Transmedia Storytelling. Welche Möglichkeiten ergeben sich durch die digitale Vernetzung für TV-Formate?

Die Rettung für das deutsche Fernsehen?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
49 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

1. #Einleitung

Durch die ständige Vernetzung und der immer weiter wachsenden Always-on-Mentaliät entwickeln die Menschen einen immer höheren Anspruch was ihre Unterhaltung betrifft. Man will sich nicht einfach zurücklehnen und das Programm genießen, wie bei dem Lean-Back-Medium Fernsehen, sondern immer stärker auf das aktive Medium Internet zurückgreifen.

Es ist auch nichts Neues, dass das Fernsehen immer mehr Quoteneinbrüche erlebt. Besonders gravierend ist der Wegfall der Konsumenten zwischen 18-29 Jahren, wie man aus mehreren Statistiken ablesen kann. Speziell in diesem Lebensabschnitt besuchen die Probanden lieber Streaming Portale oder trennen sich komplett von dem gesellschaftlichen Zwang, Serien, Filme und Shows sehen zu “müssen”. Vergleiche hierzu die Studien von JIM 2015, ARD/ZDF-Onlinestudie 2015, Bitkom-Studie 2015 und eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung 1,11,12,13.

Aber das könnte vielleicht nur die erste Altersgruppe sein, die dem Fernsehen entgleitet. Der Konsument will mehr. Aktive Mitgestaltung eines komplexen Universums, einer Story. Ist Transmedia Storytelling für das deutsche Fernsehen das Richtige oder doch nur Geldverschwendung?

Ich möchte in meiner Arbeit nicht nur auf die Möglichkeiten für das deutsche Fernsehen eingehen, sondern durch meine Beispielkonzeption die neu entstandenen Möglichkeiten der digitalen Kommunikation beschreiben und aufzeigen, dass es kein Massenmedium mehr braucht, um ein neues Produkt bekannt zu machen.

2. #Theoretische Grundlagen

Das Thema Transmedia bzw. Transmedia Storytelling wurde von Henry Jenkins im Jahr 2003 geprägt und in den darauffolgenden Jahren fast ausschließlich von ihm verwendet (siehe dazu: Jenkins, H. (2003). Quentin Tarantino's Star Wars? Digital cinema, media convergence, and participatory culture. Rethinking media change: The aesthetics of transition, 281ff)

Aber erstmals wurde der Begriff im wissenschaftlichen Kontext in einem Report der King Alfred's College Winchester im Auftrag der University of Oxford und der British Association for American Studies Annual Conference im April 2002, erwähnt2. Hierfür wurde ein Interview mit Christoph Pike von SONY geführt, welcher mit einem Projekt für die Serie “Dawson Creek” zeigen wollte, wie enthusiastisch Fans mit Medieninhalten interagieren wollen.

“Pike outlined the hugely successful Dawson's Desktop project, which demonstrated the potential for transmedia storytelling. SONY produced an online series tied in to the popular youth drama Dawson'sCreek which successfully combined marketing and entertainment. The Desktop sustained fans' interest by filling in between episodes, providing email, chat, bookmarks and a backstory that provided in-depth character knowledge that fostered a "cult" engagement with the series.

SONY worked so closely with the scriptwriters that they could anticipate events, introducing tangential characters and events that influence the show's television content. The introduction of the first Emmy Award for Interactive Media signals the industry's recognition of the power of transmedia storytelling.”

2.1. #Forschungsstand und Forschungsfrage

Seitdem wurde die Thematik häufig, aber fast ausschließlich in englischer Literatur, behandelt und erlebte ab 2005 einen regelrechten Boom in der wissenschaftlichen Literatur in Zusammenhang mit Crossmedia-Management, Zuschauer-Engagement sowie Analysen über einzelne Events mit Merkmalen von Transmedia Storytelling.

