Lebenskonzepte in Camus' Romanen "Der Fall" und "Der glückliche Tod"


Bachelorarbeit, 2013
44 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Camus und der Existenzialismus

3 Grundbegriffe: Der Mythos des Sisyphos
3.1 Der Selbstmord
3.2 Die Hoffnung
3.3 Das Absurde
3.3.1 Die Metaphysik
3.3.2 Die Authentizität
3.3.3 Die Revolte
3.3.4 Die Freiheit
3.3.5 Die Leidenschaft
3.3.6 Schlussfolgerungen

4 Der Fall
4.1 Johannes Clamans: Lebenskonzept
4.1.1 Johannes Clamans: Der Rechtsanwalt
4.1.2 Die Begegnung mit dem Absurden
4.1.3 Johannes Clamans: Der Buß-Richer
4.2 Ist Clamans' Lebenskonzept eine Form, das Leben zu akzeptieren?

5 Der glückliche Tod
5.1 Patrice Mersault: Lebenskonzept
5.1.1 Mersaults' Lebenskonzept in Der natürliche Tod
5.1.2 Mersaults' Lebenskonzept in Der bewußte Tod
5.2 Ist Mersaults Lebenskonzept eine Form, das Leben zu akzeptieren?

6 Gegenüberstellung der Lebenskonzepte

7 Fazit

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Wie kann man die Existenz akzeptieren? Diese Frage führte den Autoren der hier vorliegenden Arbeit hin zur Beschäftigung mit den Gedanken des französischen Schriftstellers und Philosophen Albert Camus. Um Camus angemessen zu würdigen, werden dem Leser vorab einige Daten zu Person und Gesamtwerk gegeben. Anschließend erfolgt eine kurze Präzisierung der Einordnung der Philosophie des Camus in die Strömung des Existenzialismus, der er allgemein zugeordnet wird. Nachdem dieser generelle Überblick vollzogen ist, folgt der Einstieg in seine Philosophie.

Albert Camus wurde am siebten November 1913 in Mondovi/Nordafrika geboren und wuchs in armen Verhältnissen auf. Er studierte an der Universität von Algier und beendete sein Studium mit einer Arbeit über Plotin und Augustinus. Während der Besetzung Frankreichs schrieb er für die Widerstandspresse. In den 1940er Jahren wurden seine ersten literarischen Werke publiziert: 1942 wurden Der Fremde und Der Mythos von Sisyphos veröffentlicht. 1947 folgte Die Pest (vgl. Richter 1995, 2). In den 1950er folgten u.a. 1951 Der Mensch in der Revolte (vgl. Faust 2007, 221), sowie 1956 Der Fall (vgl. Zimmermann 1977, 88). 1957 wurde Camus der Literatur-Nobelpreis verliehen. Albert Camus starb durch einen Autounfall am vierten Januar des Jahres 1960 (vgl. Richter 1995, 2). Posthum erfolgte die Publikation des Romans Der glückliche Tod, dem eigentlichen Erstlingswerk des Schriftstellers (vgl. Zimmermann 1977, 88).

Betrachtet man Camus' Gesamtwerk, so lässt es sich in drei Phasen einteilen. In jeder dieser Phasen behandelt er ein zentrales Thema aus verschiedenen Blickwinkeln. In der ersten Phase beschäftigt sich Camus mit dem Absurden. Die grundlegenden Arbeiten hierzu sind Caligula, Der Fremde und Der Mythos des Sisyphos. In der zweiten Phase behandelt er das Thema der Revolte. Diese Phase beginnt mit dem Theaterstück Das Missverständnis und endet mit Der Mensch in der Revolte. Die dritte Phase beginnt mit dem Roman Der Fall. Der erste Mensch sollte das zweite große Werk dieser Schaffensperiode werden, doch Camus verstarb und hinterließ lediglich das unvollendete Manuskript. Das Hauptthema dieser nur angefangenen Phase ist laut dem Literaturwissenschaftler Carl A. Viggiani das Urteil (vgl. Viggiani 1960, 65).

