihrem Kontext meist vollkommen herausgelöst (vgl. Hafez 2002: 301).

1.5.1 Forschungstand zu Muslim_innen in den Medien

Forschungsbefunde speziell zu Muslim_innen in den Medien legen vergleichbare Tendenzen offen. Sabine Schiffer (2005) nennt in ihrer Dissertation charakteristische Merkmale von antimuslimischer Berichterstattung, die sich überwiegend mit der Befundlage von Migrant_innen im Allgemeinen decken.30 Sie weist darauf hin, dass Realitäten, die nicht in das vorhandene Gerüst von Stereotypen passen, ausgeblendet werden (vgl. Schiffer 2005: 84).

Bei diesen Prozessen liegt der Fokus „nicht auf der Rezeption, bzw. der Aufhebung von Ungleichheiten, sondern auf der politischen Artikulierung von Differenzen“ (Gresch/Hadj- Abou 2008: 97ff). Außerdem identifiziert Schiffer das Motiv des Weg-Verweisens von gesellschaftlichen Problem auf die Muslim_innen (vgl. Schiffer 2005: 88). Ferner liegt auch der Fokus in der Berichterstattung über Muslim_innen auf der Darstellung von Problemen bei gleichzeitigem Ausblenden normaler Lebensrealitäten und empirischer Fakten (vgl. ebd. 2005: 89-90). Gesamtzusammenhänge werden verschleiert, wobei Stereotype zum Argumentations- und Erklärungsgrundsatz werden (vgl. ebd. 2005: 90ff). Bei umfassender Berichterstattung würde klar, dass zwischen vielen Fakten, die nebeneinander dargestellt werden, keine Zusammenhänge bestehen (vgl. ebd. 2005: 91)31. Auch wird dabei oft die Religion im Begründungszusammenhang angeführt. Auch Kai Hafez (2002) betont das dualistische Spiegelbild-Denken, welches den Islam als Gegenkonzept zum Westen konstruiert (vgl. Hafez 2002: 302).32 Die Berichterstattung ist geprägt vom Ethnozentrismus, der zur Aufwertung der eigenen Kultur bei gleichzeitiger Abwertung der muslimischen Kultur beiträgt.

In Kapitel 1.4 wurden gesellschaftliche antimuslimische Diskurse beschrieben. Es zeigt sich nach der Reflexion des Forschungsstandes in Bezug auf die Medien ein einheitliches Bild, welches den Zusammenhang zwischen der Berichterstattung und den Diskursen in der Gesellschaft über muslimische und muslimisierte Personen verdeutlicht. Der Forschungsstand weist Lücken in der Betrachtung einzelner Gruppen auf. Es finden sich kaum Studien, welche speziell die Berichterstattung zu Jugendlichen mit muslimischem Hintergrund in den Fokus rücken. Es lohnt sich also, an dieser Stelle anzusetzen und die Berichterstattung über muslimische und muslimisierte Jugendliche in einer qualitativen Inhaltsanalyse genauer zu betrachten.

2. Empirische Untersuchung

Im empirischen Teil dieser Arbeit stelle ich die Untersuchungsmethode sowie die Ergebnisse der Inhaltsanalyse vor. Diese ordne ich in einen Gesamtkontext ein, diskutiere und beantworte die Forschungsfrage und weise schließlich auf weiterführende Forschungsfragen hin, die sich dieser Forschung anschließen könnten.

2.1 Die Forschungsfrage

Zum Schließen der Forschungslücke über die Darstellung von muslimischen und muslimisierten Jugendlichen in der Berichterstattung liefert die vorliegende qualitative Inhaltsanalyse einen Einstieg. In der Analyse geht es um das „Wie“, also um die Inhalte der Repräsentationen. Es werden ausschließlich Artikel untersucht, in denen über in Deutschland lebende Jugendliche mit muslimischem Migrationshintergrund berichtet wird. Die leitende Forschungsfrage dabei lautet:

Wird in der Berichterstattungüber muslimische und muslimisierte Jugendliche antimuslimischer Rassismus transportiert und in welcher Form kommt dieser zum Ausdruck? Aus dem Forschungsstand abgeleitet orientieren sich weitere erkenntnisleitende Fragen dabei an den Strategien Reisigls und Wodaks (s. Kapitel 1.3), sie lauten: Wie werden die Jugendlichen als „Anders“ markiert? Durch welche Merkmale werden sie beschreiben und findet an diesen Stellen eine Stereotypisierung statt? Mit welchen Argumenten werden das Verhalten und die Lebensumstände der Jugendlichen erklärt?