Beispielsweise ein interessanter Fachartikel aus der UK, welcher sich hauptsächlich mit dem Verknüpfen von Gaming und Z´TV beschäftigt und Transmedia Storytelling als große Chance sieht. Ebenso eine Masterarbeit von Purcell, Kevin J., School of Contemporary Music, er sieht ebenfalls die Chance Musicals, durch Transmedia Storytelling, wieder als ein gewinnbringendes Geschäftsmodell zu etablieren.

In dem Journal “Journal of Adolescent & Adult Literacy” befindet sich sogar ein Artikel der Transmedia Storytelling als “New Hope” - Die neue Hoffnung, bezeichnet.

Aber auch kritische Stimmen erheben sich:

Zum einen das Buch von Marie-Laure Ryan “Transmedia Storytelling: Industry Buzzword or New Narrative Experience?” Sie ist dem zwar ganz positiv gestimmt, beschreibt aber auch, dass es nicht das Allheilmittel ist und jeden Autor in einen Meister seines Faches verwandelt.

Dann gibt es natürlich noch etliche neutrale Fachliteratur die das Thema behandeln wie“Transmedia Storytelling: The Roles and Stakes of the Different Participants in the Process of a Convergent Story, in Divergent Media and Artefacts” von M. N. Sousa , M. L. Martins und N. Zagalo (Mai 2016).

Sowie zahlreiche Fachartikel, beispielsweise von der Website DigiCult von Riva, M. & Carpin, A. (2016), aus dem Bereich der Digitalisierung und eine unendliche Reihe von Case Studies zum Beipsiel zu “The walking Dead” (Ecenbarger, C., 2016) und “Assasins Creed” (Veugen, C., 2016).

Und alle sind sich einig, dass Transmedia Storytelling eine tolle Sache ist um Medien neu zu erleben. Was gibt es also noch zu erforschen?

Ich möchte in meiner Arbeit untersuchen, ob sich Transmedia Storytelling für ein klassisches TV-Format überhaupt lohnt?

In der Regel bedeutet so ein Projekt einen enormen Aufwand, zeitlich, personell und dadurch auch finanziell. Ist dies wirklich das richtige Verhältnis von Aufwand und Nutzen für die TV-Branche?

Besteht überhaupt ein Bedarf bei den Zuschauern oder würden diese Fernsehen an sich intensiver nutzen, wenn es um Transmedia Storytelling erweitert wird? Welche Möglichkeiten kann man überhaupt ausnutzen, wenn das Hauptmedium Fernsehen ist? Und die wohl wichtigste Frage: Ist ein klassischen TV-Format mit transmedialen Bestandteilen erfolgreicher?

2.2. #Methodenwahl

Zur Untersuchung meiner Forschungsfrage analysiere ich Fachliteratur, Artikel aus Fachzeitschriften und Einschaltquoten/Teilnehmeraktivität bei entsprechenden Formaten.

Ich beziehe mich auf Interviews mit dem Leiter der Formatentwicklung der Maz&More TV-Produktion, Eduard Wolter, sowie mit Dr. Woitek Konzal, Dozent und Mitproduzent des wohl größten transmedialen Projektes in Deutschland “Dina Foxx 2 - Tödlicher Kontakt”.

Des Weiteren habe ich eine eigene Umfrage durchgeführt, um die Fernseh- und Onlinenutzung zu analysieren und um einen Eindruck davon zu erhalten, was sich die Teilnehmer vom Fernsehprogramm wünschen.

3. #Warum Transmedia Storytelling?

“Never underestimate the power of a great story” (Lucas G. Screenwriter for Canal+)3

“Transmedia storytelling represents a process where integral elements of a fiction get dispersed systematically across multiple delivery channels for the purpose of creating a unified and coordinated entertainment experience. Ideally, each medium makes it own unique contribution to unfolding of the story” - Henry Jenkins webblog (2011)4.

Unter Transmedia Storytelling versteht man eine Geschichte bzw. einen Inhalt der konzeptionell über verschiedene Medien erzählt wird. Die einzelnen Teile werden auf den verschiedenen Plattformen wiedergegeben. Hier erzählt man jeweils einen anderen Teil einer Geschichte, welche sich dann zu einem großen Ganzen zusammenfügen.