In dieser Arbeit erfolgt eine Beschäftigung mit den Romanen Der Fall und Der glückliche Tod. Also einem Werk der ersten Phase, sowie dem einzig vollendeten Werk der dritten Schaffensphase des Albert Camus. Die, den Romanen jeweils zugrunde liegende, Thematik ist nun bekannt. Doch sind die Grundbegriffe der Philosophie des Camus noch unbekannt. Diese sind für eine angemessene Rezeption der Romane notwendig, da es sich um philosophische Romane handelt. In seinem Essay Der Mythos des Sisyphos präsentiert Camus seinen grundlegenden Gedankengang. Deshalb erfolgt zuerst eine Auseinandersetzung mit diesem Essay. In dieser Auseinandersetzung werden die verschiedenen Grundbegriffe erläutert. Sie sollen als Basis zum Verständnis der beiden oben genannten Romane dienen.

Anschließend erfolgt die Beschäftigung mit den Romanen Der Fall und Der glückliche Tod. Die Vorgehensweise beiden Romanen gegenüber ist identisch: Begonnen wird mit einer allgemeinen Präsentation des Werkes, sowie einer kurzen Inhaltsangabe, um den Kontext der Romanfiguren zu skizzieren. Im nächsten Schritt erfolgt die Deskription des Lebenskonzepts des jeweiligen Protagonisten. Die Deskription wird mit dem vergangenen Lebenskonzept begonnen. Es folgt die Beschreibung der Irritation im Curriculum Vitae der Romanfiguren. Danach erfolgt, dieses Teilkapitel beendend, die Deskription des, aus der Irritation resultierenden, finalen Lebenskonzepts. Nach dem deskriptiven Teilkapitel folgt der analytische. Im Zentrum der Analyse steht die Frage, ob das zuvor beschriebene Lebenskonzept eine Form, das Leben zu akzeptieren, ist, oder nicht. Bei dieser Analyse dienen die erläuterten Grundbegriffe aus Der Mythos des Sisyphos als Orientierungshilfe. Nach Abschluss der Analyse werden die beiden Lebenskonzepte einander gegenübergestellt. Zuletzt erfolgt das Fazit aus der eingängigen Beschäftigung mit den Lebenskonzepten der beiden Protagonisten[1].

2 Camus und der Existenzialismus

Allgemein wird der Name Camus neben dem des Jean-Paul Sartre heutzutage mit dem französischen Existenzialismus verbunden. Hierbei wird jedoch gern übersehen, dass die „Existenzphilosophie bzw. der Existenzialismus […] keine einheitliche Strömung [ist]. Die Vertreter bilden keine gemeinsame "'Richtung' oder 'Schule' mit einheitlicher philosophischer Intention" (Thurnherr 2007, 9). Auch Camus sah sich selbst nicht als Existenzialisten an: „Non, je ne suis pas existentialiste“ (Thurnherr 2007, 16). Er entwickelt seine Gedanken über das Absurde im Mythos des Sisyphos sogar in Abgrenzung zur Existenzphilosophie: „Ich nehme mir die Freiheit, die existenzielle Haltung hier 'philosophischen Selbstmord' zu nennen“ (Camus 1995, 39). Deshalb scheint es angebracht, Camus nicht einfach als Vertreter des Existenzialismus zu etikettieren.

Die Etikettierung ist jedoch nicht willkürlich. Nach Thurnherr wird Camus aus folgenden Gründen als Vertreter des Existenzialismus angesehen: „Camus' Denken […] entwickelt sich erstens unmittelbar aus der Auseinandersetzung mit der Philosophie Kierkegaards heraus. [...] Der zweite Grund besteht in Camus' Abgrenzung zur 'Wesensphilosophie“ (Thurnherr 2007, 16). Drittens ist Camus mit allen Vertretern des Existenzialismus eine Abkehr von der traditionellen Metaphysik gemeinsam: Es wird ein radikaler Blickwechsel vorgenommen, weg von der Frage nach unserem postmortalen Dasein hin zur Frage nach der Bedeutung des Todes im Jetzt. Der Tod ist ein zentrales Thema der Existenzphilosophie (vgl. Hügli 2007, 10, 253). Viertens lässt sich durch die Abkehr von der traditionellen Metaphysik bei allen Vertretern eine Konzentration auf das Individuum erkennen (vgl. Thurnherr 2007, 10).

Das wirkliche Differenzmerkmal zu allen übrigen Existenzialisten ist der Ausgangspunkt der Philosophie des Camus. Sein Denken beginnt genau dort, wo die anderen Vertreter dieser philosophischen Strömung ihr Denken beenden: beim Absurden (vgl. Richter 1995, 113). Der Sinn für das Absurde bildet den Ausgangspunkt jeglicher Überlegungen, nicht das Ergebnis. Dabei wird es zunächst ohne Glauben und Metaphysik als "[geistiges] [Übel] im Reinzustande" (Camus 1995, 8) angesehen.

