Partizipation und Ausschluss durch die ADHS-Diagnose und Medikation


Hausarbeit, 2014
17 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.0 Einleitung

2.0 Begriffsbestimmungen
2.1 Definition ADHS
2.2 Definition soziale Ausschließung
2.3 Definition Stigmatisierung

3.0 Partizipation und Ausschließung im Kontext der ADHS
3.1 Partizipation und Ausschließung durch die Diagnose
3.2.0 Partizipation und Ausschliessung durch die Vergabe von Psychopharmaka
3.2.1 Repräsentanzen
3.2.2 Positive Auswirkungen der Medikation bei Erwachsenen
3.2.3 Stigmatisierung durch die Medien
3.2.4 Verdeckung sozialer Probleme durch die Medikation

5.0 Fazit

Quellen:

1.0 Einleitung

In den vergangenen Jahrzehnten breitete sich der Diskurs über ADHS auf medialer Ebene sowie im soziologischen und psychologischen Kontext aus. In der Debatte wurden vor allem die Pathologisierung und Medikalisierung des Phänomens unruhiger Kinder diskutiert (vgl. Müller/Candrian et al., 2011: 5). Immer wieder stellt sich den Betroffenen bzw. dem persönlichen Umfeld der Betroffenen, insbesondere den Eltern sowie u.a. psychologischen und pädagogischen Fachkräften die Frage nach der ethischen Vertretbarkeit der Vergabe von Psychostimulanzien (vgl. Haubl 2010: 7). Gerade auch unter dem Aspekt der inflationär ansteigenden ADHS-Diagnosen und der damit ansteigenden Medikationen erweist sich der ADHS-Diskurs immer wieder als hitzige Debatte. So ergibt sich allein in Deutschland mit einem Anstieg des Verbrauchs von Methylphenidat ein eindrückliches Bild der Häufung von Medikationen: 34 kg des Medikamentes wurden im Jahr 1993 in Deutschland verbraucht, während im Jahre 2006 der Verbrauch auf 1221 kg anstieg (vgl. Haubl 2010: 19). Diese Entwicklung wirft die Frage auf, welches Phänomen diesen eklatanten Anstieg verursacht. Sind es die Kinder und Jugendlichen, die immer auffälliger werden, oder ist es, wie einige kritische Stimmen meinen, die erfolgreiche Herstellung einer Krankheit, die ohne weitere Evidenz diagnostiziert wird (vgl. Haubl 2010: 7)? Im Rahmen dieses Diskurses stellt sich außer diesen grundlegenden Fragen, vor allem in Anbetracht der Masse an Konsumentinnen von Psychostimulanzien, in diesem Kontext die Frage nach den sozialen Folgen einer Vergabe dieser Medikamente und der Diagnose selbst. Ziel dieser Hausarbeit soll also nicht die Beantwortung der Frage nach einer Legitimierung bzw. Delegitimierung der Vergabe von Psychopharmaka sein, sondern es sollen vielmehr soziale Folgen im Kontext von Partizipation und Ausschließung diskutiert werden. Die Frage, mit der sich diese Hausarbeit beschäftigt, lautet also:

Welche Auswirkungen haben die ADHS-Diagnose und die Medikation durch Psychostimulanzien auf die Partizipation und mögliche Ausschließung der Betroffenen?

Hierzu werden zunächst einige Begriffe erläutert, um anschließend die Folgen der Diagnose sowie der Vergabe von Psychostimulanzien unter verschiedenen Aspekten zu betrachten. Generell ist diese Betrachtung unterteilt in die Folgen der Diagnose und der Medikation. Ein weiterer wichtiger Faktor wird durch die Symptomatik selbst dargestellt, worauf allerdings nur am Rande eingegangen werden kann.