Dies ist auch der größte Unterschied zur verwandten Thematik Crossmedia. Das bedeutet wiederum, dass derselbe Inhalt für die unterschiedlichen Plattformen angepasst und verbreitet wird.

Bei Transmedia Storytelling fungieren die einzelnen Plattformen als neues Kapitel/Element eines Erzählkosmos (C. Gerhards, 2013, S107).

Transmedia Storytelling kann als Ergänzung zu einem Hauptmedium oder als Puzzlespiel für den Konsumenten eingesetzt werden.

Das Erzählen in seriellen Einheiten hat die Menschen schon immer fasziniert und in ihren Bann gezogen. Schon der Weltklassiker “Tausendundeine Nacht” hat der Protagonistin Scheherazade das Leben gerettet.

Auch andere Beispiele, wie das Decamerone aus dem 14. Jahrhundert, von Fortsetzungsromanen in Zeitungen oder spannende Hörspielgeschichten im Radio zeigen auf, dass der Reiz, eine Geschichte in mehrere Einheiten zu unterteilen und immer weiter fort zu spinnen, offensichtlich unstillbar ist. Die Menschen wollen lange etwas von einer Geschichte haben, die Figuren kennenlernen und mit ihnen fühlen.

Das serielle Erzählen, oder die Serie, ist klassischerweise im Fernsehen angesiedelt. Aber mit steigender Technologisierung und Digitalisierung haben sich auch entsprechende serielle Formate im Internet, mit unterschiedlichster Ausprägung, schnell entwickelt. Leider war die Begeisterung der Macher anfangs größer als die des Publikums (D. Eick, 2014, S75).

“Ich habe 2001 bei der ersten Produktionsfirma in Deutschland gearbeitet, die sich darauf spezialisiert hatte, Filme fürs Internet zu machen. Aber das war zu früh für den Markt, die Firma wurde von der Mutterfirma nach dem Platzen der Dot-Com-Blase zugemacht. 2005 kam aber YouTube dann war das Thema plötzlich da und war präsent. Aber zuvor wollte keiner etwas von dem Thema wissen.” - Kristian Costa-Zahn vom UFA Lab, zitiert nach Eick, 2014, S75.

Dadurch, dass die Digital Natives zur Hauptzielgruppe wurden, entsteht eine immer größere Nachfrage an Formaten, welche sich über mehrere Plattformen erstrecken.

Als Digital Natives bezeichnet man die erste Generation, die in einer digitalen Welt, speziell mit Sozialen Netzwerken, aufgewachsen sind (Shen, K. N., Sundaram, D., & Vodanovich, 2015, S.81).

Lt. dem Blog “Mediawandel” tragen diesen Titel die Generation ab 1990, oder auch Generation Y genannt5, und lt. dem Fachmagzin HRM.de, beziehen diese schon die Geburtenjahrgänge ab 1985 mit ein6.

“Die Bezeichnung „Digital Native“ stammt ursprünglich aus dem englischsprachigen Raum und bedeutet übersetzt „digitaler Ureinwohner“. Sie beschreibt Personen, die mit der neuen Technik des digitalen Zeitalters aufgewachsen sind. „Digital Natives“ sind es gewohnt, jederzeit online zu sein und Informationen sehr schnell zu empfangen und zu verarbeiten. Im Gegensatz dazu sind „Digital Immigrants“ die „digitalen Einwanderer“ in der Welt der sozialen Netzwerke neu. Sie sind erst im Erwachsenenalter, Schritt für Schritt, mit digitalen Technologien in Berührung gekommen” 5.

Die Digital Natives sind schwer an klassische TV-Formate zu binden. Auch deutlich jünger orientierte Sender sehen negative Entwicklungen bei den Zuschauern U30. Diese Einbußen machen sich auch deutlich bei der Hauptzielgruppe 14 - 49 Jahre bemerkbar.