3 Grundbegriffe: Der Mythos des Sisyphos

Albert Camus entwickelt seinen grundlegenden Gedankengang im Mythos von Sisyphos. Da sich in dieser Arbeit mit zwei Romanen von Camus beschäftigt wird und der Autor diese adäquat verstehen möchte, erscheint es ihm als notwendig, dass vorab eine Beschäftigung mit ebendiesen Gedanken erfolgt, die die Grundlagen der Lebensphilosophie des Camus bilden. Ausgehend vom Absurden entwickelt Camus die, aus ihm resultierenden Schlussfolgerungen und deren Konsequenzen für das weitere Leben des Menschen. Deshalb bezeichnet der Autor das Camus'sche Denken als Lebensphilosophie. Und eben diese Lebensphilosophie wird nun betrachtet.

Die zentrale Frage des philosophischen Essays Der Mythos des Sisyphos stellt Camus zu Beginn seiner Überlegungen. Sie lautet, ob die Absurdität des Lebens verlangt, „daß man ihm mittels der Hoffnung oder durch den Selbstmord entflieht“ (Camus 1995, 13). Er entwickelt sein Konzept der absurden Lebensweise zwischen den beiden Polen, die da Tod, genauer Selbstmord, und Hoffnung lauten. Die absurde Lebensweise ist eine aktive Lebensform, die vom Menschen Achtsamkeit sich selbst und der Welt gegenüber abverlangt, ohne etwas zu beschönigen. Während sich der Mensch beständig zwischen Tod und Hoffnung mit dem Gefühl des Absurden wiederfindet, soll er mit diesem Gefühl leben, ohne vor ihm in die Hoffnung oder den Tod zu entfliehen. Darin besteht die Leistung des absurden Lebens (vgl. ebd. 14). Für Camus ist es ein „[unmenschliches] Spiel[...] , bei dem das Absurde, die Hoffnung und der Tod Rede und Gegenrede wechseln“ (ebd. 14).

Da die absurde Lebensweise gewissermaßen die Balance zwischen den beiden Extrempolen Hoffnung und Tod bildet und es möglich ist, die Balance zu verlieren, werden die Begriffe Tod und Hoffnung im Folgenden expliziert. Anschließend erfolgt die Erörterung des Begriffs des Absurden, sowie aller mit ihm verbundenen Begrifflichkeiten, die zur Wahrung der Balance von Relevanz sind.

3.1 Der Selbstmord

Der Selbstmord stellt für Camus das zentrale Thema überhaupt dar: Er sei das einzig wirkliche und vor allem dringendste Problem der Philosophie, da die Beantwortung der Frage „ob das Leben die Mühe, gelebt zu werden, lohnt oder nicht“ (Richter 1995, 113) zu entsprechenden Handlungen verpflichte (vgl. Camus 1995, 9). Die Frage nach dem Selbstmord ist für Camus also gleichbedeutend mit der Frage nach dem Sinn des Lebens (Decher 2007, 228).

Der Suizid setze voraus, dass der Mensch die Frage nach dem Sinn des Lebens negativ beantwortet. Er kann dem Leben keinen Sinn zuschreiben, die Sinnlosigkeit jedoch auch nicht akzeptieren: „Freiwilliges Sterben hat zur Voraussetzung, daß man wenigstens instinktiv das Lächerliche [...] [des Daseins] erkannt hat, das Fehlen jedes tieferen Grundes zum Leben“ (Camus 1995, 11). Der Selbstmord ist demnach ein Geständnis. Ein Geständnis, das Leben nicht akzeptieren zu können. Suizid zu begehen bedeutet für Camus immer „ein Geständnis ab[zu]legen“ (ebd. 10f.).

Wie gelangt der Mensch aber zu dem Schluss, das Leben lohne sich nicht? Es beginnt nach Camus alles mit einem Warum. Der Mensch wird seinem gewohnten Leben überdrüssig und wird sich darüber bewusst. Dies ist die Erfahrung des Absurden[2]. Der Beginn dieses Prozesses hat nicht viel mit der Gesellschaft zu tun, sondern ist dem Menschen inhärent. Mit Camus gesprochen ist er eine „Erhellung der Existenz“ (ebd. 10). Eine Erhellung, da sich der Mensch über die Umstände seiner eigenen Existenz bewusst wird. Diese Erhellung führt beim Selbstmörder zur Flucht aus dem Leben. Diese Flucht möchte Camus begreifen (vgl. ebd. 10, 16).