2.0 Begriffsbestimmungen

2.1 Definition ADHS

Die Abkürzung ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Zu den Symptomen werden motorische Unruhe, Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität, Chaotik, Lernschwierigkeiten und Impulsivität gezählt (vgl. Brandau/Kaschnitz, 2008: 14ff). Allerdings wird die ADHS in der wissenschaftlichen Literatur meist als ein komorbides Störungsbild dargestellt und somit ist eine präzise Definition nicht möglich (vgl. ebd. 22). Hierzu gibt es auch kritische Stimmen, in deren Augen die Aussage über eine Komorbidität von Menschen mit einer ADHS ein Anzeichen für die Unbestimmtheit der ADHS- Diagnose darstellt (vgl. Wenke, 2006: 67f). Der Klassifikationsansatz des ICD-10 und des DSM-IV legt bezüglich der ADHS fest, dass „die Störungen der Aktivität, der Aufmerksamkeit und der Impulskontrolle [...] über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten in einem Ausmaß vorhanden sein [müssen], dass es zu einer Fehlanpassung führt und dem Entwicklungsstand des Kindes nicht angemessen ist.“(Brandau/Kaschnitz, 2008: 24).

Hierbei werden klare Klassifikationen vorgenommen, die in ein Raster „Klinisch Signifikanter Zonen“ eingeordnet werden können. Dies verschärft die Problematik der Definitionsgenauigkeit weiter, da erst die Anhäufung von Verhaltensweisen, die auf eine bestimmte Zahl hin festgelegt ist, eine entsprechende Diagnose mit sich bringt. Das hat zur Folge, dass der Mensch, der bei seiner Diagnostizierung diese festgeschriebene Anzahl an Abweichungen geringfügig unterschreitet, dadurch als nicht krank gilt oder in eine andere Kategorie eingeordnet wird (vgl. Wenke, 2006: 67). Das unaufmerksame Verhalten wird als Problematik genannt, die sich vor allem bei Schul- und Routinearbeiten und bei als langweilig empfundenen Aufgaben herauskristallisierte (Brandau/Kaschnitz, 2008: 28ff). Als Interessantes Phänomen wird in diesem Kontext beschrieben, dass Menschen mit einem für eine ADHS typischen Verhalten oftmals die Fähigkeit besitzen, sich sehr stark in eine Tätigkeit zu vertiefen, die für sie von besonders großem Interesse ist, was der sonst vorherrschenden Unruhe und Unkonzentriertheit widerspricht (vgl. ebd. 13; Müller/Gian, 2011: 93). Die Hyperaktivität zeige sich meistens durch motorische Unruhe, eine Tendenz zu bewegungsreichen Aktivitäten und eine Abneigung gegenüber Tätigkeiten, die stilles Sitzen oder Ähnliches erforderlich machen. Die Impulsivität von Menschen mit einer ADHS wird vor allem als mangelnde Impulskontrolle beschrieben, die zur Folge habe, dass Menschen mit einer ADHS oftmals ungeduldig, schlampig, aggressiv oder schnell frustriert sind. Mangelnde Impulskontrolle, auch Impulsbremse genannt, bedeutet konkret, dass der Mechanismus einen Impuls zu überprüfen und gegebenenfalls zu unterdrücken fehlt bzw. mangelhaft ausgebildet ist. Dieses Phänomen stellt sich auch beim Bewältigen von Alltagsproblemen als problematisch heraus, da Impulse, die für die Bewältigung einer Aufgabe irrelevant sind, oft nicht unterdrückt werden können und sich somit eine zielstrebige Bewältigung der Aufgaben nicht oder nur schwerlich erreichen lässt (vgl. Müller/Gian, 2011: 30ff). In der Vergangenheit wurden oft die Eltern der betroffenen Kinder und Jugendlichen für deren Verhaltensweisen verantwortlich gemacht, indem den Eltern vorgeworfen wurde, sie hätten ihre Kinder nicht hinreichend oder falsch erzogen. Diese Vorwürfe weist die Medizin zurück und verweist auf eine neurobiologische Grundlage der Störung. Fehlende chemische Botenstoffe sind demnach die Ursache für die ADHS-Symptomatik. An dieser Stelle kommen Medikamente ins Spiel, die dafür sorgen sollen, dass die Ungleichheit der Botenstoffe im Gehirn ausgeglichen wird (vgl. ebd.: 34). In diesem Kontext fällt oft der Name Ritalin. Ritalin ist eines von vielen weit verbreiteten Medikamenten, die gegen die ADHS-Symptomatik verschrieben werden. Der pharmakologische Wirkstoff nennt sich Methylphenidat und erfreut sich außergewöhnlich hoher Effizienz, (vgl. Müller/Gian, 2011: 5) „Kein anderes Psychopharmaka kann so schnell verhaltensverändernde Wirkungen auslösen wie Methylphenidat.“ (Müller/Gian, 2011: 5f) Was den öffentlichen Diskurs über die Jahre hinweg immer wieder angeregt hat, sind vor allem zwei Dinge: Zum einen ist es die subjektive Prägung der Diagnostik (vgl. ebd.: 15). So ist es z.B. stark kulturell bedingt, ob ein Kind als entwicklungsgestört angesehen wird oder das Verhalten vom Umfeld z.B. als bewegungsfreudig und ausdrucksstark gedeutet wird. Dieses Phänomen zeigt auch auf, wie nah die Grenze bei der ADHS-Symptomatik an der Normalität liegt, sprich wie fließend der Übergang von dem, was als normal gedeutet wird, zu dem ist, was als Krankhaft definiert wird. Zum anderen wird der Wirkstoff Methylphenidat so wie Amphetamin und Kokain zu den Stimulanzien gezählt(vgl. ebd.: 4ff), was wiederum ein Fakt ist, der im Rahmen des Diskurses immerwieder ethische Fragen aufwirft.