In meiner eigenen Umfrage (siehe Anhang 10.4) bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass die Teilnehmer, die der Altersgruppe der Digital Natives 10 - 29 entsprechen, unzufrieden mit dem Fernsehprogramm sind. Hier wünscht man sich anspruchsvolleres und abwechslungsreicheres Programm mit weniger Werbeunterbrechung. Mehr Auswahl an internationalen Formaten (auch mit Untertiteln wie in anderen Ländern) und manche wünschen sich sogar mehr Mut bei neuen Formaten und multimediale Umsetzung7.

Die Hersteller von TV-Formaten müssen sich immer weiter darauf vorbereiten, diese Zielgruppe anzusprechen und nicht zu verlieren, während die kreativen Newcomer der Branche sich die Vielfalt zu Nutzen machen können.

Sie müssen sich durch die übergreifenden Medien kaum noch Gedanken machen, ob die Zielgruppe an diesem Tag und um diese Uhrzeit Fernsehen schauen möchte oder ob man dafür einen Sendeplatz schafft. Sie können mit jedem Medium zu jeder Zeit Teil des Formates werden8.

[...]


1) Feierabend, Sabine & Plankenhorn, T. & Rathgeb, T, JIM 2015 Basisstudie zum Medienumgang 12 - 19-Jähirger in Deutschland (2015). S24f, Verfügbar unter: http://www.mpfs.de/fileadmin/JIM-pdf15/JIM_2015.pdf (aufgerufen am 18.03.2016)

2) Winchester, U. K. (2002). Film in American Studies 2002.

3) Filmmaker IQ, Never underestimate the power of a great story (2009). Verfügbar unter: http://filmmakeriq.com/2009/10/never-underestimate-the-power-of-a-great-story/ (aufgerufen am 18.09.2015)

4) webblog.Henry.Jenkins,.Transmedia.Storytelling.202:.Further.Reflections,.en Confessions.of.an.Aca-Fan.(2011)..Verfügbar.unter: http://henryjenkins.org/2011/08/defining_transmedia_further_re.html.(aufgerufen.am 18.09.2015)

5) Mediawandel,.Thomas.Mavridis,.Die.Intensität.der.Internetnutzung.hat.zugenommen (2016).Verfügbar.unter: https://mediawandel.wordpress.com/2016/02/22/internetnutzung-frequenz-und-vielfalt/(aufgerufen am 04.05.2016)

6) HRM.de,.Die.Generation.Y.begeistern.und.binden.(2016)..Verfügbar.unter: http://www.hrm.de/fachartikel/die-generation-y-begeistern-und-binden-13646 (aufgerufen am 04.05.2016)

7) Neuendorf,.M.,.Die.Zukunft.des.Fernsehen.(2014), https://docs.google.com/spreadsheets/d/1zTa1q89-KAUV2lct8HqQ8MaV-Ga2fryI9nsnq3vxR0g/edit?usp=sharing

8) Vorlesung, Fr. Dipl.-Kffr. Berke, Wintersemester 2014/2015, Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft, 28.10.2015

Ende der Leseprobe aus 49 Seiten

Details

Titel
Transmedia Storytelling. Welche Möglichkeiten ergeben sich durch die digitale Vernetzung für TV-Formate?
Untertitel
Die Rettung für das deutsche Fernsehen?
Hochschule
Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
49
Katalognummer
V341180
ISBN (eBook)
9783668322004
ISBN (Buch)
9783668322011
Dateigröße
2650 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Transmedia, Storytelling, TV, Fernsehen
Arbeit zitieren
Melanie Neuendorf-Schrickel (Autor), 2016, Transmedia Storytelling. Welche Möglichkeiten ergeben sich durch die digitale Vernetzung für TV-Formate?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/341180

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Transmedia Storytelling. Welche Möglichkeiten ergeben sich durch die digitale Vernetzung für TV-Formate?


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden