Gemeinschaft und Einsamkeit. Wiederaufgenommene Gedanken Dietrich Bonhoeffers


Hausarbeit, 2016

9 Seiten


Leseprobe

Christsein lebt im Spannungsfeld [bereits und noch nicht]

Sammlung und Sendung, Gemeinschaft der Getauften und Diaspora, Glaube und Welt, Innerlichkeit und Veräußerung, Besinnung und Auszug, Herz und Tat, Volk-Gottes-Gemeinschaft mit Gott durch den Neuen Bund und persönliche Jesus-Beziehung, Dienst und Nachfolge, Lehre und Mission, Dogmatik und Widerstand ... Dietrich Bonhoeffer fasste dieses Spannungsfeld in folgende Worte:

„ Wer nicht allein sein kann, der hüte sich vor der Gemeinschaft. Wer nicht in der Gemeinschaft steht, der hüte sich vor dem Alleinsein. “ 1

Dieser Satz spricht in das Grunddilemma des Christseins hinein, welches sich auch durch die Kirchengeschichte zieht, Vergemeinschaftung und Widerständler, Machtvermischungen und Vertraute mit Gott, Institution und Gewissen, In dieser Welt, aber nicht von dieser Welt … Luther war eine (Einzel)Gestalt in so einer verirrten Zeit, Bonhoeffer auch.

- Wie entsteht so ein Satz? -

Dietrich Bonhoeffers entschied sich dazu, von einer universitären Karriere absehend, in die Leitung einer Ausbildungsstätte für angehende Pfarrer zu investieren. Einer der Beweggründe könnte in dem Brief an seinen Bruder im Januar 1935 gesucht werden: „Die Restauration der Kirche kommt gewiß aus einer Art neuen Mönchtums, das mit dem alten nur die Kompromißlosgkeit eines Lebens nach der Bergpredigt in der Nachfolge Christi gemeinsam hat. Ich glaube, es ist an der Zeit, hierfür die Menschen zu sammeln.“2 Als Reflexion des geleiteten Predigerseminars der Bekennenden Kirche Berlin-Brandenburg, schreibt Dietrich Bonhoeffer seine Erfahrungen in »Gemeinsames Leben« nieder.3 Kompromisslos soll Dietrich Bonhoeffer in seinem Leben bleiben, konsequent in seiner Nachfolge. An der Gestaltung gemeinsamen Miteinanders zeigt sich allerdings das ganze Herz des Theologen. Psalm 133,1 leitet »Gemeinsames Leben« ein. Das Bonhoeffer sich bewusst ist, diese Gemeinschaft nicht als alleinige Schöpfung zu betrachten, geht aus folgender Formulierung hervor: „Gemeinschaft christlicher Brüder [ist] ein Gnadengeschenk aus dem Reich Gottes“.4 Diese Gemeinschaft ist eine „Vorwegnahme der letzten Dinge“.5

Zugleich legt er in seinem theologischen Denken alle [wirkliche] Gemeinschaft christozentrisch aus. „Christliche Gemeinschaft heißt Gemeinschaft durch Jesus Christus und in Jesus Christus. Es gibt keine christliche Gemeinschaft, die mehr, und keine, die weniger wäre als diese.“6

Wie soll man diese doch nun, von der Welt abgewandte klösterliche Gemeinschaft beurteilen?, Selbst schreibt doch Dietrich Bonhoeffer: „So gehört der Christ nicht in die Abgeschiedenheit eines klösterlichen Lebens, sondern mitten unter die Feinde.“ 7 Auch muss sich Dietrich Bonhoeffer aufgrund eines Schreibens von Karl Barth im Jahr 1936 einem „Geruch klösterlichen Eros und Pathos“ bezüglich seines Predigerseminars verteidigend antworten: „[d]aß aber sowohl theologische Arbeit wie auch wirkliche seelsorgerliche Gemeinschaft nur erwachsen kann in einem Leben, das durch morgendliche und abendliche Sammlung um das Wort, durch feste Gebetszeiten bestimmt“ ist und ebenso „saubere theologische, exegetische und dogmatische Arbeit getan wird.“8 Ihm geht es ganz und gar darum eine Verbundenheit untereinander zu erzeugen, welche nicht eine Abgeschiedenheit erzeugt, sondern einen Rückhalt für alles Kommende bietet. Eine ganz praktische, verlässlich bezogene Unterstützung für eine Kirche im Widerstand.