2.2 Das Untersuchungsinstrument: Die qualitative Inhaltsanalyse

Die qualitative Inhaltsanalyse ist eine Methode, die interdisziplinär Verwendung findet.33 Sie dient dem Überprüfen von Theorien und Hypothesen. Es existieren unterschiedliche Definitionen einer qualitativen Inhaltsanalyse, die je nach Fachgebiet anders ausfallen. Ralf Lisch und Jürgen Kriz sehen in ihr „das zentrale Modell zur Erfassung (bzw. Konstituierung) sozialwissenschaftlicher Realität“ (Lisch/Kriz 1978: 11 zit. nach Mayring, 2010: 12). Mayring fasst sechs Spezifika der qualitativen Inhaltsanalyse zusammen.34 Die Hauptmerkmale sind die Analyse von fixierter Kommunikation mit einem systematischen, regelgeleiteten und theoriegeleiteten Vorgehen. Dabei sollen Rückschlüsse auf spezifische Aspekte der Kommunikation gezogen werden können (vgl. Mayring, 2010: 13).

Die Analyse der deduktiv aus der Theorie abgeleiteten Kategorien soll dabei im inhaltlichen Kontext des Materials erfolgen und muss in einen Kommunikationszusammenhang eingeordnet werden. Das System von Kategorien ist dabei zentral, weshalb besondere Sorgfalt auf die Kategorienkonstruktion und Begründung gelegt werden sollte (vgl. Mayring 2010: 49).35 Auch garantiert es intersubjektive Vergleichbarkeit. Wie jedes andere wissenschaftliche Verfahren muss die qualitative Inhaltsanalyse festen Regeln folgen und sich an Gütekriterien überprüfen lassen (vgl. Mayring 2010: 29).36 In Abgrenzung zu quantitativen Verfahren, die auf die Aussage allgemeiner Gesetze abzielen, setzen qualitative Verfahren am Einmaligen, am Individuellen an (vgl. Mayring 2010: 19). Diese Einzelfallorientierung steht oft unter Kritik, jedoch bestehen auch hier gute Möglichkeiten der Verallgemeinerung der Analyseergebnisse.37 Es kann sinnvoll sein, die qualitative Inhaltsanalyse im Forschungsprozess der quantitativen voran- und nachzustellen, sodass die dort gewonnenen Daten nicht nur abgebildet, sondern auch interpretiert werden. Die qualitative Inhaltsanalyse operiert stets mit einer Klassifizierung, der „Ordnung des Datenmaterials nach bestimmten, empirisch und theoretisch sinnvoll erscheinenden Ordnungsgesichtspunkten, um so eine strukturierte Beschreibung des erhobenen Materials zu ermöglichen“ (Mayring 2010: 24). Aufgrund des Forschungsvorhabens, Zuschreibungen von Merkmalen und argumentative Strukturen in Bezug auf muslimische und muslimisierte Jugendliche in der Berichterstattung nachzuweisen, erscheint die qualitative Inhaltsanalyse als sinngemäßes Verfahren.

2.3 Materialauswahl und Materialbeschreibung

Die Festlegung des Materials erfolgt durch Verwendung der Suchbegriffe: Jugendliche - Migranten - Muslime in der WISO-Datenbank. Das Suchergebnis führte zu 755 Artikeln. Um die Suche einzugrenzen, wurden nur Artikel beachtet, die im Jahr 2015 erschienen sind. Dies traf auf 49 Artikel zu.38

[...]


1 Islamfeindlichkeit: Bezeichnet eine generell ablehnende Haltung gegenüber dem Islam und seinen Glaubensrichtungen, sowie gegenüber Menschen muslimischen Glaubens und ihren religiösen Praktiken (Glossar: Neue Deutsche Medienmacher 2015: 29).

2 Antimuslimischer Rassismus: Bezeichnet die Diskriminierung von Menschen, die aufgrund ihrer tatsächlichen oder zugeschriebenen Religionszugehörigkeit als Muslime wahrgenommen werden (Glossar: Neue Deutsche Medienmacher 2015: 26).

3 Schulz (1989) weist darauf hin, dass das mediale Weltbild selektiv und von verschiedenen Einflussgrößen geprägt ist. Darunter fallen Stereotypisierung, der Ethnozentrismus, ökonomische und professionelle Zwänge (vgl. Schulz1989:139).

4 Beispielsweise gibt es zahlreiche Studien über die Darstellung muslimischer und migrantischer Frauen in Deutschland s. Lünenborg et al. (2012): Migrantinnen in den Medien, Röder (2007): Haremsdame, Opfer oder Extremistin.

5 Es gibt weder „den Islam“ noch „die Muslime“ oder „die Medien“. Kai Hafez argumentiert, dass diese Begriffe in der Forschung dennoch verwendet werden dürfen, da durch sie eine gewisse Einheitlichkeit in der Darstellung gegeben wird (vgl. Hafez 2002/ vgl.Schiffer 2005: 32). Auch kommt diese Arbeit nicht um „Doing ethnicity“ herum. Als different erscheinende Jugendliche werden als Migrant_innen markiert, obwohl das Forschungsinteresse auf die Auflösung dieser Markierung abzielt (Lünenborg et al. 2012: 46).

6 Zur Vertiefung: S. Hall (2000) Cultural Studies. Ein politisches Theorienprojekt, Lünenborg (2005) Cultural Media Studies

7 Als Medientext werden alle Arten von Medien verstanden (vgl. Mikos 2009)

8 deutschen Medienredaktionen sitzen kaum Migrant_innen. Bspw. haben nur ca. 1% der Mitarbeiter_innen inIn deutschsprachigen Tageszeitungen einen Migrationshintergrund (vgl. Geißler et. al. 2009, vgl. Lünenborg 2012: 147).

9 In der Kommunikationswissenschaft wird unter „Medien“ ein technisch basierter Kommunikationskanal verstanden. Medien sind in Organisationen zusammengeschlossen und institutionalisiert (vgl. Beck 2010: 89). Medien nehmen dabei verschiedene Ausprägungen an, etwa sind es Printmedien, Zeitungen, Bücher, TV- und Rundfunk, etc. Sie erfüllen des Weiteren eine Vielzahl an Funktionen: Informationsfunktion, Integrationsfunktion, Bildungsfunktion, politische Funktion, ökonomische Funktion, soziale Funktion (vgl Beck 2010: 99).

10 Medien auch als Vermittler zwischen Teilöffentlichkeiten (vgl. Beck 2010: 99).

11 Sabine Schiffer (2005): Die Darstellung des Islam in der Presse. Schiffer zeigt in ihrer Dissertation, dass durch Zeigen, Ausblenden und eine Pars pro toto Wahrnehmung eine verzerrte Sicht auf die islamische Kultur entstanden ist (vgl. Schiffer 2005: 39).„Das Medienpublikum hält die dargebotenen Informationen immer Pars pro toto für eine Schilderung der Gesamtsituation“ (Schiffer 2005: 39). Die Präsentation von Diskurs stärkenden, jedoch nicht den Fakten entsprechenden Zusammenhängen, schafft das Bild einer bedrohlichen Kultur.

12 Diskurse liefern Bedeutungsstrukturen unserer sozialen Wirklichkeit und werden durch Gesetze und Praktiken fortlaufend neu festgeschrieben. Keller beschriebt sie als „Versuche (…), Bedeutungszuschreibungen und Sinnordnungen zumindest auf Zeit zu stabilisieren und dadurch eine kollektiv verbindliche Wissensordnung zu einem sozialen Ensemble zu institutionalisieren“. (Reiner Keller 2011: 8).

13 Michel Foucault (1970) Die Ordnung des Diskurses, Reiner Keller (2011) Wissenssoziologische Diskursanalyse.

14 “Ethnizität bezeichnet die individuell empfundene Zugehörigkeit zu einer Volksgruppe, deren gemeinsame Merkmale z.B. Sprache, Religion bzw. gemeinsame Traditionen sein können (www.bpb.de/Ethnizität).

15 Lange Zeit herrschte Uneinigkeit darüber, ob Stereotype individuell oder kulturell geprägt sind. (Eine ähnliche Diskussion über das Entstehen von Rassismus zeigt auch Mark Terkessides in „Psychologie des Rassismus“ auf). Heute herrscht in den Sozialwissenschaften allerdings größtenteils Übereinstimmung darüber, dass Stereotypen kollektiv und im kulturellen Prozess konstruiert werden.

16 Die Wahrnehmung des Westens auf den Islam sowie auf muslimische und muslimisierte Personen ist nicht starr, sondern im ständigen Wandel. Wurden Muslim_innen im Mittelalter vor allem als ein „äußerer Feind“ wahrgenommen (vgl. Robinson 2002 S.7), so veränderte sich dieses Bild während der Kolonialzeit deutlich. Es entwickelte sich eine ambivalente Sicht auf den Islam, der einerseits eine Projektionsfläche für die erotischen Phantasien der Europäer bot, andererseits jedoch durch seine angebliche Unterentwicklung den europäischen Kolonialherren die Legitimation zu seiner Unterwerfung bot (vgl. Said 1978: 207). Auch heute noch kann die Sicht auf Islam und Muslim_innen als ambivalent bezeichnet werden. Die Wahrnehmung als äußerer Feind hat sich heute hin zu einem „Anderen“ in Europa entwickelt (vgl. Shooman 2014: 30).

17 Edward Said (1978) prägt den Begriff des Othering bereits in seinem Konzept des Orientalismus. Nach Said ist der Orientalismus „ein komplexer Prozess des Fremd- und Differenzmachens, dem eine dualistische Logik zugrunde liegt: „die Anderen“ und „das abendländische zivilisierte Selbst“ (Castro/ Varels/Dhawan 2007: 31). Von der eigenen Norm als universell ausgehend, wurde das „Andere“ sprachliche wie symbolisch erfunden und homogenisiert.

18 Ethnisierung, ein auch als Kulturalisierung oder "kulturelle Essentialisierung" bezeichnetes Phänomen. Es besteht in einer Reduktion von Unterschieden zwischen Kategorien oder Gruppen von Menschen auf ethnische oder kulturelle Unterschiede (http://www.kulturglossar.de/html/e-begriffe.html).

19 s. Naika Foroutan (2012) „Muslimbilder in Deutschland“, s. Kapitel 1.5

20 Der Assoziationismus wird in der Psychologie als Prinzip beschrieben, bei dem zwei ursprünglich voneinander unabhängige Elemente wiederholt gemeinsam präsentiert und dadurch miteinander verknüpft werden. Aufgrund der Verbindung, die diese Elemente nun aufweisen, wird der jeweils andere Teil automatisch mit aktiviert, sollte ein Teil der Assoziationskette angesprochen werden (vgl. Schiffer 2005: 61). Die so zustande kommenden Assoziationen präsentieren sich als logischer Schluss, entziehen sich aber in Wirklichkeit jeder logischen Rechtfertigung (vgl. Schiffer 2005: 67).

21 Die Grundlage des kulturalistisch argumentierenden Rassismus war und ist der Glaube an „eine historisch gewachsene unausweichliche Differenz und Hierarchie der Kulturen sowie der Religion als integralem Bestandteil der Kulturen.“ (Shooman 2014 58).

22 Rommelsbacher weist außerdem darauf hin, dass die dadurch entstehenden Zerrbilder in keiner Weise empirischen Fakten entsprechen. Sie gehen mit einer Pauschalisierung der muslimischen und muslimisierten Personen einher und führen so zu einer Verharmlosung und Leugnung der wirklichen sozialpsychologischen Lebensumstände dieser Menschen (vgl. Rommelsbacher 2005: 249). Die daraus resultierenden institutionellen Folgen wie auch die mangelhafte Unterstützung, beschreibt Rommelsbacher als gravierend.

23 Seit Huntingtons prophezeitem „Clash of Civilisation“ bekam die Sicht auf den Islam und die ihm angehörigen Menschen als dichotome Gegenkultur zum aufgeklärten abendländischen Christentum neuen Aufwind. Die Unterschiedlichkeit wird dabei nicht nur instrumentalisiert, sondern auch hierarchisiert (vgl. Kuhn 2015: 13)

24 Im Prozess der Dichotomisierung werden eigene Widersprüche und gesellschaftliche Probleme auf eine andere Kultur, in diesem Fall auf die muslimische, projiziert. Damit wird die dominante Kultur vom Problemdruck entlastet und in ihrer Überlegenheit bestärkt (vgl. Rommelsbacher 2007: 260).

25 Naika Foroutan betont, dass Rassismus gerade unter solchen gesellschaftlichen Bedingungen entsteht, wenn eine (Minderheiten-)Gruppe alle Voraussetzungen zur Integration erfüllt. Das führe bei der Mehrheitsgesellschaft zur Angst um die eigene Position in der Gesellschaft, ihr Ansehen etc. und dadurch zu einem Mechanismus, der ebendiese integrierte Personengruppe weiterhin auszugrenzen sucht (vgl. Foroutan 2012).

26 Bereits Stuard Hall erkannte den Ausschluss gesellschaftlicher Gruppen von Ressourcen als eine Motivation für Rassismus und definierte die Hauptaufgaben von Rassismus darin „soziale, politische und ökonomische Praxen zu begründen, die bestimmte Gruppen vom Zugang zu materiellen oder symbolischen Ressourcen ausschließen“ (Hall 1994: 7).

27 Entlastungsfunktion: Das Verweisen auf die (sozialen) Probleme anderer Minderheiten im eigenen Land und die Zuweisung der Verantwortung zu diesen Gruppen erfüllt für die Mehrheitsgesellschaft eine (psychologische) Entlastungsfunktion. Der Aufmerksamkeitsfokus wird verlagert und somit der eigene Handlungsdruck herausgenommen. (vgl. Rommelspacher 2005: 260).

28 Migrant_innen in den Medien z.B. in Geißler/ Pöttcker (2005), Trebbe (2009)

29 Analysen im Printbereich: z.B. Müller(2005), Bonfadelli (2007)

30 Die Ergebnisse der Dissertation von Sabine Schiffer sind bereits von 2005 und es ist zu hinterfragen, ob die aufgezeigten Merkmale seitdem konstant geblieben sind oder sich verändert haben.

31 Die Verantwortung für diese Inhaltsverzerrung sieht Schiffer bei den Redaktionen (vgl. Schiffer 2005).

32 Kai Hafez benennt sieben sozialpsychologische Konstruktionsprinzipien der Islamwahrnehmung (2002: 301ff). Hafez bezieht sich dabei auf die Auslandsberichterstattung und den Blick auf den Islam außerhalb Deutschlands. Es können jedoch Parallelen zur Wahrnehmung des Islams innerhalb Deutschland gezogen werden. Er betont dabei insbesondere die selektive und vorurteilsbestätigende Wahrnehmung, „begrenzte Teile der Realität werden für das Ganze gehalten. (…) Die Wahrnehmung konzentriert sich auf Vorgänge, die vom eigenen Wertesystem als negativ und bedrohlich betrachtet werden“ (Hafez 301).

33 Verwendung findet sie beispielsweise in der Kommunikationswissenschaft, der Literaturwissenschaft, der Psychologie und der Pädagogik

34 Siehe Mayring, Qualitative Inhaltsanalyse (2010: 12ff.)

35 Gegen die Orientierung am Kategoriensystem wird eingebracht, dies sein ein Vorgehen, welches das Verstehen des Materials behindere, da Inhalte die durch die Kategorien nicht erfasst werden, nicht in die Analyse mit aufgenommen werden (Mayring 2010: 49). Für Mayring bedeutet das theoriegeleitete Verfahren jedoch keine Behinderung. Er versteht dies als ein System allgemeiner Sätze, „die an Erfahrungen anknüpfen, um einen Erkenntnisfortschritt zu erreichen“ (Mayring 2010: 58).

36 Gütekriterien: Objektivität, Reliabilität, Validität (s. Kapitel 7, Mayring)

37 Einen Überblick über die Möglichkeiten der Verallgemeinerung von Material aus der qualitativen Inhaltsanalyse bieten Heinze et. al. (1975 - Kapitel: „Verallgemeinerbarkeit“).

38 49 ist dabei die gesamte Anzahl der Artikel (Vergleiche Anhang A). Dabei sind dieselben Artikel auch in mehreren Zeitungen veröffentlich worden.

Ende der Leseprobe aus 94 Seiten

Details

Titel
Antimuslimischer Rassismus in der Berichterstattung über Jugendliche
Untertitel
Eine qualitative Inhaltsanalyse
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Politik- und Sozialwissenschaften)
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
94
Katalognummer
V341151
ISBN (eBook)
9783668306707
ISBN (Buch)
9783668306714
Dateigröße
969 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
antimuslimischer, rassismus, berichterstattung, jugendliche, eine, inhaltsanalyse
Arbeit zitieren
Marianne Broeker (Autor), 2015, Antimuslimischer Rassismus in der Berichterstattung über Jugendliche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/341151

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