2.2 Definition soziale Ausschließung

Im Diskurs um soziale Ausschließung geht es „um die Teilhabe an gesellschaftlich hervorgebrachten Produkten, an den gesellschaftlich bereitgestellten Ressourcen zur Bewältigung der Aufgaben, die Einzelnen und Kollektiven lebenspraktisch durch sich selbst wie auch von außen gestellt werden“ (Steinert, 2000: 11). Der Gegensatz dieses beschriebenen Zustandes kann mit dem Begriff „Inklusion“ nicht hinreichend beschrieben werden. Dem Inklusionsgedanken liegt zu Grunde, dass ein ausgeschlossenes Individuum bzw. eine ausgeschlossene Gruppe in die „vorgegebene Ordnung der Gesellschaft“ (Anhorn, 2005: 37) Inkludiert wird. Wenn Teilhabe mit Inklusion anstatt mit Partizipation erreicht wird, beinhaltet dieser Prozess als Kehrseite soziale Ausschließung. Denn dort, wo Inklusion betrieben wird, gibt es ein gesellschaftliches „Innen“ und wo es ein „Innen“ gibt, da gibt es auch ein „Außen“, das sich um partizipieren zu können an den gesellschaftlichen Normen orientieren und ausrichten muss bzw. im Zuge der Inklusion ausgerichtet wird. Der Gedanke von Partizipation verfolgt dagegen vielmehr eine Öffnung dessen, was sich als integriert begreift, gegenüber dem Ausgeschlossenen und verhindert somit Strukturen, die Ausschluss produzieren. Deshalb soll der Gegensatz zu sozialer Ausschließung Partizipation sein. Dabei soll in diesem Kontext von sozialer Ausschließung und nicht von sozialem Ausschluss die Rede sein, da der Begriff des sozialen Ausschlusses impliziert, dass es sich um einen abgeschlossenen Prozess handelt. Das wiederum würde bedeuten, dass es sich um zwei statische, festgelegte Zustände handelt. Diese Ansicht verkennt das graduelle Moment sozialer Ausschließung, die sich angefangen bei gelegentlichen Alltagsphänomenen bis hin zur physischen Vernichtung der Ausgeschlossenen zeigt. Mit dem Begriff der Partizipation wird außerdem auf das relationale Konzept sozialer Ausschließung hingewiesen. Soziale Ausschließung wird mithilfe normativer Orientierungen von Institutionen und Gesellschaften erzeugt. Nur so ist es möglich, einen gesamtgesellschaftlichen Konsens dessen zu erzeugen, was als nicht normal und somit ausschließungswürdig gilt. Die Betrachtung dieses verhältnisbedingten Faktors sozialer Ausschließung erzeugt einen Perspektivenwechsel, weg von den vermeintlich selbst verschuldeten Abweichungen der Betroffenen sozialer Ausschließung, hin zu den normalisierenden und ausschließenden Strukturen und Systemen. Des Weiteren versteht sich der Begriff soziale Ausschließung dynamisch, da bei einer punktuellen Betrachtung von Ausgeschlossenen keine Einbeziehung des Ursprungs der gesellschaftlich konstruierten Ausschließung oder der strukturell bedingten, Ausschließung produzierenden Situation vorgenommen wird. Es wäre also irreführend eine Situation sozialer Ausschließung statisch zu betrachten, weil dadurch der Fokus auf dem Individuum liegt, welches ggf. Opfer eines Systems bedingten Versagens wurde. Aus diesem Standpunkt heraus entwickelt sich der Anspruch, soziale Ausschließung subjektorientiert zu betrachten. Es ist also im Rahmen der anvisierten Partizipation unabdingbar die von Ausschließung betroffenen Individuen als selbstbestimmte und eigenwillige Akteure ihrer Lebenswelt zu betrachten. Ihnen muss eine Selbstbestimmtheit zugestanden werden, um eine Basis für die Aushandlung von sozialen Hilfen und Unterstützungen zu schaffen, die nur so nach dem Grundsatz sozialer Partizipation funktionieren kann (vgl. Ebd.: 37f).