Seiner Meinung nach leben die Menschen mit „Vorstellungen […], die, wenn [sie] sie wirklich auf die Probe stellten, [ihr] ganzes Leben erschüttern müßten“ (ebd. 21). Der Selbstmörder erkenne, dass seine Vorstellungen nicht real sind und verzweifele an der Kluft zwischen seinen Vorstellungen und seiner tatsächlichen Existenz. „Die Kluft zwischen der Gewißheit meiner Existenz und dem Inhalt, den ich dieser Gewißheit zu geben suche, ist nie zu überbrücken. Ich werde mir selbst immer fremd“ (Camus 1995, 22), stellt Camus fest. Der Selbstmörder akzeptiere die Fremdheit nicht. Er wünsche sich Vertrautheit und verlange nach Klarheit, die er aber nicht bekomme. Es gebe keine Einheit mit der Welt. „Dieses Heimweh nach der Einheit, dieses Verlangen nach dem Absoluten enthüllt das wesentliche Agens des menschlichen Dramas“ (ebd. 20). Der Selbstmörder halte die Erfahrung des Absurden, die sein bisheriges Leben nivelliere, nicht aus, diese Sinnlosigkeit, und flieht vor ihr in den Tod, da dieser die Absurdität des Daseins beendet: „Da alles verloren ist, kehrt der Mensch zu seinem wesentlichen Anliegen zurück. Er erkennt seine Zukunft, seine einzige fruchtbare Zukunft, und stürzt sich in sie hinein“ (ebd. 49).

Camus hält diese vermeintliche Lösung jedoch für nicht zufriedenstellend. Er gibt zu, dass der Selbstmord das Absurde aufhebt, indem er es mit in den Tod nimmt. Camus „weiß aber, daß das Absurde, um sich zu behaupten, sich nicht auflösen darf“ (ebd. 49). Er erkennt die Absurdität des Lebens an. Das Anerkennen ist die einzige Möglichkeit, ihr nicht auszuweichen. Sterben muss jeder Mensch, das ist seine einzige Gewissheit. Doch ist der Selbstmord nicht die Konsequenz aus dieser Erkenntnis. Der Selbstmord bejaht den Tod, stimmt ihm zu und sei somit keine Folge der Auflehnung gegen die Absurdität der Existenz, sondern durch das Bejahen des Todes ihr Gegenteil (vgl. ebd. 49). Für Camus lautet die logische Konsequenz der Erfahrung des Absurden, sich gegen den Tod aufzulehnen und ihm auf diese Weise „so viel und so intensives Leben wie möglich zu entreißen“ (Hügli 2007, 255). Die Absurdität der Existenz verlangt also nicht, dass man vor ihr in den Tod flieht, sondern das Gegenteil, so intensiv zu leben, wie nur irgend möglich (vgl. Camus 1995, 56). Die Flucht in den Tod ist für Camus nur ein Ausweichen vor dem Leben. Doch wie verhält es sich seiner Meinung nach mit der Hoffnung? Ist auch die Hoffnung ein Mittel, um dem Leben zu entfliehen?

3.2 Die Hoffnung

Auch die Hoffnung ist für Camus ein Ausweichen. Denn in der Hoffnung auf ein besseres Leben, das man sich erst noch verdienen muss, zu existieren, lässt keinen Raum für das, was ist, weil sich die Hoffnung auf das konzentriert, was fehlt. Somit ist auch sie eine Flucht vor der tatsächlichen Existenz.

Wird dies dem Menschen bewusst, so führt auch die Hoffnung zum Gefühl der Absurdität. Denn das Absurde entsteht aus dem Vergleich. Vergleicht der Mensch sein tatsächliches Dasein mit dem Dasein, das er sich erhofft, so entsteht das Absurde, weil Hoffnung und Realität logischerweise nicht miteinander identisch sind (vgl. Camus 1995, 12f., 30). Camus argumentiert, es sei keine Frage, dass „[d]ie Kluft zwischen der Gewißheit meiner Existenz und dem Inhalt, den ich dieser Gewißheit zu geben suche, [...] nie zu überbrücken [ist]“ (ebd. 22). Demnach kann das Leben nie deckungsgleich mit den Hoffnungen sein.

Insbesondere thematisiert Camus das Fliehen durch die Hoffnung am Beispiel der Religion. Die Religion biete dem Menschen „eine Lösung [...], derzufolge alle [...] Widersprüche nur polemische Spielereien sind“ (ebd. 46). Der religiöse Mensch schöpfe sein Leben in der Hoffnung auf ein besseres Leben im Jenseits nicht aus und nehme den Verzicht in Kauf. Er enge sein Leben durch Verbote und Zwänge ein und leide in der Hoffnung, für seine Leiden nach dem Tod von Gott belohnt zu werden. Je mehr Sinn er seinem Verzicht unterstellt, desto weniger lebe er tatsächlich. Er knechte sich vielmehr selbst in der Hoffnung auf ewige Freiheit. Diese könne der Mensch jedoch nicht beweisen. Er könne lediglich seine eigene Freiheit beweisen. Und um dies zu tun, könne er sich nicht auf das Problem der metaphysischen Freiheit einlassen, sondern auf das Absurde, da dies für Camus unmittelbar evident ist (vgl. ebd. 51f.).

Das Absurde zerschlägt die Hoffnung auf die ewige Freiheit, doch es gibt dem Menschen seine Handlungsfreiheit zurück und potenziert diese, indem es die Gebote der Religion nivelliert. So verliert der Mensch durch das Akzeptieren des Absurden zwar seine Hoffnung auf das ewige Leben, doch gewinnt ein Selbstbestimmungsrecht (vgl. Camus 1995, 51). Ohne Hoffnung kann der Mensch „begehren, was ist, sich nicht mehr nach dem Fehlenden verzehren, sondern das Vorhandene genießen“ (Richez 2013, 75).

Camus weißt aber deutlich darauf hin, „daß die Hoffnung nicht für immer ausgeschaltet werden kann und daß sie selbst die befallen kann, die sich von ihr befreien wollten“ (Camus 1995, 93).

3.3 Das Absurde

Der Begriff des Absurden wurde schon mehrfach erwähnt, jedoch ohne genauer erklärt zu werden. Die Erklärung folgt jetzt. Das Absurde ist der Ausgangspunkt der Lebensphilosophie von Camus. Vor diesem Gefühl kann der Mensch in den Tod oder die Hoffnung entfliehen. Für Camus sind das jedoch keine Optionen. Er gibt zu, dass sie das Absurde auf ihre Weise aufheben, „weiß aber, daß das Absurde, um sich zu behaupten, sich nicht auflösen darf“ (Camus 1995, 49). Er erkennt die Absurdität des Lebens an. Das Anerkennen ist die einzige Möglichkeit, ihr nicht auszuweichen.

Was ist aber das Absurde? „Das Absurde ist die Kehrseite der Illusion, dass der Mensch im Mittelpunkt der Welt stehe und diese Welt in irgendeiner Weise für ihn gemacht oder um ihn besorgt sei“ (Richez 2013, 75), heißt es kurz und prägnant im philosophie MAGAZIN. Dieses Gefühl „kann einen beliebigen Menschen an einer beliebigen Straßenecke anspringen“ (Camus 1995, 15).

Das erste Anzeichen dieses Gefühls sei es wirklich nichts zu denken. Gelangt der Mensch bei der Beantwortung der Frage, ob er nichts denkt zu ebendiesem Ergebnis, so „stellt [diese Antwort] den sonderbaren Seelenzustand dar, in dem die Leere beredt wird, die Kette alltäglicher Gebärden zerrissen ist und das Herz vergeblich das Glied sucht, das sie wieder zusammenfügt" (ebd. 16). In diesem Zustand fragt sich der Mensch, warum er sich überhaupt in einem solchen befindet. Er wird ihm überdrüssig. „Mit diesem Überdruß, in den sich Erstaunen mischt, fängt alles an. [...] Der Überdruß ist das Ende eines menschlichen Lebens, gleichzeitig aber auch der Anfang einer Bewußtseinsregung“ (ebd. 16). Mit dieser Bewusstseinsregung beginnt die Auflehnung gegen die Absurdität des Lebens. So gewinnt das Leben wieder an Wert, denn „nur durch das Bewußtsein hat etwas Wert“ (Camus 1995, 17).

Das Absurde ist der Zwiespalt, indem sich der Mensch mit dem Leben befindet, wenn es plötzlich aller Illusionen beraubt ist und der Mensch es in seiner Nacktheit erkennt und sich deshalb von ihm entfremdet (vgl. ebd. 11). Es „ist jener Zwiespalt zwischen dem sehnsüchtigen Geist und der enttäuschenden Welt, es ist sein Heimweh nach der Einheit, dieses zersplitterte Universum und der Widerspruch, der beide verbindet“ (ebd. 46). Camus „geht [es] darum, mit dieser Zerrissenheit zu leben und zu denken, zu wissen, ob man annehmen oder ablehnen soll“ (ebd. 46). Da das Ablehnen eine Flucht ist, weil die Ablehnung zu Selbstmord, oder vermeintlicher Wiederherstellung durch Hoffnung führt, entfällt für Camus diese Option. Ihm geht es darum, das Absurde anzunehmen.

Wenn man das Absurde annimmt, wird es nach Camus zur eigenen Wahrheit. Mit dieser Wahrheit steigt das Fremdheitsgefühl des Menschen gegenüber der Welt weiter an. Er versucht jedoch nicht mehr, die Fremdheit zwischen sich und der Welt zu umgehen, sondern konzentriert sich auf sie. Dann nimmt der Mensch wahr, „daß die Welt ‹dicht› ist“ (ebd. 17).

Die Welt „wird wieder sie selbst“ (ebd. 18), schreibt Camus. Das heißt der Mensch nimmt sie nicht mehr mit dem Blick seiner Wünsche und Hoffnungen wahr, sondern sein Verhältnis zu ihr so, wie es ist: absurd. Um es zu präzisieren: „[Die] Welt ist nicht an sich absurd, sondern nur für uns, die wir als mit Verstand und Vernunft begabte Wesen alles rational durchdringen wollen“ (Pieper 2007, 21). Die Welt ist lediglich unvernünftig. „Absurd aber ist die Gegenüberstellung des Irrationalen und des glühenden Verlangens nach Klarheit, das im tiefsten Innern des Menschen laut wird“ (Camus 1995, 23). Das Absurde liegt also im Verhältnis zwischen Mensch und Welt (vgl. ebd. 31). und „hängt ebenso sehr vom Menschen ab wie von der Welt“ (ebd. 23).

Wenn der Mensch lediglich die Tatsachen betrachtet, kann er verstehen, was er „will und was die Welt ihm bietet; und […] kann […] auch sagen: außerdem weiß ich noch, was beide miteinander verbindet“ (ebd. 31): Die Konfrontation seiner Interessen, Wünsche und Bedürfnisse mit den vorhandenen Möglichkeiten zur Realisierung in der Welt. Aus der Konfrontation erwächst das Gefühl des Absurdität. Je weiter die beiden voneinander abweichen, desto größer wird es (vgl. Camus 1995, 30).

Camus unterscheidet das Gefühl der Absurdität von dem Begriff selbst: Das Gefühl „verdichtet sich in dem Augenblick, wo es sein Urteil über das Universum ausspricht“ (ebd. 29). Doch „[es] ist etwas Lebendiges, das heißt: es muß sterben oder weiterklingen“ (ebd. 29). Die Manifestation des absurden Lebensgefühls „nötigt den […] Menschen zum Umdenken hinsichtlich seiner Sinnvorstellungen“ (Pieper 2007, 22). Für Camus hat „[das] Absurde […] nur insoweit Sinn, als man sich mit ihm nicht einverstanden erklärt“ (Camus 1995, 32). Im bewussten Aufbegehren gegen das Absurde gewinnt der Mensch seine Würde wieder (vgl. Rousset 2013, 71). Er weiß, dass er einmal sterben wird und er weiß, dass er lebt. Für Camus „geht [es] darum, unversöhnt und nicht aus freiem Willen zu sterben“ (Camus 1995, 50). Alles andere wäre ein Verkennen des Lebens. Der absurde Mensch ist zum Tode verurteilt, da er leben will, aber sterben muss. Er weiß nur nicht wann. Aus dieser Erkenntnis zieht er seine Kraft und Lebensdisziplin. Leben heißt für ihn „alles ausschöpfen und sich selber erschöpfen“ (ebd. 50).

Das klingt zunächst einmal sehr befreiend, doch darf man nicht übersehen, dass das Absurde in Wahrheit bindet: „Das Absurde befreit nicht, es bindet. Es rechtfertigt nicht alle Handlungen. [...] Das Absurde gibt nur den Folgen dieser Handlungen ihre Gleichwertigkeit“ (ebd. 60). Die Befreiung besteht also darin, dass nichts mehr wert hat, als etwas anderes. Doch bleibt der Mensch „immer Opfer seiner Wahrheiten“ (ebd. 32). Ist einem Menschen also „das Absurde bewußt geworden [...], bleibt er für immer daran gebunden“ (ebd. 32).

3.3.1 Die Metaphysik

Der absurde Mensch lebt in einer absurden Welt. Für Camus bedeutet der Begriff Welt „eine Metaphysik und eine Geisteshaltung“ (Camus 1995, 15). Diese wird im Folgenden umrissen.

Die Metaphysik als philosophische Disziplin fragt nach dem Sinn und Zweck der Existenz und den dahinter liegenden Grundstrukturen und Prinzipien. Der absurde Mensch negiert all diese Fragen, da er sie nicht rational beantworten kann. Dies heißt jedoch nicht, dass er die Vernunft negiert, er akzeptiert vielmehr ihre Grenzen und gibt somit auch dem Irrationalen seinen Raum zurück. Um es noch einmal zu präzisieren, der absurde Mensch verlässt sich zur Beantwortung metaphysischer Fragen nur auf erfahrbare Tatsachen und erkennt nichts an, das er nicht beweisen kann.(vgl. Camus 1995, 36, 38, 45).

Dies bedeutet, das er sich darüber bewusst ist, lediglich innerhalb menschlicher Grenzen Dinge begreifen zu können. Die Frage nach dem Sinn des Lebens liegt außerhalb dieser begrenzten Verständnismöglichkeiten und ist somit irrelevant. Relevant ist nur, was evident ist. Und das soll dem Menschen zum Leben genügen (vgl. ebd. 47, 55): „So fordert [der Mensch] von sich selber, nur mit dem zu leben, was er weiß, sich nur mit dem einzurichten, was ist, und nichts einzuschalten, was nicht gewiß ist“ (ebd. 48). Wenn er dies tut, lebt er mit dem Absurden und kann in den Lehren, die er aus ihm zieht, einen Sinn finden, der innerhalb seiner menschlichen Verständnismöglichkeiten liegt (vgl. ebd. 79).

„Das Absurde leben lassen heißt: ihm ins Auge sehen“ (ebd. 49). Der Mensch soll also in der Welt leben, ihr „so oft wie möglich ins Auge sehen“ (ebd. 55) und auf diese Weise seine Lebendigkeit bewusst wahrnehmen, „das heißt: so intensiv wie möglich leben“ (ebd. 56). Durch das intensive Leben, kann der Mensch sich seine eigene Freiheit beweisen, indem sie durch sein Empfinden zur Erfahrungstatsache wird. Die metaphysische Freiheit ist dem absurden Menschen egal, da er sie nicht erfahren kann (vgl. ebd. 51).

Dem absurden Menschen geht es nur um die Erfahrungen, „nicht […] um Erklärungen und Lösungen“ (ebd. 80). Die Erfahrungen dienen ihm, wenn er sie bewusst macht (vgl. ebd 61). Erfahrungen werden bewusst gemacht, wenn der Mensch leidenschaftlich lebt. Leidenschaftlich zu leben bedeutet, viel zu leben, zu versuchen, alles zu erfassen. Dieser Versuch bedeutet, nicht mehr die Mannigfaltigkeit des Lebens zu bewundern, sondern sie auszuschöpfen. Er will alles ausschöpfen da er weiß, „daß es zwischen dem, was ein Mensch sein will, und dem, was er tatsächlich ist, keine Grenze gibt“ (Camus 1995, 69). Der Mensch wird somit zu seinem eigenen Ziel, da er durch seine eigene Freiheit werden kann, was er will, ohne sich an eine höhere Macht zu binden. Er weiß, dass er nur in diesem Leben sein kann, was er will, weil nur dieses Leben evident ist. Und um zu sein, was er will, genügt sein Wille, der Weg ist irrelevant, weil es viele Wege gibt (vgl. ebd. 44, 75). Um aber wirklich sein Ziel zu erreichen, muss der Mensch bereit sein, es loszulassen. Hierzu muss er „zu dem Eingeständnis [...] gelangen, daß das Werk selbst [...] nicht sein kann, und so die tiefe Nutzlosigkeit allen individuellen Lebens [...] vollenden“ (ebd. 97). Nur so ist er wirklich frei, da er sich von sich selbst befreien kann: Was der Mensch „einen Grund zum Leben nennt, das ist gleichzeitig ein ausgezeichneter Grund zum Sterben“ (ebd. 9).

Nach Camus braucht das Leben also „keinen Sinn, um gelebt zu werden; je weniger Sinn es hat, um so besser wird es gelebt“ (Richter 2013, 115). Denn gerade die Sinn- und Nutzlosigkeit des Lebens berechtigt den Menschen dazu, „sich bis zum Übermaß [in das Leben] hineinzustürzen“ (Camus 1995, 97) und sein Glück zu finden. „Camus sucht das Glück der Menschen [also] nicht im mystischen Denken, sondern konkret auf Erden“ (Rousset 2013, 72), ohne dabei „abstrakten Prinzipien oder festgefügten Ideologien zu folgen“ (ebd. 71), sondern lediglich „mit dem auszukommen, was unmittelbar evident ist“ (Camus 1995, 55).

3.3.2 Die Authentizität

Wenn ein Mensch das Absurde für wahr hält, sollte „[der] Glaube an die Absurdität des Daseins [...] die Richtschnur seines Verhaltens sein“ (Camus 1995, 11). Denn „die Handlungsweise eines aufrichtigen Menschen [muss] von dem bestimmt werden, was er für wahr hält“ (ebd. 11). Nur, was er für wahr hält, ist ihm auch lehrreich und diese lehrreiche Wahrheit „entzündet sich und entwickelt sich in den Menschen“[3] (ebd. 60). Die Wahrheit ist für Camus „der Glückseligkeit ähnlich, nämlich ganz und gar einfach und ohne jede Geschichte“ (Camus 2013, 15).

Nach Camus genügt bereits eine Wahrheit, unter der Voraussetzung, dass sie evident ist, um authentisch leben zu können (vgl. Camus 1995, 72). Bleibt der Mensch seiner Wahrheit treu[4], reicht sie aus, „um [seinen] Geist zu nähren“ (ebd. 79). Dieser erkennt dann, „daß es zwischen dem, was [er] sein will, und dem, was er tatsächlich ist, keine Grenze gibt“ (ebd. 69). In diesem Wissen wählt der Mensch stets die Tat, denn er weiß, „[wenn] er etwas sein will, dann nur in diesem Leben“ (ebd. 75). Er richtet sein Leben nach dem Maßstab einer Welt ohne Morgen aus (vgl. ebd. 73, 78).

[...]


[1] Der Autor ist während der Lektüre für diese Arbeit auf unterschiedliche Schreibweisen des jeweiligen Namen der beiden Protagonisten gestoßen. Er übernimmt in dieser Arbeit die Schreibweise seiner vorliegenden Ausgaben der Romane.

[2] Mehr in Kapitel 3.3 Das Absurde

[3] „Anstatt abstrakten Prinzipien oder festgefügten Ideologien zu folgen“ (Rousset 2013, 71), folgt der absurde Mensch lediglich seinem eigenen Willen. Dieser liefert ihm „im täglichen Kampf gegen das Absurde [seine] menschliche Würde“ (ebd. 71).

[4] Sich selber treu zu bleiben ist Camus einzige Regel im Kampf gegen das Absurde (vgl. ebd. 79). Durch die Treue sich selbst gegenüber erfährt der Mensch das „Glück, die Absurdität der Welt zu ertragen“ (ebd. 79).

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Lebenskonzepte in Camus' Romanen "Der Fall" und "Der glückliche Tod"
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Institut für Kulturwissenschaft)
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
44
Katalognummer
V341211
ISBN (eBook)
9783668307056
ISBN (Buch)
9783668307063
Dateigröße
990 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Camus, Albert Camus, Der Mythos des Sisyphos, Der glückliche Tod, Der Fall, Existenzphilosophie, Philosophie, Johannes Clamans, Patrice Mersault, Lebenskonzept, Lebenskonzepte, Roman, Literatur, Existenzialismus, Bachelor, Bachelorarbeit
Arbeit zitieren
Frank Temme (Autor), 2013, Lebenskonzepte in Camus' Romanen "Der Fall" und "Der glückliche Tod", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/341211

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