Die Soteriologie Bonhoeffers ist verbunden mit dem Wort Gottes in Jesus Christus.9 Glaube ist kein Selbstzweck, sondern Zuspruch, „fremde Gerechtigkeit“ ist keine gewählte Gerechtigkeit, sondern Gegebene.10 „Darum braucht der Christ den Christen, der ihm Gottes Wort sagt.“11 Das Wort Gottes als Grund der Gemeinschaft sieht Dietrich Bonhoeffer in Kolosser 3,16-17 gefordert.12 Versammlung zum „Lobpreis ihres Gottes, zum gemeinsamen Hören des Wortes und zum gemeinsamen Gebet“, sind die Kennzeichen des Tagesbeginns im Seminar Bonhoeffers.13

Auf christliche Gemeinschaft haben wir keinen „Anspruch“, sie ist „Geschenk Gottes“. So ist er sich gewiss, „Christliche Bruderschaft ist nicht ein Ideal, [welches] zu verwirklichen [gilt], sondern es ist eine von Gott in Christus geschaffene Wirklichkeit, an der wir teilhaben dürfen.“14 Auch sein ethisches Handeln weiß Bonhoeffer in seiner Nachfolge an »sola Christus« zu binden: „Ohne Christus kennten wir Gott nicht, könnten wir ihn nicht anrufen, nicht zu ihm kommen. Der Weg ist versperrt durch das eigene Ich. Christus hat den Weg zu Gott und zum Bruder freigemacht.“ 15

Christus ist für Bonhoeffer nicht nur der Mittler zwischen Gott und Mensch, zwischenmenschlich kann auch nur Christus vermitteln.16

Wir haben uns nicht selbst ersucht, „Ich bin dem andern ein Bruder durch das, was Jesus Christus für mich und an mir getan hat; der andere ist mir zum Bruder geworden durch das, was Jesus Christus für ihn und an ihm getan hat.“17

Ein Kerngedanke seiner Theologie ist die Trennung seelischer und geistlicher Betrachtung, Wahrnehmung.18 Geistliche Liebe liebt den anderen um Christi willen, „sie kommt von Jesus Christus her, sie dient ihm allein, sie weiß, daß sie keinen unmittelbaren Zugang zum anderen Menschen hat. Christus steht zwischen mir und dem anderen.“19

Zu Sektiererei kommt es nach Bonhoeffer, wenn „nicht das alltägliche Leben mit allen Ansprüchen an den arbeitenden Menschen in die geistliche Gemeinschaft hineinragt.“ Eine Abgeschlossenheit und Weltferne führt zu einem „Rausch der Gemeinschaft“, in ein Abgleiten in das Seelische, Verwunschene.20 Nach Bonhoeffer gibt es keinen abgetrennten Raum des Christlichen. „In Jesus Christus ist die Wirklichkeit Gottes in die Wirklichkeit dieser Welt eingegangen.“21 E baut damit auf Kolosser 1,16. „Die Wirklichkeit Gottes erschließt sich nicht anders als indem sie mich ganz in die Weltwirklichkeit hineinstellt [...]“.22 Das Seelische und Geistliche trennt sich bei ihm auch in der Unterscheidung von Glaube und Erfahrung. „Nicht die Erfahrung der christlichen Bruderschaft, sondern der feste und gewisse Glaube an die Bruderschaft hält uns zusammen.“23

„Ausschluß des Schwachen und Unansehnlichen, des scheinbar Unbrauchbaren aus einer christlichen Lebensgemeinschaft kann geradezu den Ausschluß Christi, der in dem armen Bruder an die Tür klopft, bedeuten.“ 24 Wird dieser Satz auf Bonhoeffers Weltsicht übertragen, so wird sein Widerstand mit dem Regime der Nationalsozialisten besonders deutlich.