2.3 Definition Stigmatisierung

Das Wort Stigma stammt aus dem Griechischen und bezog sich ursprünglich auf körperliche Merkmale. Gesetzlose oder Sklaven konnten anhand ihrer Stigmata erkannt werden. Heute wie damals steht die Bezeichnung für Abweichungen vom Normalen, wobei es heute dabei nicht zwingend einer abweichenden Äußerlichkeit bedarf. Genauso gut können z.B. Herkunft, Arbeitssituation, Religion oder Sexualität eine Grundlage für Stigmatisierung bilden.

„Unter Stigmatisierung wird sozialwissenschaftlich der Prozess verstanden, in welchem einer Person oder einer Gruppe erfolgreich ein negativ bewertetes Merkmal zugeschrieben und in dessen Folge der Merkmalsträger diskriminiert und ausgeschlossen wird“ (Otto, 2010: 151).

Dabei verfestigen sich diese Zuschreibungen von außen selbst: Das soziale Umfeld bildet eine Theorie über Form und Ursprung der negativ gedeuteten Andersartigkeit des Individuums. Die Fremdwahrnehmung wird dann oftmals durch das Stigma beeinflusst, indem Verhalten, welches ggf. als normal gedeutet werden würde, als abweichend und somit als Bestätigung der Stigmatisierungstheorie über die Andersartigkeit des Ausgeschlossenen gedeutet wird.

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Partizipation und Ausschluss durch die ADHS-Diagnose und Medikation
Hochschule
Evangelische Hochschule Darmstadt, ehem. Evangelische Fachhochschule Darmstadt
Veranstaltung
Partizipation und Ausschluss
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
17
Katalognummer
V341178
ISBN (eBook)
9783668308398
ISBN (Buch)
9783668308404
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
partizipation, ausschluss, adhs-diagnose, medikation
Arbeit zitieren
Manuel Stoewe (Autor), 2014, Partizipation und Ausschluss durch die ADHS-Diagnose und Medikation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/341178

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