- Begründeter Widerstand -

Bonhoeffers Gemeinschaftsverständnis führte ihn sicherlich in den Widerstand zu einem homogenen Volkskörper, welcher alles »fremd, krank und schwach postulierte« ausmerzte. Auf der einen Seite propagierte der Nationalsozialismus einen gemeinsamen Volkskörper, auf der anderen Seite schloss er aufgrund zweifelhafter (biologischer) Merkmale Menschen aus, bis hin zur Massenvernichtung. Der Einzelne wurde geopfert zum Gunsten der (Nicht)Kraft des (Nicht)Einen Gesamten. Dietrich Bonhoeffer wehrt sich gegen den Führerbegriff, wehrt sich dagegen in Hitler das Heil für die Deutschen zusehen. Bonhoeffer formuliert: „Wir gehören einander allein durch und in Jesus Christus.“25

[...]


1 Gemeinsames Leben, 65f.

2 Metaxas (2013), 161.

3 Ereignisse: 1934 auf der Synode der Bekennenden Kirche in Dahlem beschlossen, eigene Ausbildungswege zu errichten, aufgrund der vom Nationalsozialismus durchdrungenen Universitäten (Vgl. Schramm, 96); staatlicherseits illegales Predigerseminar (Vgl. Metaxas, 155) Frühjahr 1935 erst auf Zingst, dann in Finkenwalde; Verhaftung von „über 800 Pastoren und Laienmitarbeiter“ der Bekennenden Kirche 1937, darunter auch Seminaristen aus Finkenwalde; Sommer 1937 fünfter Sechs-Monats-Kurs unter Leitung von Dietrich Bonhoeffer, danach Schließung durch die Gestapo; Fortsetzung in Sammelvikariaten 1938 in Köslin und Schlawe; 1939 im abgelegenen Sigurdshof und Köslin; 1940 Schließung durch Gestapo; 1943 Verhaftung (Vgl. Metaxas 155ff , 178ff, 348). Im ersten Jahr 23 Pfarramtskandidaten. Innerhalb dieser Gemeinschaft unterschied sich „Bruder Bonhoeffer“ auch durch seine Ansichten zum Verzicht auf den Wehrdienst, welchem er später durch eine Emigration nach Amerika umgehen konnte. Zwar hielt er sich vom 2.6.-27.7.1939 in den USA auf, allerdings kehrte er nach inneren Konflikten und durch den Wunsch nach der Gemeinschaft zurück (Vgl. Metaxas, 161ff) .

4 Gemeinsames Leben, 17.

5 Gemeinsames Leben, 16.

6 Gemeinsames Leben,18.

7 Gemeinsames Leben,15. In seinen Werken Nachfolge und Ethik beschreibt er den Bruch Luthers mit dem Mönchstum.

8 Metaxas (2013),166f.

9 Vgl. Gemeinsames Leben,19.

10 Gemeinsames Leben,19. Anlehnung an Luthers Verständnis des Römerbriefes.

11 Gemeinsames Leben,19.

12 Schramm (2013),116.

13 Gemeinsames Leben,36.

14 Gemeinsames Leben,26.

15 Gemeinsames Leben,20.

16 Vgl. Nachfolge,88.

17 Gemeinsames Leben,21.

18 Siehe Gemeinsames Leben,27ff.

19 Gemeinsames Leben,30.

20 Vgl. Gemeinsames Leben,33.

21 39 eth ???

22 Ethik,40.

23 Gemeinsames Leben,34.

24 Gemeinsames Leben,33.

25 Gemeinsames Leben,18. Ergänzend für die Zeit könnte stehen, wir gehören einander nicht durch Rasse oder Anschauung.

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Details

Titel
Gemeinschaft und Einsamkeit. Wiederaufgenommene Gedanken Dietrich Bonhoeffers
Hochschule
Evangelische Hochschule Berlin
Autor
Jahr
2016
Seiten
9
Katalognummer
V341168
ISBN (eBook)
9783668307452
ISBN (Buch)
9783668307469
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dietrich Bonhoeffer
Arbeit zitieren
Marcel Gundermann (Autor), 2016, Gemeinschaft und Einsamkeit. Wiederaufgenommene Gedanken Dietrich Bonhoeffers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/341168

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